Blick auf einen Wähler / eine Wählerin hinter einer Wahlkabine.

Wahlumfragen – über Unterschiede und Kritik

Umfrageergebnisse gehören zur Wahlkampfzeit dazu - einen Wahlausgang vorhersagen aber können diese nicht.Umfrageergebnisse gehören zur Wahlkampfzeit dazu - einen Wahlausgang vorhersagen aber können diese nicht. (© dpa)

Wenn es um Wahlumfragen geht, muss man zunächst unterscheiden zwischen den Umfragen, die in den Wochen vor der Wahl erhoben werden und denen, die am Wahltag selbst durchgeführt werden. Während bei Vorwahlumfragen Wahlberechtigte befragt werden, die häufig noch unsicher sind, ob sie tatsächlich zur Wahl gehen werden, sind es bei den Umfragen am Wahltag selbst, den sogenannten exit-polls, Wähler, die nach dem Verlassen des Wahllokals gebeten werden, einen kurzen Fragebogen mit Angaben zu Wahlentscheidung und sozialstrukturellen Merkmalen wie Alter und Geschlecht auszufüllen. Allein dadurch sind die exit-polls, die auch die Datengrundlage für die Prognose am Wahltag um 18.00 liefern, wesentlich genauer als Vorwahlumfragen. Zudem werden bei den exit polls aber auch wesentlich mehr Interviews erhoben. Bei einer Bundestagswahl sind das bei der Forschungsgruppe Wahlen ca. 50.000.

Zahlen sind nicht gleich Zahlen - die Unterschiede bei der Methodik



Exit-Polls führen in Deutschland in der Regel nur die Umfrageinstitute durch, die für einen Fernsehsender eine 18 Uhr-Prognose erstellen, für die ARD ist das infratest-dimap, für das ZDF die Forschungsgruppe Wahlen und für RTL forsa. Vorwahlumfragen gibt es dagegen viele, auch mit unterschiedlichen Erhebungsmethoden. Allen gemeinsam ist der Anspruch der Repräsentativität, das heißt, dass die Ergebnisse der Befragung – innerhalb bestimmter Fehlerbereiche – den Ergebnissen der Gesamtheit, hier also der Wahlberechtigten bzw. der Wählerinnen und Wähler entsprechen. Das kann man nur durch eine strenge Zufallsauswahl der Befragten erreicht werden. Bei telefonischen Befragungen, wie z.B. für das ZDF-Politbarometer mit ca. 1.250 Interviews, werden dafür zunächst zufällig ausgewählte Telefonnummern in ihren letzten drei Ziffern durch Zufallsnummern ersetzt, um auch Haushalte kontaktieren zu können, die nicht in Telefonverzeichnissen eingetragen sind. Danach erfolgt, wenn es sich um Festnetznummern handelt, eine zufällige Auswahl der Wahlberechtigten im Haushalt. Dazu wird der sog. Geburtstagsschlüssel verwendet: befragt wird, wer zuletzt Geburtstag hatte. Da viele oft besser über das Handy als über ihren Telefonanschluss zuhause erreichbar sind, kommen auch Handynummern zum Einsatz, allerdings nur bei bundesweiten Umfragen. Da die Handynummern komplett zufällig generiert werden, ist eine regionale Zuordnung, die z.B. für eine Umfrage in einem Bundesland notwendig wäre, nicht möglich. Diese kurze Ausführung zeigt schon, dass die Durchführung einer repräsentativen Befragung einen ziemlich großen Aufwand erfordert.

Analog vs. Online



Bei Online-Befragungen unter Wahlberechtigten ist eine Zufallsauswahl der Teilnehmer durch das durchführende Institut nicht möglich. Es findet eine Selbstrekrutierung statt, mitmachen kann, wer möchte und sich ggf. dafür registrieren lässt. Die Grundbedingung für Repräsentativität ist also nicht gegeben. Alle Maßnahmen, eine solche Umfrage durch eine nachträgliche "Gewichtung" repräsentativ machen zu wollen, ändern daran nichts. Hinzukommt, dass zwar fast alle Jüngeren im Internet unterwegs sind, bei den 65-Jährigen und älteren nutzen jedoch nur 55% der Männern und 35% der Frauen das Internet. Mit Online-Umfragen ist damit also knapp ein Drittel der Wahlberechtigten – und zudem eine Gruppe, die sich überdurchschnittlich häufig an Wahlen beteiligt – nur rund zur Hälfte erreichbar. Noch viel weniger lässt sich über die sozialen Medien ein repräsentatives Meinungsbild ermitteln. Nur gut ein Drittel der erwachsenen Deutschen ist nach unseren Erhebungen bei Facebook, einen Twitter Account haben demnach lediglich 6% und bei beiden fällt die Nutzung nach Alter stark auseinander.

