Daniel Cohn Bendit gemeinsam mit anderen Aktivisten auf einer Demonstration in Saarbrücken im Jahr 1968.

9.1.2008 | Von:
Axel Schildt

Vor der Revolte: Die Sechziger Jahre

Die Neue Linke



Die zeitgeschichtliche Forschung hat die Herausbildung einer Neuen Linken in der Bundesrepublik und - mit einem deutlichen Vorsprung - in West-Berlin bisher noch wenig untersucht. Beantwortet werden müsste vor allem die Frage, wie gerade zu jener Zeit, als der ideologische Überbau "abendländisch"-konservativen Denkens erodierte und westlich-liberales Denken in der politischen Öffentlichkeit immer stärker dominierte [26] , unter Intellektuellen zugleich sozialistische Ideen einer Neuen Linken attraktiv wurden, und dies nicht allein in der Bundesrepublik [27] , sondern auch in zahlreichen westlichen Ländern. Es können an dieser Stelle nur einige Faktoren knapp benannt werden:
  • Zwischen der Sozialdemokratie, in der klassenkämpferische Traditionen und marxistisches Gedankengut marginalisiert wurden, und der Kommunistischen Partei war ein Vakuum entstanden. Die seit 1956 verbotene KPD hatte bereits im ersten Nachkriegsjahrzehnt einen Großteil ihrer Mitglieder und Anhänger verloren. Die Enthüllungen über Stalin auf dem 20. Parteitag der KPdSU, der Ungarn-Aufstand und die Entwicklung in der DDR hatten zur nahezu vollständigen politischen Isolierung der wenigen verbliebenen Mitglieder der illegalen Kommunistischen Partei in Westdeutschland geführt. Eine in ihren Ausmaßen und Formen rückblickend betrachtet mitunter grotesk überzogene strafrechtliche Verfolgung kam hinzu. In einer Atmosphäre, in der alle Organisationsversuche links von der SPD unter dem Generalverdacht einer Steuerung durch die SED standen, achteten selbst die wenigen marxistischen "Traditionalisten" in kleinen linkssozialistischen Gruppierungen [28] und im Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) auf strikte Abgrenzung. Der von der SPD 1960/61 verstoßene akademische Nachwuchsverband schloss selbst kurz darauf kommunistische Gruppierungen aus [29] . Die erstmals zur Bundestagswahl 1961 antretende Deutsche Friedensunion (DFU), in der neben einigen pazifistischen und linkssozialistischen Persönlichkeiten verdeckt auch kommunistische Gruppierungen mitarbeiteten, blieb wegen des Verdachts östlicher Unterstützung weitgehend erfolglos.
  • Vor diesem Hintergrund kamen wichtige Anstöße aus dem westlichen Ausland, nachdem die SPD ihre Unterstützung der Anti-Atomwaffen-Bewegung [30] auf deren Höhepunkt 1958 einzustellen begann. Die Ostermarsch-Bewegung, die sich aus kleinen Anfängen zu einer Massenbewegung entwickelte, handelte nach britischem Vorbild. 1960 waren es etwa 1.000 Menschen, die gegen die atomare Kriegsgefahr demonstrierten, 1964 schon 100.000 und 1967 150.000, die nun ein erheblich breiteres Spektrum von Protestthemen artikulierten. Auch die anfangs strikt pazifistisch ausgerichtete Ostermarsch-Bewegung wurde von örtlichen Behörden - etwa hinsichtlich der Zuweisung von publikumsfernen Routen und der Zensur von Plakaten - schikaniert und war antikommunistischen Verdächtigungskampagnen ausgesetzt [31] . Innerhalb der Ostermarsch-Bewegung gab es heftige Auseinandersetzungen zwischen Pazifisten und Linkssozialisten, die erst zur Mitte der sechziger Jahre hin von Letzteren für sich entschieden wurden. Gemeinsam vertrat allerdings die Mehrheit der Ostermarsch-Bewegung die Abgrenzung von kommunismusverdächtigen Gruppierungen wie der DFU.
