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Konfession und Kultur | Reformation: Luthers Thesen und die Folgen | bpb.de

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Konfession und Kultur

Axel Gotthard

/ 6 Minuten zu lesen

Seit 1555 beherbergte das Reich zwei – bald wird sich zeigen: drei – Konfessionen. Und es schälten sich unter ein und demselben Dach ganz verschiedene Kulturkreise heraus. Dass der Südosten sowie Teile des Südwestens und des Rheinlands katholisch blieben, der Norden großteils evangelisch wurde, machte sich nicht nur sonntags im Gottesdienst bemerkbar.

In das Konfessionelle Zeitalter kann nur hineinfinden, wer bereit ist, sich auf die tiefe Frömmigkeit fast aller vormodernen Menschen einzulassen. Sonntags gab es zahlreiche Gottesdienste, man ging zum Katechismusunterricht, die Feiertage waren, besonders auf katholischer Seite, kaum zu zählen – ihretwegen hatten Katholiken, wiewohl der Samstag damals ganz normaler Arbeitstag war, tatsächlich eine Viereinhalbtageswoche. Aber der Glaube imprägnierte nicht nur sonntags alle Lebensbereiche. Zuhause in der Wohnstube gab es eine fromme Nische mit Kreuz und Andachtsbildern, vor denen regelmäßig gebetet wurde.

Die Wieskirche in Bayern. (© picture-alliance, Arco Images)

Vielleicht symbolisiert, ohne dass man das überstrapazieren müsste, die Kirchenglocke die alles durchdringende Kraft des Glaubens. Sie war Zeitmesser wie heute die Armbanduhr; sie rief zum Gottesdienst, aber oft auch zu Ratssitzungen und zum Wochenmarkt; sie läutete, weil ein Feuer ausgebrochen – oder ein feindliches Heer im Anmarsch war; sie rief zu bestimmten Stunden zum Gebet, unspezifisch oder aber um Schutz vor dem islamischen Osmanischen Reich zu erflehen ("Türkenglocke").

Die jeweilige Konfession hatte auch das kulturelle Leben fest im Griff. Weil das Reich, definitiv seit 1555, zwei – bald wird sich zeigen: drei – Konfessionen beherbergte, schälten sich hier, in der Mitte Europas, unter ein und demselben Dach ganz verschiedene Kulturkreise heraus. Dass der Südosten sowie Teile des Südwestens und des Rheinlands katholisch blieben, der Norden großteils evangelisch wurde, machte sich nicht nur sonntags im Gottesdienst bemerkbar. Die farben-, überhaupt sinnenfrohe süddeutsche Frömmigkeit prägte die Künste dort nicht minder als die eher nüchterne, intellektuelle, wortverhaftete lutherische Religiosität den Norden. Vor den Bombennächten des Zweiten Weltkriegs, den Planierarbeiten der Nachkriegsjahre hat es jeder Reisende zweifelsohne noch deutlicher gespürt.

Denn am augenfälligsten wird das Nebeneinander verschiedener Kulturkreise an der Architektur. Sie ist ja gewissermaßen die politischste der Künste, per definitionem auf Zurschaustellung, auf öffentliche Wirkung bedacht. Vermittelt vor allem durch Jesuiten drang in die Architektur Süddeutschlands, auch der katholischen Teile des Westens wieder die romanische Formensprache ein. In München entstand im ausgehenden 16. Jahrhundert nach mehr als hundert Jahren erstmals wieder ein großer deutscher Kirchenbau: die Jesuitenkirche St. Michael. Bezeichnend, dass sie in der Grundanlage einer italienischen Kirche, Il Gesù in Rom, nachempfunden ist! Und von St. Michael (damit tatsächlich italienischer Jesuitenarchitektur) ließen sich dann wieder die Baumeister vieler anderer Kirchen im katholischen Reichsteil inspirieren. Ihren Höhepunkt wird die katholische Architektur in den Schloss- und Kirchenbauten des Hoch- und Spätbarock erreichen, beispielsweise mit Wallfahrtskirchen wie Vierzehnheiligen oder der Wieskirche.

Nimmt man zu den prachtvollen Kirchen Hospitäler, Schulen, die vielen Niederlassungen der revitalisierten Orden hinzu, wird deutlich, dass katholische Kapitalen ihr Antlitz, ihr urbanes Gepräge im 16., mehr noch im 17. Jahrhundert grundlegend geändert haben. Renaissance-, dann und vor allem Barockarchitektur überformte das mittelalterliche Stadtbild. Katholische Urbanität mutet heute üppig, reichhaltig, beschwingt, oft heiter an. Sie sollte aber, natürlich, auch damals wirken – Jesuitenarchitektur, katholische Architektur überhaupt war ja nicht l´art pour l´art, Selbstzweck, die gegenreformatorische Propaganda suchte vielmehr alle Sinne des Menschen zu erreichen, nicht nur seinen Intellekt, kündete von der Herrlichkeit des Einen Gottes und der Kraft seiner Einen Kirche. Südländische Sinnenfreude und das pädagogische Geschick der Jesuiten gingen hier eine innige und erfolgreiche Verbindung ein.

