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Hans und Sophie Scholl mit Christoph Probst (v.l.n.r.). Abschied vor der Abfahrt zur Ostfront, München Juli 1942.
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20.4.2005 | Von:
Kirsten Schulz

Auszüge aus den Verhörprotokollen von Sophie Scholl

Februar 1943

Nach ihrer Verhaftung wurde Sophie Scholl von der Gestapo verhört. Anfangs leugnete sie die Vorwürfe, doch nachdem ihr Bruder Hans ein Geständnis abgelegt hatte, gab auch sie ihre Beteiligung zu.
Sophie Scholl.Sophie Scholl. (© Gedenkstätte Deutscher Widerstand)

Einleitung

Sophie Scholl wurde am 18. Februar 1943 gemeinsam mit ihrem Bruder Hans in der Universität festgenommen und anschließend in der Münchner Staatspolizeileitstelle von dem Kriminalbeamten Robert Mohr vernommen. Zunächst ging es um Fragen zu ihrer Person: Lebenslauf, Familie, politischer Hintergrund, finanzielle Situation sowie Angaben zu Freunden und Bekannten. Dabei nannte sie die Namen von Gisela Schertling, die sie als "im allgemeinen nationalsozialistisch eingestellt" beschrieb sowie Alexander Schmorell ("ein reiner Gefühlsmensch", der in "kultureller Hinsicht dem Nationalsozialismus ablehnend" gegenüberstehe) und Willi Graf. Offen bekannte sich Sophie Scholl bereits in ihrer ersten Vernehmung zu ihrer "Abneigung gegen die Bewegung", weil "die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht". Sie wolle "mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben".

Sophie Scholl sagte aus, sie sei am Vormittag nur in der Universität gewesen, um ihre Freundin Gisela Schertling nach Vorlesungsende abzupassen und eine Verabredung zum Mittagessen abzusagen. Sie hätte sich nämlich kurzfristig zu einem Elternbesuch in Ulm entschieden. Der leere Koffer, den sie bei der Verhaftung bei sich trug, sei für frische Wäsche bestimmt, die sie dort abholen wollte. Ihr Bruder habe sie begleitet, weil er Geld von der Bank hätte abheben und ihr für den Kauf eines Zugtickets hätte auslegen wollen. Da sie noch Zeit bis zum Vorlesungsende gehabt hätten, habe Sophie ihrem Bruder das Psychologische Institut zeigen wollen. Im ersten und zweiten Stock hätten sie Flugblätter, einzeln und in Stapeln verteilt, bemerkt und je eines "flüchtig" gelesen und dann eingesteckt.

"Im Vorbeigehen" habe sie "den auf dem Geländer aufgeschichteten Flugblättern mit der Hand einen Stoss gegeben". Das sei eine "Dummheit" gewesen, die sie "aber nicht mehr ändern" könne. Sie leugnete im Verhör, in letzter Zeit Briefmarken in großen Mengen gekauft zu haben. Abschließend bestritt Sophie Scholl, "sowohl mit der Herstellung als auch mit der Verbreitung der in Frage stehenden Flugblätter auch nur das Geringste zu tun haben", sie sehe aber ein, dass einige "Verdachtsmomente gegen meinen Bruder und mich" sprächen.

Nach einer Pause und Mohrs Hinweis, ihr Bruder Hans habe gestanden, erklärte sich auch Sophie Scholl zu einem Geständnis bereit.

Auszüge aus den Verhörprotokollen, Teil I

Geheime Staatspolizei
Staatspolizeileitstelle München

Fortsetzung der Vernehmung der Beschuldigten Sophie Scholl

Nachdem mir eröffnet wurde, dass mein Bruder Hans Scholl sich entschlossen hat, der Wahrheit die Ehre zu geben und von den Beweggründen unserer Handlungsweise ausgehend die reine Wahrheit zu sagen, will auch ich nicht länger an mich halten all das was ich von dieser Sache weiß zum Protokoll zu geben. Nochmals eingehend zur Wahrheit ermahnt habe ich das folgende Geständnis abzulegen:

"Es war unsere Überzeugung, dass der Krieg für Deutschland verloren ist, und dass jedes Menschenleben das für diesen verlorenen Krieg geopfert wird, umsonst ist. Besonders die Opfer die Stalingrad forderte bewogen uns, etwas gegen dieses unserer Ansicht nach sinnlose Blutvergießen zu unternehmen.

Die ersten Gespräche die sich mit diesem Problem befassten, fanden im Sommer 1942 zwischen meinem Bruder und mir statt. Eine Möglichkeit diesem Lauf der Dinge entgegenwirken zu können, fanden wir vorläufig nur in einer Auseinandersetzung mit unseren ernstzunehmenden Bekannten über das, was uns am tiefsten bewegte. Sehr bald mussten mein Bruder und ich einsehen, dass durch dieses Vorgehen unsererseits eigentlich nichts getan sei, das geeignet sein könnte den Krieg auch nur um einen Tag abzukürzen. Bei der gegenseitigen Aussprache mit meinem Bruder kamen wir schließlich im Juli vorigen Jahres überein, Mittel und Wege zu finden auf die breite Volksmasse in unserem Sinne einzuwirken. Es tauchte damals auch der Gedanke auf Flugblätter zu verfassen, herzustellen und zu verbreiten, ohne die Verwirklichung dieses Planes schon ins Auge zu fassen. Ob der Gedanke der Flugblattherstellung von meinem Bruder oder mir ausging, weiss ich heute nicht mehr genau.

Etwa im Juni 1942 haben wir Alexander Schmorell, mit dem wir schon seit längerem befreundet sind und den wir gesinnungsmäßig für zugänglich hielten, ins Vertrauen gezogen. Hier möchte ich erwähnen, dass der Vater des Schmorell Deutsch-Russe und seine Mutter Russin ist (letztere ist bereits gestorben). Vor Ausbruch des Krieges gegen Sowjetrussland war Schmorell politisch vollkommen uninteressiert. Erst später d.h. nach Beginn der Feindseligkeiten mit Russland begann er sich für den Verlauf des Krieges zu interessieren, besonders für die militärischen Ereignisse. Schmorell hängt mit großer Liebe an Russland, obwohl seine Eltern seinerzeit auf Russland flüchten mussten, nach Deutschland emigrierten, hier die deutsche Staatsangehörigkeit erwarben, die auch der Sohn Schmorell heute besitzt. Wenn er auch innerlich ein absoluter Gegner des Bolschewismuses ist, hegt er dennoch Gefühle für sein Vaterland, das ihn in politischer Hinsicht unsicher macht. Bei den ersten Besprechungen mit Schmorell, hat dieser verschiedene Einwände gegen unsere Pläne erhoben indem er darauf hinwies, das gäbe sich alles von selbst und bedürfe keines Zutuns. Wenn Schmorell sich schließlich bereit erklärte mit uns der Verwirklichung unserer Pläne näher zu treten, dann in erster Linie deshalb, weil er politisch nicht nüchtern genug denkt und sehr begeisterungsfähig ist.

Nach vielen und langen Unterredungen über dieses Thema zwischen meinem Bruder und mir, reifte im Dezember 1942 bei uns der Entschluss, ein Flugblatt zu verfassen in größerer Zahl herzustellen und zu verbreiten. Schmorell hat wohl um diese Zeit von unserem feststehenden Plan gewusst, trat jedoch aktiv nicht in Erscheinung, sondern war vielmehr zuerst Mitwisser und Zuhörer.

Das erste Flugblatt mit der Überschrift "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland. Aufruf an alle Deutsche!" und dem Schlussatz "Unterstützt die Widerstandsbewegung, verbreitet die Flugblätter!", hat mein Bruder zusammen mit mir verfasst und zwar kurz nach Neujahr 1943. Der Text des Flugblattes in Form eines Probeentwurfs auf der Schreibmaschine haben wir "Alex" gezeigt, der den Inhalt hinnahm ohne irgendwelche Ergänzungs- oder Abänderungsvorschläge zu machen. Nachdem die Sache soweit gediehen war, bestand die nächstliegende Aufgabe darin das nötige Abzugspapier, Briefumschläge und Matrizen beizuschaffen. Mein Bruder und ich machten uns auf den Weg und kauften in den hiesigen Papierwarengeschäften zusammen etwa 10 000 Blatt Abzugspapier, ferner zusammen etwa rund 2 000 Briefumschläge. Weiter hat mein Bruder bei einem hiesigen Fachgeschäft einen neuen Vervielfältigungsapparat (Marke unbekannt), zum Preis von RM 200,-- gekauft. Auch die Matrizen, etwa 20 Stück hat mein Bruder gekauft.

Die Matrizen zu den einzelnen Flugblättern hat mein Bruder auf der Schreibmaschine, die uns "Alex" zur Verfügung stellte, in meinem Beisein geschrieben. Die Abzüge haben wir dann gemeinsam auf unserem Vervielfältigungsapparat hergestellt. Die Adressen wurden nur und zwar ausschl. von meinem Bruder und mir geschrieben. Ich benützte meistens die Schreibmaschine der Frau Schmidt und schrieb jene Adressen, bei denen Anrede, Name und Wohnort nicht untereinander, sondern auf dem Briefumschlag nach rechts abgestuft, niedergeschrieben sind. Mein Bruder dagegen benützte die Schreibmaschine des "Alex" und schrieb auf den Umschlägen Anrede, Name und Ort genau untereinander. Die notwendigen Adressen von Wien, Salzburg, Linz, Augsburg, Stuttgart und Frankfurt haben in der Hauptsache mein Bruder und ich im Deutschen Museum aus dem dort aufliegenden Adressbüchern der Städte, Jahrgänge 39-41 herausgeschrieben.

