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Auf der Seepromenade Warnemünde
3. Juli 1990

10.7.2009 | Von:

Zurück in die Zukunft

Die ganzen Neunzigerjahre lang entfernte ich mich von dieser Welt raketenhaft, ich flog immer weiter westwärts, nur manchmal unternahm ich für eine Reportage eine Exkursion in die Vergangenheit, nach Russland oder Warschau oder in ostdeutsche Neubauwohnungen, in denen ehemalige Offiziere mit ihren verbitterten Frauen hinter zugezogenen Gardinen auf den Tod warteten. Aber das war natürlich nicht dasselbe, denn es hatte nichts mit mir zu tun. Gleichzeitig verflog der Stolz auf das Neue, er kam manchmal zurück: Wenn mich die nette Frau von der Autovermietung für eine Recherchereise upgradete, war ich noch mal ein staunender Besucher in meinem Leben. Bei einer Recherche über Rechtsradikale in Rathenow führte ich mir auf einem verlassenen Parkplatz vor, wie ich aus hundert Metern Entfernung mit dem Schlüsselanhänger meines Mercedes-Mietwagens den Kofferraum aufschnappen lassen konnte. Drei-, viermal machte ich das, rannte zum Wagen zurück, schloss die Heckklappe, rannte hundert Meter weg und schoss sie aus der Hüfte auf wie mit einem Colt. Ein paar Wochen lang berauschte ich mich an der Maisonettewohnung in der Wilhelmstraße, in die ich mit meiner Familie Mitte der Neunzigerjahre zog, eine Wohnung, die eigentlich für Diplomaten oder ostdeutsche Stars wie Katharina Witt entworfen worden war, und jetzt wohnte ich drin. Ich, ein Junge aus Prenzlauer Berg, der noch vor fünfzehn Jahren mit einem Entstörfahrzeug der Wasserwirtschaft durch die Gegend gefahren war und Rohrbrüche behoben hatte. Aber das verflog, ich kam immer schneller an.

1999 zog ich so weit weg aus meiner Vergangenheit, wie es auf dieser Welt möglich war, direkt in die Zukunft, nach New York. Ich arbeitete dort als Reporter für den Spiegel, unser Büro war ein kleines Penthouse auf dem Dach eines alten Gebäudes in der 5th Avenue, eher ein Bungalow, den ein gieriger Vermieter dort oben raufgesetzt hatte, aber es war die 5th Avenue, New York, NY. Manchmal, wenn ich nachts das Büro verließ und die lange Straße hinunterblickte, fühlte ich den Zauber wieder. Alles war dunkel, von fern jaulten die Sirenen, die U-Bahnschächte rauchten, und ich stand neben mir auf dem Bürgersteig und winkte nach einem Taxi, das mich nach Hause bringen sollte, nach Hause, in New York! Ich war Gast in einem gewaltigen Traum, einen Traum, den ich nicht einmal geträumt hatte, weil er jenseits meiner Vorstellungskraft lag.

Wenn ich Deutschland besuchte, schlief ich im Hotel. Ich trug meine Adresse mit unbeschreiblichem Stolz in die Anmeldeformulare ein: 732 Carroll Street, Brooklyn, NY, 11215, USA. Nie werde ich diese Adresse vergessen. Die deutschen Hotelangestellten sprachen Englisch mit mir, ich antwortete auf Englisch. Am schönsten war es, wenn ich im Palasthotel abstieg, das ich zu DDR-Zeiten immer nur von außen sah, ein geheimnisvoller, halbverspiegelter Tempel, der mitten in meiner Stadt stand und dennoch unerreichbar schien. Jetzt schlief ich hier, schrieb meine beeindruckende Adresse in die Anmeldung, und der Herr an der Rezeption begrüßte mich mit meinem Namen, wenn ich ankam oder abreiste. Manchmal fühlte ich mich wie ein Hochstapler.

