"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft

Wahlen vom 5. März 1933

Um so erstaunlicher war es, daß in diesem Klima von Rechtsunsicherheit und Gewalt bei den Reichstagswahlen am 5. März 1933 die NSDAP mit 43,9 Prozent und die Deutschnationalen mit acht Prozent zusammen nur knapp die Mehrheit der abgegebenen Stimmen erhielten; daß umgekehrt das katholische Zentrum und die SPD ihren Stimmenanteil halten und sich damit zum letzten Mal auf die große Geschlossenheit ihres jeweiligen Wählerpotentials stützen konnten. Auch die KPD erreichte trotz der massiven Behinderung und Verfolgung mit 12,3 Prozent ein bemerkenswertes Ergebnis. Die Parteien der bürgerlichen Mitte wurden hingegen endgültig zerrieben.

Der Stimmenzuwachs der NSDAP mit 10,8 Prozent gegenüber den Wahlen im November 1932 und 6,5 Prozent gegenüber den Juliwahlen von 1932 enttäuschte die Erwartungen der Parteiführung. Beobachter waren sich einig, daß dieser Zuwachs vor allem auf das Konto Hitlers bzw. des Hitler-Mythos ging, der im Mittelpunkt des Wahlkampfes gestanden hatte. Ihre Gewinne schöpfte die NSDAP vor allem aus dem Reservoir der Nicht- und Neuwähler, teilweise auch aus dem Potential der Protestwähler, die bislang KPD gewählt hatten und jetzt im Massensog ihr Heil im anderen Extrem suchten. Der hohe Grad der politischen Mobilisierung spiegelte sich in der Wahlbeteiligung, die auf die Rekordmarke von 88,8 Prozent gestiegen war.

Hochburgen im Norden

Die Hochburgen der NSDAP lagen nach wie vor in den Agrargebieten Nord- und Ostdeutschlands, allen voran die Wahlkreise Ostpreußens mit 56,5 Prozent NSDAP-Stimmen, Pommern mit 56,3 Prozent, Frankfurt/Oder mit 55,2 Prozent, Osthannover mit 54,3 Prozent, Liegnitz mit 54 Prozent und Schleswig-Holstein mit 53,2 Prozent der Stimmen. Am anderen Ende der Skala rangierten städtisch-industrielle Ballungsgebiete Mittel- und Westdeutschlands. Hier spielte teilweise auch der konfessionelle Faktor eine wichtige Rolle, wie etwa im überwiegend katholischen Wahlkreis Köln-Aachen, der mit 30,1 Prozent die niedrigste Stimmenzahl für die NSDAP brachte.

Auffällig war, daß nun auch verstärkt Wahlkreise in Süd- und Südwestdeutschland größere Stimmengewinne für die NSDAP brachten, so etwa Niederbayern mit 39,2 Prozent (bisher 18,5 Prozent) oder Württemberg mit 42 Prozent, wo der Zuwachs gegenüber 1932 13,8 Prozentpunkte betrug. In Bayern war es der NSDAP vor allem gelungen, starke Einbrüche im ländlichen Milieu zu erzielen, das bislang eine mächtige Bastion der BVP bildete. Die NSDAP konnte vor allem Wähler aus den ärmeren Schichten der bäuerlich-katholischen Bevölkerung für sich gewinnen. In ihrem Votum verband sich mit Hitler die Hoffnung auf eine Besserung der materiellen Lage mit der Abneigung gegen die Vorherrschaft des politischen Katholizismus und der traditionellen Verbände auf dem Lande, die in der Regel von mittel- und großbäuerlichen Gruppen dominiert wurden. Das Wahlergebnis im Süden war überdies keine gute Nachricht für die Länder, die sich dem Gleichschaltungsdruck der Regierung Hitlers in Berlin entziehen wollten.