Einmal hat auch "Alex" solche Adressen mit herausgeschrieben. Die Briefe mit Flugblättern zur Verbreitung in den Städten außerhalb Münchens, haben wir in einem Zeitraum von etwa 14 Tagen postversandfertig gemacht und erst dann die Briefe an den einzelnen Orten aufgegeben. Am 25. Januar 1943 fuhr ich nachmittags um 15 Uhr mit dem Schnellzug nach Augsburg , wo ich eine Stunde später ankam. In einer Aktentasche führte ich rund 250 Briefe an in Augsburg wohnende Adressaten mit. Da etwa 100 dieser Brief nicht frankiert waren kaufte ich mit beim Bahnpostamt in Augsburg 100 Briefmarken à 8 Pfennig und habe die unffrankierten Briefe mit Marken versehen und bei der Bahnpost eingeworfen. Ungefähr die Hälfte der Briefe habe ich in den Schalterbriefkasten geworfen und die andere Hälfte in den Hausbriefkasten vor dem Postgebäude.

Danach fuhr ich am gleichen Abend um 20 Uhr 15 von Augsburg zurück nach München wo ich mit dem um 21 Uhr 6 ankommenden Schnellzug, eintraf. Am nächsten Vormittag (26.1.43) etwa um 6 Uhr fuhr Schmorell mit dem Schnellzug über Salzburg, Linz nach Wien und hat auf der Strecke in Salzburg und Linz die Briefe für diese Städte aufgegeben und schliesslich in Wien jene für Wien und Frankfurt. Für Salzburg waren 200, für Linz 200, für Wien 1000, für Frankfurt 300 hergerichtet. Nur die für Frankfurt bestimmten Briefe mussten noch frankiert werden. Ursprünglich beabsichtigen wir, auch die Frankfurter Briefe aus Portoersparnisgründen in Frankfurt selbst aufzugeben. Von diesem Plan kamen wir schliesslich ab, weil wir errechneten, dass das Fahrgeld nach Frankfurt mehr ausmachte als wir an Porto hätten sparen können, wenn jemand nach Frankfurt gefahren wäre. Aus diesem Grunde wurden die für Frankfurt bestimmten Briefe voll frankiert und von "Alex" in Wien aufgegeben.

Die für Stuttgart bestimmten Briefe zwischen 600 und 700 Stück, habe ich nach Stuttgart gebracht und dort aufgegeben. Ich fuhr am Mittwoch, den 27.1. 43 um 16 Uhr 30 mit dem Schnellzug hier ab und traf um 19.55 Uhr in Stuttgart-Hauptbahnhof ein. Von den in einem kleinen Koffer mitgeführten Briefen, alle frankiert für den Ortsverkehr, habe ich noch am Abend des 27.1.43, alsbald nach meiner Ankunft, nicht ganz die Hälfte zum Teil am Bahnhof und in Stuttgart Süd, in Briefkästen eingeworfen. Den Rest habe ich am 28.1.43 im Laufe des Tages in den Vororten von Stuttgart in Briefkästen geworfen. In der Nach vom 27./28. Hielt ich mich im Wartesaal 2. oder 3. Klasse auf. Übernachtet habe ich jedenfalls nicht. Sie Rückreise nach München trat ich am 28.1.43 um 23 Uhr 25 an und kam in München am 29.1.43 um 3 Uhr 5 an. Weil um diese Zeit keine Strassenbahn ging, musste ich den Weg zu meiner Wohnung zu Fuss zurücklegen.

Wenn ich zuerst, wenn auch nur bei der Unterhaltung, angegeben habe, bei der Flugblattaktion in München in der Nacht vom 28./29. Gemeinsam mit meinem Bruder, die hier zur Verbreitung gelangten, etwa 2000 Flugblätter, ausgestreut zu haben, so muss ich zugeben, dass dies nicht richtig ist, denn in der Nacht v. 28./29. befand ich mich, während hier in München die Flugblätter ausgestreut wurden, auf dem Wege von Stuttgart nach München. Die Verbreitung bezw. Ausstreuung der Flugblätter in München wurde von meinem Bruder und Schmorell durchgeführt. Wie man mir mitteilte, haben beide abends am 28.1.43 um 11 Uhr mit der Verbreitung begonnen und bis kurz vor 4 Uhr etwa 2000 Flugblätter ausgestreut. Mein Bruder hat angeblich vom Bahnhof aus in nördlicher Richtung die Flugblätter verteilt, während Schmorell den südlichen Teil der Stadt bearbeitete.

Nach der mir bekanntgegebenen Beschreibung eines Mannes, etwa 30 bis 35 Jahre alt, etwa 1,70 m gross, schlank, usw. der am Vormittag des 4.2.43 zwischen 7 und 8 Uhr im Hauptpostamt München in der Vorhalle, Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland in dort aufliegende Telefonverzeichnisse gelegt haben soll, kann ich nur angeben, dass ich mir nicht denken kann, wer dies gewesen sein könnte, sofern nicht mein Bruder in Betracht kommt. Mein Bruder ist allerdings größer als 1,70 m, besitzt keinen grauen Gummimantel mit breitem Kragen und trug noch nie ein sogen. Lippen- oder Menjouo-Bärtchen. Auch aus meinem übrigen Bekanntenkreis ist mir niemand bekannt, auf den diese Beschreibung auch nur annähernd passen könnte.

Ich gebe auch zu, bei meinen Besorgungen in der Stadt, in der Zeit vom 30.1.- 6.2.43 etwa, in 4 oder 6 Fällen Flugblätter "der Widerstandsbewegung" in Telefonkabinen, parkenden Autos etc. abgelegt zu haben. Wo dies im einzelnen war, weiss ich heute nicht mehr. Jedenfalls führte ich zu dem angegebenen Zweck, bei meinen Gängen durch die Stadt, jeweils einige Flugblätter in meiner Handtasche bei mir, um gegebenenfalls bei günstigen Gelegenheiten davon Gebrauch zu machen zu können.

Der Student Willi Graf, wohnhaft in München, Mandelstr. 1, war an der Herstellung und Verbreitung der Flugblätter in keiner Wiese beteiligt. Ich nehme an, dass er von unserer Flugblattaktion Kenntnis hatte, muss jedoch erwähnen, dass er von mit nicht unterrichtet war. Aus Bemerkungen von ihm bei gelegentlichen Gesprächen, habe ich geschlossen, dass er wissen musste und den Umständen nach angenommen hat, das wir uns mit der Herstellung und Verbreitung von Flugblättern befassen. An einzelne Bemerkungen solcher Art, kann ich mich heute nicht mehr erinnern.

In München haben wir neuerdings etwa 1200 Flugblätter mit der Überschrift "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" in der Zeit vom 6.-15.2. vervielfältigt, die Briefumschläge bezw. Wurfsendungen mit Anschriften versehen und versandfertig gemacht. Bei dieser Arbeit hat neben meinem Bruder und mir Schmorell lediglich beim zukleben der Briefe mitgewirkt. Den braunen Klebestreifen zum Verschließen der Wurfsendungen hat er zur Verfügung gestellt und die Wurfsendungen zugeklebt.

Auch bezüglich des Vorgang heute Vormittag in der Universität München möchte ich nur die Wahrheit sagen, wobei ich bekennen muss, dass diese Flugblätter durch meinen Bruder und mich in dem, bei meiner Festnahme sichergestellten Koffer, in die Universität gebracht und dort ausgestreut wurden. Es handelt sich meiner Schätzung nach um 1500-1800 Flugblätter mit der Überschrift "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" und etwa 50 Stück mit der Überschrift "Aufruf an alle Deutsche!". Diese Flugblätter transportierten wir zum größten Teil in dem erwähnten Koffer, aber auch die Aktentasche meines Bruders war mit solchen Flugblättern angefüllt. Innerhalb des Universitätsgebäudes trug mein Bruder den Koffer, während ich die Flugblätter an den verschiedensten Orten ablegte, oder ausstreue.

In meinem Übermut oder meiner Dummheit habe ich den Fehler begangen, etwa 80 bis 100 solcher Flugblätter vom 2. Stock der Universität in den Lichthof herunterzuwerfen, wodurch mein Bruder und ich entdeckt wurden. Ich war mir ohne weiteres im Klaren darüber, dass unser Vorgehen darauf abgestellt war, die heutige Staatsform zu beseitigen und dieses Ziel durch geeignete Propaganda in breiten Schichten der Bevölkerung zu erreichen. Unsere Absicht war ferner, in geeigneter Weise weiter zu arbeiten. Wenigstens vorerst und auch für später hatten wir nicht die Absicht, noch weitere Personen ins Vertrauen zu ziehen und zur aktiven Mitarbeit zu gewinnen. Dies schon deshalb nicht, weil uns dies zu gefährlich schien. Gerade diese Frage habe ich vor einiger Zeit mit meinem Bruder besprochen, kam jedoch nach Abwägung von Vor- und Nachteilen zu der Überzeugung, dass dies zu gefährlich sein.

Wenn die Frage an mich gerichtet wird, ob ich auch jetzt noch der Meinung sein, richtig gehandelt zu haben, so muss ich hierauf mit ja antworten, und zwar aus den Eingangs angegebenen Gründen. Ich bestreite ganz entschieden, von dritter Seite gemeinsam mit meinem Bruder zu unserem Vorgehen veranlasst, aufgefordert oder finanziell unterstützt worden zu sein. Mein Bruder und ich haben vollkommen aus idiellen Gründen gehandelt und alle entstandenen Unkosten, die sich meiner Schätzung nach auf ungefähr 800-1000 RM belaufen dürften, aus eigener Tasche bestritten. Schmorell hat uns zur Durchführung der Flugblattaktion einen Betrag von 150,-- [bis] 200,-- RM geliehen, den wir im Laufe der nächsten Monate zurückerstatten wollten.

