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Thomas Fettien am 22.05.2014

Wen interessiert schon die #Europawahl? Die Social-Media-Strategie des Europäischen Parlaments

Die Europawahl hat ein Aufmerksamkeitsproblem. Nicht einmal jeder Zweite in Deutschland zeigt Interesse an der Wahl zum Europäischen Parlament. Das Parlament will das ändern und die Wählerinnen und Wähler auch über Social Media mobilisieren. Doch das ist gar nicht so einfach.

Ein Rückblick auf den Workshop "Hashtags & Politics" (re:publica 2014)

#Europawahl#Europawahl (© bpb)

Starten wir mit einer guten Nachricht: Laut dem aktuellen ARD-Europatrend interessieren sich immer mehr Menschen in Deutschland für die Europawahl. Die schlechte Nachricht: Trotzdem ist der Anteil derjenigen, die sich nur wenig oder gar nicht für die Wahl zum Europäischen Parlament interessieren mit rund 60 Prozent weiterhin hoch.

Glaubt man diesen Zahlen, so hat die Europawahl (zumindest in Deutschland) ein Aufmerksamkeitsproblem. Das Europäische Parlament versucht das zu ändern und die Menschen in Europa zur Wahl zu mobilisieren – unter anderem über Social Media. Welche Kommunikationsstrategie sie verfolgen und vor welchen Problemen sie stehen, haben Elisabeth Wisniewski, Sven Saekert und Thilo Kunzemann vom deutschen Social-Media-Team des Europäischen Parlementes im Workshop Hashtags & Politics auf der re:publica 2014 vorgestellt.

Die Sprachbarriere

Die größte Herausforderung für die Kommunikation des Europäischen Parlamentes – analog wie digital – ist die Sprachbarriere. Innerhalb der EU gibt es 24 Amtssprachen, dazu kommen noch diverse Minderheitensprachen wie Katalanisch und Baskisch - auch wenn im Arbeitsalltag der europäischen Institutionen und in der Kommunikation nach außen vor allem Englisch, Französisch und Deutsch gesprochen wird.

Die EU versucht die Sprachbarriere nicht zu überbrücken, sondern als Sprachvielfalt abzubilden, insbesondere in ihren Social Media Kanälen. Dazu betreut das Europäische Parlament von Brüssel aus allein 24 offizielle Twitter-Accounts, einen für jede Amtssprache. Daneben gibt es noch die vorwiegend englischsprachigen Social Media Kanäle der 20 Fachausschüsse des Parlaments, diverse Accounts für die Presse- und Medienarbeit und sogar zu einzelnen Events. Hinzu kommen noch die 35 Büros und Vertretungen des Europäischen Parlaments in den einzelnen Mitgliedsländern die – natürlich in der jeweiligen Landessprache – twittern und eigene Facebook-Seiten betreiben.

Bedürfnis nach nationalen Debatten?

Die Sprachbarriere beeinflusst auch die Debatten zur Europawahl , das zeigt sich beispielsweise bei der Verbreitung der auf Twitter populären Hashtags: Selbst wenn viele Menschen auf Twitter über die Europawahl diskutieren, heißt das nicht, dass sie alle an derselben Debatte teilnehmen. So haben sich in den Mitgliedsländern unterschiedliche Hashtags zur Europawahl herauskristallisiert: In Deutschland wird vor allem unter #Europawahl getwittert, die Franzosen nutzen #ee2014. Der mehr oder weniger offizielle Hashtag, den das Europäische Parlament verwendet, ist #EP2014, geschätzt sind rund 80 Prozent der darunter veröffentlichten Tweets englisch. Die unterschiedlichen Hashtags sind für Wisniewski und ihre Kollegen ein Anhaltspunkt dafür, dass es auch in Social Media ein Bedürfnis nach nationalen Debatten zu geben scheint.

Auch deshalb fährt das Europäische Parlament in seiner Social Media Strategie zweigleisig: So gibt es für Deutschland beispielsweise zwei Twitter-Accounts: @Europarl_DE aus Brüssel und @EPinDeutschland aus Berlin. Der Unterschied besteht vor allem in der Perspektive: Während die Brüsseler vor allem die europäischen Themen und die entsprechenden parlamentarischen Vorgänge abbilden, versuchen die Berliner die für Deutschland relevanten Entscheidungen und Debatten aufzugreifen. Das müssen jedoch nicht dieselben Themen sein, die die Menschen in den Niederlanden, Estland oder Griechenland bewegen. Hinzu kommt die unterschiedliche Relevanz von Social Media. Die Menschen in den südeuropäischen und skandinavischen Ländern seien deutlich aktiver auf Twitter und Co. als ihre ost- und mitteleuropäischen Nachbarn.

Mehr europäische Themen, mehr Kontroversität, mehr Unterhaltung

Das deutsche Social Media Team des Europäische Parlament wollte also von den Anwesenden vor allem eins wissen: Wie sollen wir vorgehen, um möglichst viele Menschen über Social Media für die Europawahl zu mobilisieren?

Das Feedback des Publikums war vielfältig: Man wünsche sich weniger textlastige und mehr visuelle Informationsangebote; weniger "sachliche" weil "langweilige" Politikberichterstattung "für Nerds", dafür mehr unterhaltsame Aktionen; mehr Einordnung und Kuratierung, da generell der Überblick fehle; mehr Alltägliches, damit den Menschen die Bedeutung der Europawahl für ihr eigenes Leben klarer wird. Vor allem aber sollte die europäische Perspektive gestärkt werden. Die Bürgerinnen und Bürger der EU sollen nicht nur ein gemeinsames Parlament wählen, sie sollen auch gemeinsam darüber diskutieren, wie auf europäischer Ebene Politik gestaltet werden soll. Gebraucht werden dafür neben gemeinsamen Themen und Medien auch gemeinsame Diskussionsforen und -plattformen – eine Art europäische Öffentlichkeit.

Die ist aber noch nicht in Sicht. Auch die Möglichkeiten der Social Media Kanäle des Europäischen Parlamentes, mehr europäische Themen zu setzen und aktuelle Kontroversen abzubilden, seien begrenzt, so Wisniewski & Co. Als parlamentarische Institution müsse das Parlament über den Parteiinteressen stehen und dürfe nur den "Zaungast" spielen. Polarisierungen und Kampagnen für einzelne politische Positionen, für die die Menschen sich einsetzen und interessieren könnten, verbieten sich da. Die müssten schon über die politischen Akteure selbst laufen – egal ob einzelne Abgeordnete, Parteien oder Fraktionen.

Solange diese politischen Akteure vor allem national denken, wird es auch in Zukunft schwer sein, den Menschen in der EU die Bedeutung der Europawahl zu vermitteln.

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