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RAF Fahndungsplakat

20.8.2007 | Von:
Prof. Dr. Andreas Elter

Die RAF und die Medien

Ein Fallbeispiel für terroristische Kommunikation

Auch wenn es – wie Laqueur bemerkt – den einen großen Theoretiker des Terrorismus wohl nicht gibt, so gibt es doch unzählige verschiedene Theoretiker und Praktiker des Anarchismus (z. B. Bakunin und Kropotkin), der revolutionären Bewegung (z. B. Mao oder Che Guevara) oder des Stadtguerillakampfes (z. B. Marighella oder die Tupamaros in Uruguay).

Diese Theoretiker und Praktiker der "Propaganda der Tat" waren den Mitgliedern der RAF nicht nur bekannt – in vielen Punkten orientierten sie sich an ihnen: Sie waren gewisser-
maßen die geistigen Väter. Es dürfte daher kein Zufall gewesen sein, dass Andreas Baader ausgerechnet bei einem Schreiben "An die Nachrichtenredakteure der westdeutschen Presse ", welches er bei der Deutschen Presse-Agentur in den Briefkasten warf, Carlos Marighella zitierte: "Die Bullen werden solange im Finstern tappen, bis sie sich gezwungen sehen, die politische in eine militärische Situation umzuwandeln." Baaders Schreiben sollte als Beleg dafür dienen, dass er nach einem Schusswechsel mit der Polizei und seiner anschließenden Flucht noch lebte. Deswegen unterzeichnete er es auch mit seinem Daumenabdruck, um die Authentizität zu "beurkunden".

Spiegel-Titel vom 12. September 1977: Die RAF erstellte regelmäßige Pressespiegel.Spiegel-Titel vom 12. September 1977: Die RAF erstellte regelmäßige Pressespiegel. (© Spiegel-Verlag / HDG)
Ein weiterer Zweck des Schreibens war, einen Frontalangriff gegen die etablierten Medien zu fahren, "weil die westdeutsche Presse die Erklärung der Stadtguerilla-Kommandos nahezu vollständig unterschlagen hat. Stattdessen hat die Frankfurter Rundschau einen aus Buchstaben zusammengesetzten Brief verbreitet, dessen Charakter als Fälschung bei einem Vergleich mit authentischen Veröffentlichungen der RAF offensichtlich ist, um den Eindruck zu vermitteln, die Bombenattentäter seien Wirrköpfe, die chaotisch handeln, was die Bevölkerung in der Tat beunruhigen müsste. [...] Springer hat unter der Drohung weiterer Bombenanschläge die an ihn gerichteten Forderungen, wenn auch verstümmelt, publiziert. Die übrige Presse muß wissen, daß sie selbst Aktionen gegen den Springerkonzern provoziert, wenn sie sich aufgrund des ökonomischen Drucks, der von Springer ausgeht, freiwillig und opportunistisch seiner Zensurpraxis unterwirft. Wir fordern sie deshalb auf, die Bevölkerung nicht länger über den politischen Inhalt der Bombenanschläge zu täuschen [...]."

Die Massenmedien als Manipulator der öffentlichen Meinung spielten in den verschiedenen Erklärungen der RAF immer wieder eine Rolle. Als ein weiteres Beispiel sei hier die "Erklärung zum Bombenanschlag im Hamburger Hauptbahnhof" zitiert. In diesem Aufruf "gegen den Versuch der staatlichen Propaganda, den Anschlag im Hamburger Hauptbahnhof in die Nähe der RAF zu rücken" geht es der Gruppe zunächst darum, deutlich zu machen, dass nicht sie für den Anschlag verantwortlich war.

Es folgt ein Abschnitt, der sich explizit mit der Funktion der Medien und sogar einzelner Journalisten beschäftigt: "tatsache ist, daß der staatsschutz sein innerhalb der reaktionären struktur der durch medienkonzerne und öffentliche anstalten [ARD und ZDF, A. E.] institutionalisierten öffentlichkeit operierendes netz von staatsschutz-journalisten benutzt, um die rezeption des anschlags gezielt gegen die stadtguerilla zu steuern. profilierte figuren in diesem netz, das an die pressestelle des bka und die pressekonferenz angeschlossen ist, sind krumm in der fr, busche in der faz, leicht und kühnert in der sz und rieber und zimmermann, die in mehreren überregionalen zeitungen publizieren. der artikel von zimmermann, der einen zusammenhang zwischen dem anschlag, der raf, der bewegung 2. juni und siegfried haag behauptet, ist außer in der springer-presse parallel in acht überregionalen tageszeitungen erschienen."

