"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz

Führerprinzip im Betrieb

Die tarifliche Festlegung der Arbeitsbedingungen und -löhne war in die alleinige Zuständigkeit der Treuhänder gefallen. Parallel dazu besiegelte die neue Arbeitsordnung das Ende der betrieblichen Mitbestimmung, die Unternehmer waren (vorerst) wieder Herren im Haus. In einer für das Regime charakteristischen pathetischen Sprache übertrug das "Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit" das Führerprinzip auf die Betriebe. An der Spitze der "Betriebsgemeinschaft" stand der "Betriebsführer", dem die "Gefolgschaft" Treue und Gehorsam zu leisten hatte. Um das "gegenseitige Vertrauen innerhalb der Betriebsgemeinschaft" zu vertiefen, wurden die Mitbestimmung durch die "Beratung", die Betriebsräte durch "Vertrauensräte" ersetzt. Als sich 1935 in den Wahlen zu den Vertrauensräten eine starke Opposition in Gegenstimmen abzeichnete, ging die Berufung der "Vertrauensmänner" auf die "Treuhänder" über. "Soziale Ehrengerichte", denen formal auch die "Betriebsführer" unterstanden, sollten unter Vorsitz eines "Treuhänders" im Streitfall die Harmonie der "Betriebsgemeinschaft" wiederherstellen. Die Rücknahme sozialer Rechte, wie sie der soziale Rechtsstaat der Weimarer Republik gewährt hatte, ging noch einige Schritte weiter. 1935 wurde das "Arbeitsbuch" eingeführt, das die freie Wahl des Arbeitsplatzes einschränkte und den Weg zur staatlichen Kontrolle des "Arbeitseinsatzes" öffnete. Durch weitere Verordnungen war zu Kriegsbeginn die staatliche Lenkung der Arbeitskräfte in allen kriegswichtigen Wirtschaftszweigen eingeführt.

Dieser Verlust an politischen und sozialen Rechten wurde in der mehrheitlichen Wahrnehmung der Arbeiterschaft von dem raschen, wenn auch ungleichmäßigen Abbau der Arbeitslosigkeit und der Sicherung einer auskömmlichen materiellen Existenz aufgewogen. Das allein erklärt aber noch nicht die erstaunlich schnelle und weitgehend widerstandslose Unterordnung der Arbeiter unter den Nationalsozialismus. Hinzu kam nämlich die Auflösung alter Solidaritätsmuster durch die Wirtschaftskrise und die Erfahrung langer Arbeitslosigkeit, die viele Arbeiter von betrieblicher Solidarität und Disziplin ebenso entfremdete wie sie ihnen die Ohnmacht von Arbeiterorganisationen demonstrierte. Dieser Eindruck war in der autoritären Endphase der Weimarer Republik durch die massiven Kampagnen der politischen Rechtsparteien noch verstärkt worden. Durch diese Faktoren wurde die traditionelle Einbindung der Einzelnen in das proletarische Sozialmilieu, das aus Vereinen, Nachbarschaften und Selbsthilfeorganisationen bestand, zwar nicht völlig aufgelöst. Es verlor aber seine Orientierungskraft und identitätsstiftende Wirkung, als die Organisationen der Arbeiterbewegung in der Gleichschaltungspolitik von 1933 zerschlagen wurden. Die Folge davon war wiederum eine weitgehende Entpolitisierung der Arbeiterschaft. Ihre zunächst nur widerwillige Hinnahme der gewaltsam veränderten Situation verwandelte sich dann zunehmend in Zustimmung und Loyalität, als seit 1935 die Erfahrung eines nunmehr sicheren Arbeitsplatzes und sozialpolitischer Verlockungen auch die materielle und soziale Situation vieler Arbeiter veränderte.