"Stolpersteine" des Künstlers Gunter Demnig.

6.4.2005 | Von:
Hans-Ulrich Thamer

Wirtschaft und Gesellschaft unterm Hakenkreuz

Lebensstandard

Anfänglich hatte sich die Lage auf dem Arbeitsmarkt branchenspezifisch und regional sehr unterschiedlich verbessert: Die Arbeitslosenzahlen sanken in den Produktionszentren von Schwerindustrie und metallverarbeitender Industrie schneller als in der Textilindustrie und im übrigen Konsumgüterbereich; überdies ging die Arbeitslosigkeit bei Facharbeitern rascher zurück als bei Hilfsarbeitern; ältere und ganz junge Arbeitskräfte hatten es schwerer als die Generation der Familienväter.

Als die Rüstungskonjunktur zum Tragen kam, erhöhten sich auch die Einkommen der Arbeiterschaft und erreichten zwischen 1936 und 1939 wieder das Niveau der Jahre 1928/29. Das geschah aber nicht durch eine Anhebung des Stundenlohnes. Vielmehr ging der Lohnzuwachs meist auf die Überstunden zurück, die den Arbeitern bei anziehender Konjunktur aufgezwungen wurden.

Ein Teil von dem Lohnzuwachs wurde gleich wieder von scheinbar "freiwilligen" Abzügen vom Bruttolohn für DAF, Winterhilfswerk und ähnliche Spenden- und Sparaktionen aufgebraucht, so daß die Nettowochenverdienste erst in den Kriegsjahren 1941/42 das Vorkrisenniveau erreichten. Doch solche Berechnungen interessieren mehr die Statistik als die Wahrnehmung der Zeitgenossen, denen noch vor allem die Erfahrung von Massenarbeitslosigkeit und damit die Vergleichsdaten der Krisenjahre in Erinnerung waren. Auch die Engpässe in der Versorgung und auf dem Wohnungsmarkt konnten den Eindruck greifbarer Verbesserungen auf dem Arbeitsmarkt und die davon genährten Erwartungen weiterer, langfristiger Aufwärtsbewegungen nicht trüben. Hinzu kamen Leistungsanreize in Form von ausgeklügelten Staffelungen von Lohngruppen, die ebenso den Leistungswillen anspornten wie die "Reichsberufswettkämpfe".

Landwirtschaft

Zu den Verlierern nationalsozialistischer Politik gehörten die beiden Gruppen, aus denen die NSDAP vor der Machtergreifung die größte Unterstützung bekommen hatte: die Bauern und in noch stärkerem Maße der gewerbliche Mittelstand. Weder konnte der Mittelstand seine protektionistischen Wünsche wirklich realisieren, noch fand eine Reagrarisierung der deutschen Gesellschaft statt. Die industrielle Produktion mit den politisch gesetzten Prioritäten erlangte den absoluten Vorrang vor allen anderen Sektoren der Wirtschaft. Während der "Ackermann" neben dem "Krieger" zu den herausgehobenen Symbolfiguren in der Propaganda des Dritten Reiches wurde und die Landwirtschaft als "Nährstand" zur tragenden Säule neben dem Wehrstand erklärt wurde, litten die Bauern unter den Zwängen der nationalsozialistischen Wirtschaftslenkung und Agrargesetzgebung. Doch sie blieben die Lieblingskinder der NS-Propaganda.

Lautstärkster Propagandist der "Blut- und Bodenideologie" war der Diplomkolonialwirt Walter Darré, der in seinen Büchern pathetisch ein neues "Adelsbauerntum" als "biologischen Kern" der künftigen Geschichte definiert hatte. Das Bauerntum als "Hauptquell des deutschen Volkes" sollte durch seine Verwurzelung im heimatlichen Grund und Boden ein gemeinschaftliches Bollwerk gegen die "Wurzellosigkeit" des großstädtischen Proletariats bilden. Damit wurde der alte Gegensatz zwischen Stadt und Land ideologisch überhöht und in der NS-Propaganda mit scharfen antimodernistischen Ressentiments radikalisiert. Dieses ideologisch-propagandistische Gebräu zusammen mit Verheißungen eines wirkungsvollen Bauernschutzes hatte ausgereicht, um in der Aufstiegsphase der NSDAP eine große Anhängerschaft unter den Bauern zu sichern.

Aufbau des Reichsnährstandes

Das NS-Regime knüpfte an traditionelle protektionistische Maßnahmen zugunsten der Großlandwirtschaft an und versuchte überdies durch eine ausufernde Propaganda, der Landwirtschaft das Gefühl zu vermitteln, daß ihre Nöte gesehen und ernst genommen würden. Diese auf die Großlandwirtschaft ausgerichtete Agrarpolitik von Ernährungsminister Alfred Hugenberg (1865–1951) bot Darré die Chance, die landwirtschaftlichen Organisationen unter seine Kontrolle zu bringen: die berufsständischen agrarischen Interessenorganisationen, das Genossenschaftswesen und die Landwirtschaftskammern. Nachdem bis Anfang Juni 1933 diese Gleichschaltung der landwirtschaftlichen Verbände abgeschlossen war und Darré zum Reichsbauernführer ernannt worden war, stand nach Hugenbergs Rücktritt Ende Juni 1933 und Darrés Ernennung zum Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft der Gleichschaltung der staatlichen Landwirtschaftspolitik nichts mehr im Wege. Dadurch konnte Darré eine im Vergleich zu anderen NS-Führern scheinbar ungewöhnliche Machtfülle auf sich vereinigen.

