RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Gerd Langguth

Die 68er-Bewegung

Interview mit Prof. Gerd Langguth

Welche Verbindungs- oder Berührungslinien gab es zwischen der Studentenbewegung, der APO und der späteren RAF? Gab es gemeinsame Ideologien?

Schon früh setzte in der Studentenbewegung die Argumentation ein, dass die von der studentischen Bewegung ausgeübte Gewalt lediglich Gegengewalt zur Gewalt der Herrschenden gewesen sei. Es wurde über "befreiende" und "reaktionäre" Gewalt diskutiert, wobei letztere von Seiten des Staates komme. Gerade die immer mehr einsetzende Unterscheidung zwischen einer Gewalt gegen Sachen und der Gewalt gegen Personen führte nicht nur zu einer zunehmenden Erosion rechtsstaatlichen Denkens, sondern insgesamt zu einer Enttabuisierung der Gewalt.

Berühmt wurden die Steinwürfe am "Tegeler Weg" in Berlin am 4. November 1968, als ein SDS-Sprecher erklärte, die Steinwürfe seien berechtigter Widerstand, man dürfe sich der Willkür des Staatsapparates nicht beugen. Damals sprach Jürgen Habermas davon, dass sich seit diesen Steinwürfen "die Gewaltrhetorik der Ostertage in eine Taktik des begrenzten Vandalismus umgesetzt" habe. Selbst Joseph ("Joschka") Fischer erklärte in der Bundestagsdebatte am 17. Januar 2001: "Ich war damals kein Demokrat, sondern Revolutionär."

Die ganz überwiegende Mehrheit der an der Protestbewegung Beteiligten wollte keine Gewalt. Vielfach wird der Beginn des deutschen Terrorismus auf das Jahr 1970 gelegt, als am 14. Mai 1970 Baader aus dem Leseraum des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen in Berlin-Dahlem durch Ensslin, Meinhof und andere befreit wurde. Aber tatsächlich hatte es bereits 1968 und 1969 Anschläge etwa auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin im November 1969 und auf andere Einrichtungen gegeben. Außerdem wurden bereits am 2. April 1968 durch Andreas Baader und Gudrun Ensslin Brandsätze in zwei Frankfurter Kaufhäusern gelegt.

Der Terrorismus der Roten Armee Fraktion und auch der anderen terroristischen Gruppen entstand nicht spontan. Ihm gingen vielfältige Strategiedebatten voraus, an denen auch Dutschke beteiligt war. Er wollte allerdings nicht den "militärischen" Kampf der Roten Armee Fraktion. Er hatte schon 1966 ein Stadtguerillakonzept entwickelt. Ihm dienten die lateinamerikanischen "Tupamaros" als Vorbild. Schon 1966 kam es im SDS unter dem Einfluss Dutschkes und anderer Mitglieder in der so genannten "Viva-Maria-Gruppe" zu einer intensiven Debatte über das Thema Gewalt. Dutschke: "Der Kampf der Vietcong und der MIR in Peru sind unsere Kämpfe, müssen bei uns tatsächlich über rationale Diskussion und prinzipiell illegale Demonstrationen und Aktionen in bewusste Einsicht umfunktionalisiert werden...".

Dutschke plädierte 1966/1967 unter dem Titel "Fokus-Theorie in der Dritten Welt und ihre Neubestimmung in den Metropolen" für die Übertragung von Che Guevaras Guerilla-Theorie auf die Verhältnisse in Deutschland und vor allem in West-Berlin. Allerdings sollte nach Dutschkes Auffassung die Strategie abgewandelt werden, entsprechend den anderen Verhältnissen in Europa. Die "Propaganda der Schüsse" in der Dritten Welt sollte durch die "Propaganda der Tat" in den Metropolen Nordamerikas und Europas ergänzt werden. Als das schwächste Glied machte er die Universität aus, sie bildete für ihn einen Fokus, von dem aus kleinste homogene Guerilla-Einheiten" ihren Ausgang nähmen. Deshalb kam es sogar zu Überlegungen im SDS, Dutschke auszuschließen.