Den Vervielfältigungsapparat, welcher von meinem Bruder eigens zum Zweck der Herstellung von Flugblättern gekauft wurde, haben wir vor 14 Tagen oder 3 Wochen in dem Atelier des Kunstmalers Eyckemeir, Leopoldsstr. 38, Rckg., hinterstellt. Eyckemeir befindet sich z.Zt. als Architekt in Krakau und hat seit einiger Zeit das Atelier an den Kunstmaler Wilh. Geyer aus Ulm, Syrlinstr. Nr.?, vermietet. Geyer übergab uns den Schlüssel zu diesem Atelier um dadurch in die Lage versetzt zu sein, unseren Freunden und Bekannten einige Bilder vorzuzeigen die Geyer in diesen Räumen aufgehängt hat. Geyer hat keine Ahnung davon, dass wir unseren Vervielfältigungsapparat im Keller des erwähnten Atelier´s hinterstellt haben. Hinzu kommt, dass sich Geyer nur einige Tage in der Woche zur Arbeit in München aufhält und die andere Zeit in Ulm tätig ist.

Zum Schlusse möchte ich noch erwähnen, dass unsere Mietgeberin, Frau Schmidt, gut nationalsozialistisch eingestellt ist und von unserem Tun und Treiben keinerlei Ahnung hat. Soweit notwendig, bitte ich, der Frau Schmidt und deren Tochter das Vorgefallene schonend beizubringen, zumal die Tochter Schmidt sich in gesegneten Umständen befindet und demnächst der Niederkunft entgegensieht. Ich möchte daher jede Aufregung bei diesen Leuten vermeiden.

II A / Sond./Mo.
München, den 20.2.43

Fortsetzung der Vernehmung Sophie Scholl

Frage: Seit wann kennen Sie den San. Feldw, Willi Graf, in welchem Verhältnis standen Sie zu ihm und in welcher Weise war dieser an der Flugblattaktion beteiligt? Sie haben sich zu dieser Frage bei Ihrer früheren Vernehmung schon einmal kurz geäussert, es ist jedoch der dringende Verdacht gegeben, dass Sie gerade in diesem Punkte, aus welchen Gründen sei dahingestellt, noch nicht die volle Wahrheit gesagt haben.

Antwort: Feldwebel Graf habe ich erstmals gesehen und vielleicht auch kurz gesprochen, als mein Bruder Hans Scholl Mitte Juli 1942 zusammen mit der Studentenkomp. nach Russland abgestellt wurde. Zur Verabschiedung von meinem Bruder begab ich mich zum Ostbahnhof, wo mir Graf durch meinen Bruder vorgestellt wurde. Ob ich mich bei dieser Gelegenheit mit Graf unterhielt weiss ich heute nicht mehr. Graf hab ich dann erst wiedergesehen, nachdem er Mitte November 1942, wie auch die übrigen Angehörigen der Studentenkomp., aus Russland zurückgekommen war und sich wieder in München aufhielt. Die zweite Begegnung mit ihm erfolgte meines Wissens Anfang Dezember 1942, gelegentlich eines Konzert´s, wo weiss ich nicht mehr.

Bis Ende Juli 1942 wohnte ich in München, Mandelstr. 1/I b. Berrsche. Ich habe diese Wohnung aufgegeben, weil mir das zur Verfügung stehende Zimmer zu klein war. Andere Gründe die mich zu einem Wohnungswechsel veranlasst hätten, waren nicht gegeben, schliesslich nur noch, dass ich nach einer Gelegenheit suchte, mit meinem Bruder in ein und derselben Wohnung unterzukommen. Ich erwähne ausdrücklich, dass um die damalige Zeit von einer etwaigen Propaganda gegen den heutigen Staat zwischen meinem Bruder und mir in keiner Weise die Rede war. Um wieder auf mein früheres Zimmer im Hause Mandelstr. 1 zurückzukommen, muss ich noch hinzufügen, dass Graf nach sein Rückkunft aus Russland ein Zimmer suchte und ihn mein Bruder auf mein früheres Zimmer Mandelstr. 1, aufmerksam machte, das um diese Zeit noch frei war, weil die Vermieterin eine weitere Vermietung gar nicht mehr beabsichtigte. Graf hat dieses Zimmer dann auch bekommen, wo er bis zum Schluss wohnte. Auch die Schwester des Graf, die Studentin Anneliese Graf, kam Anfang Januar bei der Familie Berrsche in Untermiete.

Willi Graf kam in der Zeit von Anfang Dez. 42 bis zuletzt ungefähr 10 – 12 x zu einem kürzeren oder längeren Besuch zu meinem Bruder und mir nach Franz-Josef-Str. 13. Es handelte sich meistens um kürzere Besuche und nur 4 oder 5 x hielt er sich in den Abendstunden länger als eine Stunde, höchstens bis 2 ½ Stunden auf. Ich erkläre ausdrücklich, dass Graf an der von meinem Bruder und mir, unter Mitbeteiligung des Schmorell, durchgeführten Propagandatätigkeit (Abfassung, Herstellung und Verbreitung von Flugblätter) in keiner Weise aktiv tätig war. Auch haben mein Bruder und ich es gemieden, andere Personen in diese Angelegenheit einzuweihen, dies schon aus Sicherheitsgründen, nicht zuletzt aber um andere Menschen bezw. Freunde und Bekannte nicht auch mit zu belasten. Ich versichere wiederholt, dass Willi Graf und dessen Schwester Anneliese weder durch mich, noch in meinem Beisein von meinem Bruder Hans, nicht einmal andeutungsweise, von unserer Propagandatätigkeit unterrichtet wurde. Richtig ist dagegen, dass wir (mein Bruder und ich) mit Graf offen und frei Tagesfragen oder die politische bezw. militärische Lage besprachen. Graf hat unsere Meinung, dass wir den Krieg nicht gewinnen könnten und sich dadurch die heutige Regierungsform nach einem Zusammenbruch automatisch ändern müsse und auch ändern werde, weitgehendst geteilt.

Oft haben wir uns auch über allgemeine Fragen unterhalten, zwischendurch jedoch auch über Politik, philosophische oder theologischen Fragen. Einmal erinnere ich mich, haben wir uns eingehend mit der Frage befasst, ob die christliche und nationalsozialistische Weltanschauung miteinander in Einklang gebracht werden könnten. Nach einer längeren Debatte waren wir schließlich der übereinstimmenden Meinung, dass der christliche Mensch Gott mehr als dem Staat verantwortlich sein. Ein andermal wurde zwischen uns (mein Bruder, Graf und mir) ausgehend von den heutigen Kriegsereignissen, die Frage erörtert, ob der Mensch, besonders aber der christliche Mensch, der an die Gebote Gottes gebunden ist, töten dürfe, wie dies von den Soldaten an der Front verlangt wird. Hier kamen wir zu dem Ergebnis, dass auch der christliche Mensch im Kampf gegen den Feind töten dürfe, weil der Kämpfer nicht als Einzelperson für sein Tun verantwortlich sei, denn er handle ja als unselbständiges Glied einer übergeordneten Macht.

Solche und ähnliche Themen wurden gemeinsam mit Graf des öfteren besprochen, wobei ich feststellen konnte, dass im allgemeinen unsere Meinung übereinstimmte. Nach dem Umfang und der verhältnismäßig grossen Zahl von Flugblättern die fast gleichzeitig an verschiedenen Orten Süddeutschlands auftauchten, konnte man als Uneingeweihter zweifellos der Meinung sein, es handle sich um eine grössere Organisation, die diese Propaganda planmäßig betreibe. Wenn wir die Flugblätter z.B. in Wien, Salzburg, Linz, Augsburg und Stuttgart an dort wohnende Adressaten an Ort und Stelle bei der Post aufgaben, dann geschah dies nicht nur aus Ersparnisgründen, sondern wir wollten dadurch den Eindruck erwecken, als befände sich an Ort und Stelle eine Organisation, die sich in ihrer Propaganda gegen den heutigen Staat wendet. Der Gedanke durch dieses Vorgehen von München, d.h. den Ort unserer Tätigkeit, abzulenken, lag uns dabei vollkommen fern.

Mit meinem Bruder hab ich auch einmal darüber gesprochen, dieses Thema wurde sogar öfters behandelt, dass die Gestapo nach dem Auftauchen der Flugblätter, insbesondere fast gleichzeitig an verschiedenen Orten und der verhältnismäßig großen Zahl, der Meinung sein wird, dass hier eine grössere Organisation am Werk sein wird. Wir haben uns über diese Irreführung sogar öfters lustig gemacht, und zwar, hauptsächlich dann, wenn mein Bruder und ich zu später Nachstunde einmal etwa 6000 Flugblätter herstellten. Die gesamten, von uns zur Verbreitung gebrachten Flugblätter, wurden einzig und allein durch meinen Bruder und mich in 2 verschiedenen Nächten hergestellt. Im ersten Falle handelte es sich um etwa oder annähernd 6000 Flugblätter mit der Überschrift: "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland" und der Überschrift "Aufruf an alle Deutsche!", die entweder in der Nacht vom 21./22. oder 22./23.1.43 hergestellt wurden. Auf einem Teil dieser Flugblätter, die textlich alle gleich sind, fehlt lediglich die Überschrift "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland"; dies kam daher, dass die Matrize während unserer Arbeit oben abriss und an der Abrisstelle verklebt werden musste, wodurch die Überschrift nicht mehr auf den Abzügen erschien, weil sie verklebt war.

Wenn mir vorgehalten wird, dass zur Herstellung dieser Flugblätter mindestens 8 verschiedene Matrizen verwendet wurden, so muss ich dies zugeben, denn beim Herstellen der Abzüge ist uns die Matrize immer wieder zerrissen, musste verklebt und schliesslich wegen Unbrauchbarkeit neu geschrieben werden. Von der zweiten Art von Flugblättern wurden insgesamt rund 3000 hergestellt. Diese tragen die Überschriften "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" und "Deutsche Studentin! Deutscher Student!". Auch diese Flugblätter sind textlich vollkommen gleich, nur die Überschrift wurde einmal geändert. Diese Änderung ist darauf zurückzuführen, dass die Matrize nach der Herstellung von schätzungsweise etwas mehr als die Hälfte der Flugblätter vollkommen unbrauchbar war, von meinem Bruder neu geschrieben werden musste, welche Gelegenheit er dazu benützte die Überschrift zu ändern.

