Zwei Hände halten den offiziellen Stimmzettel zur Bundestagswahl. Im Hintergrund ist der Reichstag zu sehen.

Matthias Klein am 23.08.2013

Interview mit Wahlhelfer Jöran Muuß-Merholz

Sie ermöglichen die Wahlen vor Ort: 600.000 Wahlhelfer sind bei Bundestagswahlen im Einsatz. Jöran Muuß-Merholz ist auch in diesem Jahr einer von ihnen. Er erzählt, was alles zu tun ist – und warum er im Internet live von seiner Arbeit berichtet.

Ein Schild weist am Sonntag (13.05.2012) in Königswinter bei Bonn den Weg zum Wahllokal.Ein Schild weist am Sonntag (13.05.2012) in Königswinter bei Bonn den Weg zum Wahllokal. (© picture-alliance/dpa)

Herr Muuß-Merholz, Wahlhelfer, das klingt so ein bisschen nach Bürokratie - wie sind Sie dazu gekommen?

Ich hatte keine hehre Idee, die Demokratie zu retten, sondern habe einfach aus Neugier mitgemacht. Bei der Bundestagswahl 2009 war ich zum ersten Mal dabei, dann bei der Wahl zur Hamburgischen Bürgerschaft 2011, bei der kommenden Bundestagswahl nun zum dritten Mal.

Nachdem der Entschluss bei Ihnen gefallen war, wie ging es dann weiter?

Ich habe eine Mail an die zuständige Behörde hier in Hamburg geschrieben und gefragt, ob ich ein ganzes Team, also einen kompletten Wahlvorstand, mitbringen kann. Das waren vor allem Freunde und Arbeitskollegen.

Wie war die Reaktion?

Die waren erfreut, denn es ist scheinbar nicht die Regel, dass sich jemand gleich um einen ganzen Wahlvorstand kümmert. Ich konnte das also machen, spezielle Kenntnisse braucht man nicht. Dieses Jahr habe ich schon vor einigen Monaten mein Team angemailt Wir sind zu neunt. Die Aufgaben haben wir aufgeteilt, ich bin der Wahlvorsteher, dann gibt es noch Schriftführer, jeweils Stellvertreter und die Beisitzer.

Was ist als Wahlvorsteher bzw. Wahlhelfer alles zu tun?

Die Arbeit fängt schon vor dem Wahltag an, denn es ist tatsächlich ein bisschen Bürokratie zu erledigen. Ich muss als Wahlvorsteher alle Wahlhelfer berufen, dazu muss ich Formulare ausfüllen. Dann gibt es vor dem Wahltag eine Schulung. Da trifft man viele Wahlhelfer, die das Amt seit Jahrzehnten übernehmen. Einige sind Parteimitglieder, aber nicht alle.

Am Freitagabend vor der Wahl bekomme ich als Wahlvorsteher die Wählerverzeichnisse, die ich sicher aufbewahren muss.

Wahlberechtigte zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stehen am Sonntag (20.03.2011) in Magdeburg in einem Wahllokal.Wählen an ungewöhnlichen Orten (© picture-alliance/dpa)

Wie läuft dann der Wahltag ab?

Am Sonntag geht`s früh am Morgen los, um 8 Uhr muss alles fertig sein. Wir bauen die Tische und die Wahlkabinen auf, stellen die Wahlurnen bereit. Dann ist das Wahllokal von 8 bis 18 Uhr geöffnet.

Bei der letzten Bundestagswahl war unser Wahllokal in einer riesigen alten Halle in der Hafencity. Den Bereich des Wahllokals, den „Wahlraum“, haben wir mit Stühlen abgegrenzt. Den ganzen Tag kamen nicht nur Wähler, sondern auch viele Touristen. Wir mussten vielen ausländischen Besuchern erklären, was wir da eigentlich machen.

Generell freut sich jeder Wahlhelfer, wenn der erste Wähler kommt. Das ist übrigens meistens ein Jogger. Ansonsten gibt es zwei zeitliche Häufungen: Nach dem Mittagessen kommen viele Leute wählen. Und kurz vor Schluss gibt es eine kleine Schlange, vielen fällt wohl kurz vor 18 Uhr ein: Oh, da war ja noch was.

Ist es zwischendurch manchmal langweilig?

Ich habe mit netten Leuten den Wahltag verbracht, das war überhaupt nicht langweilig. Wir konnten uns ja auch unterhalten, wenn mal gerade niemand zum Wählen kam. Hinzu kommt: Man kann zwischendurch Pausen machen, es müssen nicht permanent alle Wahlhelfer anwesend sein.