Dutschke und Krahl, ein anderer SDS-Ideologe, riefen auf der SDS-Delegiertenversammlung im September 1967 dazu auf, sich als "Sabotage- und Verweigerungsguerilla" zu formieren. Noch vor dem "Vietnam-Kongress" im Februar 1968 propagierte Dutschke einen "europäischen Cong". Dutschke plädierte kämpferisch dafür, dass das Konzept der Stadtguerilla, das zuerst von den Tupamaros in Montevideo entwickelt und dann von dem brasilianischen Kommunisten Carlos Marighela seit Ende 1967 in Sao Paulo praktiziert und im "Handbuch der Stadtguerilla" kanonisiert wurde, abgewandelt auf Deutschland übertragen werden sollte. Hans Magnus Enzensberger erklärte, diese Position unterstützend, im Jahr 1969: "Gegenwärtig veranschaulicht uns eine Organisation wie die Tupamaros in Uruguay Formen des Kampfes, die direkt auf Europa angewandt werden können und müssen."

Welche Bedeutung haben folgende beiden Punkte für die Beziehung der RAF zur Studentenbewegung?
  1. Die RAF bezeichnet die Studentenbewegung selbst als ihre Vorgeschichte.

  2. Die Idee einer "Stadtguerilla" taucht sowohl bei dem SDS-Führer Rudi Dutschke als auch später bei der RAF auf, wenn auch in radikalerer Variante.
Nur eine kleine, extreme Minderheit wurde terroristisch, allerdings wäre, wie dargelegt, die Rote Armee Fraktion ohne die Studentenbewegung nicht vorstellbar, da alle wichtigen Mitglieder der ersten RAF-Generation aus dem SDS oder dessen Umfeld und damit aus der Studentenbewegung kamen oder ihr, wie Mahler und Meinhof als frühere SDS-Mitglieder verbunden waren.

Die Idee einer Stadtguerilla tauchte, ausgehend von der "Subversiven Aktion", in der Dutschke vor seinem SDS-Engagement mitwirkte, sowohl bei den Tupamaros West-Berlin als auch bei den Tupamaros München auf. Über letztere gibt es bisher kaum größere Erkenntnisse. Die Tupamaros West-Berlin entlehnten ihren Namen direkt einer gleichnamigen Gruppe aus Uruguay, die nach dem Konzept der Stadtguerilla mit Anschlägen in den Großstädten handelten, Entführungen hochgestellter Persönlichkeiten vornehmen sowie Banküberfälle zur Geldbeschaffung. Am Jahrestag der Reichspogromnacht platzierten die Tupamaros West-Berlin am 9. November 1969 eine Bombe im jüdischen Gemeindehaus, die während einer Gedenkveranstaltung zu den Novemberpogromen explodieren sollte. Die überalterte Zündkapsel funktionierte aber nicht. Laut mehrerer Zeugenaussagen war Dieter Kunzelmann an der Planung beteiligt, allerdings hat er dies wiederholt bestritten. Täter soll Albert Fichter gewesen sein.

Ist die RAF also ein Zufallsprodukt oder - wie es Butz Peters in seinem Buch "Der tödliche Irrtum" ausdrückt - ein "illegitimes Kind" der Studentenbewegung?

Die RAF wäre ohne die Vorgeschichte der Studentenbewegung nicht denkbar. Schon früh gab es innerhalb des SDS Debatten über Gewalt und Subversivität, also nicht nur militante Aktionen, sondern auch Guerillaaktivitäten am Beispiel der Tupamaros. Die RAF ist deshalb kein Zerfallsprodukt der Studentenbewegung, weil ihre Vorgeschichte bis weit in die Studentenbewegung hineinreicht.

Die Fragen stellte Stephan Trinius.

August 2007


Dossier

Die 68er-Bewegung

Sie protestierten gegen starre Strukturen, den Vietnamkrieg, die rigide Sexualmoral und die Nichtaufarbeitung des Nationalsozialismus: Tausende von Studenten gingen in den 1960er Jahren auf die Straße – und als 68er in die Geschichtsbücher ein. War diese Zeit notwendig für den Übergang in die moderne Gesellschaft?

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