Diese Herstellung erfolgte ebenfalls wieder durch meinen Bruder und mich, etwa in der Nacht von 4./5.2.43. Im ersteren Falle begannen wir etwa um 20 Uhr und waren um 3 oder 4 Uhr fertig und im zweiten Falle, arbeiteten wir ungefähr von 21 Uhr bis 1 Uhr. Ich erwähnte dies alles so ausführlich um zu zeigen, dass die beim Herstellen der Flugblätter zu bewältigende Arbeit bei der uns zur Verfügung stehenden Einrichtung von meinem Bruder und mir ohne weiteres bewältigt werden konnte. Mehr Arbeit und Zeitaufwand als beim Vervielfältigen war notwendig, all die vielen Briefumschläge zu besorgen und zu adressieren. Lediglich beim Zukleben der Wurfsendungen war uns Schmorell am letzten Sonntag Abend (14.2.43) in soweit behilflich, als er die zusammengefalzten und mit einer Adresse versehenen Flugblätter auf der Rückseite mit braunem Klebestreifen verschloss. Eine andere Person als Schmorell hat bei dieser Arbeit nicht mitgewirkt, besonders auch Graf hatte damit nichts zu tun.

Ich erwähnte schon einmal, dass ich der Meinung bin, dass Graf den Umständen nach wissen oder vermuten musste, dass wir als Hersteller und Verbreiter dieser Flugblätter in Betracht kommen. Es ist dies allerdings nur eine Annahme von mir, denn sicher bin ich mir in diesem Punkte nicht. Mit aller Bestimmtheit kann ich jedoch sagen, dass er durch mich über unsere Tätigkeit in keiner Weise, nicht einmal andeutungsweise orientiert wurde.

Frage: In welchem Verhältnis stehen sie zu der Schwester des Willi Graf, Anneliese Graf, bezw. in welcher Weise steht sie im Zusammenhang mit Ihrer Propagandatätigkeit?

Antwort: Anneliese Graf habe ich erstmals gesehen, als ich im Dezember 1942 (es war zu Anfang des Monats) einen Koffer bei meiner früheren Wirtin, Frau Berrsche, abholte. Bei dieser Gelegenheit wurde mir die Graf von ihrem Bruder vorgestellt. Ich hab mich auch kurz mit ihr unterhalten, jedoch nur über Fragen ihres Studiums. Insgesamt bin ich 8-10 x mit der Anneliese Graf in Berührung gekommen. Unsere Unterhaltung bezog sich durchwegs auf literarische, musikalische oder andere Gebiete der Wissenschaft, niemals jedoch auf Politik. Die Graf halte ich, ohne mir ein abschliessendes Urteil erlauben zu wollen, für vollkommen unpolitisch. Ich bleibe nach wie vor darauf bestehen, dass die Anneliese Graf mit unserer propagandistischen Tätigkeit, dem Herstellen der Flugblätter, dem Besorgen oder Schreiben der Briefumschläge nicht das Geringste zu tun hatte. Ich bin sogar der festen Meinung, dass sie davon nicht einmal eine Ahnung hatte.

Frage: Bei Durchsuchung der Räume des Ateliers Eickemeyer, bezw. der Kellerräume desselben wurde u.a. eine Schablone zur Fertigung der Schrift "Nieder mit Hitler!" gefunden. Dabei befanden sich 1 Paar Handschuhe, Farbe und Pinsel etc. Was ist Ihnen über die Beschaffung der Schablone und des Zubehörs und über deren Verwendung bekannt?

Antwort: Die mir vorgezeigte Schablone sehe ich jetzt zum ersten Mal, von deren Vorhandensein war mir bisher nicht das Geringste bekannt. Im Zusammenhang mit dieser Frage erinnere ich mich nun, vor etwa drei Wochen auf dem Schreibtisch meines Bruders kleine etwa 6 bis 8 mm breite Blechstreifen vorgefunden zu haben, über deren Herkunft ich mir damals keine Vorstellung machen konnte. Weil ich mir weiter nichts dabei dachte, habe ich meinen Bruder nicht darüber befragt, wo diese Blechstreifen hergekommen seien. Nachdem ich aber nun diese Schablone gesehen habe, bin ich der Meinung, dass es sich bei diesen Blechstreifen um die Buchstabenausschnitte der in Frage stehenden Schablone waren. Auch bei diesen Blechstreifen handelte es sich um Weissblech von der Art, der mit vorgezeigten Schablone.

Im Laufe unserer propagandistischen Tätigkeit haben wir vornehmlich in der letzten Zeit den Gedanken erwogen, uns mit Flugblättern an die Studenten zu wenden, weil wir die Auffassung vertraten, dass die meisten der Studenten revolutionär und begeisterungsfähig sind, sich vor allem aber etwas zu unternehmen getrauen. Wenn ich in diesem Zusammenhang von revolutionären spreche, dann ist das nicht so aufzufassen, als seien die Studenten in Revolutionsstimmung gegen den heutigen Staat, was ja keinesfalls zutrifft. Jedenfalls habe ich meinem Bruder bei Erwägung dieser Gedanken den Vorschlag gemacht, man solle an der Universität und deren Umgebung Farbaufschriften anbringen, welche Aufschriften zeigen sollten, dass noch Kräfte vorhanden seien, die gegen den heutigen Staat arbeiten. Bestimmte Vorschläge textlicher Art habe ich meinem Bruder nicht gemacht. Mein Bruder gab mir auf meinen Vorschlag hin zur Antwort, wir wollten uns vorerst einmal an die Verbreitung von Flugblättern halten, die Wirkung abwarten und sehen, was man weiter unternehme. Nebenbei erwähnte mein Bruder, wenn man Aufschriften anbringen wolle, müsse man zuerst Farbe herbeischaffen, was jedenfalls einige Schwierigkeiten bereiten würde, da heute Farbe schwer zu bekommen ist.

Als ich am Donnerstag, den 4.2.43 gegen 10 Uhr zur Universität kam, um dort bei Professor Huber die Vorlesung zu besuchen, sah ich, dass an der rechten Seite des Eingangs zur Universität zweimal in großer Schrift das Wort "Freiheit" angeschrieben war. Ferner sah ich, dass verschiedene Stellen an Häusern in der Ludwigstrasse mit weissem Papier überklebt waren. An einer Stelle haben Strassenpassanten ein solches Papier weggerissen, worauf ich mich davon überzeugen konnte, dass jedenfalls mittels Schablone die Aufschrift "Nieder mit Hitler" und ein mit zwei Strichen durchkreuztes Hakenkreuz aufgemalt war. Als ich nach der Vorlesung nach Hause kam, gab ich meinem Bruder von meinen Wahrnehmungen Kenntnis. Mein Bruder war über meine Mitteilung nicht überrascht, hat sie als interessante Neuigkeit hingenommen und sogleich die Frage an mich gerichtet, ob die Aufschrift schon weggemacht sei oder nicht und wie diese Aufschrift von den Studenten aufgenommen worden sei. Ich erzählte meinem Bruder, dass zahlreiche Putzfrauen damit beschäftigt seien die Aufschrift abzuwaschen, was aber einige Schwierigkeiten verursachte. Bezüglich der Studenten sagte ich einige hätten die Aufschrift als eine "Schweinerei" bezeichnet, während andere darüber gelacht hätten.

Am Abend vor diesem Vorfall hat mein Bruder bereits beim Abendessen etwa um 7 Uhr (19 Uhr) gesagt, er müsse noch zur Frauenklinik zu einer Entbindung. Nach dem Abendessen begaben sich mein Bruder, meine Schwester Elisabeth, die sich damals vorübergehend bei uns aufhielt und ich zum Bayerischen Hof, wo wir einem Konzert beiwohnten. Nach dem Konzert begleitete uns unser Bruder nach Hause und ging nach ½ Stunde, etwa 11 (23 Uhr) in seiner alltäglichen Kleidung von zu Hause weg. Ob er eine Aktenmappe oder ein anderes Beförderungsmittel mitgenommen hat, weiss ich nicht. Auch kann ich nicht angeben, wann mein Bruder in jener Nacht (3./4.2.43) nach Hause kam. Ich habe ihn erst wieder gesehen, als ich am nächsten Vormittag aus dem Bett aufstand. Ob wir am Vortage Herrenbesuch hatten, weiß ich nicht mehr genau, glaube dies aber nicht.

Frage:

In ihrer Wohnung wurde ein Notizbuch (Notenheft) gefunden, in welchem eine grössere Anzahl von Adressen und anderer Aufzeichnungen befinden. Was haben Sie dazu anzugeben?

Antwort: Die Zeichen und Zahlen auf der ersten Seite dieses Notizbuches enthalten Ausgaben (geldlicher Art) die ich für persönliche Dinge und die Beschaffung von Papier, Briefumschläge, Briefmarken etc. zur Herstellung der Flugblätter und deren Versand aufgewendet habe. Die nunmehr rot unterstrichenen Zeichen und Zahlen beziehen sich auf Ausgaben für Zwecke der Propaganda. Die Gesamtsumme beläuft sich auf RM 385,--, soweit es meine Aufstellung betrifft, bezw. soweit überhaupt von mir etwas aufgeschrieben wurde. Hier möchte ich erwähnen, dass in dem soeben festgestellten Betrag nur ein Teil unserer Gesamtausgaben für Zwecke der politischen Propaganda enthalten sind. Unsere Gesamtausgaben dürften sich nach meiner Schätzung auf etwa RM 800,-- bis 1000,-- belaufen, einschliesslich der Bahnfahrten.

Dieses Notizbuch enthält ferner 272 Adressen von Personen in Augsburg und 14 Adressen von Personen in München. Diese Adressen habe ich selbst aus Adressbüchern (Jahrgang ist mir nicht bekannt) die im Deutschen Museum ausliegen, herausgeschrieben. Die Adressaten von Augsburg erhielten bis auf etwa 12 Propagandabriefe der sogenannten "Widerstandsbewegung in Deutschland". Nur Personen, deren Anschrift ich beim Schreiben der Adresse nicht mehr gut lesen konnte, habe ich ausgelassen, dies waren ungefähr 12. Die Münchner Adressaten, die in diesem Buch verzeichnet sind, erhielten überhaupt keine Briefe.