Irgendwann rissen sie das Palasthotel ab, ich schlief in Hotels, die es vor zehn Jahren noch nicht gegeben hatte, einmal sogar im nagelneuen Ritz. Das war zwar auch sehr schön, aber keine Reise in meine Vergangenheit. Es war nur eine Reise aus New York nach Europa, ich betrat ein neues Hotel, das war alles. Einige meiner ostdeutschen Landsleute freuten sich, dass ihr Land nun Teil der alten Welt war, des alten Europas, so als hätten sie sich vor zwanzig Jahren nicht gerade noch in einem sozialistischen Experiment befunden. Ich stand nicht mehr neben mir auf dem Bürgersteig und staunte über mich selbst. Die Vergangenheit und die Gegenwart schoben sich zusammen, übereinander, vielleicht fand ich zu mir selbst, das wäre ja gut. Vielleicht verschwanden aber auch nur die Vergleichsmöglichkeiten. Als ich achtzehn war, schenkte mir jemand auf einem Zeltplatz in Bukarest einen Dollarschein, ich hab ihn jahrelang aufbewahrt wie einen Schatz. Aber mit den Dollars, die ich nun jederzeit von meinem Chase-Manhattan-Konto abheben konnte, verschwand sein Wert. Es war nur ein Dollarschein. Ich weiß nicht mehr, wo er ist.

Als ich nach sieben Jahren New York zurück nach Berlin kam, war auch die alte Welt verschwunden. Die zerschossenen Fassaden meiner Straße im Prenzlauer Berg hatten die Farben von Kanarienvögeln, es gab keine Kohleöfen mehr, und die Bewohner sahen alle gleich aus. Sie hatten selbstbewusste, laut sprechende Kinder, fuhren solide Fahrräder, unauffällige Autos, lasen ernst zu nehmende Zeitungen und bekamen an langen Wochenenden Besuch von ihren Eltern aus Westdeutschland. Sie betonten sogar das Bötzowviertel, in dem ich früher gelebt hatte und nun wieder lebte, anders. Es wurde heute mit kurzem Ö ausgesprochen. Sogar die elektronische Stimme im Bus betonte es mit kurzen Ö. Die Vergangenheit existierte nicht mehr, sie war weg. Bis sie im letzten Winter noch einmal zurückkehrte. Der Pfarrer der Erlöserkirche in Berlin-Lichtenberg fragte mich, ob ich dort im Frühjahr lesen würde. Sie hatten die Blues-Messe wiederaufleben lassen, eine legendäre Widerstandsveranstaltung aus den Siebziger- und Achtzigerjahren. Zu den ersten beiden Revivals waren nicht besonders viele Besucher erschienen. Sie wollten die Blues-Konzerte mit Lesungen kombinieren, um sie attraktiver zu machen, sagte mir der Pfarrer. Ich sagte schnell zu.

Ich war nie auf einer Blues-Messe gewesen, ich wusste damals nicht mal, dass es so etwas gab. Ich befand mich nicht im Widerstand, ich war Schüler einer Polytechnischen Oberschule in Berlin-Prenzlauer Berg, dann Lehrling beim VEB Wasserwirtschaft und Abwasserbehandlung in Neubrandenburg, Soldat der Nationalen Volksarmee und schließlich Journalistikstudent der Karl-Marx-Universität in Leipzig. Als die Mauer fiel, hatte ich gerade begonnen als Wirtschaftsredakteur bei der Berliner Zeitung zu arbeiten, wo es meine Aufgabe war, aus auseinanderbröckelnden Betrieben irgendwelche positiven Nachrichten zu filtern wie Goldstaub. Wahrscheinlich hätten sie einen wie mich in der Blues-Messe geopfert. Aber nun schien sich die Möglichkeit zu ergeben, noch einmal zurückzureisen in die Zeit, alles wieder gutzumachen, die Geschichte umzuschreiben, sozusagen. Leider meldete sich der Pfarrer dann nicht mehr, und ich dachte, sie hätten es sich anders überlegt. Aber zwei Tage vor der Blues-Messe rief ein Mann an, der aus der Vergangenheit kam. Meine Frau war am Telefon.

"Ick möchte einen Journalisten sprechen, der da wohnt", sagte der Mann. "Wen?", fragte meine Frau. "Ick weess nicht, wie der heisst, ick hab nur die Nummer bekommen", sagte der Mann am Telefon. "Und wer sind Sie?" "Na, Holly." "Holly?" "Von der Blues-Messe." "Ach so", sagte meine Frau, "Sie könnten trotzdem ein bisschen freundlicher sein." "Da müssten se mich ma sonst hören", sagte Holly. Dann bekam ich den Hörer. Holly erzählte mir, dass er für das musikalische Programm zuständig war. Der Pfarrer sei an der Ostsee und habe ihn beauftragt, mich anzurufen. Wir sollten das jetzt besser organisieren, sagte er. Bei den letzten beiden Blues-Messen seien nur fünfzehn Leute da gewesen. "Wenn es diesmal nicht mehr wird, hör ick wieder uff", sagte Holly. "Wird schon", sagte ich, "Was spielen Sie denn?" "Na, den Blues", sagte Holly. "Klar", sagte ich.

