Beleuchteter Reichstag

counter
20.6.2012 | Von:
Dennis Riffel
Ruth Wunnicke

Praktische Geschichtsvermittlung in der Migrationsgesellschaft

Ein Werkstattbericht

Lokalgeschichtliche Spurensuche



Das Format der Spurensuche zum Thema Migrationsgeschichte kann Jugendlichen die Vielfalt von Lebenswelten aufzeigen und ihnen helfen, sich selbst besser in Raum und Zeit zu verorten.[11] Die Erwartungen an das Format sollten nicht übersteigert werden. Es kann beispielsweise nicht erwartet werden, Jugendliche damit zu mehr Toleranz zu erziehen. Im Materialienband wird nicht nur im Themenfeld Migrationsgeschichte ein Vorschlag zur lokalgeschichtlichen Spurensuche angeboten, das Format wird auch in weiteren Themenfeldern Verwendung finden.

Die Spurensuche zur Migrationsgeschichte kann sowohl in Städten als auch im ländlichen Raum angewandt werden. Wichtig sind entsprechende Institutionen und Personen/Zeitzeugen, die als Kooperationspartner herangezogen werden können. Die Methoden und Herangehensweisen sind dabei vielfältig. Von einer Recherche im lokalen Archiv über Interviews, die Suche nach Gegenständen, die Migrations- und Familiengeschichten erzählen, Besuchen bei Religionsgemeinschaften bis hin zur freien Fotodokumentation im lokalen Umfeld ist vieles möglich. Entscheidend ist jedoch, den Lehrern und Multiplikatoren die Scheu vor Projekten dieser Art zu nehmen.

Orte und Institutionen der Spurensuche

Centro Italiano WolfsburgDas Centro Italiano in Wolfsburg. Einst fand die erste Generation der italienischen Volkswagen-Arbeiter Rückhalt im Centro Italiano. Heute bilden viele Vereine und Privatpersonen den Förderverein Centro Italiano e.V., der die Internationalität der Stadt Wolfsburg aktiv zu unterstützen sucht. (© Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.)
Orte wie Friedhöfe, Denkmäler, Straßenzüge, Läden und Restaurants und Institutionen wie Archive, Museen, Ortsfeuerwachen, Migranten- und Religionsgemeinschaften und Heimatstuben bieten für die lokale Spurensuche wichtige Anhaltspunkte. Durch den historischen Ansatz bei der Spurensuche können die Veränderungen von Orten oder Institutionen untersucht und Einflüsse durch Migration sichtbar gemacht werden. Einzelne Stadtarchive haben sich bereits auf das Thema Migrationsgeschichte eingelassen und bieten pädagogische Programme für Schulen an. Vor allem in der Zusammenarbeit mit Institutionen sollte bedacht werden, dass sie, ähnlich wie Zeitzeugen, bestimmte Narrative weitergeben, die kritisch hinterfragt werden müssen. Wichtig ist aber auch, den eigenen Blick der Jugendlichen auf das Thema Migration zuzulassen. So können zum Beispiel Plakate, Graffiti und Straßenszenen viel über Migration erzählen und als Einstieg in eine Spurensuche genutzt werden.

Spurensuche mit Zeitzeugen

Die Arbeit mit Zeitzeugen ist für die Spurensuche zur Migrationsgeschichte sehr wichtig. Zeitzeugenberichte bedürfen einer besonderen Reflexion, denn sie geben eine private, oft von fremden Erinnerungen und Deutungsversuchen überlagerte Perspektive auf die Geschehnisse wieder. Dieser biografische Zugang stellt Schüler und Lehrer vor die Aufgabe, von der individuellen Ebene des Zeitzeugen wieder zurück zur allgemeinen Ebene zu gelangen und den Zeitzeugen als historische Quelle zu verstehen. Lehrer sollten daher ihre Schüler zuvor mit der Methode der Oral History vertraut machen.[12]

Ein Problem bei der lokalen Spurensuche zur Migrationsgeschichte ist, dass nicht alle Zuwanderungsgruppen, die per definitionem als Migranten gelten, als solche verstanden werden wollen. Laut Bundesamt für Migration und Flüchtlinge spricht man von Migration, "wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt. Von internationaler Migration spricht man dann, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht."[13] Demnach ist nahezu jeder Mensch ein Migrant. Selbst wer von Mecklenburg nach Bayern zieht, gilt als Binnenmigrant. Zeit und Raum der Migration sind nicht eingegrenzt. Deutlich enger gefasst ist der Begriff "Menschen mit Migrationshintergrund". Dabei ist "Migrationshintergrund" ein Ordnungskriterium der deutschen amtlichen Statistik zur Beschreibung einer Bevölkerungsgruppe, die aus seit 1950 eingewanderten Personen und deren Nachkommen besteht. Auch das Statistische Bundesamt benutzt seit dem Mikrozensus 2005 eine solche Definition.[14]

Wichtig ist, mit welcher Definition an die Spurensuche zur Migration herangegangen wird. Die enge Definition des Statistischen Bundesamtes legt von vornherein den Fokus auf bestimmte Migrantengruppen, vor allem auf jene, die lange Zeit unter den Begriff "Gastarbeiter" gefasst wurden. Die weiter gefasste Definition des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ermöglicht es, Migration in einem größeren Rahmen zu betrachten, und kann besonders bei der Arbeit auf lokaler Ebene fruchtbar gemacht werden.