Das Bild des entführten Arbeitgeberpräsidenten hat sich bis heute in das kollektive Bildgedächtnis eingebrannt.Das Bild des entführten Arbeitgeberpräsidenten hat sich bis heute in das kollektive Bildgedächtnis eingebrannt. (© AP)
Diese Erklärung ist gleich in doppelter Hinsicht für das Verhältnis Medien – RAF höchst interessant. Zum einen zeigt sie, dass die Gruppe offensichtlich so etwas wie einen Pressespiegel erstellt hatte, um festzustellen, wer was über sie berichtete. Wie hätte sie sonst wissen können, dass der Zimmermann-Artikel "außer in der springer-presse parallel in acht überregionalen tageszeitungen" erschienen war. Pressespiegel, Sammlungen von Zeitungsartikeln und ihre Systematisierung sind ein klassisches Instrument jeder Presse- und Öffentlichkeitsabteilung und ein Hilfsmittel für die externe Kommunikation.

Die Erklärung ist zum anderen aber deswegen besonders aufschlussreich, weil sie die Ambivalenz der RAF in Bezug auf die Massenmedien zeigt. Denn während einerseits die etablierten Zeitungen und explizit die Frankfurter Rundschau (FR) als Instrument des Staatsschutzes kritisiert werden, wird in derselben Erklärung nur einige Zeilen zuvor die FR von den Terroristen zitiert, um eine Verschwörungsthese zu belegen: "Inzwischen hat ein Bericht in der fr bestätigt, daß die Counterprojekte des Staatsschutzes seit ´72 – [...] nach dem Konzept der CIA-Zentrale entwickelt sind."

Die RAF brauchte die traditionellen Medien aber nicht in erster Linie als Quellenfundus für ihre Agitation – in diesem Bereich waren vor allem die Untergrundzeitschriften aktiv –, sondern als massenmedialen Vermittler ihrer Botschaften. Der Ansatz, durch Anschläge und Entführungen Presseveröffentlichungen zu erzwingen, ist fester Bestandteil der Forderungen von Terroristen und ihrer Kommunikationsstrategie. Für die RAF war der bekannteste Fall dieser Strategie die Schleyer-Entführung. Sie ist eng mit den wohl ersten Videobotschaften einer Terrororganisation überhaupt verbunden. Das Bild des entführten Arbeitgeberpräsidenten vor dem Hintergrund des RAF-Logos steht wie kaum ein anderes für die Geschichte der RAF. Bereits das erste Ultimatum der Entführer enthielt zwei publizistische Forderungen:
  • "[U]m 10 Uhr vormittags wird einer der Gefangenen das Kommando in Direktübertragung durch das Deutsche Fernsehen über den korrekten Ablauf ihres Abflugs informieren."
  • "[D]ie Erklärung wird [...] heute abend um 20 Uhr in der Tagesschau veröffentlicht."
Trotz Forderungen seitens der RAF werden Erklärungen der Terrororganisation nicht in den Nachrichten verlesen. (Tagesschau vom 5.9.1977)Trotz Forderungen seitens der RAF werden Erklärungen der Terrororganisation nicht in den Nachrichten verlesen. (Tagesschau vom 5.9.1977) (© ARD-aktuell/tagesschau.de)
In der dritten Nachricht der Schleyer-Entführer wurde gefordert, "daß die Video-Aufnahme, in der Schleyer seinen beiliegenden Brief vorliest, heute ab 18 Uhr in allen Nachrichtensendungen des Fernsehens abgespielt wird". Kopien von Videobändern und Polaroidfotos, von Ultimaten und Erklärungen gingen stets an die in- und ausländische Presse.

Obwohl selbst der damalige Regierungssprecher Klaus Bölling betonte, die Medien hätten bei der Schleyer-Entführung außerordentlich verantwortungsbewusst gehandelt, wurden Teile des Schleyer-Videos ausgestrahlt. Die RAF hatte also eine viel größere Medienöffentlichkeit bekommen, als sie sie durch eigene Publikationen oder Artikel in Untergrundzeitschriften, wie der Agit 883, jemals erreicht hätte. Insofern war ihre Erpressungs-Kommunikationsstrategie aufgegangen.


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