Netzdebatte Logo

Merlin Münch am 08.05.2014

Black Code - Überwachung als Geschäftsmodell

Nicht nur wir werden neuerdings überwacht. Vielerorts auf der Welt war das Internet noch nie frei. Zensur und Überwachung im Netz sind in Ländern wie Pakistan, Iran oder China an der Tagesordnung. Dass vor allem IT-Unternehmen aus westlichen Demokratien oft die notwendige Software dafür schreiben, ist für Ron Deibert vom Think Tank ‘Citizen Lab’ zwar zynisch, aber nicht überraschend.

Politikwissenschaftler Ron Deibert hat nicht überrascht, dass westliche Unternehmen Staaten bei der Überwachung ihrer Bürger unterstützen.Politikwissenschaftler Ron Deibert hat nicht überrascht, dass westliche Unternehmen Staaten bei der Überwachung ihrer Bürger unterstützen. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Violetta Leiva Martinez, Kooperative Berlin)

Vor einigen Jahren veranlasste die pakistanische Regierung im eigenen Land die Sperrung von YouTube. Dabei arbeitete sie mit einer Softwarefirma zusammen, die half die Netzsperren durchzusetzen. Um welches Unternehmen es sich gehandelt hat, blieb im Dunkeln. Verständlich, denkt man die negative PR, die eine solche Zusammenarbeit mit sich bringen könnte. Eine Nachlässigkeit im Code der Software machte es trotzdem möglich, den digitalen Fingerabdruck gerade dieser Firma auszulesen. Die Überraschung: das Unternehmen stammte aus Kanada. In der folgenden Stellungnahme der kanadischen Regierung beteuerte diese, dass man die Einhaltung der Menschenrechte und des Rechts auf freie Meinungsäußerung uneingeschränkt unterstütze, jedoch habe man keinen Einfluss darauf, wie die Dienste kanadischer Unternehmen in „lokal-spezifischen Kontexten“ genutzt würden.

Paranoia, unbekannte Unbekannten

Der Politikwissenschaftler und Technologieexperte Ron Deibert war damals Teil der Gruppe am Citizen Lab der Universität Toronto, die diesen Fall aufdeckte. Die Tatsache, dass westliche Unternehmen erheblich an der Zensur und Überwachung des Internets in vielen Teilen der Welt beteiligt sind, hat Deibert nicht überrascht. Es ist für ihn eine logische Konsequenz der politischen Weichenstellungen nach dem 11. September 2001. Die Sicherheitspolitik vieler Länder wurde umgekrempelt - von außen nach innen, wie er sagt. Die geschürte Angst vor den ‘unkown unknowns’ half nicht nur der Politik Einschränkungen der Grundrechte vieler Menschen im Namen der Sicherheit durchzusetzen. Es war vor allem die Wirtschaft, die vom neuen Verfolgungswahn profitierte - bis heute. Die Bürger seien daran nicht ganz unschuldig, meint Deibert, wir haben uns ja schließlich mitreißen lassen. "They reap, what we sowed" - sie ernten, was wir gesät haben.

Die einstige ‘freedom-online-coalition’, wie Deibert den Zusammenschluss von Politik und IT-Firmen vor dem 11. September beschreibt, hat sich um 180 Grad gedreht. Unternehmen die uns zuvor vernetzt haben, tragen jetzt maßgeblich zu unserer flächendeckenden Überwachung bei. Big Data meets Big Brother. Das klingt ziemlich fatalistisch, möglicherweise auch etwas überspitzt.

The who of the Internet

Hoffnung macht Deibert vor allem die sich rasant verändernde Demografie des Internets. Die Gewichte verlagern sich von Nordwest nach Südost. Indonesien z.B. verzeichnet 800.000 neue Internetnutzer jeden Monat. Neue Kräfte dringen ins Netz, neue Wünsche nach Freiheit und Wachstum. Wie das schiere ‘mehr’ an Nutzern jedoch für ein freieres Internet sorgen soll, erklärt er nicht.

Deibert bleibt praktische Handlungsvorschläge schuldig. Auch seine 4-Punkte Agenda scheint zu grob gezeichnet. Mehr Transparenz und Verantwortlichkeit, für Politik und Privatsektor. Wo Multi-Stakeholder drin steht, soll in Zukunft auch wieder Multi-Stakeholder drin sein. Ein neuer ethischer Code für Hacker. Und mehr Freiheiten für Ingenieure. Eine Antwort auf das ‘wie’, bleibt er schuldig.


Creative Commons License

Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-sa/3.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.


Ihr Kommentar:

(*) Diese Felder sind Pflichtfelder

Ihr Kommentar wird von der Redaktion geprüft und dann freigeschaltet



netzdebatte.bpb.de in Social Media

Die bpb begleitet die re:publica bereits seit 2011 mit dem Blog netzdebatte.bpb.de. Hier finden Sie die in den vergangenen Jahren erschienen Artikel und Videos.

Mehr lesen