Keine Vorhersagen: Ergebnisse haben einen Fehlerbereich



In der Politik- und Wahlforschung gilt deshalb die zufallsbasierte telefonische Befragung weiterhin als das beste Instrument, das für repräsentative Erhebungen zur Verfügung steht. Trotzdem birgt auch diese Erhebungsmethode Probleme und Einschränkungen und die Umfrageforschung steht gerade in letzter Zeit immer wieder in der Kritik. Da sind zum einen die oben erwähnten Fehlerbereiche, auf die von seriösen Umfrageinstituten zwar immer hingewiesen wird, die aber bei der Bewertung von Umfrageergebnissen durch Journalisten oder politische Beobachter auch mal außer Acht gelassen werden. Liefert z.B. eine Umfrage unter 1.250 Wahlberechtigten für eine Partei ein Ergebnis von 40%, dann beträgt der Fehlerbereich +/- 3 Prozentpunkte. Bei einem knappen Wahlausgang kommt man da an die Grenzen des methodisch Machbaren und muss das auch so kommunizieren. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Brexit-Abstimmung im vergangen Jahr in Großbritannien. In den Umfragen lag bis zuletzt mal das eine, mal das andere Lager knapp vorn, im Prinzip und mit Berücksichtigung der Fehlerbereiche waren sie aber in etwa gleich auf. Bei einem Abstimmungsergebnis von 51,9% für den Austritt des Landes aus der EU und 48,1% für den Verbleib kann man nicht von einem Versagen der Demoskopen sprechen, höchstens von einer falschen Interpretation der Umfrageergebnisse. Ähnliches gilt für die US-Präsidentschaftswahl, wobei hier die Lage wegen des dortigen Wahlrechts, bei dem die Wahlmänner der jeweiligen Bundesstaaten den Präsidenten wählen und nicht die Wähler direkt, noch komplizierter ist. Landesweit bekam Hillary Clinton über 2,6 Millionen Stimmen mehr als Donald Trump, durch das Mehrheitswahlrecht in den meisten Bundesstaaten hatte Trump dann aber mehr Wahlmänner hinter sich als Clinton.

Wer wird befragt? Und wer macht mit?



Ein weiteres Problem, mit dem die Umfrageforschung konfrontiert ist, ist die sinkende Teilnahmebereitschaft, besonders die "selektive" Teilnahmebereitschaft. So weigern sich z.B. die Anhänger der AfD häufiger bei Umfragen mitzumachen als die Anhänger anderer Parteien. Unterschiedlich groß ist auch die Bereitschaft, zu sagen, welche Partei man wählen will. Die Anhänger von rechten Parteien bekennen sich weniger häufig dazu. Dies müssen die Institute bei ihren Modellannahmen für die sogenannte Sonntagsfrage, aber auch für die Prognose am Wahltag berücksichtigen und dafür brauchen sie Erfahrungswerte. So war die AfD bei den Landtagswahlen im Frühjahr 2016 noch deutlich unterschätzt, durch Einbeziehung dieser Erfahrungswerte wurde sie bei den Landtagswahlen im Herbst 2016 aber dann ziemlich gut getroffen. Hinzukommt, dass wir in Zeiten abnehmender Parteibindungen leben, was die Arbeit der Umfrageinstitute schwieriger macht. Nur gut 30% der Befragten im Politbarometer sagen, dass für sie nur eine einzige Partei in Frage kommt, rund zwei Drittel können sich vorstellen, auch eine andere als die momentan präferierte Partei zu wählen. Auch kurz vor dem Wahltag können aufgrund dieser "Volatilität" noch größere Schwankungen auftreten, sei es, weil im Wahlkampf neue Themen an Relevanz gewinnen oder unerwartete Ereignisse auftreten, die die politische Lage beeinflussen. Zudem können Wähler ihre Stimme auch taktisch einsetzen, um die Regierungsmehrheit für zwei Parteien zu ermöglichen oder zu verhindern. Auf diese kurzfristig möglichen Veränderungen weisen die Institute in ihren Veröffentlichungen immer hin und sie legen deshalb auch so viel Wert darauf, dass Umfragen keine Prognose für den Wahlausgang darstellen, sondern nur Momentaufnahmen sein können.

Und damit erfüllen Umfragen eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: sie stellen der interessierten Öffentlichkeit aktuelle Informationen zur Stimmungslage in Deutschland zur Verfügung. Mit Umfragen lassen sich politische Entwicklungen gerade auch in der Vorwahl- und Wahlkampfphase nachvollziehen und Wahlverhalten analysieren.




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