Frage: In Ihrer Wohnung wurde auch ein Verzeichnis der Studenten der Universität München für das Winterseminar 1941/42 vorgefunden. Wie kamen Sie zu diesem Verzeichnis und in welcher Weise haben Sie davon Gebrauch gemacht?

Antwort: Dieses Verzeichnis hat mein Bruder am letzten Sonntag (14.2.43) bei Vorbereitung von Propagandabriefen mit der Überschrift "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" oder "Deutsche Studenten! Deutsche Studentin!" beigebracht. Ob mein Bruder dieses Verzeichnis schon früher im Besitz hatte, weiss ich nicht. Jedenfalls haben wir aus diesem Verzeichnis und zwar wahllos etwa 1500 Adressen von Studenten herausgeschrieben, die auf dem Postwege mit den erwähnten Propagandaschriften versorgt wurden.

Frage: U.a. wurden auch Angehörige von Studentenkompanien mit Propagandabriefen ihrer Art versorgt. Woher hatten Sie diese Adressen und wer hat sie geschrieben?

Antwort: Mir ist nur bekannt, dass verschiedene Angehörige der in der Bergmannschule untergebrachten Studentenkompanie Propagandabriefe von uns erhielten. Die Adressen hat mein Bruder, der dieser Kompanie angehört, geschrieben. Wieviel Briefe an Angehörige der Studentenkompanie hinausgingen, weiss ich nicht. Auch vermag ich nicht anzugeben, ob auch Angehörige anderer Studentenkompanien mit solchen Briefen bedacht wurden. An die Front wurden meines Wissens, ich kann das sogar bestimmt sagen, keine Briefe mit Flugblättern geschickt.

Auszüge aus den Verhörprotokollen, Teil II

Frage: Seit wann kennen Sie den San. Feldw, Willi Graf, in welchem Verhältnis standen Sie zu ihm und in welcher Weise war dieser an der Flugblattaktion beteiligt? Sie haben sich zu dieser Frage bei Ihrer früheren Vernehmung schon einmal kurz geäussert, es ist jedoch der dringende Verdacht gegeben, dass Sie gerade in diesem Punkte, aus welchen Gründen sei dahingestellt, noch nicht die volle Wahrheit gesagt haben.

Antwort: Feldwebel Graf habe ich erstmals gesehen und vielleicht auch kurz gesprochen, als mein Bruder Hans Scholl Mitte Juli 1942 zusammen mit der Studentenkomp. nach Russland abgestellt wurde. Zur Verabschiedung von meinem Bruder begab ich mich zum Ostbahnhof, wo mir Graf durch meinen Bruder vorgestellt wurde. Ob ich mich bei dieser Gelegenheit mit Graf unterhielt weiss ich heute nicht mehr. Graf hab ich dann erst wiedergesehen, nachdem er Mitte November 1942, wie auch die übrigen Angehörigen der Studentenkomp., aus Russland zurückgekommen war und sich wieder in München aufhielt. Die zweite Begegnung mit ihm erfolgte meines Wissens Anfang Dezember 1942, gelegentlich eines Konzert´s, wo weiss ich nicht mehr.

Bis Ende Juli 1942 wohnte ich in München, Mandelstr. 1/I b. Berrsche. Ich habe diese Wohnung aufgegeben, weil mir das zur Verfügung stehende Zimmer zu klein war. Andere Gründe die mich zu einem Wohnungswechsel veranlasst hätten, waren nicht gegeben, schliesslich nur noch, dass ich nach einer Gelegenheit suchte, mit meinem Bruder in ein und derselben Wohnung unterzukommen. Ich erwähne ausdrücklich, dass um die damalige Zeit von einer etwaigen Propaganda gegen den heutigen Staat zwischen meinem Bruder und mir in keiner Weise die Rede war. Um wieder auf mein früheres Zimmer im Hause Mandelstr. 1 zurückzukommen, muss ich noch hinzufügen, dass Graf nach sein Rückkunft aus Russland ein Zimmer suchte und ihn mein Bruder auf mein früheres Zimmer Mandelstr. 1, aufmerksam machte, das um diese Zeit noch frei war, weil die Vermieterin eine weitere Vermietung gar nicht mehr beabsichtigte. Graf hat dieses Zimmer dann auch bekommen, wo er bis zum Schluss wohnte. Auch die Schwester des Graf, die Studentin Anneliese Graf, kam Anfang Januar bei der Familie Berrsche in Untermiete.

Willi Graf kam in der Zeit von Anfang Dez. 42 bis zuletzt ungefähr 10 – 12 x zu einem kürzeren oder längeren Besuch zu meinem Bruder und mir nach Franz-Josef-Str. 13. Es handelte sich meistens um kürzere Besuche und nur 4 oder 5 x hielt er sich in den Abendstunden länger als eine Stunde, höchstens bis 2 ½ Stunden auf. Ich erkläre ausdrücklich, dass Graf an der von meinem Bruder und mir, unter Mitbeteiligung des Schmorell, durchgeführten Propagandatätigkeit (Abfassung, Herstellung und Verbreitung von Flugblätter) in keiner Weise aktiv tätig war. Auch haben mein Bruder und ich es gemieden, andere Personen in diese Angelegenheit einzuweihen, dies schon aus Sicherheitsgründen, nicht zuletzt aber um andere Menschen bezw. Freunde und Bekannte nicht auch mit zu belasten.

Ich versichere wiederholt, dass Willi Graf und dessen Schwester Anneliese weder durch mich, noch in meinem Beisein von meinem Bruder Hans, nicht einmal andeutungsweise, von unserer Propagandatätigkeit unterrichtet wurde. Richtig ist dagegen, dass wir (mein Bruder und ich) mit Graf offen und frei Tagesfragen oder die politische bezw. militärische Lage besprachen. Graf hat unsere Meinung, dass wir den Krieg nicht gewinnen könnten und sich dadurch die heutige Regierungsform nach einem Zusammenbruch automatisch ändern müsse und auch ändern werde, weitgehendst geteilt. Oft haben wir uns auch über allgemeine Fragen unterhalten, zwischendurch jedoch auch über Politik, philosophische oder theologischen Fragen.

Einmal erinnere ich mich, haben wir uns eingehend mit der Frage befasst, ob die christliche und nationalsozialistische Weltanschauung miteinander in Einklang gebracht werden könnten. Nach einer längeren Debatte waren wir schließlich der übereinstimmenden Meinung, dass der christliche Mensch Gott mehr als dem Staat verantwortlich sein. Ein andermal wurde zwischen uns (mein Bruder, Graf und mir) ausgehend von den heutigen Kriegsereignissen, die Frage erörtert, ob der Mensch, besonders aber der christliche Mensch, der an die Gebote Gottes gebunden ist, töten dürfe, wie dies von den Soldaten an der Front verlangt wird. Hier kamen wir zu dem Ergebnis, dass auch der christliche Mensch im Kampf gegen den Feind töten dürfe, weil der Kämpfer nicht als Einzelperson für sein Tun verantwortlich sei, denn er handle ja als unselbständiges Glied einer übergeordneten Macht. Solche und ähnliche Themen wurden gemeinsam mit Graf des öfteren besprochen, wobei ich feststellen konnte, dass im allgemeinen unsere Meinung übereinstimmte.

Nach dem Umfang und der verhältnismäßig grossen Zahl von Flugblättern die fast gleichzeitig an verschiedenen Orten Süddeutschlands auftauchten, konnte man als Uneingeweihter zweifellos der Meinung sein, es handle sich um eine grössere Organisation, die diese Propaganda planmäßig betreibe. Wenn wir die Flugblätter z.B. in Wien, Salzburg, Linz, Augsburg und Stuttgart an dort wohnende Adressaten an Ort und Stelle bei der Post aufgaben, dann geschah dies nicht nur aus Ersparnisgründen, sondern wir wollten dadurch den Eindruck erwecken, als befände sich an Ort und Stelle eine Organisation, die sich in ihrer Propaganda gegen den heutigen Staat wendet. Der Gedanke durch dieses Vorgehen von München, d.h. den Ort unserer Tätigkeit, abzulenken, lag uns dabei vollkommen fern.

Mit meinem Bruder hab ich auch einmal darüber gesprochen, dieses Thema wurde sogar öfters behandelt, dass die Gestapo nach dem Auftauchen der Flugblätter, insbesondere fast gleichzeitig an verschiedenen Orten und der verhältnismäßig großen Zahl, der Meinung sein wird, dass hier eine grössere Organisation am Werk sein wird. Wir haben uns über diese Irreführung sogar öfters lustig gemacht, und zwar, hauptsächlich dann, wenn mein Bruder und ich zu später Nachstunde einmal etwa 6000 Flugblätter herstellten. Die gesamten, von uns zur Verbreitung gebrachten Flugblätter, wurden einzig und allein durch meinen Bruder und mich in 2 verschiedenen Nächten hergestellt. Im ersten Falle handelte es sich um etwa oder annähernd 6000 Flugblätter mit der Überschrift: "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland" und der Überschrift "Aufruf an alle Deutsche!", die entweder in der Nacht vom 21./22. oder 22./23.1.43 hergestellt wurden. Auf einem Teil dieser Flugblätter, die textlich alle gleich sind, fehlt lediglich die Überschrift "Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland"; dies kam daher, dass die Matrize während unserer Arbeit oben abriss und an der Abrisstelle verklebt werden musste, wodurch die Überschrift nicht mehr auf den Abzügen erschien, weil sie verklebt war.

