Beleuchteter Reichstag

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29.11.2012 | Von:
Axel Zutz

Modern-postmoderne Landschaftsarchitektur im Zentrum der Hauptstadt –
der Gendarmenmarkt/Platz der Akademie

VII.

Abschließend soll die nun vorerst verbleibende Gestaltung von 1976/84 eingeschätzt werden: Der Platz der Akademie in der Gestaltung nach Matthes/Prasser/Naumann markiert einen Wendepunkt im Umgang mit historischen Stadtflächen in der DDR.[38] Die städtebauliche Rekonstruktion des Platzes in Verbindung mit einer modernen Landschaftsarchitektur stellt ein Pendant zur Weite und Offenheit des Städtebaus der 1960er- und 70er-Jahre dar, sei es in den Zentren, sei es in den Stadtrandgebieten. Sie ist ein Beispiel für die Rückkehr zu historischen Stadtgrundrissen, die Wertschätzung und Wiedererlangung historischer Stadträume.

Diese Trendwende war nicht spezifisch für den Ostteil der Stadt. Gleichzeitig entstanden in West-Berlin die ersten vorbildlichen Anlagen der dort noch jungen Abteilung Gartendenkmalpflege,[39] wie auch historische Platzanlagen neue Fußgängerbereiche erhielten, so am Wittenbergplatz im Rahmen des 1980 aufgelegten "City-Programms".[40] Ein markantes westdeutsches Parallelbeispiel ist der
Paulsplatz Frankfurt a.M.Paulsplatz zu Frankfurt am Main (© ullstein bild / Imagebroker)
Platz an der Frankfurter Paulskirche. Dieser stellt nicht nur hinsichtlich Raster und regelmäßiger Baumpflanzung – dort sind es geschnittene Platanen – ein bemerkenswertes, gewissermaßen gesamtdeutsches Äquivalent des Gendarmenmarktes dar, sondern auch hinsichtlich der 1848er-Bezüge.[41]

Eine Wiederherstellung der bürgerlichen Platzgestaltung aus der Kaiserzeit verbot sich in der DDR politisch und gestalterisch. Nicht jedoch der Bezug auf die Aufklärung und Preußen.[42] Hubert Matthes' spielerischer Umgang mit dem Platz setzte die geschnittene flache grüne Form als relativierendes Moment zu den machtvollen Architektursolitären von Karl Friedrich Schinkel und Carl von Gontard. Er folgte dabei mit dem Baumraster der Schinkelschen Idee von einem klar gegliederten Stadtraum, wie sie 50 Jahre zuvor auch schon Steen Eiler Rasmussen, Werner Hegemann und Hugo Häring aufgriffen und weiterentwickelt hatten. Dabei konstituierte er mit Höhenfestlegung und Schnitt auch die proportionale Unterordnung des Lebendigen unter das Gebaute. In Einheit mit der Formensprache der Ausstattungselemente Andreas Naumanns, die sich am Schinkelschen Schauspielhaus orientiert, handelt es sich quasi um einen Neohistorismus à la DDR in einem in sich stimmigen Platzkonzept.

Die intimen Aufenthaltsflächen unter den Ahorn-Karrees und die angebotene Nutzungsvielfalt entsprechen diesem postmodernen Bedürfnis nach einer Revitalisierung der Innenstädte für den Fußgänger, der Wiedererschaffung "urbaner" öffentlicher Erlebnis-Räume nach der "gemordeten Stadt" der Nachkriegszeit (Wolf Jobst Siedler).[43] Der Ost-Berliner Fußgänger wurde mit dem Betreten des Platzes aufgenommen in eine Kunst-und-Kultur-Gegenwelt zur realsozialistischen Kapitale, wie sie sich mit dem Fernsehturm und dem Palast der Republik präsentierte, er trat quasi aus ihr heraus und gleichzeitig zurück in die "gute Stube" des aufgeklärten preußischen Humanismus. Hier fand das Individuum – anders als auf den weitläufigen Massenflächen der hauptstädtischen Repräsentation – Rückzugsmöglichkeiten und Ruhe. Zugleich wurde mit dem Entwurf von Matthes/Prasser eine den vorhandenen Architekturen gestalterisch wie historisch angemessene Lösung gefunden, die Schinkels im Schauspielhaus ausgedrücktes Geschichtsverständnis der soziokulturellen Bezugnahme auf die Antike, nun wiederum bezogen auf den preußischen Klassizismus, fortschrieb: "Historisch ist nicht, das Alte allein festzuhalten oder zu wiederholen, dadurch würde die Historie zugrunde gehen; historisch handeln ist das, welches das Neue herbeiführt und wodurch die Geschichte fortgesetzt wird."[44]