  • Ende der fünfziger Jahre begann in intellektuellen Kreisen, in der Zeitschrift des SDS "Neue Kritik", in der "Konkret" und im West-Berliner Argument-Club, die Entdeckung der "Kritischen Theorie" der Zwischenkriegszeit und des Exils sowie undogmatischer marxistischer Schriften, etwa von Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Karl Korsch, Georg Lukacs und Ernst Bloch. Kaum beachtet wurde von den Rezipienten dabei allerdings der historische jüdisch-deutsche Hintergrund, das Moment des Re-Imports vormals verfemter Autoren. Biografisch interessant erscheint auch, dass etliche der jungen Intellektuellen, die sich der Exilliteratur zuwandten, aus Kreisen der bündischen Jugend stammten [32] . Vor allem der im kalifornischen Exil lebende Herbert Marcuse, der auf dem West-Berliner "Vietnamkongress" 1966 das Hauptreferat halten sollte, avancierte schon früh zum theoretischen Stichwortgeber für eine neue antiautoritäre Linke [33] . Nicht mehr die Arbeiterklasse, sondern die sozial ausgegrenzten oder vom spätkapitalistischen System noch nicht integrierten gesellschaftlichen Gruppen, vor allem der akademische Nachwuchs, wurden von dieser zum neuen revolutionären Subjekt erklärt, das den herrschenden "Manipulationszusammenhang" durchbrechen könne. Man wird die Hinwendung zu solchen theoretischen Ansätzen nicht gänzlich ohne sozialpsychologische Anteile erklären können, etwa den Provokationscharakter sozialistisch-antiautoritärer und marxistischer Terminologie angesichts der östlichen Bedrohung.
  • Gemeinsamkeit verspürte die sich herausbildende Protestbewegung vor allem mit den jugendlich-studentischen Aufbrüchen in der westlichen Welt und zunächst in den USA [34] . Nicht zuletzt die moralischen "Empörungsmotive" [35] , etwa hinsichtlich des Krieges in Vietnam, und die euphorische Identifikation mit den Befreiungsbewegungen der "Dritten Welt" verbanden die Jugendlichen diesseits und jenseits des Atlantik [36] . Die Bedeutung der diffusen Protestbewegung, die sich in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre international ausbreitete, lag wohl im Zusammentreffen, für einen kurzen historischen Moment sogar in der Verschmelzung von politischer Bewegung und einer auch kommerziell expansiven jugendlichen Gegenkultur - eine "Kernfusion von Gegenkultur und Kulturindustrie" [37] . Nicht zuletzt die Tendenzen der Bildenden Kunst schon in den frühen sechziger Jahren bieten dafür reichhaltiges Anschauungsmaterial [38] . Es war kein Zufall, dass einige der späteren Aktivisten von 1968, darunter Rudi Dutschke, aus dem Umfeld der Situationistischen Internationale kamen, in der über den Zusammenhang von Ästhetik und Politik nachgedacht wurde [39] . Die Wirksamkeit des politischen Protests basierte vor allem auf seiner ästhetischen Stilisierung und Vermittlung durch die Massenmedien [40] - eine Konvergenz von Protestgeneration und Popkultur [41] . Sicherlich vermag das Generationenparadigma nicht allein die Genese der Neuen Linken erklären. Aber zum einen dominierte der jugendlich-studentische Anteil etwa bei Demonstrationen denjenigen der älteren Erwachsenen und fand zugleich die antiautoritäre gegenüber der traditionell linkssozialistischen Strömung - im Gegensatz zum Beginn des Jahrzehnts - schon zur Mitte der Dekade deutlich größere öffentliche Beachtung [42] . Zum anderen bliebe auch der Gehalt der Neuen Linken gänzlich unverstanden ohne Einbeziehung der Dimension einer "Lebensstilrevolution" [43] , der Sehnsucht nach einem anderen Leben und einer gänzlich neuen Politik, die das Private politisch werden ließ. Das darin enthaltene utopische Moment, das mit einer mitunter "erstaunlichen Ignoranz gegenüber den Errungenschaften des bürgerlichen Rechtsstaats" [44] und einer vehementen Denunziation liberalen Denkens zusammenging, barg zwar formal betrachtet ein antiwestliches Element, aber auch dieses war als Phänomen in allen westlichen Ländern anzutreffen.
Hauptsächlich ging es jedoch um die Durchsetzung von Emanzipationsansprüchen, einer umfassenden Demokratisierung und eines als jugendlich und modern empfundenen Lebensstils, und letztlich wurde die politische Westorientierung der Bundesrepublik gegen bildungsbürgerliche Sonderideologien nun auch massenkulturell breit fundiert. Die Protestbewegung fungierte retrospektiv als treibender und übertreibender Teil einer dynamischen Modernisierung der westdeutschen Gesellschaft und ihrer politischen Kultur, die in breitem Ausmaß um 1960 begann.Quelle: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 22-23/2001)