Mit der Gleichschaltung der landwirtschaftlichen Organisation war die Möglichkeit zur Steuerung der landwirtschaftlichen Erzeugung gegeben, die nicht nur alle Betriebe, sondern auch alle dort tätigen Personen umfaßte. Sie wurden unter dem Zwangsverband des Reichsnährstandes zusammengefaßt. Dieser zählte Mitte der dreißiger Jahre etwa 17 Millionen Mitglieder und versuchte mit einer strengen hierarchischen Gliederung einen umfassenden Kontrollanspruch durchzusetzen. Die Organisation umfaßte drei Hauptabteilungen, die einen allumfassenden Regulierungsanspruch anmeldeten. Gelenkt werden sollten erstens der Mensch, zweitens der Hof und drittens der Markt. Der Reichsnährstand gab sich nach außen weiterhin als eine Selbstverwaltungskörperschaft des öffentlichen Rechts und eine berufsständische Einheitsorganisation, tatsächlich war er jedoch als Ausführungsorgan der staatlichen Wirtschaftslenkung ein Instrument zur Sicherung der Ernährung und zur Steigerung der Erzeugung.

Hauptbetätigung des Reichsnährstandes und des Reichsbauernführers waren die ideologische, sozialpolitische und kulturelle Betreuung seiner Mitglieder. Auch wurde versucht, das Marktgefüge und die Preisgestaltung für landwirtschaftliche Erzeugnisse durch ein dichtes Geflecht von Vorschriften und Verboten zu regeln. Es entstand ein Mammutsyndikat von Genossenschaften, Wirtschaftsvereinigungen und Fachämtern, die alle ernährungswirtschaftlichen Betriebe erfaßten.

Kaschiert wurde die Überbürokratisierung durch eine völkische Rhetorik, die ihren besonderen Ausdruck im jährlichen Ritual der Reichs-Erntedankfeste auf dem Bückeberg fand. Mit solchen Ereignissen sollte von der ständigen Ausdehnung des Festpreissystems auf Brotherstellung, Getreidewirtschaft, Milchprodukte, Viehhaltung und Viehprodukte abgelenkt werden.

Als Krönung der agrarromantischen Ideologie galt das Reichserbhofgesetz vom September 1933. Es sollte den landwirtschaftlichen Besitz vor dem Ausverkauf an nichtbäuerliche Kapitalbesitzer schützen und umgekehrt den Bauern an seine Scholle binden. Es blieb auf mittelbäuerlichen Landbesitz bis zur Größe von 125 Hektar begrenzt und nahm auch den Großgrundbesitz aus. Der erhielt dadurch zwar weniger Schutz, aber um so mehr ökonomische Freiheiten. Bauer konnte nur sein, wer "deutschen oder stammesgleichen Blutes" war (§ 13). Dies war durch den großen Abstammungsnachweis zu belegen. Der Erbhof durfte nur ungeteilt auf einen Nachkommen vererbt werden. Miterben hatten nur ein Recht auf Berufsausbildung und Aussteuer.

Die Bilanz der Agrarpolitik war widersprüchlich. Der säkulare Trend einer Entagrarisierung wurde auch in der NS-Zeit nicht aufgehalten und hielt unvermindert an: Die dramatische Landflucht, der Rückgang der landwirtschaftlichen Arbeitnehmer zwischen 1933 und 1939 um 440000 und der auch durch den Wehrdienst bedingte Ausfall an Arbeitskräften ließen sich weder durch HJ-Landdienst noch durch Arbeitsdienst, Erntehilfe oder Pflichtjahr für Mädchen wettmachen. Erst der kriegsbedingte Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen schaffte eine nennenswerte Abhilfe. Auch konnten die sozialen Spannungen innerhalb des Dorfes und der Bauernschaft nicht überwunden werden. Für das Regime war jedoch das ideologische Moment letztlich weniger entscheidend als das machtpolitische Ziel der Eigenversorgung und Nahrungssicherheit. Darum wurden alle Experimente einer Bodenreform vermieden. Der mittel- und großbäuerliche Hof und der Gutsbesitz blieben das prägende Strukturelement.

Die Bilanz der agrarpolitischen Anstrengungen war teilweise positiv, auch wenn die hochgesteckten Erwartungen nicht erreicht wurden. Der Anteil der Selbstversorgung konnte von 68 Prozent auf 83 Prozent erhöht werden. Steigerungen wurden bei der Produktion von Brot, Getreide, Hülsenfrüchten, Eiern und Kartoffeln erzielt. Die Ernährungsbilanz bei Fetten, Futtermitteln und pflanzlichen Ölen blieb defizitär. Die Abschottung vom Weltmarkt mußten die Verbraucher mit erheblich überhöhten Preisen bezahlen.