Wenngleich es sich auch beim Platz der Akademie von 1976/84 teilweise um eine "verordnete Gemütlichkeit" (Siedler)[45] handelt, die auf die "gemordete Stadt" folgte, also um eine mitunter auch kitschig anmutende Übermöblierung, auch wenn der biedermeierlich anmutende Kugelahorn nicht der Idealbaum ist, so haben wir es heute dennoch mit einer einzigartigen, in seiner Zeit wohl abgewogenen und aufwändig gestalteten Freifläche im Einklang mit einem spätbarocken/klassizistischen Architekturensemble und berlintypisch gestalteten Platzwänden zu tun. Der Platz stellt nicht nur ein prominentes Beispiel der Architektur und der Landschaftsarchitektur der späten DDR dar, sondern – so der Landeskonservator Jörg Haspel in seinem Schlusswort zum Denkmalpflegerischen Kolloquium Gendarmenmarkt – ein "in sich stimmiges, schlüssiges Platzkonzept der 1980er Jahre" und eine "herausragende Leistung der städtebaulichen Denkmalpflege der DDR". Der Gendarmenmarkt sei ein vortreffliches Beispiel dafür, wie zu Zeiten der DDR mit Geschichte als Ressource Gegenwartsaufgaben gelöst worden sind. Diese Einschätzung wurde von einer anderen Teilnehmerin geteilt: Wenn man heute nach einer denkmalpflegerischen Leitschicht suchte, würde man diese in den 1980er-Jahren zur Zeit der Fertigstellung von Schauspielhaus, Platzfläche und Platzwänden finden. Aufgeworfen wurde zudem die wichtige Frage: "Was bedeutet Denkmalpflege für Gestaltungen, die unter den Bedingungen des Mangels und der Beschränkung (wie in der DDR) entstanden sind?"[46] Für den Gendarmenmarkt hieße das im Umkehrschluss: Was hätten wir heute für eine Debatte – sofern wir überhaupt eine hätten –, wenn tatsächlich Linden gepflanzt worden wären?

Wie die breite Anteilnahme der Berliner Öffentlichkeit gezeigt hat, ist eine bilderstürmerische Platzerneuerung nach nur 25 Jahren aus denkmalpflegerischen und stadtwirtschaftlichen Gründen nicht nur unangebracht, sondern scheint auch politisch unklug zu sein. Denn sie setzt sich darüber hinweg, wie eine von Sparmaßnahmen betroffene Bevölkerung die Umgestaltung der von ihr keineswegs als dysfunktional empfunden Umgebung interpretiert, die baulich zum überwiegenden Teil intakt ist. Hinzu kommt die erhöhte Sensibilität gegenüber Abrissen und Umgestaltungen im Berliner Ostteil. Nicht zu Unrecht werden nicht demokratisch legitimierte Maßnahmen – auch noch 20 Jahre nach dem Mauerfall – als "Siegerjustiz" wahrgenommen. Sie wirken polarisierend, statt zum Abbau sozialer Spannungen beizutragen. Bei der Gestaltung des Gendarmenmarktes geht es also in besonderem Maße auch um die Gestaltung des politischen Raumes, um die Grenzen von Deutungshoheit und Gestaltungsmacht. Dass der Bezug auf die Gestaltung von 1895 mit eingezäunten Rasen- und Gehölzflächen zum Anschauen und Davorsitzen sowohl heutigen Nutzungsanforderungen als auch der Architektur des Platzes als Ganzes funktional und gestalterisch angemessen ist, darf mit Heinz Wiegand bezweifelt werden.

Zeitgemäße Denkmalpflege kann nicht die Zerstörung vorhandener Denkmäler zugunsten des Neubaus verlorener Zeitschichten bedeuten. Die Kehrtwende zu einem nun hoffentlich respektvollen und angemessenen Umgang mit dem vorhandenen Baumbestand, der Oberflächengestaltung und den Ausstattungselementen aus der DDR-Zeit bringt nun die von vielen gewünschte behutsame Instandsetzung. Diese sollte eine gewisse Großzügigkeit und Entspanntheit gegenüber den kleinen Mängeln der vorhandenen Freiflächengestaltung – einschließlich der falsch gewählten Baumart – an den Tag legen. In 20 bis 30 Jahren kann eine neue Generation von Stadtbildpflegern über eine mögliche Ersetzung der Kugelahorne durch geschnittene Kastenlinden im Matthesschen Raster nachdenken und entscheiden.

Die Brüche zwischen postmoderner Neudefinition des preußischen Architekturplatzes und Rekonstruktion wilhelminischer Gartenkunst, die sich nun weiterhin auf dem Gendarmenmarkt baulich manifestieren, dokumentieren die Suche nach einem dem veränderten Charakter des wiedervereinigten Berlins angemessenen Ausdruck. Sie widerspiegeln unterschiedliche städtebauliche Leitbilder und zeugen darüber hinaus von einer hochinteressanten und faszinierend ideenreichen, jedoch zum Teil auch unglücklich verlaufenen Planungsgeschichte. Umso mehr verlangen sie nach geschichtsbezogenen Erläuterungen und gestalterischem Vermittlungsgeschick, denn sie erschließen sich den Besuchern nicht auf den ersten Blick.

Fußnoten

38.
Begleitet von weiteren Beispielen, u.a. der Rekonstruktion des Wohngebietes am Arkonaplatz in Berlin-Mitte.
39.
Vgl. Krosigk (Anm. 24).
40.
Vgl. Berliner Baubilanz, Hg. Senatsverwaltung für Bauen und Wohnen, Berlin 1980.
41.
Vgl. Wendelin Leweke, Frankfurt präsentiert. Die Paulskirche, Frankfurt a. M. 1994.
42.
Vgl. Helmut Meier/Walter Schmidt (Hg.), Erbe und Tradition in der DDR. Die Diskussion der Historiker, Berlin (O.) 1988.
43.
Wolf Jobst Siedler, Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum, Berlin 1964.
44.
Zit.: Behr/Hoffmann (Anm. 3), S. 111.
45.
Wolf Jobst Siedler, Verordnete Gemütlichkeit. Abgesang auf Spielstraße, Verkehrsberuhigung und Stadtbildpflege, Berlin 1985.
46.
Nach Notizen d. Vf., 2.12.2010; das offizielle Protokoll unter www.stadtentwicklung.berlin.de/planen/staedtebau-projekte/gendarmenmarkt/download/protokoll_denkmalpflegerisches_Kolloquium_091202.pdf [16.10.2012].

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