Beleuchteter Reichstag

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20.9.2012 | Von:
Berthold Petzinna

Die Beobachtung
des westdeutschen Verlagswesens
durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR

Das Beispiel des Suhrkamp-Verlags

VII

Versucht man ein Fazit der MfS-Beobachtungen und Mutmaßungen zur westdeutschen Verlagsszene und speziell Suhrkamps, so fällt neben Unsicherheiten im Einzelnen der durchweg defensive Grundzug ins Auge.[61] Man sah sich in einer Position drohender kultureller Überwältigung, in einem Kampf mithin um die "kulturelle Hegemonie"[62] – eine Wahrnehmung, die in das verwaschene Konzept der allgegenwärtigen PID einfloss. Mehrfach wurde in den Berichten des MfS die Problematik angesprochen, eigene genehme Autoren im westlichen Markt zu verankern. 1969 vermerkte Fritz-Georg Voigt auf der Frankfurter Messe zwar ein generell verstärktes Interesse an Literatur aus der DDR, musste aber einschränken: "Überblickt man das Angebot westdeutscher Verlage an belletristischer Literatur von DDR-Autoren (Christa Wolf, [Günter] de Bruyn, Irmtraud Morgner, Stefan Heym), so muß man feststellen, daß unsere wichtigsten sozialistischen Werke fehlen ([Anna] Seghers 'Das Vertrauen', [Wolfgang] Joho 'Das Klassentreffen', [Alfred] Wellm, [Martin] Viertel, [Werner] Heiduczek, u.a.)."[63] Von der Frankfurter Buchmesse 1975 hieß es betrübt: "Während die Lesung von Irmtruat [sic!] Morgner sehr viele Interessenten angelockt hatte, so daß man sogar in einen größeren Saal umziehen mußte, las Gerhard Holtz-Baumert vor ca. 20 Personen, wobei mindestens die Hälfte Mitglieder der DDR-Delegation waren."[64] Noch sechs Jahre später stellte die Quelle "Richard" fest: "Grundsätzlich besteht kein Interesse und eine stuhre [sic!] abwehrende Haltung bezüglich solcher Autoren wie Max Walter Schulz, [Joachim] Nowotny, Erik Neutsch, die also in der DDR und im sozialistischen Lager eine positive Stellung auf Grund politischer Bekenntnisse inne haben."[65]

Besonders sensibel reagierten die Interpreten aus den Reihen des MfS auch vor diesem Hintergrund auf das Konzept der "einheitlichen deutschen Kulturnation", das den Abgrenzungsbestrebungen der DDR-Führung entgegen lief. Willy Brandt erläuterte den politischen Stellenwert, den der Begriff für ihn hatte: "Die Identität von Nation und Staat war zerbrochen. Doch sie hatte in Deutschland ohnedies nur eine kurze Spanne existiert. Als 'Kultur-Nation' würde es seine Identität behalten, wie auch die Chance sein mag, daß in einem gesamteuropäischen Prozeß die beiden Staaten eines Tages Formen des Zusammenlebens finden, die mehr sind als bloß zwischenstaatliche Beziehungen."[66] Dies wurde seitens der DDR-Politik entsprechend verstanden und als latente Bedrohung gewertet.

Auch die wirtschaftliche Angewiesenheit auf Beziehungen zu Westunternehmen blieb ein Stachel. Die partielle Verschränkung mit dem westlichen Marktgeschehen wurde auch in den 1980er-Jahren als politisch unwillkommen und bedenklich, ökonomisch jedoch unvermeidlich betrachtet. War bereits in den 70ern über die relative Schwäche der DKP-Verlage – des politisch gegebenen Partners im Westen – geklagt worden, so stellte sich zu Beginn des neuen Jahrzehnts dieses Problem noch schärfer. Marktgängigkeit im Westen begann so im Mitteldeutschen Verlag ein Kriterium für die Programmplanung zu werden, schließlich galt es, hinsichtlich des Exports in das kapitalistische Ausland den Plan zu erfüllen. Dazu führte IM "Willi" aus: "Da jedoch die westdeutschen Verlage Lizenzen nur von Büchern übernehmen, die keinen oder nur einen geringen sozialistischen Gehalt haben, gab und gibt es im Verlag Überlegungen, Editionen zu entwickeln, die in der BRD gekauft werden."[67] Man erwog, für den Export in die Bundesrepublik gesonderte, gleichsam gereinigte Klappentexte zu produzieren. Dass auf diese Weise Exportmöglichkeiten durch die Preisgabe ideologischer Positionen erkauft werden könnten, sah man ebenso wie die vermeintlich wachsende Orientierung der Autoren, Texte unter dem Gesichtspunkt der Exporttauglichkeit gen Westen zu verfassen. Einen Ausweg sah "Willi" nicht. Resignation klang an: "Diese Situation gilt offensichtlich für alle belletristischen Verlage. Die besondere Schwierigkeit haben jedoch die Verlage, die DDR-Literatur produzieren." Die starke Stellung auch des Suhrkamp-Verlags konnte nicht einfach ignoriert werden. Bereits zuvor hatte es hinsichtlich Bertolt Brechts geheißen: "Wir kenne(n) Unseld ja als einen Erpresser."[68] "Erpressen" kann nur, wer die Macht dazu besitzt.

Fußnoten

61.
Für den Bereich des DDR-Fernsehens bemerkt dieses Phänomen Claudia Dittmar, Feindliches Fernsehen. Das DDR-Fernsehen und seine Strategien im Umgang mit dem westdeutschen Fernsehen, Bielefeld 2010, S. 430. Zur Vorstellung der gesteuerten Diversionstätigkeit durch die Westsender vgl. ebd., insb. S. 260f, 311ff u. 424ff.
62.
In seiner Autobiografie zitiert Stefan Heym den Chef der DDR-Zollverwaltung, Anton Ruh, mit Worten, die auch dem kulturell-ästhetischen Bereich in der Systemauseinandersetzung eine bedeutende Rolle zuweisen: "Die drüben ersticken uns, mit ihrer Währung, ihren Waren, ihren Farben, ihren Rhythmen, ihrer Welt.": Stefan Heym, Nachruf, Frankfurt a. M. 1990, S. 665.
63.
Aufbau Verlag (Anm. 45), Bl. 198.
64.
Information, o.D. (Anm. 55), Bl. 249.
65.
Abt. XX/7, Halle, 19.10.1981. Globale Einschätzung zu […] der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, BStU, MfS, BV Halle Abt. XX/XV 1778/70 Nachheftung Bd. 1, Bl. 164.
66.
Zit.: Hans Buchheim, Deutschlandpolitik 1949–1972. Der politisch-diplomatische Prozeß, Stuttgart 1984, S. 171.
67.
Abt. XX/7, Halle, 6.5.1982. Tonbandabschrift. Betrifft: Export im Mitteldeutschen Verlag in Halle, BStU, MfS, BV Halle VIII 564/66 Abt. XX T. II Bd. IV, Bl. 335. – Das Folgende ebd., Bl. 337.
68.
HA XX/7, Berlin, 20.9.1971 (Anm. 46), Bl. 27.

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