Warnschild, Risiko, Gefahr

Fake News: Der Lackmustest für die politische Öffentlichkeit

Zeitung, Druck, MedienFake News: Selten in gedruckten Zeitungen, häufiger in den sozialen Medien - so zumindest Stand der aktuellen Diskussion um das Phänomen. Lizenz: cc by/2.0/de (CC, von Markus Spiske)

Eine einheitliche Definition von Fake News ist schwierig. Ist etwa ein unbeabsichtigter Fehler in einem Artikel bereits Fake News? Oder eine Prognose, die sich als falsch erweist? Grundsätzlich nicht. Für Ethan Zuckerman vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) etwa lassen sich drei Formen von Fake News unterscheiden: Nachrichten, die einem bestimmten Thema übertriebene Aufmerksamkeit widmen, Propaganda und gezielte Desinformation.

Bei ersterem wird letztlich der falsche Eindruck erweckt, dass ein Thema relevanter ist, als es sein sollte. So berichteten die US-Medien etwa, wie eine unveröffentlichte Studie der Harvard Universität zeigt, überproportional häufig über Hillary Clintons vermeintlichen Email-Skandal. Zuckerman erklärt diese überhöhte Aufmerksamkeit mit einer "falschen Balance" und dem Versuch der US-Medien ausgewogen über die Skandale Trumps und Clintons zu berichten, um nicht parteiisch zu wirken. Nicht das Thema an sich, sondern die vermeintliche Relevanz sei also "fake".

Propaganda hingegen ist ein klassischer Bestandteil von Politik und Wahlkämpfen. Es beschreibt das Vermischen von wahren und falschen Informationen, um die andere Seite zu schwächen und die eigene zu stärken. Vergleichsweise neu ist die Taktik der Desinformation. Sie zielt nicht darauf ab, dass etwas Falsches geglaubt wird, sondern darauf, dass Bürger/-innen nicht mehr zwischen wahr und falsch, zwischen seriösen und unseriösen Quellen unterscheiden können. Diese gezielte Verzerrung der öffentlichen Debatte, welche etwa in den USA zu beobachtet ist, wird auch für die diesjährige Bundestagswahl befürchtet.

Was ist das Problem?

Bei dem "Fake News"-Typ der Desinformation handelt es sich oft um absichtlich frei erfundene, als Nachrichten getarnte Geschichten. Die behaupten dann zum Beispiel, dass Angela Merkel bewusst ISIS in Europa operieren lässt. Dies geschieht nicht immer aus politischen, sondern zum Teil einfach aus finanziellen Gründen. Mit Fake News lässt sich nämlich auch Geld verdienen. Veröffentlicht werden diese Beiträge in der Regel auf Internetseiten, die häufig so heißen und aussehen wie seriöse Massenmedien. Diese Form der Imitation macht das Erkennen von Fake News-Seiten oftmals schwer.

Problematisch werden die Artikel jedoch erst durch Internetplattformen wie Facebook, Twitter oder Reddit, auf denen sie geteilt und einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Denn: Das Teilen dieser Inhalte hat einen doppelten Effekt. Nicht nur die Fake-News-Seite suggeriert die eigene Authentizität, sondern auch die Nutzer/-innen, die den Beitrag geteilt haben, scheinen für die Korrektheit der Beiträge zu garantieren. Zum Beispiel macht es natürlich einen Unterschied, ob ein unbekannter Twitter-Account Fake-News-Beiträge bei Twitter teilt oder der Präsident der USA.

Der Einfluss von Fake News

Als Buzzfeed kurz nach der US-Wahl im November 2016 eine Studie präsentierte, die besagte, dass prominente Fake News-Beiträge häufiger auf Facebook geteilt wurden, als die Top-Beiträge der klassischen Massenmedien, fand dies große Beachtung. Einige Kommentatoren waren überzeugt, dass Fake News zur Wahl Donald Trumps beigetragen haben könnten.