Wenn mir vorgehalten wird, dass zur Herstellung dieser Flugblätter mindestens 8 verschiedene Matrizen verwendet wurden, so muss ich dies zugeben, denn beim Herstellen der Abzüge ist uns die Matrize immer wieder zerrissen, musste verklebt und schliesslich wegen Unbrauchbarkeit neu geschrieben werden. Von der zweiten Art von Flugblättern wurden insgesamt rund 3000 hergestellt. Diese tragen die Überschriften "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" und "Deutsche Studentin! Deutscher Student!". Auch diese Flugblätter sind textlich vollkommen gleich, nur die Überschrift wurde einmal geändert. Diese Änderung ist darauf zurückzuführen, dass die Matrize nach der Herstellung von schätzungsweise etwas mehr als die Hälfte der Flugblätter vollkommen unbrauchbar war, von meinem Bruder neu geschrieben werden musste, welche Gelegenheit er dazu benützte die Überschrift zu ändern. Diese Herstellung erfolgte ebenfalls wieder durch meinen Bruder und mich, etwa in der Nacht von 4./5.2.43. Im ersteren Falle begannen wir etwa um 20 Uhr und waren um 3 oder 4 Uhr fertig und im zweiten Falle, arbeiteten wir ungefähr von 21 Uhr bis 1 Uhr.

Ich erwähnte dies alles so ausführlich um zu zeigen, dass die beim Herstellen der Flugblätter zu bewältigende Arbeit bei der uns zur Verfügung stehenden Einrichtung von meinem Bruder und mir ohne weiteres bewältigt werden konnte. Mehr Arbeit und Zeitaufwand als beim Vervielfältigen war notwendig, all die vielen Briefumschläge zu besorgen und zu adressieren. Lediglich beim Zukleben der Wurfsendungen war uns Schmorell am letzten Sonntag Abend (14.2.43) in soweit behilflich, als er die zusammengefalzten und mit einer Adresse versehenen Flugblätter auf der Rückseite mit braunem Klebestreifen verschloss. Eine andere Person als Schmorell hat bei dieser Arbeit nicht mitgewirkt, besonders auch Graf hatte damit nichts zu tun.

Ich erwähnte schon einmal, dass ich der Meinung bin, dass Graf den Umständen nach wissen oder vermuten musste, dass wir als Hersteller und Verbreiter dieser Flugblätter in Betracht kommen. Es ist dies allerdings nur eine Annahme von mir, denn sicher bin ich mir in diesem Punkte nicht. Mit aller Bestimmtheit kann ich jedoch sagen, dass er durch mich über unsere Tätigkeit in keiner Weise, nicht einmal andeutungsweise orientiert wurde.

Frage: In welchem Verhältnis stehen sie zu der Schwester des Willi Graf, Anneliese Graf, bezw. in welcher Weise steht sie im Zusammenhang mit Ihrer Propagandatätigkeit?

Antwort: Anneliese Graf habe ich erstmals gesehen, als ich im Dezember 1942 (es war zu Anfang des Monats) einen Koffer bei meiner früheren Wirtin, Frau Berrsche, abholte. Bei dieser Gelegenheit wurde mir die Graf von ihrem Bruder vorgestellt. Ich hab mich auch kurz mit ihr unterhalten, jedoch nur über Fragen ihres Studiums. Insgesamt bin ich 8-10 x mit der Anneliese Graf in Berührung gekommen. Unsere Unterhaltung bezog sich durchwegs auf literarische, musikalische oder andere Gebiete der Wissenschaft, niemals jedoch auf Politik. Die Graf halte ich, ohne mir ein abschliessendes Urteil erlauben zu wollen, für vollkommen unpolitisch. Ich bleibe nach wie vor darauf bestehen, dass die Anneliese Graf mit unserer propagandistischen Tätigkeit, dem Herstellen der Flugblätter, dem Besorgen oder Schreiben der Briefumschläge nicht das Geringste zu tun hatte. Ich bin sogar der festen Meinung, dass sie davon nicht einmal eine Ahnung hatte.

Frage: Bei Durchsuchung der Räume des Ateliers Eickemeyer, bezw. der Kellerräume desselben wurde u.a. eine Schablone zur Fertigung der Schrift "Nieder mit Hitler!" gefunden. Dabei befanden sich 1 Paar Handschuhe, Farbe und Pinsel etc. Was ist Ihnen über die Beschaffung der Schablone und des Zubehörs und über deren Verwendung bekannt?

Antwort: Die mir vorgezeigte Schablone sehe ich jetzt zum ersten Mal, von deren Vorhandensein war mir bisher nicht das Geringste bekannt. Im Zusammenhang mit dieser Frage erinnere ich mich nun, vor etwa drei Wochen auf dem Schreibtisch meines Bruders kleine etwa 6 bis 8 mm breite Blechstreifen vorgefunden zu haben, über deren Herkunft ich mir damals keine Vorstellung machen konnte. Weil ich mir weiter nichts dabei dachte, habe ich meinen Bruder nicht darüber befragt, wo diese Blechstreifen hergekommen seien. Nachdem ich aber nun diese Schablone gesehen habe, bin ich der Meinung, dass es sich bei diesen Blechstreifen um die Buchstabenausschnitte der in Frage stehenden Schablone waren. Auch bei diesen Blechstreifen handelte es sich um Weissblech von der Art, der mit vorgezeigten Schablone.

Im Laufe unserer propagandistischen Tätigkeit haben wir vornehmlich in der letzten Zeit den Gedanken erwogen, uns mit Flugblättern an die Studenten zu wenden, weil wir die Auffassung vertraten, dass die meisten der Studenten revolutionär und begeisterungsfähig sind, sich vor allem aber etwas zu unternehmen getrauen. Wenn ich in diesem Zusammenhang von revolutionären spreche, dann ist das nicht so aufzufassen, als seien die Studenten in Revolutionsstimmung gegen den heutigen Staat, was ja keinesfalls zutrifft. Jedenfalls habe ich meinem Bruder bei Erwägung dieser Gedanken den Vorschlag gemacht, man solle an der Universität und deren Umgebung Farbaufschriften anbringen, welche Aufschriften zeigen sollten, dass noch Kräfte vorhanden seien, die gegen den heutigen Staat arbeiten. Bestimmte Vorschläge textlicher Art habe ich meinem Bruder nicht gemacht. Mein Bruder gab mir auf meinen Vorschlag hin zur Antwort, wir wollten uns vorerst einmal an die Verbreitung von Flugblättern halten, die Wirkung abwarten und sehen, was man weiter unternehme. Nebenbei erwähnte mein Bruder, wenn man Aufschriften anbringen wolle, müsse man zuerst Farbe herbeischaffen, was jedenfalls einige Schwierigkeiten bereiten würde, da heute Farbe schwer zu bekommen ist.

Als ich am Donnerstag, den 4.2.43 gegen 10 Uhr zur Universität kam, um dort bei Professor Huber die Vorlesung zu besuchen, sah ich, dass an der rechten Seite des Eingangs zur Universität zweimal in großer Schrift das Wort "Freiheit" angeschrieben war. Ferner sah ich, dass verschiedene Stellen an Häusern in der Ludwigstrasse mit weissem Papier überklebt waren. An einer Stelle haben Strassenpassanten ein solches Papier weggerissen, worauf ich mich davon überzeugen konnte, dass jedenfalls mittels Schablone die Aufschrift "Nieder mit Hitler" und ein mit zwei Strichen durchkreuztes Hakenkreuz aufgemalt war. Als ich nach der Vorlesung nach Hause kam, gab ich meinem Bruder von meinen Wahrnehmungen Kenntnis. Mein Bruder war über meine Mitteilung nicht überrascht, hat sie als interessante Neuigkeit hingenommen und sogleich die Frage an mich gerichtet, ob die Aufschrift schon weggemacht sei oder nicht und wie diese Aufschrift von den Studenten aufgenommen worden sei. Ich erzählte meinem Bruder, dass zahlreiche Putzfrauen damit beschäftigt seien die Aufschrift abzuwaschen, was aber einige Schwierigkeiten verursachte. Bezüglich der Studenten sagte ich einige hätten die Aufschrift als eine "Schweinerei" bezeichnet, während andere darüber gelacht hätten.

Am Abend vor diesem Vorfall hat mein Bruder bereits beim Abendessen etwa um 7 Uhr (19 Uhr) gesagt, er müsse noch zur Frauenklinik zu einer Entbindung. Nach dem Abendessen begaben sich mein Bruder, meine Schwester Elisabeth, die sich damals vorübergehend bei uns aufhielt und ich zum Bayerischen Hof, wo wir einem Konzert beiwohnten. Nach dem Konzert begleitete uns unser Bruder nach Hause und ging nach ½ Stunde, etwa 11 (23 Uhr) in seiner alltäglichen Kleidung von zu Hause weg. Ob er eine Aktenmappe oder ein anderes Beförderungsmittel mitgenommen hat, weiss ich nicht. Auch kann ich nicht angeben, wann mein Bruder in jener Nacht (3./4.2.43) nach Hause kam. Ich habe ihn erst wieder gesehen, als ich am nächsten Vormittag aus dem Bett aufstand. Ob wir am Vortage Herrenbesuch hatten, weiß ich nicht mehr genau, glaube dies aber nicht.

Frage: In ihrer Wohnung wurde ein Notizbuch (Notenheft) gefunden, in welchem eine grössere Anzahl von Adressen und anderer Aufzeichnungen befinden. Was haben Sie dazu anzugeben?

Antwort: Die Zeichen und Zahlen auf der ersten Seite dieses Notizbuches enthalten Ausgaben (geldlicher Art) die ich für persönliche Dinge und die Beschaffung von Papier, Briefumschläge, Briefmarken etc. zur Herstellung der Flugblätter und deren Versand aufgewendet habe. Die nunmehr rot unterstrichenen Zeichen und Zahlen beziehen sich auf Ausgaben für Zwecke der Propaganda. Die Gesamtsumme beläuft sich auf RM 385,--, soweit es meine Aufstellung betrifft, bezw. soweit überhaupt von mir etwas aufgeschrieben wurde. Hier möchte ich erwähnen, dass in dem soeben festgestellten Betrag nur ein Teil unserer Gesamtausgaben für Zwecke der politischen Propaganda enthalten sind. Unsere Gesamtausgaben dürften sich nach meiner Schätzung auf etwa RM 800,-- bis 1000,-- belaufen, einschliesslich der Bahnfahrten.

