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Anja Kleinke am 07.10.2015

Lobbying für einen guten Zweck: Die Lobby der öffentlichen Museen

Lobbyismus ist nicht nur Sache der Wirtschaft. Auch die Kulturbranche muss Strategien entwickeln, um ihre Interessen gegenüber der Politik geltend zu machen. Anja Kleinke hat sich damit beschäftigt, wie sich die öffentlichen Museen in Deutschland organisieren, ob es so etwas wie eine Museumslobby gibt und wie sie funktioniert.

Museum, Pergamonmuseum, BesucherBesucher im Berliner Pargamonmuseum Lizenz: cc by/2.0/de (CC)

In Deutschland gibt es heute über 3.600 öffentliche Museen mit jährlich rund 80 Millionen Besuchen. Die Existenz öffentlicher Museen war nicht immer selbstverständlich und ihr Bestand ist nicht ohne Weiteres dauerhaft gesichert. Das heutige Volumen und die Vielfalt öffentlicher Museen in Deutschland sind das Ergebnis einer Entwicklung von den ersten privaten Sammlungen bis zur heutigen öffentlichen Institution, dem Museum. Ihre Interessenvertretungen haben sich in enger Abhängigkeit davon entwickelt. Die rechtlichen Voraussetzungen für die Gründung von Interessenvertretungen, wie Vereine und Verbände, wurden erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Verbindung mit wesentlichen gesellschaftlichen Veränderungen geschaffen. Das Engagement und Lobbying einer Vielzahl von Interessenvertretern für Museen hat dazu beigetragen, dass Museen heute national und international besondere Würdigung und Schutz erfahren, dass es einen regen fachlichen Austausch untereinander gibt und dass einheitliche Standards der Wissenschaft, der Restaurierung und der professionellen Arbeit von Museen und Museumsfachleuten vereinbart wurden. Öffentliche Museen arbeiten in der Regel nicht kostendeckend. Aufgrund kulturpolitischer Entscheidungen werden die Eintrittspreise niedrig gehalten, um allen Gesellschaftsgruppen den Zugang zu ermöglichen. Betrieb und Erhalt der öffentlichen Museen werden subventioniert. Die Deckungsbeiträge werden mit öffentlichen Mitteln je nach Träger aus den Bundes-, Landes- und/ oder Kommunalhaushalten gezahlt. Die Politik gestaltet neben der Kulturförderung, auch die inhaltliche Ausrichtung, die Aufgaben sowie die Ziele und Leitlinien öffentlicher Kultureinrichtungen und Museen. Außerdem übt sie Einfluss auf die Besetzung der Museumsleitungen aus. Öffentliche Museen sind damit gänzlich abhängig von der Kulturpolitik sowie der Steuerung, Ausrichtung und Finanzierung ihrer jeweiligen öffentlichen Träger.

Ein diverses Netzwerk mit gemeinsamen Problemen

Die öffentlichen Haushalte sind überschuldet, sie müssen Einsparungen vornehmen und Bürokratie abbauen. Aktuell und zukünftig stehen viele wegweisende kulturpolitische Entscheidungen an, von denen auch die öffentlichen Museen betroffen sind. Dies gilt im Hinblick auf ihre Finanzierung, ihr Angebotsspektrum, ihre Trägerschaft, ihre Verwaltung und ihre Teilnahme am Wettbewerb um Fördergelder, privatwirtschaftliche Partner und Besucher. Bei einigen Museen stellt sich kurz- oder mittelfristig die Frage der Existenz.

Viele Museumsfachleute sind bei diesen kulturpolitischen Veränderungen einbezogen und engagieren sich aktiv. Mit ihrer Fach- und Entscheidungskompetenz können sie besonders gut darüber urteilen, welche Rahmenbedingungen von Vorteil oder Nachteil für sie sind. Es geht sowohl um Einzelinteressen von Museen, als auch um übergeordnete Interessen.