Die Nationalsozialisten feierten das Wahlergebnis vor allem als Votum für den "Volkskanzler" Adolf Hitler und ließen nun den deutschnationalen Partner im Kabinett deutlich die veränderten Machtverhältnisse spüren. Das kam auch darin zum Ausdruck, daß in der offiziellen Sprachregelung nun nicht mehr von der "nationalen Revolution", sondern von der "nationalsozialistischen Revolution" oder einfach von "der Revolution" die Rede war. Nun begann die zweite Etappe der nationalsozialistischen Machteroberung.

Daß Hitlers Satz vom Beginn einer Revolution ernst gemeint war, zeigten die Ereignisse in den folgenden Tagen. Das Besondere an der "nationalsozialistischen Revolution" war, daß die Aktionen auf der Straße verbunden waren mit einer administrativen Gleichschaltung und formellen Legalisierung von oben. Die Träger dieser Revolution setzten einerseits die SA ein zum Sturm auf die Rathäuser, Regierungsgebäude und Verlage, andererseits nutzten sie ihre Regierungsmacht, um den Druck von unten zu rechtfertigen und die Straßenaktionen zu legalisieren.

Das Ergebnis dieser eigentümlichen Revolution war die Ausschaltung der gesamten bis dahin politisch führenden Gruppen und Organisationen, die Ausschaltung von Parteien, Parlament und autonomer Öffentlichkeit und schließlich auch die Durchdringung der Gesellschaft. Diese ließ den traditionellen Oberschichten und auch dem Bürgertum zunächst mehr Freiraum als Unter- und Mittelschichten, die ihrer eigenen sozialen Organisationen beraubt wurden. Schauplatz dieser fundamentalen Veränderungen im politischen System waren die Länder und Kommunen, aber auch zum letzten Mal das Parlament, das nach der Verfassung die präsidialen Notverordnungen außer Kraft hätte setzen können.

Quellentext

Mißhandlung einer demokratischen Stadträtin

In der Nacht vom 20. zum 21. März dieses Jahres gegen halb 2 Uhr wurde an meiner Wohnungstür heftig geklingelt und geklopft. Im Glauben, daß meine Kinder nach Hause gekommen waren, stand ich sofort auf und fragte "Wer ist da?" Mit einer barschen Stimme wurde mir darauf geantwortet: "Machen Sie sofort auf, hier ist die Polizei, sonst wird gewaltsam geöffnet." […] Mein Mann schloß die Tür auf. Es traten 6-8 Mann herein. Verschiedene waren mit Karabinern bewaffnet. Bis auf einen Mann, der ein blaues Jackett und eine blaue Mütze trug, waren alle in SA-Uniform. Die Leute, die in meine Wohnung eintraten, kenne ich vom Sehen alle. Es sind alles junge Leute, die mit meinen Kindern zusammen in die Schule gegangen sind. […] Einer von denen, der sicher der Führer war, forderte mich mit den Worten "Bitte ziehen Sie sich an. Sie kommen mit" auf. Ich forderte von diesem Mann einen Ausweis. Er antwortete mir mit flotter Armbewegung: "Ach Quatsch, machen Sie keinen Heckmeck. Sie kommen mit!". […] Ich mußte nun das Auto (ein Wäscheauto), das vor dem Hause bereit stand, mit den Leuten, die bei mir in der Wohnung waren, besteigen und mitfahren. […]

Die Fahrt ging weiter nach der Elisabethstraße in die SA-Kaserne. […] Dort auf dem Hof mußte ich aussteigen und mit in das Hintergebäude des Hofes (unten Stall, oben sicher Heuboden) mitgehen. Erwähnen will ich noch, daß sich außer mir noch ein gewisser Herr Heber und Herr Flieger im Wagen befanden. Diese Leute mußten ebenfalls mit mir in das Gebäude gehen. […]