Dieses Notizbuch enthält ferner 272 Adressen von Personen in Augsburg und 14 Adressen von Personen in München. Diese Adressen habe ich selbst aus Adressbüchern (Jahrgang ist mir nicht bekannt) die im Deutschen Museum ausliegen, herausgeschrieben. Die Adressaten von Augsburg erhielten bis auf etwa 12 Propagandabriefe der sogenannten "Widerstandsbewegung in Deutschland". Nur Personen, deren Anschrift ich beim Schreiben der Adresse nicht mehr gut lesen konnte, habe ich ausgelassen, dies waren ungefähr 12. Die Münchner Adressaten, die in diesem Buch verzeichnet sind, erhielten überhaupt keine Briefe.

Frage: In Ihrer Wohnung wurde auch ein Verzeichnis der Studenten der Universität München für das Winterseminar 1941/42 vorgefunden. Wie kamen Sie zu diesem Verzeichnis und in welcher Weise haben Sie davon Gebrauch gemacht?

Antwort: Dieses Verzeichnis hat mein Bruder am letzten Sonntag (14.2.43) bei Vorbereitung von Propagandabriefen mit der Überschrift "Kommilitoninnen! Kommilitonen!" oder "Deutsche Studenten! Deutsche Studentin!" beigebracht. Ob mein Bruder dieses Verzeichnis schon früher im Besitz hatte, weiss ich nicht. Jedenfalls haben wir aus diesem Verzeichnis und zwar wahllos etwa 1500 Adressen von Studenten herausgeschrieben, die auf dem Postwege mit den erwähnten Propagandaschriften versorgt wurden.

Frage: U.a. wurden auch Angehörige von Studentenkompanien mit Propagandabriefen ihrer Art versorgt. Woher hatten Sie diese Adressen und wer hat sie geschrieben?

Antwort: Mir ist nur bekannt, dass verschiedene Angehörige der in der Bergmannschule untergebrachten Studentenkompanie Propagandabriefe von uns erhielten. Die Adressen hat mein Bruder, der dieser Kompanie angehört, geschrieben. Wieviel Briefe an Angehörige der Studentenkompanie hinausgingen, weiss ich nicht. Auch vermag ich nicht anzugeben, ob auch Angehörige anderer Studentenkompanien mit solchen Briefen bedacht wurden. An die Front wurden meines Wissens, ich kann das sogar bestimmt sagen, keine Briefe mit Flugblättern geschickt.

Auszüge aus den Verhörprotokollen, Teil III

Frage: Nach den Sachverständigenfeststellungen ist anzunehmen, dass bei der Beschriftung der Briefe bzw. beim Schreiben der Anschriften mehr als zwei verschiedene Schreibmaschinen benützt wurden. Ferner möchte ich von Ihnen wissen, wie Sie zu der Remington-Schreibmaschine gekommen sind.

Antwort: Hier kann ich nur wiederholen, dass zum Schreiben der Anschriften bei den zahlreichen Briefen (zwischen drei- und viertausend) nur zwei verschiedene Schreibmaschinen und zwar jene der Frau Schmitt (kleine Erica) und die Schreibmaschine, die Schmorell besorgt hat, benützt wurden. Auch zu der Frage, wo Schmorell die Remington-Schreibmaschine hergebracht hat, kann ich mich nur auf meine früheren Angaben berufen. Es war Mitte Januar 1943, als Schmorell eines Tages während meiner Abwesenheit die in Frage kommende Remington-Schreibmaschine gebracht hat. Ich habe Schmorell nicht aufgefordert eine Schreibmaschine zu besorgen und nehme daher an, dass die Anregung dazu von meinem Bruder ausging. Wem diese Schreibmaschine gehört, weiß ich nicht. Ich nehme jedoch an, dass die Schmorell bei einem Freund oder Bekannten geliehen hat. Genau weiß ich dies allerdings nicht.

Frage: Wann und durch wen erhielten Sie Kenntnis von dem Flugblatt "Die Weisse Rose"? Was hatten Sie selbst mit dieser Sache zu tun?

Antwort: Im vorigen Sommer etwa Mitte Juli hat mir Frl. Traute Lafrenz, Studentin der Medizin, (Wohnung in München unbekannt) mit der ich gut bekannt bin, während einer Vorlesungspause in der Universität ein Flugblatt mit der Überschrift "Flugblätter der Weissen Rose" zum Lesen gegeben. Meines Wissens war dieses Flugblatt am Kopf mit der Zahl IV (römische Zahlen) versehen. Ich glaube auch mich zu erinnern zu können, dass mir die Lafrenz bei der Übergabe dieser Druckschrift mitteilte, sie habe diese am gleichen Tage oder einige Tage vorher erhalten. Die Schrift wurde ihr in einem Briefumschlag durch die Post zugesandt. Als ich diese Flugschrift durchgelesen habe, standen mein Bruder und meines Wissens auch der Student Hubert Furtwängler (ein Neffe des bekannten Dirigenten) aus dem Schwarzwald, nähere Anschrift unbekannt, neben mir und haben die Schrift über meine Schulter hinweg mitgelesen.

Mein Bruder hat weder durch Minen, Gebärden oder Bemerkungen erkennen lassen, dass er mit dieser Schrift, d.h. mit der Herstellung und Verbreitung irgendetwas zu tun hatte. Noch während des Lesens habe ich an die umstehenden Personen die Frage gerichtet, was wohl die Überschrift "Die Weisse Rose" zu bedeuten habe. Meines Wissens gab mein Bruder zur Antwort, dass seiner Erinnerung nach während der franz. Revolution die verbrannten Adeligen eine weisse Rose als Symbol auf ihren Fahnen geführt hätten. Wenige Tage später habe ich mich mit meinem Bruder nochmals über dieses Flugblatt unterhalten, wobei er auf meine Frage, wer wohl als Verfasser dieses Flugblattes in Frage komme zur Antwort gab, es sei nicht gut nach dem Verfasser zu fragen, weil man diesen dadurch nur gefährde.

In sonstiger Weise habe ich von dem Flugblatt "Die Weisse Rose" nichts gesehen und nichts gehört. Ich muss ganz entschieden bestreiten, sowohl mit der Abfassung der Herstellung oder Verbreitung dieser Schrift auch nur das Geringste zu tun zu haben. Noch im Juli 1942 ging unter den Studenten das Gerücht, wer mir das damals gesagt hat, weiss ich heute nicht mehr, die Verbreiter der "Weissen Rose" habe man gefasst, d.h. verhaftet abgeurteilt und hingerichtet.

Frage: Den Umständen nach ist anzunehmen, dass Sie zur Bestreitung der Ihnen zur Durchführung der Flugblattpropaganda entstehenden Kosten von dritter Seite finanzielle Zuwendungen erhielten.

Antwort: Ich habe schon einmal angegeben, dass dies nicht der Fall ist. Sämtliche entstandene Unkosten für Beschaffung des nötigen Materials, des Vervielfältigungsapparates, der Briefmarken, Reisekosten usw., wurden einzig und allein von meinem Bruder und mir bestritten. Richtig ist allerdings, dass die uns zur Verfügung stehenden Geldbeträge zur Bestreitung unseres Lebensunterhaltes, Bezahlung der Vorlesungsgebühren, Beschaffung des zur Herstellung der Flugschriften notwendigen Materials etc. nicht ausreichte, weshalb ich gezwungen war, bei verschiedenen Freunden und Bekannten Geld zu leihen. So habe ich mir von Schmorell kurz vor Weihnachten 1942 einen Betrag von RM 200,-- und vor etwa 4 Wochen nochmals RM 45,-- geliehen. Schmorell habe ich nicht gesagt, dass diese Geldbeträge zur Bestreitung der durch die Herstellung der Flugblätter notwendigen Auslagen seien, doch konnte oder musste er dies den Umständen nach annehmen. Ich bin sei 1 Jahr mit Schmorell bekannt, mein Bruder etwa seit 2 Jahren. Zu früheren Zeiten habe ich von Schmorell nie Geld geliehen.

Seit 8 oder 9 Jahren bin ich mit Fritz Hartnagel, 26 Jahre alt, aus Ulm, bekannt. Genannter ist aktiver Offizier der Luftwaffe (Hauptmann), befand sich bei der 6. Armee in Stalingrad, hat starke Erfrierungen erlitten und wurde dieserhalb noch vor Beendigung der Kämpfe mit dem Flugzeug abtransportiert und befindet sich nunmehr in einem Lazarett in Lemberg. Mit Hartnagel verbindet mich seit 1937 ein Liebesverhältnis und hatten wir auch die Absicht, uns später einmal zu heiraten. Im Mai 1942 hat mir Hartnagel während eines kurzen Urlaubs einen Betrag von RM 200,-- für meine Zwecke zur Verfügung gestellt. Später und zwar im Juli erhielt ich nochmals 100,-- RM. Von diesem Betrag von insgesamt RM 300,-- habe ich für Hartnagel ungefähr 40,-- RM zum Ankauf von Büchern für ihn ausgegeben. Den Restbetrag von RM 260,-- habe ich seit Beginn unserer Flugblattaktion verbraucht.