Es war ein Kontrastprogramm zum evangelischen. Die reformatorischen Bewegungen hatten auf die Kraft des Wortes gesetzt, auf Lektüre und Predigt. Nichts sollte vom "Wort" ablenken – weshalb man lutherisch werdende Kirchen oft "reinigte", vielen Schmucks und Zierats beraubte; Calvinisten pflegten die Kirchen sogar regelrecht auszufegen, alle Bilder zu entfernen. Evangelische Frömmigkeit war insofern intellektueller als die katholische: wortverhaftet, verinnerlicht, unterschiedlich konsequent sinnenskeptisch. Und als der Katholizismus auf die Gegenoffensive zurüstete, über seine Strategien nachdachte, da stand rasch fest, dass man es der Gegenseite auch in dieser Hinsicht nicht etwa nachmachen würde, nein, man würde den Kontrast jetzt gerade und erst recht deutlich herausstreichen: also prächtige Bildprogramme, sozusagen der gemalte und modellierte Himmel auf Erden, die Ohren sollten himmlische Klänge aus zahlreichen riesigen Orgelpfeifen betören, der Nase viele Weihrauchfässer schmeicheln.

Während der Protestantismus äußerlichen und, wie die Reformatoren empfanden, abergläubischen Firlefanz zurückdrängte, griff der gegenreformatorische Katholizismus bewusst auf ältere, sinnliche Formen der Frömmigkeit zurück und belebte sie neu, wobei man, wo möglich, auch Elemente des Volksglaubens mit einbaute. Oft hielt die katholische Welt jetzt gerade und erst recht an Bräuchen fest, die evangelische Obrigkeiten verboten hatten – zum Beispiel an der Fasenacht (norddeutsch: Karneval).

Oder an Prozessionen und Wallfahrten. Eine Prozession des Konfessionellen Zeitalters war Massenereignis; und durchaus ein Politikum, denn weil Protestanten Wallfahrten und Prozessionen als finsteren Aberglauben abgelehnt haben, flogen dann ziemlich häufig Steine, manchmal aber auch Gewehrkugeln, noch 1712, im vermeintlichen Zeitalter der Aufklärung, wird eine Fronleichnamsprozession in Siegen vier Menschenleben kosten. Prozessionen, insbesondere aber die mehrtägigen, oft gigantischen, tausendköpfigen Wallfahrten waren sinnstiftende Gemeinschaftserlebnisse. Sie vermittelten – konfessionspolitisch erwünschtes – Gemeinschaftsbewusstsein, aber auch seelische Stärkung in den Alltagsnöten, innere Besinnung, boten körperliche Anstrengung wie Geselligkeit (denn gute Wirtshäuser durften neben den Wallfahrtskirchen nicht fehlen), manchmal marschierten Musikkapellen mit. In gewisser Weise stillten Wallfahrten wohl Bedürfnisse, denen wir heute in Sport- und Gesangsvereinen frönen.

Der mit Votivtafeln behängte Umgang an der Gnadenkapelle im Wallfahrtsort Altötting (Oberbayern), aufgenommen am 14.07.2010. (© picture-alliance)

Ersetzten sie auch den Arzt? Die damalige Medizin bot wenig Trostreiches, viele konnten sich den Arzt auch gar nicht leisten, ihnen blieb nur die Zuversicht auf himmlische Hilfe. Hatte sie sich (ihres Erachtens) eingestellt, bedankten sie sich manchmal mit Votivtafeln, also kleinen, häufig beschrifteten Bildchen oder auch Reliefs, die in der Wallfahrtskapelle aufgehängt wurden: "Maria hat geholfen", "Unser Bub ist wieder gesund, hab Dank Heiliger X". Es gab damals das Wort "psychosomatisch" noch nicht, aber sicher hat es in der vormodernen face-to-face-Gesellschaft (meint: jeder kennt jeden, man kann sich gar nicht aus dem Weg gehen) vielfach Erleichterung gebracht, sich einmal mit einem fremden Priester in der Beichtkabine aussprechen zu können, Rat und Trost gespendet zu bekommen.