Die Konstellationen von Akteuren und Adressaten des Lobbying für öffentliche Museen sind dabei sehr komplex. Kulturpolitik ist überwiegend Aufgabe der einzelnen Bundesländer sowie der Kommunen. Zu den Akteuren des Lobbying zählen insbesondere die Museen selbst, sowie Museumsverbände, Dachverbände, freie Träger, Stiftungen, Fördervereine, Nichtstaatliche Organisationen und Vertreter der Kulturpolitik. Einige der Verbände sind in der sogenannten "Lobbyliste" beim Deutschen Bundestag oder im "Transparenzregister" der Europäischen Union registriert. Das ermöglicht ihnen, sich formal zu politischen Entscheidungsprozessen zu äußern. Gleichzeitig werden diese Verbände und Organisationen mit staatlichen Förderungen unterstützt. Der Staat seinerseits nutzt die Expertise dieser Kulturverbände und -organisationen regelmäßig bei der wissenschaftlichen Politikberatung als Grundlage seiner Entscheidungen und Mittelbewilligungen.

Gute Beziehungen und vielfältige Lobbying-Strategien

Da der Kulturbereich Gemeinwohlinteressen repräsentiert, haben seine Interessenvertreter bei den Lobbying-Adressaten eine hohe Glaubwürdigkeit und verfügen über einen Vertrauensvorschuss, der es ihnen erlaubt, andere Kommunikationswege und Lobbying-Strategien zu verfolgen als z.B. die Privatwirtschaft. Die Interessenvertreter müssen dabei in hohem Maße die Erwartungen der Stakeholder, also der verschiedenen Museen als auch ihrer Besucher/-innen, hinsichtlich der gemeinwohlorientierten Werte berücksichtigen. Der Kulturbereich wendet vielfältige professionelle Strategien des direkten und indirekten Lobbying an. Zu den Kommunikationsformen gehören der persönliche Kontakt über Gespräche, die Teilnahme an Gremien, Anhörungen und kulturpolitischen Veranstaltungen. Hinzu kommt die Einbeziehung von Medien und Themenplattformen sowie das Verfassen Offener Briefe, themenspezifischer Stellungnahmen und wissenschaftlicher Gutachten. Das Lobbying geschieht auch über Allianzen, Netzwerke, Multiplikatoren, Cross-Lobbying und durch Bürgerinitiativen. Ein Beispiel für erfolgreiches Lobbying ist z.B., dass Objekte öffentlicher Museen heute durch die Denkmalschutzgesetze der Länder und durch weitere nationale und internationale Richtlinien geschützt sind.

Individuelle Strategien und gemeinschaftliches Handeln

Die starke Differenzierung der öffentlichen Museen, ihrer Sammlungsschwerpunkte, Träger, Zuständigkeiten innerhalb der kulturpolitischen Ebenen und ihrer Probleme/Themen (Issues) führt zu einem nur auf allgemein gültige Themen begrenzten gemeinsamen Nenner. Dieser Nenner umfasst Herausforderungen und Themen, wie etwa Sparmaßnahmen der öffentlichen Haushalte, Folgen des Bürokratieabbaus und der Verwaltungsmodernisierung, die zu langfristigen strukturellen Veränderungen der Finanzierung und Verwaltung der deutschen öffentlichen Museumslandschaft führen. Dieser Entwicklung können Museen und ihre Interessenvertreter nicht ausweichen, und sie fördert bei allen Beteiligten aus Kultureinrichtungen, Verbänden und Kulturpolitik die Bereitschaft zu neuen Partnerschaften, Allianzen und Strategien. Zusätzlich zu der Interessenvertretung über die Verbände und den Austausch in Netzwerken müssen Museen immer auch eigene Strategien entwickeln. Manchmal stehen sie dabei mit bestimmten Themen allein da, oder sogar im Wettbewerb mit anderen Museen und Kultureinrichtungen.

Es zeigt sich unter anderem, dass Museen – abhängig von dem jeweiligen Sammlungsschwerpunkt, dem Standort, den Besuchszahlen, den Trägern sowie den ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln – sehr unterschiedliche Voraussetzungen und Rahmenbedingungen haben. Öffentliche Museen in Berlin, am Bankenstandort Frankfurt am Main oder aber in strukturschwachen ländlichen Regionen unterscheiden sich beispielsweise grundsätzlich hinsichtlich ihrer Rahmenbedingungen für die Akquisition von Sponsorengeldern und das Erreichen von Besuchszahlen. Daher bleiben auch die Lobbying-Issues und -Strategien der Interessenvertretungen der Museen in Teilen immer individuell. Lobbying gehört in den Interessenvertretungen öffentlicher Museen, in der Kulturpolitik und in Kulturverbänden vielfach zum Alltag. Museumslobbying und die Sicherung des zukünftigen Fortbestands öffentlicher Museen sind so eng miteinander verbunden.

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