Fußnoten

26.
Vgl. als Überblick Anselm Doering-Manteuffel, Wie westlich sind die Deutschen? Amerikanisierung und Westernisierung im 20. Jahrhundert, Göttingen 1999.
27.
Für die Rezeption in einer breiteren Öffentlichkeit vgl. Horst Krüger (Hrsg.), Was ist heute links? Thesen und Theorien zu einer politischen Position, München 1963.
28.
Vgl. zu diesem Geflecht linkssozialistischer Organisationen Anfang der sechziger Jahre den Überblick von Rolf Seeliger, Die Außerparlamentarische Opposition, München 1968, S. 28 ff.
29.
Vgl. Siegward Lönnendonker (Hrsg.), Linksintellektueller Aufbruch zwischen "Kulturrevolution" und "kultureller Zerstörung". Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) in der Nachkriegsgeschichte (1946-1969). Dokumentation eines Symposiums, Opladen 1998, S. 80 ff.; zur Trennung des SDS von der SPD vgl. Willy Albrecht, Der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS). Vom parteikonformen Studentenverband zum Repräsentanten der Neuen Linken, Bonn 1994, S. 383 ff.
30.
Vgl. Hans Karl Rupp, Außerparlamentarische Opposition in der Ära Adenauer. Der Kampf gegen die Atombewaffnung in den fünfziger Jahren. Eine Studie zur innenpolitischen Entwicklung der BRD, Köln 1984³.
31.
Vgl. Karl A. Otto, Vom Ostermarsch zur APO. Geschichte der außerparlamentarischen Opposition in der Bundesrepublik 1960-1970, Frankfurt/M. - New York 1977, S. 69 ff., 127 ff., 147.
32.
Vgl. Claus-Dieter Krohn, Die westdeutsche Studentenbewegung und das "andere Deutschland", in: A. Schildt u. a. (Anm. 7), S. 695-718; aus disziplingeschichtlicher Perspektive vgl. Helmut Peitsch, "Warum wird so einer Marxist?" Zur Entdeckung des Marxismus durch bundesrepublikanische Nachwuchsliteraturwissenschaftler, in: Rainer Rosenberg/Inge Münz-Koenen/Petra Boden (Hrsg.), Der Geist der Unruhe. 1968 im Vergleich. Wissenschaft- Literatur-Medien, Berlin 2000, S. 125-151.
33.
Vgl. Herbert Marcuse, Emanzipation der Frau in der repressiven Gesellschaft. Ein Gespräch mit Peter Furth in der Zeitschrift "Das Argument", 4 (1962) 4, S. 2-11, dok. in: Wolfgang Kraushaar (Hrsg.), Frankfurter Schule und Studentenbewegung. Von der Flaschenpost zum Molotowcocktail 1946-1995, Bd. 2: Dokumente, Hamburg 1998, S. 151 ff.; ders., Herbert Marcuse und das lebensweltliche Apriori der Revolte, in: ebd., Bd. 3: Aufsätze und Register, S. 195-203; vgl. auch Gerhard Fels, Der Aufruhr der 68er. Zu den geistigen Grundlagen der Studentenbewegung und der RAF, Bonn 1998, S. 66 ff.
34.
Vgl. einige der Beiträge in: Ingrid Gilcher-Holtey (Hrsg.), 1968 - Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft, Göttingen 1998; Carole Fink/Philipp Gassert/Detlef Junker (Hrsg.), 1968: The World Transformed, Cambridge u. a. 1998; Gerard DeGroot (Hrsg.), Student Protest. The Sixties and After, London-New York 1998.
35.
Claus Leggewie, 1968: Ein Laboratorium der nachindustriellen Gesellschaft. Zur Tradition der antiautoritären Revolte seit den sechziger Jahren, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/88, S. 3-15, hier S. 6.
