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Baracke im KZ Ravensbrück

24.1.2006 | Von:
Wolfgang Benz

Zeitzeugen, Historiker und ihr Publikum

Zeitzeugen und Historiker als Partner des Projekts Aufklärung

Man kann das zuweilen schwierige Verhältnis zwischen Historikern und öffentlicher Zeitzeugenschaft an einem Beispiel verdeutlichen. Zur Einführung und Moderation des Zeitzeugenberichts einer Dame, die als junges jüdisches Mädchen KZ-Haft erlitten und darüber später ein Buch schrieb, wurde ein Historiker verpflichtet. Er hat nach Lektüre des Buches Grund zum Misstrauen, ob sich alles so zugetragen hat, wie berichtet, denn es ist unverkennbar, dass in das spät geschriebene Buch Kenntnisse und Bilder eingeflossen sind, die das junge Mädchen zur Zeit ihrer Haft nicht gehabt haben kann. Die Zeitzeugin zieht das Publikum durch ihr emotionales Auftreten rasch in den Bann, wehrt Moderationsversuche des Historikers nach Kräften ab und beschreibt schließlich die folgende Begebenheit: Eines Tages habe man den jüdischen Frauen im KZ Seife gegeben, ein Luxus, den sie monatelang entbehren mussten. Aber diese Seife konnten sie nicht benutzen, denn auf den Stücken hätten sie gelesen, dass sie aus Judenfett sei. Man habe die Seife an einer abgelegenen Stelle bestattet und dabei das Totengebet gesprochen.

Das Publikum, zutiefst bewegt von der Erzählung, hätte den Historiker vermutlich vom Podium gejagt, wenn er pflichtgemäß im Dienste der Wahrheit erklärt hätte, dass niemals Seife aus den Körpern ermordeter Juden hergestellt worden ist, dass die Zeitzeugin ein Gerücht in ihre Erzählung eingefügt hatte, um damit deren Wirkung ins Dramatische zu steigern. Das Bild von der "Seife aus Judenfett" wird als Parabel der äußersten Entwürdigung des Menschen durch die Nationalsozialisten gebraucht, es entbehrt aber jeder Realität. Die Zuhörer, willig zu Empathie und Ergriffenheit, waren auf der Seite der Zeitzeugin, sie wären kaum bereit gewesen, sich vom Historiker belehren zu lassen und hätten die Beschädigung oder Zerstörung der Authentizität der Zeitzeugin nicht hingenommen.

Im Idealfall ergänzen sich Zeitzeugenschaft und historische Profession. Als Katalysatoren der Vermittlung im Unterricht spielen Zeitzeugen eine wichtige Rolle, vorausgesetzt, die Lehrer nehmen ihre eigene pädagogische Funktion als Moderatoren wahr. Am problematischsten bleibt sicherlich das Auftreten von Zeitzeugen in den Medien, als Illustratoren. Sie sind der Gefahr der Instrumentalisierung und Manipulation (durch Bildschnitte und die Herstellung von Zusammenhängen, die sie nicht beeinflussen können) ausgesetzt und sie werden, gegen ihren Willen und gegen ihr Wissen, missbraucht, wenn sie etwa nur aufgrund ihres Geburtsjahrs, ihrer zufälligen Anwesenheit an einem Ort, wegen ihrer Verwandtschaft mit Protagonisten etwas verifizieren oder falsifizieren sollen, was sie gar nicht können.

Das Fazit lautet: Ohne Zeitzeugen, die sich an Details erinnern, kann die Geschichte des nationalsozialistischen Terrors im KZ nicht geschrieben werden. Diese Erkenntnis ist ebenso gültig wie die Tatsache feststeht, dass Zeitzeugen nicht geborene Pädagogen sind, die den Nationalsozialismus von seiner Entstehung bis zum Untergang mit all seinen Folgen ohne weiteres erklären könnten. Und wie kritischer Umgang mit den Medien generell geboten ist, so ist der mediale Auftritt von Zeitzeugen mit besonderer Aufmerksamkeit zu betrachten. Ein Konkurrenzverhältnis zwischen Historikern und Zeitzeugen wäre kontraproduktiv, weil sie Partner sind im Projekt der Aufklärung über schwierige Vergangenheit.


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