Ich traute mich nicht, nach seinem richtigen Namen zu fragen, ich hatte das Gefühl, ihn kennen zu müssen. Ich kannte ihn aber nicht, meine Frau auch nicht. Sie wuchs zwar in der Nähe der Kirche, in der die Blues-Messen früher stattfanden, auf, aber sie war damals noch zu jung für den Blues. Sie dachte, in der Kirche fänden Blutmessen statt, sagte sie mir. Bei Wikipedia fanden wir heraus, dass Holly schon ziemlich viel hinter sich hatte. Er wurde 1950 in Mahlsdorf geboren und hieß eigentlich Günter Holwas. Er wurde als Jugendlicher wegen Rowdy- und Bandentum verurteilt, arbeitete im Kraftwerk Klingenberg und im Altstoffhandel und verweigerte 1975 den Armeedienst an der Waffe. So wurde er als Bausoldat Gärtner von Admiral Waldemar Verner, dem stellvertretenden Minister für Nationale Verteidigung. Verner und seine Frau mochten Holly und halfen ihm, seinen Wehrersatzdienst vorzeitig zu beenden. Er gründete Hollys Bluesband und trat 1978 erstmals in einer Konzertumbaupause zwischen der Hansi-Biebl-Band und der Engerling Blues Band im Kino Forum in Berlin-Karlshorst auf. Weil er kaum Auftrittsmöglichkeiten hatte, schlug er Pfarrer Eppelmann die Blues-Messe vor. 1979 fand die erste statt, 1980 löste sich Hollys Band schon wieder auf. Im Juli 1981 erhielt Holly Auftrittsverbot, am 13. August stellte er einen Ausreiseantrag, demonstrativ, wie es heißt, im November reiste er aus. "Die Bundesrepublik war für ihn keine Alternative", ist bei Wikipedia zu lesen, deshalb ging Holly nach Kanada, schlug sich als Begleitmusiker und Truckfahrer durch, kehrte nach dem Mauerfall zurück, war allerdings geschockt vom Konsumrausch seiner ostdeutschen Landsleute, zog in eine Hippiekommune nördlich von Ontario und brach 1995 auf der Bühne zusammen. Nach dem dritten Herzinfarkt zog er 1995 nach Berlin zurück, trat zum 25. Jahrestag der Blues-Messe wieder zum ersten Mal auf und belebte die Idee wieder.

Holwas bezeichnet sich als "geborener Provokateur", steht da. Dem konnte man wohl zustimmen. Was für ein Leben. Es war eine Schande, dass nur fünfzehn Menschen zur letzten Blues-Messe erschienen waren, dachte ich. Glücklicherweise waren es diesmal fast dreihundert, die Kirche war gut gefüllt. In der Sakristei stellte mich Holly seinen Musikern vor, einem älteren, gut gelaunten Herrn und der Schlagzeugerin Tina Powileit, die einst im DEFA-Film die Alleinseglerin mitgespielt hatte. "Alleinseglerin?", fragte ich. "War ick och mal", sagte sie, "vor Ewigkeiten."

Wir stimmten ab, dass ich zweimal las, sie zweimal spielten. Wer gerade nicht dran war, wartete hinterm Altar. Mehr Programm gab es nicht. Ich trat vor die Gemeinde und fing erst einmal an. Es waren eine Menge bärtige Männer im Saal, und ich fühlte mich ein wie ein Revolutionspfarrer. Leider trübten Holly und sein Techniker das erhabene Gefühl. Der Techniker schien bereits vorgeglüht zu haben, er hatte Rotweinlippen und schwankte bedenklich. Er besprach während meines Vortrages lautstark irgendwelche Dinge mit Holly. Unentwegt brummte es hinterm Altar, als gebe mir Gott Kommandos, ich konnte mich kaum auf meinen Vortrag konzentrieren. Noch schlimmer war es, wenn Holly spielte. Dann stand ich hinterm Altar und zitterte. Es war eine eiskalte Märznacht. Hollys Sets wurden immer länger. Der schwankende Techniker forderte die Leute auf, zu tanzen. Holly bat seine Tochter nach vorn, um ein Lied mit ihr zu singen. Er erzählte, dass sie in den nächsten Tagen operiert werden würde. Sie sagte, dass sie ihren Vater zehn Jahre nicht sehen durfte, wegen der Mauer. Ich stand hinterm Altar in der Kälte. Dort vorn wurde der Geist der alten Blues-Messen beschworen, sie feierten eine Art Live Aid Lichtenberg, und ich war wieder nicht dabei.