Spurensuche zur Migrationsgeschichte in den östlichen Bundesländern

Austellung "Lebenswege ins Ungewisse" Görlitz"Lebenswege ins Ungewisse" hieß eine Ausstellung über Migration in Görlitz/Zgorzelec von 1933 bis heute, die das Schlesische Museum Görlitz 2011/12 zeigte. Die Ausstellung dokumentierte mit Interviews, historischen Aufnahmen und Erinnerungsstücken ein lebendiges Panorama deutsch-polnischer Zeitgeschichte an der Neiße. In acht Jahrzehnten veranlassten verschieden Wellen der Migration Menschen zum Kommen und Gehen: Diktatur und Krieg, Flucht und Vertreibung, gesellschaftliche und wirtschaftliche Umwälzungen. (© Gegen Vergessen – Für Demokratie e.V.)
Ausstellungskatalog "Lebenswege ins Ungewisse"Katalog der Ausstellung "Lebenswege ins Ungewisse" (© Schlesisches Museum Görlitz)
In den östlichen Bundesländern leben bis heute noch weniger Menschen mit Migrationsgeschichte – hier im engen Sinne – als in den westlichen Bundesländern. In den 40 Jahren DDR fand (vor allem internationale) Migration nur eingeschränkt statt. Viele der einstigen Vertragsarbeiter in der DDR sind wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Die Spuren, die jene sogenannten temporären Migranten hinterlassen haben, sind rar. In Stadt- und Werksarchiven können teilweise noch Unterlagen oder Fotoalben Auskunft über Vertragsarbeiter geben. Daher ist für die Erarbeitung der Migrationsgeschichte in den westlichen Bundesländern die weiter gefasste Migrationsdefinition des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge hilfreich. Sie ermöglicht die Untersuchung von Migration auch aus der Zeit vor 1950, wodurch Flüchtlinge und Vertriebene als Migrantengruppen in den Fokus rücken. Informationen zu diesen Themen lassen sich unter anderem im Schlesischen Museum Görlitz oder im Pommerschen Landesmuseum Greifswald finden. Gleichwohl haben die östlichen Bundesländer sowohl vor 1989 als auch danach ihre eigene Migrationsgeschichte – die Geschichte des Abwanderns und Weggehens.


Fußnoten

11.
Vgl. maßgeblich zur Spurensuche als Methode der Geschichtsvermittlung: Lothar Dittmer/Detlef Siegfried (Hg.), Spurensucher. Ein Praxishandbuch für historische Projektarbeit, Hamburg 2005.
12.
U.a. Gerhard Henke-Bockschatz, Oral History im Geschichtsunterricht, in: Geschichte lernen 13 (2000) 76, S. 18–24; Zeitzeugenbefragung und Oral History, http://www.uni-giessen.de/cms/fbz/fb04/institute/geschichte/didaktik/dokumente/Mat_Medien/geschichtsdidaktische-pruefungsthemen/zeitzeugenbefragung-und-oral-history [12.6.2012].
13.
Vgl. Migrationsbericht des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung, Migrationsbericht 2006, S. 12, http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Migrationsberichte/migrationsbericht-2006.pdf?__blob=publicationFile [12.6.2012].
14.
Klaus-Jürgen Duschek u.a., Leben in Deutschland – Haushalte, Familien und Gesundheit – Ergebnisse des Mikrozensus 2005, Wiesbaden 2006.

Ausstellung + Film

Die Mauer. Sie steht wieder!

Was wäre, wenn die Mauer Berlin erneut halbieren würde? 30 Jahre nach dem Mauerfall erinnert das Deutschland Archiv der bpb mit 30 Bildmontagen und einem Film von Alexander Kupsch an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

NEU: Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei, Betriebskampfgruppen und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen, Demokratie und Reisefreiheit eintraten - und sich mit Kerzen, Worten und Zivilcourage gegen die Staatsmacht durchsetzten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 5. - 8. April 1949
    Auf ihrer Deutschlandkonferenz in Washington beschließen die Außenminister Acheson (USA), Bevin (Großbritannien) und Schuman (Frankreich): 1. die Bizone (1. 1. 1947) durch Fusion mit dem französischen Besatzungsgebiet zur Trizone zu erweitern; 2. die... Weiter
  • 5. April 1990
    Im Ost-Berliner »Palast der Republik« konstituiert sich die erste frei gewählte Volkskammer. Die Tagung wird erstmals in der Geschichte der DDR mit einem Gottesdienst eingeläutet. Das Parlament wählt im zweiten Wahlgang mit 214 Stimmen (erforderliche absolute... Weiter