Der evangelische Christ begegnete seinem Gott, wie wir ja schon sahen, vereinzelter, in der Bibellektüre, in stets erneuter strenger Gewissenserforschung (der Katholik konnte sein Gewissen ja regelmäßig im Beichtstuhl von Amts wegen erleichtern lassen). Vereinzelter – und dann, wenn er schon einmal in Gemeinschaft war, in einer kargen, nüchternen Atmosphäre. Kirchenbauten entfalteten nie auch nur annähernd die Pracht katholischer Kirchen. Aber solche Neubauten hat es sowieso nicht viele gegeben. Evangelische Städte erlebten in der Frühen Neuzeit fast keine öffentliche Bautätigkeit. Der vom Mittelalter übernommene Kirchenraum reichte für den Gemeindegottesdienst allemal aus. Viele Kirchen, und Klöster zumal, hat man, nach der Einziehung durch die weltliche Obrigkeit, sogar profaniert, zu Lateinschulen oder Universitätsgebäuden umgewidmet, zu Waisenhäusern oder Altersheimen gemacht – weshalb auch die Bereiche Bildung und Soziales, anders als in der katholischen Welt, keinen Baubedarf anmeldeten. Einst evangelische Städte muten deshalb zumeist altertümlicher an als katholische, entfalten weniger barocken Glanz.

Gewiss könnte man konfessionell geprägte Kulturkreise auch anderswo nachzeichnen. Es gab so etwas wie eine lutherische Literatur (Andreas Gryphius; oder Paul Gerhardt, dem sich so manches noch heute in lutherischen Kirchen gesungene Kirchenlied verdankt) und einen katholischen Kreis mit Zentren in München, Prag, später auch Wien. Natürlich wurde das so genannte "Jesuitendrama" nur in katholischen Gemeinden aufgeführt, und das notorisch: etwa anlässlich der jährlichen Schulgründungsfeste, wo dann der hoffnungsvolle Nachwuchs, aber auch die geladene Führungs- und Bildungselite der Region heroische Glaubenskämpfer, stoisch-standhafte Märtyrer, oft genug auch liederliche Ketzer vorgeführt bekamen, womöglich vor der eindrucksvollen Kulisse einer Jesuitenkirche.

Heiraten über Konfessionsgrenzen hinweg hat es so gut wie keine gegeben. Und es entwickelten sich, der konfessionellen Spaltung wegen, auch die geistigen Austauschprozesse mit den europäischen Nachbarn in ganz verschiedene Richtungen. Die katholischen Gebiete orientierten sich kulturell viel eher als an ihren protestantischen Nachbarn an Italien, Spanien, an den habsburgischen Niederlanden (das heutige Belgien, mit Brüssel). Lutherische Eliten aber kommunizierten mit Skandinavien, auch mit England; in der calvinistischen Pfalz schaute man, eher als ins benachbarte katholische Trier, nach Den Haag oder Genf. Nicht nur an typischen Stadtbildern kann man Auswirkungen der konfessionellen Spaltung Mitteleuropas noch heute wahrnehmen: Man denke nur, beispielsweise, an Faschingsbräuche oder an die Brauereidichte einer Region. Salopp gesagt: reichhaltig ist dies wie das, der Humor und das Bier, nur in einst katholischen Gegenden. Bis vor wenigen Jahrzehnten gab es für wichtige öffentliche Ämter, wie etwa Schulleiterpositionen, einen ungeschriebenen, aber ehernen konfessionellen Proporz, auch für als ausgewogen erachtete Wahllisten war er (wie heute der Geschlechterproporz) wichtig. Sogar für Wahlergebnisse spielt die Konfession eine (freilich abnehmende) Rolle. Noch die Weimarer Republik kannte eine katholische Partei, das Zentrum. Dass SPD und Grüne 1998 Helmut Kohl in den Ruhestand schickten, verdankten sie dem protestantischen Teil der Nation. Protestanten wählten zu 46 Prozent SPD, Katholiken nur zu 36; umgekehrt wählten 46 Prozent der Katholiken die C-Parteien, aber nur 32 Prozent der Protestanten.

Prof. Dr. Axel Gotthard ist Professor für Geschichte der Frühen Neuzeit an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Zu seinen Schwerpunkten in Forschung und Lehre gehören Historische Friedens- und Konfliktforschung, vormoderne Verräumlichungspraktiken, die Bedeutung der Konfession und von Säkularisierungsprozessen für die europäische Geschichte und die politische, Kultur- und Verfassungsgeschichte des Alten Reiches. Er ist Verfasser zahlreicher Publikationen, u.a. "Das Alte Reich 1495-1806, Darmstadt 2003", "Der Augsburger Religionsfrieden, Münster 2004", "Der liebe vnd werthe Fried. Kriegskonzepte und Neutralitätsvorstellungen in der Frühen Neuzeit, Köln/Weimar/Wien 2014"; zuletzt erschien (September 2016) "Der Dreißigjährige Krieg. Eine Einführung."