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Baracke im KZ Ravensbrück

24.1.2006 | Von:
Wolfgang Benz

Zeitzeugen, Historiker und ihr Publikum

Emotion und Ratio – eine mögliche Konkurrenz

Zeitzeugenschaft begegnet uns im wesentlichen in drei Funktionen:

1. Zeitzeugen treten auf als Wissende, die authentische Kenntnis vom historischen Geschehen haben und diese vermitteln können.

2. Zeitzeugen agieren als Pädagogen, die aus authentischer Erfahrung den Anspruch ableiten, das Geschichtsbild der Mit- und Nachlebenden zu gestalten.

3. Zeitzeugen erscheinen als Illustratoren, die – vor allem in den Medien – bei der Darbietung historischen Stoffs durch O-Ton und Auftreten dem Bericht Farbe geben, die Recherche bestätigen und Authentizität suggerieren.

Die erste Spezies, die Zeitzeugen als Wissende, als ehemals Handelnde oder wichtiges Geschehen einst unmittelbar Beobachtende, mit denen Historiker und Sozialwissenschaftler durch Oral History, im Interview in Interaktion treten, sind willkommene Gehilfen bei der Analyse und Interpretation des historischen Materials – sie helfen Sachverhalte zu klären und sind selbst Lieferanten von Quellen. Die Zeitzeugen in pädagogischer Funktion haben einen eigenen Anspruch: Sie brauchen Publikum, um Erleben zu verarbeiten, sie wollen Zeugnis ablegen, damit das Leid, das sie – als Verfolgte des NS-Regimes, als KZ-Überlebende , als Widerstandleistende gegen den Unrechtsstaat erfuhren – nicht vergeblich war. Deshalb gehen diese Zeitzeugen in die Schulen, fordern den Kontakt zu jungen Menschen, wollen sich darstellen.

Weil auch Lehrer und andere Gestalter des Geschichtsbildes oft davon überzeugt sind, Zeitzeugenschaft sei die beste Methode, historisches Wissen zu vermitteln, werden Zeitzeugen in eine Rolle gedrängt, die ihnen Omnipotenz zuschreibt, die als Auftrag begriffen und gerne angenommen wird, die sie aber tatsächlich überfordert. Wenn der Überlebende des Konzentrationslagers Auschwitz sich nicht auf die Hauptsache konzentriert, nämlich darauf, wie er als Individuum den Schrecken erfahren, erlitten und überstanden hat, sondern wenn er aus seiner Erfahrung die Befähigung ableitet, die Intentionen des Nationalsozialismus, die Systematik des Terrors autoritativ zu erläutern und zu erklären, hat er seine Aufgabe verfehlt.

Das wird in der Regel nicht erkannt, nicht von den Schülern, nicht von den Lehrern, die ihre Rolle als Moderatoren und Interpreten nicht wahrnehmen, nicht vom Publikum, das darauf dressiert wurde, den O-Ton des Zeitzeugen als unhinterfragbar zu akzeptieren, weil dieser dabei gewesen ist und es schließlich wissen muss – auf jeden Fall besser als der gern belächelte Historiker, der seine Erkenntnisse nach landläufiger Meinung nur aus dem Aktenstaub zu destillieren pflegt. Vom Zeitzeugen geht, verbunden mit dem Anspruch authentisch zu sein, ein emotionaler Appell aus: Er hat erfahren und erlitten, was vom Historiker nur rekonstruiert worden ist und was vom Zuhörer nachempfunden werden soll. Wenn die Emotion des Zeitzeugen auf die Ratio des Historikers stößt, der Zusammenhänge, Beweggründe usw. der Begebenheit kennt, die der Zeitzeuge schildert, kann ein Konkurrenzverhältnis entstehen, das den Unbeteiligten ratlos macht.


Bundesländer – Bund – EU

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