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Big Data: Ich weiss, was du nächsten Sommer getan haben wirst

Bild von Jörg BlumtrittMan muss nur wissen wie - Jörg Blumtritt zeigt auf der re:publica Big Data für jedermann Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Violetta Leiva Martinez)

Big Data = Big Fragezeichen

Big Data ist ein großer, schwammiger Begriff. Wie schwer es fällt sich etwas konkretes darunter vorzustellen, wird klar, wenn man sich die Bebilderung der meisten Artikel zum Thema ansieht. Anonyme Server-Landschaften, Festplatten, Einsen und Nullen in Grün. Manchmal in Weiss. Die Bilder sagen nichts. Nur eins wird klar: das Thema ist abstrakt.

Dass es aber wichtig ist, uns vor Augen zu führen, welche Umbrüche dort im Verborgenen im Gange sind, findet auch Big Data Experte und Jurist Viktor Mayer Schönberger vom Oxford Internet Institute.

Unsere Voraussagen über die Zukunft werden immer genauer. Dass das hilfreich ist, will Big Data Experte Viktor Mayer-Schönberger nicht schmälern. Dennoch warnt er auch vor den Risiken, die ein unbedachter Umgang mit den neuen Werkzeugen mit sich bringt. Wenn wir nicht aufpassen, könnten wir in Zukunft Menschen für Dinge verurteilen, die sie noch nicht getan haben, von denen wir aber annehmen, dass sie sie mit großer Wahrscheinlichkeit tun werden. Das klingt komplex - ist es auch. Darum hat http://netzdebatte.bpb.de mit ihm geredet. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung)



Zwei Beispiele: Ein Kanadier schreibt im Jahr 2001 einen Artikel über seine ersten Erfahrungen mit LSD in den 60er-Jahren. 2006 reist er in die USA und wird bei seiner Einreise am Flughafen drei Stunden verhört. Der Grund: er hat seinen Drogenkonsum, auch wenn dieser fast fünfzig Jahre zurück liegt, nicht im obligatorischen Fragebogen angegeben. Ihm wird die Einreise verweigert. Lebenslang.

Fall zwei: Ein Gefangener steht kurz vor seiner Entlassung. Ein Gericht berechnet die Wahrscheinlichkeit, mit der er in den ersten Jahren nach seiner vorzeitigen Entlassung wieder zu Gewalttaten bereit sein wird. Mit dem Ergebnis, dass seine Entlassung doch auf unbestimmte Zeit aufgeschoben wird.

Ursache ist nicht gleich Wirkung

Dank immer mehr Daten haben wir die Möglichkeit immer schneller immer genauere Voraussagen über die Zukunft zu treffen. Der Denkfehler dabei: die Korrelation ist nicht gleich Kausalität. Zusammenhänge sind keine klaren Wirkungsketten. Bloß weil also jemand zwei Mal im Jahr an den Ballermann nach Mallorca fährt und Fan der Facebook-Seite von Absolut Wodka ist, bedeutet das noch nicht, dass er oder sie in Zukunft mit großer Wahrscheinlichkeit Alkoholiker wird. Versicherungsunternehmen könnten da in Zukunft aber anderer Meinung sein und die Beiträge der Person entsprechend erhöhen, befürchtet Mayer-Schönberger.

Vergiss mein nicht

"Es besteht die große Gefahr, dass Big Data zur Ursachenforschung missbraucht wird", warnt er. Und nicht nur das: Auch unsere Wahrnehmung von Zeit werde sich in Zukunft drastisch ändern, wenn wir nicht mehr in der Lage sind zu vergessen. Oder die Vergangenheit zumindest anders zu denken. "Die Zeit im Zeitalter von Big Data ist nicht das, was sie einmal war". Wir bewegen uns also mit großen Schritten auf eine Diktatur der Vergangenheit zu. Was einmal war, wird auch die Zukunft bestimmen, befürchtet Mayer Schönberger.

Weil Big Data aber auch durchaus zu positiven Zwecken verwendet werden kann - und soll - empfiehlt er in seinem Panel drei Richtlinien, die uns dabei helfen sollen verantwortungsvoll mit diesem Werkzeug umzugehen:

  1. Daten müssen vergessen lernen. Ob er dabei eine Art Selbstzerstörungsmechanismus, wie er bereits in manchen neuen Messengerdiensten wie Threema oder Telegramm eingebaut ist meint, erklärt er nicht.
  2. Wir brauchen ein Grundgesetzt des 21. Jahrhunderts in dem ein Grundrecht auf menschliche Handlungsfreiheit festgelegt ist. Keine Strafe ohne Schuld, ist das Motto.
  3. Wir brauchen ethisch geschulte Algorithmiker, Übersetzer die sich mit der Wirkungsweise der unsichtbaren Sortierer auseinandersetzen und uns diese verständlich machen.


Big Data - Do it yourself

Dass wir, die Nutzer, aber auch Big Data nutzen können und nicht nur große böse Unternehmen, zeigt Jörg Blumtritt auf seinem Panel “Open Foresight“. Big Data kann jeder, sagt er, man muss nur wissen wie. Anfangen kann man z.B. bei den großen Datenkraken selbst. Google und Amazon lassen sich wunderbar zum ‘Datencrawlen’, also zum auslesen von Datensätzen, nutzen. Er selbst z.B. hat aus allen Google Trendreports eine Spätauslese zusammengestellt und auf bestimme Sprachmustern untersucht. Dabei heraus kam eine feine Auswahl von Wörtern die darauf schließen liessen, welche Entwicklungen dem Internetriesen in Zukunft wichtig sein werden. Aber auch Blumtritt betont, wie Mayer-Schönberger, dass wir uns Gedanken über die ethischen Rahmenbedingungen der Datenanalyse machen müssen.

Einen bedeutenden Unterschied gibt es allerdings im Ansatz der beiden. Während Mayer-Schönberger fragt wie wir verantwortungsvoll mit Big Data umgehen können, um Mensch zu bleiben, fragt sich Blumtritt wie wir eine Gesellschaft bauen können, in der wir ohne Bedenken zum Cyborg werden können. Denn Daten zu nutzen, um auch uns selbst zu modifizieren, findet er erstrebenswert. Nur müssen wir auch sicher sein können, dass wir deshalb nicht unsere Freiheit einbüßen.




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