Der Führer, der auch in meiner Wohnung mit war, meldete uns dem dort befindlichen Führer. Als der Führer, der mich aus der Wohnung holte, dem dort befindlichen Führer meinen Namen Jankowski nannte, antwortete der dort anwesende Führer "Ach Jankowski, die alte, fette Sau!" Wir wurden aufgefordert, uns in eine Ecke zu stellen. Jetzt mußte der junge Mann, Heber […], vortreten, und es wurden ihm die Haare geschnitten. Es wurden jetzt von uns dreien die Personalien aufgenommen. Bei der Aufnahme der Personalien fielen allerlei Bemerkungen, zum Beispiel "Aas, dreckiges Luder" usw. […] Der Führer richtete nun an mich die Frage, wieviel Gehalt ich von der Stadt beziehe. Ich gab ihm zur Antwort, daß ich nur eine Aufwandsentschädigung von 48,75 RM den Monat beziehe. Der Führer antwortete mir "Du verschwindeltes Aas, du kriegst kein Gehalt, dir werden wir schon" und gab dann den Leuten, die zum Schlagen bereit standen, die Zahl 20 an. […] Nach Verabfolgung der Schläge mußte ich mich zu Flieger wieder in die Ecke stellen. […] Als ich zum zweiten Mal herankam, beschuldigte der Führer mich, daß ich Listen verbreitet hätte, wonach nationalsozialistische Geschäftsleute boykottiert werden sollten. Ich erklärte ihm, daß ich nichts davon weiß. Er antwortet mir: "Du weißt ja überhaupt nichts", und ich bekam zum zweiten Mal 20 Schläge. […] Nach einer gewissen Zeit wurde ich wieder in Ruhe gelassen und es kamen jetzt wieder Heber und Flieger und ich heran, sich auf den Tisch zu legen und zum dritten Male Schläge zu bekommen […]

Wir mußten uns nachdem in eine Reihe stellen und das Deutschlandlied durchsingen. Nach Absingen des Deutschlandliedes erklärte uns der Führer, daß er uns jetzt eine halbe Stunde in Ruhe lassen würde. Er würde jetzt hinuntergehen, und wenn er wiederkäme, würde er an uns bestimmte Fragen richten. Sollten wir die Fragen nicht beantworten, "so wird uns nochmal so eine Wucht verabfolgt [...] und dann werden wir in den Wagen eingeladen und nach Schmöckwitz gefahren, wo wir unsere Kute (Grube) graben können." Während der Abwesenheit des Führers sowie einigen anderen SA-Leuten, wurden wir von der zurückbleibenden Wache mit allerlei Schimpfworten bedacht. Was für schmutzige Wörter von den Leuten zu uns gesagt wurden, kann ich heute hier nicht mehr wiedergeben.

Nach Rückkehr des Führers bekamen wir der Reihe nach auf dieselbe Art und Weise wie vorher zum 4. Male je 20 Schläge. […]

Mir wurde jetzt erklärt, daß ich jetzt entlassen werde, müßte aber vorher noch ein Revers unterschreiben. Das Revers war schon mit der Maschine vorgeschrieben. Es enthielt, daß ich alle Ämter niederzulegen habe, daß ich aus der Partei austrete und mich politisch nicht mehr betätige. Außerdem solle ich mich von Donnerstag, den 23. März 33 ab in der dort befindlichen SA-Kaserne, wo ich geschlagen wurde, abends von 19-20 Uhr täglich melden. Am Donnerstag, den 23. März 33, hätte ich auch die Liste sämtlicher Funktionäre der Partei mitzubringen. […] Da ich nun allein auf der Straße stand und nicht laufen konnte, war es mir nicht möglich, meinen Heimweg anzutreten. […]

Am 31. März wurde ich auf Grund einer Verfügung des Hauptgesundheitsamts aus dem Krankenhaus entlassen. Ich befinde mich heute noch in ärztlicher Behandlung. […]

Aus Furcht, daß mir evtl. nochmals dieses Unglück widerfahren könnte und damit ich nun in Ruhe gelassen werde, stelle ich gegen die Täter keinen Strafantrag.

Aus dem Vernehmungsprotokoll der Berliner Kriminalpolizei vom 17. Mai 1933, ,in: Josef und Ruth Becker (Hg.), Hitlers Machtergreifung 1933. Dokumente vom Machtantritt Hitlers, München 1983, S. 150 ff.