Zur Berichtigung obiger Angaben möchte ich nachtragen, dass die Vorlesungsgebühren für mich und meinen Bruder von meinem Vater bezahlt werden. Frage: Seit wann sind Sie mit dem Student der Medizin Christof Probst aus Lermoos bei Garmisch bekannt und in welchem Verhältnis standen Sie zu ihm? Was hatte er mit der Flugblattaktion zu tun, bzw. in welcher Weise war er beteiligt? Antwort: Im Mai 1942 wurde mir Probst bei einem Konzert durch Schmorell oder meinen Bruder vorgestellt. In der Folgezeit kam ich und zwar bis Beendigung des Sommersemesters wöchentlich etwa 2 bis 3 mal bei Konzerten oder in seiner bezw. unserer Wohnung mit ihm zusammen und habe mich mit ihm unterhalten. Verschiedentlich war mein Bruder zugegen, oft aber auch nicht. Die politische Einstellung des Probst deckt sich im Wesentlichen mit der meines Bruders und der meinen. Auch er vertrat die Meinung, dass wir diesen Krieg nicht mehr gewinnen könnten. In seinen Äusserungen gegenüber den heutigen Staat hat er sich uns gegenüber zurückgehalten, wohl mit Rücksicht auf seine zahlreiche Familie. Seine Frau wurde erst unlängst von dem dritten Kind entbunden und hat jetzt noch Wochenbettfieber. Mit der Abfassung der Flugblätter, deren Herstellung und Verbreitung hat er meines Wissens nicht das Geringste zu tun.

Wenn mir vorgehalten wird, dass Probst erst unlängst einen Entwurf zu einem neuen Flugblatt geliefert habe, so muss ich der Wahrheit gemäß angeben, davon bis jetzt nichts gewusst zu haben. Mit Probst und dessen Frau bin ich eng befreundet. Bei der Frau des Probst habe ich im Laufe des letzten Jahres etwa viermal einen Wochenendbesuch gemacht. Bei Probst handelt es sich nach meiner Meinung charakterlich und geistig um einen über dem Durchschnitt gefestigten bezw. begabten Menschen, der verantwortungsbewußter zu sein scheint, als Schmorell. Die Frau des Probst lebt ganz in ihrer Familie und geht vollkommen in der Sorge um ihre Kinder auf. Meines Erachtens ist diese Frau vollkommen unpolitisch.

Frage: Nennen Sie der Reihe nach Ihre gute Bekannten und befreundeten Personen.

Antwort: Ausser den bereits besprochenen Freunden und Bekannten etc. wären hier noch folgende nachzutragen: Muth Karl, Professor, wohnt München-Solln, Dittlerstr. 10, durch Otto Aicher vor 1 Jahr kennengelernt, komme selten zu ihm zur Erkundigung seines Wohlergehens. Sehr religiöser Mann, politische Gespräche wurden bisher nicht geführt. 77 Jahre alt, körperlich sehr schwach. Aicher Otto, Wehrmachtangehöriger, z.Zt. wegen Krankheit Genesungsurlaub, Truppenteil unbekannt. Aicher ist aus Ulm, wo seine Eltern Glockengasse 10 wohnen. Ist der Geliebte der Schwester Inge, hat 8 Klassen Realschule, jedoch nicht das Abitur, weil er nicht der HJ angehört hat. Er ist sehr religiös und nicht nationalsozialistisch eingestellt, sonst aber unpolitisch, da er ganz andere (philosophische und künstlerische) Interessen verfolgt. Reiff Erika, Ulm, Weinsteige 8. Abiturientin, im 7. Oder 8. Semester als Medizinstudentin an der Universität München seit Dezember 1942. Hier einmal im Konzert getroffen, sonst keinen Umgang mit ihr. Politisch gut nationalsozialistisch eingestellt. Remppis Lisa, wohnt Leonberg bei Stuttgart, Adolf-Hitlerstr. 16. Jugendfreundlin, 19 Jahre alt, Schülering des Fröbelseminars in Stuttgart. Regen Schriftwechsel, persönlicher Natur. Selbst unpolitisch, ihr Verlobter, ehem. Offizier, (Kriegsbeschädigter) positiv für den heutigen Staat eingestellt. Andere Freundschaften unterhalte ich nicht.

Frage: Im Laufe der Verhandlungen habe ich ihnen zwischendurch einen Schal vorgezeigt und die Frage an Sie gerichtet, ob er Ihnen oder Ihrem Bruder gehöre oder ob Sie sonst wüssten, wer der Eigentümer desselben sei.

Antwort: Dieser Schal gehört weder meinem Bruder noch mir, ferner ist mir nicht bekannt, wessen Eigentum er sonst sein könnte. Ich kann mit bestem Gewissen zu dieser Frage keine positiveren Angaben machen. Wenn mir vorgehalten wird, dass in diesem Schal Flugblätter eingewickelt waren, die kurz nach unserer Festnahme in Universitätsgebäude gefunden wurden, so kann ich mir die Zusammenhänge nicht erklären.

Frage: Was wissen Sie von einem Flugblatt mit der Überschrift "10 Jahre Nationalsozialismus!"?

Antwort: Ein Flugblatt mit diesem Titel war mir bis jetzt vollkommen fremd. Nachdem mir dieses Flugblatt im Original vorgezeigt wurde, kann ich mit Sicherheit sagen, dass dieses Flugblatt weder von meinem Bruder noch von mir stammt. Über den Hersteller oder Verbreiter vermag ich keinerlei Angaben zu machen.

Frage: Wann ist Schmorell zur Besorgung der Propagandapost nach Salzburg, Linz und Wien gefahren, wann kam er zurück und wo hat er gegebenenfalls übernachtet?

Antwort: Schmorell ist am 26.1.43 (an einem Dienstag) vormittags um 6 Uhr mit dem Schnellzug von München nach Salzburg, Linz und Wien gefahren und kam am 28.1.43 vormittags um 4 Uhr wieder nach München zurück. Ob er in einer dieser Städte übernachtete, weiss ich nicht, nehme es aber nicht an, da Schmorell sehr wenige Geld bei sich hatte, weshalb er vielleicht gar nicht übernachten konnte, selbst wenn er dies gewollt hätte.

Frage: Ich habe schon einmal die Frage an Sie gerichtet, was die benützte Vervielfältigungsmaschine gekostet hat. Sie sagten 200,-- RM, ist das richtig?

Antwort: Mein Bruder hat den Vervielfältigungsapparat gekauft und ich weiss nicht genau, was er gekostet hat, ich glaube aber etwa RM 200,-- vielleicht auch etwas mehr.

Frage: Zum Schlusse Ihrer nun umfangreichen Vernehmung habe ich die Frage an Sie zu richten, ob Sie nicht aus eigenem Entschluss etwas anzugeben haben, was zur Klärung der Sache beitragen kann oder noch nicht aufgeklärt ist.

Antwort: Auf diese Frage möchte ich noch angeben, dass ich am 5. oder 6. Februar 1943, nachdem ich am 4.2. an der Universität die Aufschrift "Freiheit" gesehen hatte, meinen Bruder unter vier Augen mit den Worten zur Rede stellt: "Das stammt wohl von Dir?" ich meinte damit, das Anschreiben des Wortes "Freiheit", worauf ich von ihm lachend die Bestätigung erhielt. Ich weiss nicht mehr ob er nur mit [dem] Kopf nickte, oder meine Frage mit "ja" beantwortete. Ich habe meinem Bruder in diesem Zusammenhang den Rat gegeben, mich bei ähnlichen Schmierereien mitzunehmen, um ihn vor evtl. Überraschungen zu schützen. Ich erwähnte noch, dass wir gegebenenfalls im Falle einer Überraschung Arm in Arm weitergehen könnten und wir dann nicht auffallen würden. Mein Vorschlag leuchtete ihm wohl ein, er hat sich jedoch nicht einverstanden erklärt, weil er die Meinung vertrat, solche Arbeiten seien für ein Mädchen nicht geeignet.

Auch in einem anderen Punkt habe ich nicht die Wahrheit gesagt, was ich vor Abschluss meiner Vernehmung berichtigen möchte. Die auf Seite 1 des bei mir vorgefundenen Notizbuches vorgetragenen Geldbeträge wurden restlos und ausschließlich für Zwecke der politischen Propaganda (Herstellung von Flugblättern) verwendet. Auf der linken Seite oben befindet sich der Buchstabe E, soll heißen Einnahmen und auf der rechten Seite der Buchstabe A, soll heißen Ausgaben. Der Gesamtbetrag der (E) Einnahmen beläuft sich auf RM 1103,50 und jener der Ausgaben auf RM 690,50. Ich muss hier betonen, dass ich nicht alle Ausgaben notiert habe. Ausserdem glaube ich, dass ich unter der Rubrik Einnahmen den einen oder anderen Betrag entweder doppelt aufgeschrieben habe, oder dass Einzelbeiträge in anderen grösseren Summen bereits enthalten waren, also doppelt verbucht wurden. Die Einnahmen und Ausgaben müssen sich ungefähr auf gleicher Höhe bewegen, denn andere Beträge als angegeben, standen mir nicht zur Verfügung und unsere Kasse ist bis auf einen Restbetrag von rund RM 40,-- aufgebraucht.

Zum Schlusse meiner Angaben möchte ich noch anführen, dass ich nun alles angegeben habe, was mir von dem Ermittlungsgegenstand überhaupt bekannt ist. Ich habe mit Wissen nichts verschwiegen oder etwas hinzugesetzt, das nicht der Wahrheit entspricht. Sollte mir noch nachträglich etwas einfallen, was mit der Sache in Zusammenhang steht und noch nicht eingehend geklärt und besprochen ist, so werde ich mich freiwillig zur weiteren Vernehmung melden.

Schlussfrage: Während der Gesamtvernehmung, die sich über zwei volle Tage erstreckte, haben wir zwischendurch, wenn auch nur streiflichartig, verschiedene politische und weltanschauliche Frage besprochen. Sind Sie nach diesen Aussprachen nun nicht doch zu der Auffassung gekommen, dass man Ihrer Handlungsweise und das Vorgehen gemeinsam mit Ihrem Bruder und anderen Personen gerade in der jetzigen Phase des Krieges als ein Verbrechen gegenüber der Gemeinschaft insbesondere aber unserer im Osten schwer und hart kämpfenden Truppen anzusehen ist, das die schärfste Verurteilung finden muss. Antwort:Von meinem Standpunkt muss ich diese Frage verneinen. Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.

Quelle: Bundesarchiv Berlin, ZC 13267, Bd. 3
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