Erste wissenschaftliche Studien hingegen zeichnen ein anderes Bild. Eine gemeinsame Studie der Harvard University und des MIT, in der über 1,2 Millionen Artikel von über 25.000 Internetseiten untersucht wurden, zeigt etwa, dass Fake News-Seiten nur eine sekundäre Rolle im Online-Diskurs zur US-Wahl gespielt haben. Eine weitere Studie suggeriert gar, dass Fake News-Artikel so überzeugend wie 36 Wahlwerbespots sein müssten, um die US-Wahl beeinflusst haben zu können. Auch der Tenor einer Konferenz der Harvard Law School zum Thema klingt eher beschwichtigend: So problematisch Fake News auch in vielerlei Hinsicht sein mögen, so sind sie, historisch gesehen, weder neu, noch waren sie wahlentscheidend.

Also was tun?

Das alles soll nicht heißen, dass Fake News nicht doch ein Problem für unsere Demokratie und den öffentlichen Diskurs darstellen können. Es heißt nur, dass die Lage nicht so schlimm ist, wie etwa manche Politiker befürchten, wenn sie ein Verbot von Fake News fordern.

Ein möglicher Lösungsansatz kommt derweil vonseiten der Tech-Firmen: Facebook etwa versucht, die Nutzer/-innen selbst Fake News melden und die Beiträge dann von einer dritten journalistischen Seite auf Korrektheit prüfen zu lassen. Für Twitter konnten Forscher/-innen nachweisen, dass sich Gerüchte anders verbreiten, als richtige Nachrichten. Und Google hat mehrere Fake News-Seiten aus dem eigenen Werbenetzwerk Adsense verbannt und damit die Seiten-Betreiber/-innen da getroffen, wo sie verwundbar sind: Dem Geldbeutel.

Gelöst wird damit das Problem "Fake News" sicherlich nicht. Schließlich gibt es Propaganda und Gerüchte schon seit langem. Doch in einer intakten politischen Öffentlichkeit mit starken Massenmedien und konsensorientiertem politischen Diskurs, dürften Fake News nur geringe Überlebenschancen haben.
Weitere Meinungen und Beiträge zum Thema:

"Fake News" werden die Wahlen in Deutschland nicht entscheiden von Sascha Hölig
Lügen als Demokratieproblem von Prof. Rolf Schwartmann




Dossier

Medienpolitik

Das Dossier möchte Grundlagen zum Rundfunk- und Medienrecht vermitteln, die neuen Herausforderungen und Nutzungsmöglichkeiten aufzeigen und eine kritische Auseinandersetzung mit der sich ständig wandelnden Welt der Medien und der sie regulierenden Medienpolitik fördern. Weiter... 

Quiz
Quiz zum Thema Medienkritik

Frage 1 / 6
 
Wer hat bereits 400 v. Chr. die erste Kritik an Medien geübt, in dem er für das Medium Sprache plädierte und die Nachteile der Schrift anprangerte?







Maybrit Illner – Polit-Talkshow im ZDF.Uwe Hasebrink

Meinungsbildung und Kontrolle der Medien

Bestimmte Personen oder Gruppen können einen so großen medialen Einfluss erlangen, dass dies dem Leitprinzip der Meinungsvielfalt zuwiderläuft. Wie sehen die Strategien der möglichen Einflussnahme von Medien auf die Meinungsbildung aus? Welche Formen der Kontrolle gibt es? Weiter... 

Der Schatten eines Fernsehkameramanns.Heinz Bonfadelli

Medien und Gesellschaft im Wandel

Medienwandel und Medienkrise können zu Skandalisierung, Moralisierung und Personalisierung in der Berichterstattung führen. Trägt Mediennutzung zur Informiertheit aller bei oder profitieren die besser Gebildeten stärker? Wie werden die alten und neuen Medien genutzt? Weiter... 

Aus Politik und Zeitgeschichte (APuZ 22–23/2014)

Politik, Medien, Öffentlichkeit

Um zu einer gelingenden "deliberativen Demokratie" beizutragen und den Bürgerinnen und Bürgern die Teilhabe am Diskurs um öffentliche Angelegenheiten zu ermöglichen, müssen Politik und Medien qualitativ hochwertige Angebote zur Information und Diskussion machen. Das Medium Internet birgt Chancen wie Risiken. Weiter...