Vielleicht wollten sie sich rächen. Ich spürte, wie Holly sich an der gut gefüllten Kirche berauschte, vielleicht würde er sich in einer ewig langen Improvisation verlieren, die Männer mit den langen Bärten und glühenden Augen tanzten vielleicht schon auf ihren Kletterschuhen zwischen den Kirchenbänken, tanzten sich warm, während ich hier hinten erfror. Der ewig Gestrige, erstarrt in einer symbolischen Geste, während vorn der geborene Provokateur zum Tanz aufspielte. Später würden sie mich finden, vielleicht der Pfarrer, wenn er aus dem Ostseeurlaub zurückkam. Hier liegt ja jemand, würde er sagen. Wer ist denn das? Und die Gemeinde würde mit den Schultern zucken.

Aber kurz bevor es soweit war, brach Holly die Blues-Messe ab. Ich lief nach vorn und las noch schnell einen Text vor, ein paar Leute, die bereits auf dem Weg zum Ausgang waren, drehten sich noch mal um, blieben stehen und sahen mich erstaunt an. Ich las immer schneller, so, als wollte ich ihnen nicht unnötig zur Last fallen. Irgendwann kam ein freundlicher junger Mann von der Gemeinde und übereichte uns mitten im Aufbruchsgemurmel ein paar Geschenke. Holly bekam einen Präsentkorb, ich eine Fliese, die eine Lichtenberger Künstlerin gestaltet hatte. Die Fliese zeigte eine Frau in einem Kostüm, ein Gründerzeitmotiv, sie erinnerte mich an das Kunstgewerbe, das Ende der Achtzigerjahre auf DDR-Flohmärkten verkauft wurde.

Ich sah auf die bärtigen Männer, die dem Ausgang zustrebten, Atemwolken ausstoßend, auf die Fliese, auf den Techniker mit den Rotweinlippen, der zwischen den Kabeln taumelte, und auf Holly, der unsicher in die Kirche schaute oder vielleicht auch nur teilnahmslos, ich wusste es nicht. Das war die Vergangenheit, nach der ich mich so gesehnt hatte. Die ernsten Gesichter, die Kälte, die Unverbindlichkeit, die Vorwürfe. Keine Erlösung in der Erlöserkirche. Die roten Backsteinmauern erinnerten mich an die Wände der St. Josephs Kirche in Weißensee, wo ich zum ersten Mal gebeichtet hatte, meine Erstkommunion empfing und später ministrierte, bevor ich Marx-Fan wurde und dann von jedem Glauben abfiel. Die Vergangenheit war kompliziert, verzwickt. Wer wusste das besser als Holly, der neben mir stand und zusah, wie unser Publikum langsam in der kalten Lichtenberger Nacht verschwand. Wir kannten uns nicht, wir hatten nichts gemeinsam. Aber wahrscheinlich wollte auch er nichts weiter als zurückreisen in der Zeit, auf der Suche nach dem Glück. Er hatte es im Westen gesucht, dann in Kanada, dann im wiedervereinigten Deutschland und schließlich in der Hippiekommune nördlich von Ontario. Ich weiß nicht, ob er es jemals gefunden hat. Im Moment sah er nicht unglücklich aus.

Holly schaute auf seinen Präsentkorb. "Der gute alte Präsentkorb", sagte ich. "Jenau", sagt Holly, "kannste ja deiner Frau schenken, dit se nicht mehr sauer auf mich ist." "Ach lass mal", sagte ich. "Wollen wa dit jetzt regelmäßig machen?", fragte Holly. "Mal sehn", sagte ich, nahm die Fliese der einheimischen Künstlerin, trug sie in meinen Volvo Cross Country, den ich aus Amerika mitgebracht hatte, und fuhr zurück in die Gegenwart, so schnell ich konnte.


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