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Warnschild, Risiko, Gefahr

thfettien am 08.05.2014

Kommentare, nur besser

Gewinnen im Netz am Ende nur die, die am lautesten und schnellsten sind? Respekt und Konstruktivität werden in den Kommentarspalten oft vermisst. Im Workshop "Broken Comments“ diskutieren Ingrid Brodnig und Teresa Bücker Tools und neue Wege für einen besseren Dialog.

Ingrid Brodnig und Teresa BückerIngrid Brodnig und Teresa Bücker teilen mit den Besucher/-innen der re:publica 14 ihre Erfahrungen in der Moderation von Online-Diskussionen. Lizenz: cc by-sa/3.0/de (Violetta Leiva Martinez, Kooperative Berlin)

"Es kann nicht darum gehen, sich eine dickere Haut zuzulegen", sagt Ingrid Brodnig. Ihr Ausgangspunkt: Was tun, wenn der Mob im Kommentarfeld tobt? Wenn er es soweit in den Kopf schafft, dass er sogar die Art zu schreiben beeinflusst – schlicht um Anfeindungen aus dem Weg zu gehen. Im Extrem folgt die Reaktion: Kompletter Rückzug, abmelden, ausschalten.

So etwa könnte man den Ausgangspunkt der Doppelsession "Broken Comments" am zweiten re:publica-Tag zusammenfassen. Brodnig, Journalistin für Netzthemen und Autorin von "Der unsichtbare Mensch“ gestaltet diesen Part gemeinsam mit Teresa Bücker, Netzaktivistin und Social-Media-Redakteurin. Zuvor hatte diese bereits mit ihrem Vortrag aufgezeigt, welche Wucht Negativ-Kommentare und Anti-Kampagnen erreichen können. Sie formulierte ein Plädoyer, den Aktivisten-Burnout zu verhindern, der angesichts eines Sturms aus digitalen Übergriffen drohen kann.

Im Workshop kommt die gute Botschaft gleich zu Beginn: Es gibt sie ja die guten Debatten. Nur entstehen sie nicht (immer) einfach so, sie brauchen Geduld und machen Arbeit. Denn Online-Kommunikation funktioniere nun mal anders, illustriert ein kleiner Input aus der Wissenschaft: Ohne Face-To-Face-Kommunikation fehlt die Deutungsebene aus Mimik, Ton und Gestik des Gegenübers. Die Schriftform lässt uns mit einer schwierigeren Lesart zurück. Oder der "Nasty"-Effekt mischt mit: Kommen negative Kommentare und Beleidigungen direkt zu Beginn, haben sie eine Wirkung darauf, wie der Text wahrgenommen wird; im Zweifel schlechter und der Ton der User wird rauer. Allerdings wird im Workshop die Diskussion über die Abgründe der Netzkommunikation und deren Gründe an dieser Stelle vertagt.

Das Gawker-Prinzip: Freundlichkeit wird zur Mindestvoraussetzung

Hier geht es um etwas anderes: um konkrete Beispiele aus dem Journalismus und die Idee, die Sache mal anders herum anzugehen. Was gibt es denn Gutes? Und wie kann man es stärken? Bisher sehe die Forenlogik noch so aus wie 1995, sagt Brodnig: "Wir belohnen die Leute, die am lautesten schreien und verstecken die, die vielleicht eher interessant sind." Ein Beispiel, das sich von der stoischen chronologischen Kommentardarstellung verabschiedet hat, ist die amerikanische Website Gawker. Ihr System "Kinja" versucht die besten Kommentare hervorzuheben. So gelangen relevante Kommentare nach oben (etwa mit den meisten guten Bewertungen und Interaktionen). Zudem erhalten die User Kontrolle über den eigenen Thread, wodurch Freundlichkeit quasi zur Mindestvoraussetzung wird, damit der Kommentar auch stehen bleibt. Organisierten Adhoc-Kampagnen wird außerdem vorgebeugt, indem Neu-User sich beweisen müssen; erst im Verlauf rücken ihre Kommentare in der Sichtbarkeit nach oben. Das heißt, auch dem User ist es nicht egal, wie er wahrgenommen wird. So gesehen ist eine feste Online-Identität eine weitere Stellschraube, an der gedreht werden kann, denn - so die Idee - auch der eigens erarbeitete Alias im Web will verteidigt werden.

Das nächste Beispiel ist der britische Guardian und seine klare Entscheidung für Qualität der Moderation. Kommentare gibt es nur, wenn der Autor auch bereit ist, auf Rückfragen zu reagieren. Natürlich ist auch das eine Regel mit Sternchen. Nicht immer klappt dies in Reinform. Auch die Zeit muss den Journalisten eingeräumt werden und Unterstützung durch die Moderatoren muss ebenfalls gegeben sein. Ohnehin Moderation: Schalten sich Moderatoren direkt zu Beginn ein, dann wird der Ton, zeigen Studien, freundlicher. Und noch ein weiterer Tipp: Eigentlich, sagt Brodnig, "funktioniert nichts so gut wie ein Witz". Reagiert man relaxt, lassen sich Situationen gut auflösen. Ein Lösung wie es gar nicht erst zu aus- und abschweifenden Debatten kommt: Statt offenen Fragen zur Diskussion zu stellen, sollte das Thema unter dem Artikel gezielt gesteuert werden. Mit der richtigen Frage steigt auch die Chance, konzentrierte Antworten zu bekommen.

Wer bestimmt, was relevant ist?

Im Workshop haben sich die wichtigen Fragen beim Publikum schnell gefunden. "Relevanz" war das Schlagwort, das die meisten Reaktionen hervorruft. "Was relevant ist", sagte Ingrid Brodnig, "darüber kann man streiten" – und darüber wird auch gestritten. Inwieweit darf man dies bestimmen, ohne auszuschließen? Wie viel Haltung muss und wie viel Haltung darf ein Medium haben? Wenn der Algorithmus die Sortierung übernimmt, ist dies nicht genauso manipulationsanfällig wie eine Chronologie? Oder stellt man durch die gezielte Hervorhebung andere gleich noch mehr an den Pranger? Das sind nur einige der Fragen, die das Publikum bewegt. Dahinter steckt auch die Grundsatzfrage, ab wann die Grenze von Kritik und Feedback hin zu bloßen Anfeindungen überschritten ist.

Eindeutiger fällt das Bekenntnis aus, dass Communitys zu pflegen nichts ist, was man "mal so mitmacht", sondern Teil eines (dialogorientierten) journalistischen Konzepts. Je nach Ansatz bedeutet das dann vielleicht auch, dieses neu zu organisieren, so dass nicht nur die schnellsten und die lautesten gewinnen. Klar wird in dieser Session auch: Wie man im Netz agiert und wie man mit Kommentaren umgeht, bleibt immer eine Entscheidung, die man treffen muss. Folgt man der Maxime des Guardian, dann heißt es übrigens unter diesem Text jetzt "Kommentare an". Denn genauso wie im Workshop ist die Diskussion an dieser Stelle nicht zu Ende.



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