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Jaana Müller am 04.06.2014

Farblose Nutzer, passive Konsumenten, graue Herren, die die Zeit zählen - Ist das die neue Netzgemeinde?

Was ist aus den Hoffnungen in die digitale Partizipation geworden? Sind wir mittlerweile eine digitale Weltgesellschaft? Oder ist das Internet kaputt und die Netzgemeinde müde und lethargisch wie Sascha Lobo sie bezeichnet? Drei Tage lang hat Netzdebatte auf der re:publica 14 nach Antworten gesucht.

Ende der re:publica 2014: Aufbruch aus der Lethargie?Ende der re:publica 2014: Aufbruch aus der Lethargie? Lizenz: cc by-sa/2.0/de (re:publica 2014; Flikr)

Die Netzgemeinde ist müde, Herr Lobo?

Sascha Lobo steht wie kein anderer für die Netzgemeinde. Auf der re:publica geht der Internetexperte und Blogger nun gerade mit dieser Netzgemeinde hart ins Gericht: "Das Netz ist kaputt". Wir alle seien schuldig. Und es sei Zeit, etwas zu ändern – zumindest wenn die berühmte "Netzgemeinde" noch etwas von dem haben wolle, was einst als Freiheit im Netz bezeichnet worden sei. Unterfinanzierte Organisationen und Einzelkämpfer sind, laut Lobo, momentan die einzigen, die nicht nur petitionieren oder mal in einem Tweet "dagegen" sind, sondern wirklich aktiv werden. "Sie brauchen Unterstützung", mahnt Lobo und attestiert zugleich: "Die Netzgemeinde ist müde geworden." Lobos "Rede zur Lage der Nation" soll wachrütteln und für die Entwicklungen seit dem NSA-Skandal sensibilisieren. Das ist ihr gelungen, glaubt man zumindest den noch immer zahlreichen Tweets und Beiträgen in anderen Sozialen Medien und Blogs.

Ist die Netzgemeinde wirklich müde, lethargisch und passiv? Angesichts des vielfältigen Programms der re:publica fällt es schwer, das zu glauben: Da berichten junge Aktivisten darüber, wie sie versuchen, mit Humor die Welt zu verändern. Wie mit Apps und Blogs autistischen Kindern und Jugendlichen Gehör verschafft wird. Wie Menschen in Afrika via Internet ihr Wissen tauschen. Wie Myanmar nach langen Jahren der Zensur das Netz für sich entdeckt. Viele aktive Einzelpersonen, NGOs, Initiativen und lose gegründeten Zusammenschlüsse stellen ihre Aktionen und Projekte vor, erproben völlig neue Ansätze der Wissensvermittlung und versuchen diese mit einem möglichst breiten Publikum zu teilen. Sie nutzen die noch vorhandene Freiheit des Netzes. Was meint Sascha Lobo also, wenn er sagt, wir seien müde geworden?



Ein Netz, eine Netzgemeinde oder gar die digitale Weltgesellschaft?

Es gibt nicht nur das eine Netz. Aber was heißt das eigentlich? Vereinfacht erklärt, geht es darum, dass die unterschiedlichen Angebote im Netz wie Soziale Medien, Blogs, Suchmaschinen nicht den gleichen Gesetzen und Werten folgen, nicht unter dem einen Begriff des "Internets" zusammengefasst werden können. Auf der einen Seite entstehen demokratiefördernde Petitionsplattformen, während andernorts Unternehmen Geschäftsmodelle und Technologien etablieren, die nicht den Schutz unserer Grundrechte, sondern nur dem Gewinnstreben dienen.

Es gibt nicht die eine Internet-Maschine, die alles steuert, die zentraler Knoten- und Verkehrspunkt ist, der Ort, an dem die technologischen und ethischen Weichen des Netzes gestellt werden.

Demnach existiert auch die eine müde gewordene Netzgemeinde nicht. Das zeigt auch die Vielfalt im Internet, fernab des westlich dominierten Blickes auf das Netz. Hier gibt es sie doch – eine aktive und hellwache Netzgemeinde! Während in einigen Ländern gerade die bislang unbeschrittenen Wege des Internets erst einmal entdeckt und langsam ertastet werden, floriert Netzaktivismus in anderen Teilen der Welt und konsumiert ein weiterer Teil lethargisch, was ihm da im Netz begegnet – den meint und mahnt Lobo.

Am Rande der re:publica 2014 erklärt Sascha Funk, wie es um die Internetnutzung und -regulierung in Myanmar bestellt ist. Die Möglichkeit der Öffentlichkeit, das Netz zu nutzen, evtl. gar über das Netz teilzuhaben, ist lange nicht so fortgeschritten wie in der westlichen Welt, steigt aber seit den letzten Jahren und der Bewegung hin zu mehr Demokratie an. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung.)



