"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft

Reichstagsbrand

Ein unvorhersehbarer Zufall kam zu Hilfe, um dieses Vorgehen noch vor dem Wahltag zu ermöglichen und den scheinbaren Beweis für den kommunistischen Umsturzversuch zu liefern, den die Nationalsozialisten für die Rechtfertigung einer verschärften Repressionspolitik gebrauchen konnten.

In der Nacht vom 27. auf den 28. Februar 1933 brannte der Berliner Reichstag. Gegen 21 Uhr war der Brand bemerkt worden, um 21.27 Uhr wurde der holländische Anarchist Marinus van der Lubbe im Bismarcksaal des brennenden Gebäudes festgenommen. Bei seiner Verhaftung stieß er das Wort "Protest" aus und gestand diese und drei vorausgehende, kleinere Brandstiftungen. Seither gehört die Frage nach der Täterschaft zu den immer wieder kontrovers diskutierten Fragen der Kriminalistik und politischen Strafprozeßgeschichte. Für die Nationalsozialisten stand noch in der Brandnacht fest, daß es sich um eine kommunistische Verschwörung handelte. Umgekehrt waren die Gegner der Nationalsozialisten, die diesen mittlerweile jede Hinterlist zutrauten, bald der Überzeugung, daß ein geheimes Kommando der Nationalsozialisten den Brand selbst gelegt hätte, um daraus politischen Gewinn für den Wahlkampf zu ziehen. Ein kommunistisches "Braunbuch" über den Reichstagsbrand hat diese These sehr bald als wirkungsvolles Argument der antinationalsozialistischen Gegenpropaganda zu untermauern versucht und damit weit in die Nachkriegszeit hineingewirkt. Denn was war angesichts der Nutzanwendung, die die Nationalsozialisten aus dem Reichstagsbrand zogen, und der politischen Folgen dieses Ereignisses naheliegender, als auch den Reichstagsbrand als Beweis für die Existenz eines ausgeklügelten Plans zur Errichtung einer totalitären Diktatur auf das Schuldkonto der Nationalsozialisten zu schreiben.

Mit den Publikationen von Fritz Tobias (1962) wurde der Reichstagsbrand für Politik und Wissenschaft vollends zum Objekt eines Glaubensstreites. Mit ihnen wurde nicht nur die These von der Alleintäterschaft van der Lubbes mit überzeugenden Argumenten erneuert. Vor allem wurde damit die grundsätzliche Frage aufgeworfen, ob der Weg zur NS-Diktatur planvoll vorbereitet und beschritten worden oder nicht vielmehr Folge einer skrupellosen, aber improvisierten Ausnutzung von Krisen und Konflikten war. An der Reichtstagsbrandkontroverse sollte sich die bis heute andauernde wissenschaftliche Auseinandersetzung um Struktur und Politik des NS-Regimes entzünden.

Nach intensiven Recherchen spricht heute vieles für die Alleintäterschaft des Marinus van der Lubbe, zu der dieser sich selbst bekannt hatte. Auch wenn der Anlaß eher zufällig war, historisch weit folgenreicher waren die Konsequenzen, die die Nationalsozialisten aus dem Vorfall zogen. Sie verrieten den entschlossenen und kompromißlosen Willen, die Ereignisse zur Vernichtung des politischen Gegners zu nutzen und die unbeschränkte Diktatur überfallartig und gewaltsam durchzusetzen.

Die nationalsozialistische Führung wurde vom Reichstagsbrand offensichtlich überrascht und reagierte zunächst hysterisch. Nach den ersten Informationen über den Täter und von einem Augenzeugen, der kurz vor dem Brand noch kommunistische Abgeordnete im Reichstag gesehen haben wollte, stand für Göring fest: "Das ist der Beginn des kommunistischen Aufstandsversuches, sie werden jetzt losschlagen. Es darf keine Minute versäumt werden." Hitler überbot ihn in der Androhung radikaler Verfolgungsmaßnahmen. "Es gibt kein Erbarmen; wer sich uns in den Weg stellt, wird niedergemacht. Das deutsche Volk wird für Milde kein Verständnis haben. Jeder kommunistische Funktionär wird erschossen, wo er angetroffen wird. Die kommunistischen Abgeordneten müssen noch in dieser Nacht aufgehängt werden. Alles ist festzusetzen, was mit den Kommunisten im Bunde steht. Auch gegen Sozialdemokraten und Reichsbanner gibt es jetzt keine Schonung mehr."