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24.4.2012 | Von:
Gerhard Barkleit

Kaliningrader Identitäten oder die Schizophrenie der Geschichtslosigkeit

"Wer sind wir, deutsch geprägte Russen oder russisch geprägte Deutsche?" Für den Schriftsteller Aleksander Popadin ist der Kaliningrader geradezu ein "Vorbild für Unbestimmtheit". Am Beispiel eines Oral-History-Projekts der Kaliningrader Universität aus den 1990er-Jahren wird gezeigt, wie historische Forschung durch einen Wechsel der Perspektive zur Versachlichung der bisweilen bizarre Züge annehmenden Debatte um die Bedeutung der deutschen Vorgeschichte dieser Region beitragen könnte.

Einleitung

Im Sommer 2005 feierte die russische Stadt Kaliningrad den 750. Jahrestag der Gründung der deutschen Stadt Königsberg. Dem deutschen Besucher, zumal wenn er in der DDR sozialisiert worden war, bot sich ein vertrautes Bild – Losungen, herausragendes Element der Agit-Prop-Kultur kommunistischer Couleur dominierten Straßen und Plätze.
"750 Jahre Kaliningrad"."750 Jahre Kaliningrad" – Losung aus Anlass der 750-Jahrfeier Kaliningrads, des ehemaligen Königsbergs, im Sommer 2005. (© Gerhard Barkleit)
"750 Jahre Kaliningrad. Wir lieben unsere Stadt! Wir sind stolz auf unsere Geschichte!", so bohrte es sich in den Farben rot und blau in die Augen der Vorübergehenden. Stehen diese Sätze tatsächlich für die Vereinnahmung von beinahe sieben Jahrhunderten deutscher Vorgeschichte durch die heute hier Lebenden? Der durchaus eine Provokation darstellende Hinweis, dass dazu dann aber auch die zwar kurze, aber außerordentlich folgenreiche Periode nationalsozialistischer Herrschaft gehörte, löste bei den meisten der daraufhin Angesprochenen zunächst Nachdenklichkeit aus. Man dürfe solche Losungen, zumal im Zusammenhang mit der festlichen Erinnerung an ein bedeutsames historisches Ereignis wohl nicht so ernst nehmen, lautete die häufigste Antwort.

Um die Schizophrenie der Kaliningrader im Umgang mit der (deutschen) Vergangenheit ihrer Stadt "mit den Händen zu greifen", bedarf es allerdings keiner derartigen Provokation. Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus versank die Region zunächst in der Bedeutungslosigkeit, und ihre Bewohner begannen, nach einer neuen Identität zu suchen. Seit einigen Jahren sind erhebliche Bemühungen festzustellen, die von den Sowjets verordnete Geschichtslosigkeit der Region zu überwinden. Die nicht selten aufgeregten und heftigen Debatten zeichnen sich durch die Dominanz emotionaler Argumentationen aus.

Der Schriftsteller Aleksandr Popadin setzt sich mit der Wirkung der Überreste deutscher Kultur auf die Herausbildung einer regionalen Identität der Bewohner von Kaliningrad auseinander. "Die Stadt" so argumentiert er, "setzt mit bestimmten Teilen ihrer Substanz
Kaliningrad: Dom und Hafen.Deutsche und sowjetische Vergangenheit auf einen Blick: Dom und Hafen in Kaliningrad/Königsberg. (© Gerhard Barkleit)
(Architektur, kulturhistorische Reminiszenzen, Kunstwerke, Struktur von Industrie und Institutionen)", wie auch auf andere Weise, die "Wechselwirkungen eines neuen Volkes mit der Region fest". Für Popadin ist "die Stadt" ein im politischen Sinne neutraler Vermittler zwischen zwei Völkern. Sie erweise sich "als anschauliche historische Form, vermittels derer die Geschichte des vorhergehenden Volkes auf das heutige Volk einwirkt". Als Antwort auf die Frage: "Wer sind wir? Deutsch geprägte Russen oder russisch geprägte Deutsche?", deutet er "den" Kaliningrader geradezu als "Vorbild für Unbestimmtheit".[1]

Der Historiker Jurij Kostjašov befasste sich schon vor dem Zusammenbruch der Sowjetunion intensiv mit den Problemen der Region. Er spricht von einer "Ablehnung des deutschen historisch-kulturellen Erbes" nicht nur durch die "neuen Machthaber", sondern auch "durch die breite Masse der sowjetischen Neusiedler". Diese seien vorwiegend aus dem "tiefsten Russland" gekommen und empfanden "die materielle Welt Ostpreußens, die menschengemachte Landschaft und die neuen Wohnformen ungewohnt und fremd".[2] Allerdings gehört er zu denjenigen, die Ostpreußens Geschichte für nicht teilbar halten und deshalb endlich auch die mit einem Tabu belegte "heikle und noch immer schmerzhafte Frage des Schicksals der ostpreußischen Bevölkerung", die Vertreibung, ins öffentliche Bewusstsein rücken wollen.


Fußnoten

1.
Vgl. Aleksandr Popadin, Kaliningradec: problema identičnosti [Kaliningrader: Identitätsprobleme], in: Zapad Rossii 2 (1994), S. 106–116.
2.
Jurij Kostjašov, Am Schnittpunkt dreier Welten, Ostpreußen: Zankapfel der Völker, in: Adrian von Arburg u. a., Als die Deutschen weg waren. Was nach der Vertreibung geschah: Ostpreußen, Schlesien, Sudetenland, Berlin 2005, S. 303. Das Folgende ebd., S. 309.

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