36.
Vgl. Ingo Juchler, Die Studentenbewegungen in den Vereinigten Staaten und der Bundesrepublik Deutschland der sechziger Jahre. Eine Untersuchung hinsichtlich ihrer Beeinflussung durch Befreiungsbewegungen und -theorien aus der Dritten Welt, Berlin 1996.
37.
So Walter Grasskamp in seinem erhellenden Essay "Die große Maskerade. Kritik der Kulturrevolution", in: ders., Der lange Marsch durch die Illusionen. Über Kunst und Politik, München 1995, S. 11-54, hier S. 17; zur Politisierung der Jugendkultur vgl. Detlef Siegfried, Vom Teenager zur Pop-Revolution. Politisierungstendenzen in der westdeutschen Jugendkultur 1959 bis 1968, in: A. Schildt u. a. (Anm. 7), S. 582-623.
38.
Vgl. Michael A. Schmidtke, "Die Kunst des radikalen Nebeneinanders". Die künstlerischen Avantgarden der Happening-Kunst und die politische Protestbewegung der sechziger Jahre, in: Westfälische Forschungen, Bd. 48, (1998), S. 21-37; Hans-Joachim Manske, "Das Lachen der Beatles gilt mehr als die Anerkennung von Marcel Duchamp" - zur Bildenden Kunst der sechziger Jahre in Deutschland, in: A. Schildt u. a. (Anm. 7), S. 768-807.
39.
Vgl. einschlägige programmatische Dokumente bei W. Kraushaar (Anm. 33), Bd. 2, S. 160 ff., 172 ff., 176 ff., 190 ff; Dieter Kunzelmann, Leisten Sie keinen Widerstand! Bilder aus meinem Leben, Berlin 1998, S. 24 ff.
40.
Vgl. Bernd Sösemann, Die 68er Bewegung und die Massenmedien, in: Jürgen Wilke (Hrsg.), Mediengeschichte der Bundesrepublik Deutschland, Köln u. a. 1999, S. 672-697.
41.
Vgl. Klaus Briegleb, 1968. Literatur in der antiautoritären Bewegung, Frankfurt/M. 1993; Protest! Literatur um 1968. Eine Ausstellung des Deutschen Literaturarchivs in Verbindung mit dem Germanistischen Seminar der Universität Heidelberg und dem Deutschen Rundfunkarchiv, Marbach 1998.
42.
Vgl. Dieter Rucht/Roland Roth, Weder Rebellion noch Anpassung. Jugendproteste in der Bundesrepublik 1950-1994, in: dies. (Hrsg.), Jugendkulturen, Politik und Protest. Vom Widerstand zum Kommerz?, Leverkusen 1999, S. 283-304, hier S. 286 f.; zum Generationsparadigma vgl. Helmut Fogt, Politische Generationen. Empirische Bedeutung und theoretisches Modell, Opladen 1982, S. 126 ff.
43.
Christoph Kleßmann, 1968 - Studentenrevolte oder Kulturrevolution?, in: Manfred Hettling (Hrsg.), Revolution in Deutschland? 1789-1989, Göttingen 1991, S. 90-105, hier S. 99.
44.
Ebd., S. 94.

Dossier

Prag 1968

Vor 50 Jahren beendeten Kampftruppen aus der Sowjetunion, Bulgarien, Ungarn und Polen gewaltsam die reformkommunistische Bewegung des "Prager Frühlings" in der damaligen CSSR (den heutigen Ländern Tschechien und Slowakei). Damit machte die kommunistische Führung der Sowjetunion unmissverständlich deutlich, dass sie in ihren osteuropäischen Satellitenstaaten kein Abweichen von ihrem ideologischen und diktatorischen Kurs duldete.

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