Dass sich in der analogen Welt bislang keine Weltgesellschaft herausgebildet hat, scheint nachvollziehbar: Wir leben zu weit voneinander entfernt – geografisch wie kulturell. Kann das Netz hier ein Bindeglied sein? Immerhin lassen sich hier tausende Kilometer mit einem unaufgeregten Klick überwinden. Die Unterschiede bleiben, denn Gesellschaften definieren sich über Gemeinsamkeiten: Werte und Normen. Darüber hinaus ist ein elementarer Bestandteil einer Gesellschaft das Miteinander – ein gemeinsames Erleben, dass wir nicht im vollem Umfang via Nullen und Einsen teilbar machen können. Es ist eine Utopie von der digitalen Weltgesellschaft zu sprechen. Wie soll sie sich auf einen Werte- und Normenkonsens einigen? Wie soll sie gemeinsam erleben?

Humorvoll dagegen

Ruben Neugebauer (li.) und Jean Peters von Peng! Collectives - re:publica 2014Ruben Neugebauer (li.) und Jean Peters vom Peng! Collective, einer deutschen Aktivistengruppe (© Violetta Leiva Martinez)
Das Internet lässt Teilen und Teilhabe zu. Es ermöglicht Menschen, Zugang zu Informationen, die sie auf analogen Wegen vielleicht nie erhalten hätten. Engagierte rufen Online-Petitionen ins Leben, organisieren Flashmobs über soziale Medien und schaffen durch ihre Blogs neue Öffentlichkeiten. Und dabei sind sie ebenso aktiv wie kreativ!

Das Programm der re:publica 14 zeigt jedoch auch die Schattenseiten von Teilen und Teilhabe: Nele Tabler und Andrea Meyer berichten im Vortrag #idpet – Wenn Partizipation und Grundrechte kollidieren darüber, welche Auswirkungen die Möglichkeit zur freien, zumeist anonymen, Meinungsäußerung in Online-Diskussionen haben kann. In ihrem Fall kamen zur Online-Petition gegen den Bildungsplan 2015 für mehr Vielfalt in Baden-Württemberg 11.000 Kommentare zusammen, wovon 5.000 als diskriminierend gelten. Etwa 1.000 dieser Meinungsäußerungen setzen gar Pädophilie und Homosexualität gleich.

Auf der re:publica 2014 wurde aber auch deutlich, wie bunt die Welt des Netzaktivismus ist: Einzelpersonen und populäre Aktivistengruppen stellen ihre Ansätze und Aktionen vor. Aktivismus legt sein verstaubtes und ernstes Antlitz des ewigen Dagegenseins ab und wird mit Humor neu definiert:

Am Rande der re:publica 2014 erklären Andy Bichlbaum und Mike Bonanno, warum Veränderung so wichtig ist und wie sie als "Yes-Men" Veränderungen bewirken möchten. Humor spielt dabei ihres Erachtens eine entscheidende Rolle. (© 2014 Bundeszentrale für politische Bildung)



Wer sie sucht, findet sie: digitale Revolutionen

Um die Vielfalt des Netzes und die dadurch entstehenden Möglichkeiten zu bewerten, lohnt sich ein Blick in die weite Webwelt über die Grenzen der sonst besuchten Lieblingsplätze hinweg. Bei Projekten wie AfriMaker kann es einem ob des Enthusiasmus und des Effekts, den verwirklichte Ideen haben können, schwindelig werden. Auf der Bühne feiern sich die AfriMaker zurecht selbst. Sie sind stolz, dass Afrikaner von Afrikanern lernen, dass es Bewegungen von unten und nicht von großen westlichen Akteuren organisierte sind: "It’s no longer ‚the white man‘, who is teaching us. Africans are educating Africans."



Vielleicht weckt dieser Schwindel den ein oder anderen aus der von Sascha Lobo kritisierten Lethargie, in der Teile der Welt bezüglich der Freiheit des Netzes stecken. Vielleicht wacht die viel kritisierte Netzgemeinde auf, wenn sie den Reichtum noch einmal vor Augen geführt bekommt, den das Netz bieten kann und zu dem sie in der Vergangenheit viel beigetragen hat. Denn eines sollte nicht in Vergessenheit geraten: Auch der Teil, der nun als müde Netzgemeinde bezeichnet wird, hat in der Vergangenheit Revolutionäres erkämpft. Und: Die westlichen Netznutzer sind nicht ein einziges homogenes Volk, das kollektiv gelangweilt auf den Bildschirm glotzt: Auch hier gibt es Leuchttürme und den Wunsch, die Welt zu verändern. Nun ist es etwas ruhiger geworden. Da lohnt ein Blick in andere Länder, um das zu finden, was aufrütteln kann. Betrachtet man z.B. Myanmar, wo das Internet nach jahrelanger Zensur langsam in Richtung Freiheit schreitet, so entsteht beim Blick auf unsere "Internetrevolution" ein Bild, das in Teilen von Trägheit und Passivität geprägt ist. Einige Nutzer verlieren Farbe, werden zu Konsumenten, den grauen Herren, die die Zeit zählen. Da kommt ein Weckruf gerade recht?

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