Den Tag über muss man sich darum kümmern, dass alle Regeln eingehalten werden, dass zum Beispiel alle alleine in die Wahlkabine gehen. Das ist manchmal ein bisschen schwierig, weil einige Wähler gerne ihre Kinder oder sogar ihren Partner mitnehmen möchten. Umgekehrt kommt es auch vor, dass jemand nicht alleine wählen kann. Dann kann einer der Wahlhelfer unterstützen.

Spannend wird es immer dann, wenn etwas nicht gleich routinemäßig funktioniert - wenn zum Beispiel jemand eine Wahlkarte hat, aber nicht im Wählerverzeichnis steht. Dann muss man sich ans Telefon setzen und die Sache klären.

Um 18 Uhr schließen wir das Wahlbüro, allerdings nicht im wörtlichen Sinne. Die Tür bleibt offen, denn die Auszählung ist ja öffentlich. Da kann jeder vorbeikommen und sich das anschauen

Was ist, wenn um 18.00 Uhr noch Leute in der Schlange stehen?

Wer um 18 Uhr in der Schlange steht, darf noch wählen. Der Wahlvorsteher muss auch feststellen, ob um 18.00 Uhr noch jemand im Wahlraum ist, der wählen möchte. In einem kleinen Raum ist das kein Problem. Aber zwischen den Touristen in der Halle in der Hafencity musste ich auf einen Tisch klettern und brüllen, ob denn noch jemand seine Stimme abgeben möchte.

War noch ein Wähler da?

Nein, nur ein paar Touristen haben gefragt: “What did he say?“

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Die Wahlhelfer

Die Gemeindebehörden berufen die rund 600.000 Wahlhelfer, die für bundesweite Wahlen benötigt werden. Die Wahlhelfer bilden die rund 90.000 Wahlvorstände der Stimmbezirke.

Ein Wahlvorstand setzt sich aus fünf bis neun Wahlhelfern zusammen. Sie überwachen die Stimmabgaben und ermitteln nach der Schließung des Wahllokals um 18 Uhr das Ergebnis. Der Wahlvorstand ist aufgeteilt in den Wahlvorsteher, der den Vorstand leitet, den Schriftführer, der das Wählerverzeichnis führt und die Wahlniederschrift anfertigt, sowie die Beisitzer. Der Dienst als Wahlhelfer beginnt um 7 Uhr und endet nach der Auszählung der Stimmen, Pausen sind in Absprache möglich.

Wahlhelfer kann jeder Wahlberechtigte werden. Die Tätigkeit ist ehrenamtlich, die Wahlhelfer bekommen ein Erfrischungsgeld, das nach Bundesland variiert. Wenn einem Wahlamt freiwillige Helfer fehlen, kann es Bürger dazu verpflichten.

Und dann geht es ans Auszählen der Stimmen.

Genau. Es ist ein besonderer Moment, wenn man die Urne öffnet und alle Stimmzettel auf einen Tisch kippt. Nach der Auszählung gibt man der zentralen Wahlstelle das Ergebnis durch. Dann geht es ans Aufräumen und Abbauen.

Sie haben 2011 bei der Hamburg-Wahl in einem Livestream online die Auszählung der Stimmen gezeigt. Wie groß war das Interesse?

Vor uns war wohl noch niemand auf diese Idee gekommen. Wir mussten ein paar Sachen beachten, aber es war letztlich relativ einfach. Unsere Idee war, einfach mal zu zeigen, dass so etwas machbar ist. Viel Werbung haben wir nicht gemacht, nur am Morgen des Wahltags ein kurzes Video ins Internet gestellt. Über Twitter hat sich das schnell verbreitet. In der Spitze schauten bis zu 6.000 Zuschauer gleichzeitig zu.

Da das ZDF in der Wahlsendung über unsere Aktion berichtet hat, gab es viel Aufmerksamkeit und vor allem viele freundliche Rückmeldungen. Manche haben uns berichtet, dass sie ihren Kindern endlich mal zeigen konnten, wie Wählen funktioniert. Wir werden auch dieses Mal wieder einen Livestream aus dem Wahllokal machen.

Wenn wieder eine Wahl ansteht, steht für Sie also außer Frage, dass Sie wieder als Wahlvorstand dabei sein wollen?

Ja. Ich habe keine besondere Mission, aber es ist einfach nett. Ich mag Dinge, die geordnet und gut sortiert sind – und das sind Wahlen. Außerdem sind die Wähler, die kommen, fast alle freundlich: Sie schimpfen nicht, sondern finden, dass die Wahl eine wichtige Sache ist. Ich will gerne dabei helfen, dass diese wichtige Sache gut über die die Bühne geht. Und: Seit ich Wahlhelfer bin, habe ich mehr Respekt davor, wie das mit einer demokratischen Wahl funktioniert und was die vielleicht bürokratisch erscheinenden Schritte bedeuten.



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