BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
Beleuchteter Reichstag

30.9.2020

1. Vorboten von Umbruch und Mauerfall

Gitta (Berlin-Treptow, Sekretärin, im November 1989 28 Jahre alt) entschloss sich im September 1989 mit ihrem Mann und den beiden Kindern in die BRD über Prag zu flüchten, nachdem sie Hans-Dietrich Genschers Rede dort gehört hatten. Wie tausende anderer DDR-Bürger gelangt die Familie auf höchst abenteuerliche Weise erfolgreich über die Prager Botschaft nach Westdeutschland. Gitta erzählt ihre Ausreise VOR dem Mauerfall in dramatischer und emotionaler Weise. Als ein Beispiel unter vielen.
Die Mauer im Jahr 1988 nahe dem Potsdamer Platz - ein Jahr vor ihrem VerschwindenDie Mauer ein Jahr vor ihrem "Sturz". Auf der Ostseite unnahbar, auf der Westseite (hier nahe dem Potsdamer Platz) ein Spazierweg. (© Holger Kulick)


    1 (a) BW 10 Gitta (Ost) Ausreise über Prag im Oktober 1989

    i

    Individueller und gesellschaftspolitischer Hintergrund

    Gitta (Berlin-Treptow, Sekretärin, im November 1989 28 Jahre alt) entschloss sich im September 1989 mit ihrem Mann und den beiden Kindern in die BRD über Prag zu flüchten, nachdem sie Genschers Rede dort gehört hatten. Wie tausende anderer DDR-Bürger gelangt die Familie auf höchst abenteuerliche Weise erfolgreich über die Prager Botschaft nach Westdeutschland. Gitta erzählt ihre Ausreise VOR dem Mauerfall in dramatischer und emotionaler Weise.

    Ausschnitt des Interviews mit Gitta und Transkription

    Wie Gitta über Prag in die BRD ausgereist ist. (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

    001 GITTA
    und denn saßen wa bei meim bruda ina wohnung und ham jefeiert und da ham wa halt gesehn daß der herr genscher auf em balkon stand in der prager botschaft^ ((Ausatmen)) und daß die leute dort ausreisen durften was uns natürlich noch mehr mut jege:bm hat^ * ja * und damit ham wir uns eigntlich die nacht entschlossen * wir fahren auch als familie wir versuchen dis auch * wir ham uns jesacht wenn so viele leute mit kindan die ganzen familien ((Ausatmen)) * wenn wir alle zusamm sind und zusammhalten dann kann uns eigntlich nich 'viel passiern sag ich mal

    0002 GITTA
    (1.3) u:nd naja dann bin ich halt nachts mit meiner schwägerin erst zu mein eltern gefahrn_ * hab mich dort verabschiedet * was uns sehr schwer fiel_ * aber wir ham jesacht wir gehn unsern eignen weg wir versuchen die möglichkeit * machen das beste aus unsam lebm ((Ausatmen)) dann sind wa halt inne wohnung gefahrn^ und ham die wichtigsten unterlagen geholt * paar * sachen noch * für die kinda * u:nd naja dann sind wa halt nächstn morgen losgefahrn zu den kindan ham wa gesacht wir fahrn in urlaub^ weil das warn montag gewesen^ * und dann sind wa üba die prager grenze gefahrn^ * wo wir halt dachten wir werden jetzt stark kontrolliert was nich war_ * da warn ja die kontrolln schon sehr verschärft jewesen_ * jedenfalls warn wa froh daß wir halt drübm warn_ * hattn wa die erste hürde schon geschafft^ * dann * sind wir rein zur prager botschaft was eigntlich 'auch erst nich so einfach war wir mußten erstmal die prager botschaft 'su'chen da hat uns halt n taxifahra geholfen_ ich bin vorgefahrn mit ihm und mein mann mit dem trabi hintaher^ * 'so_ * und dann ((Ausatmen)) ham wa * der ähm der taxifahra sagte ((Ausatmen)) wir solln uns nach leutn umschaun die halt auch aus der de-de-er sind nach merkmaln kindawagen und so

    0003 OL
    hm_ ja ja_

    0004 GITTA
    was ja doch einheitlich war * ((Ausatmen)) u:nd naja gut ham wa uns halt n paar leute gesucht^ und ham auch guten kontakt gleich gehabt wir warn erst essen_ und da hatten se uns halt erzählt ((Ausatmen)) daß sie schon zur botschaft jegangn sind und daß die sehr streng bewacht wird ringsherum * und daß da erstma gar kein reinkomm wäre ((Ausatmen)) und da ham wir uns entschlossn wir schaun uns die sache auch erstmal einmal an ham alles im 'auto gelassen_ wir ham gar nix mitgenomm und sind erstma hoch und ham uns würklich an diesen posten vorbeijeschlichen^ ((Ausatmen)) und da standn wa halt denn vor der botschaft und da warn fernsehteam jewesen und die frachten? wollt ihr 'rein^? *? o:da^ * wollt ihr ebend halt nur gucken_? und da ham wir jesacht na wir möchten unbedingt rein und da ham die denn jesacht wir solln klopfen wat det zeug hält * ((Ausatmen)) wat wir denn och gleich jemacht ham

    0005 OL
    hm_ hm_ *

    0006 GITTA
    und son herzklopfen glob ick hat ick noch nie dit war sone angst jewesen_ und wie die türn aufgingn auch sone erleichterung daß wir erstmal alle jeheult ham_ * ja_ * wir warn so froh jewesen uns war allet egal

    0007 OL
    hm naja sicher hm

    0008 GITTA
    was hintaher war nich^

    0009 GITTA
    papiere warn im auto was wa au nich mehr wiederjekricht habm *

    0010 OL
    hm hm

    0011 GITTA
    den trabi den ham meine eltern denn nachher aufjespürt ((Ausatmen)) mit einzelteilen von sachen den rest ham se jeklaut ne^

    0012 OL
    hm

    0013 GITTA
    samt unterlagen und so * also es-vau-ausweis und so

    0014 OL
    ach so dit hattest haste au nich weita mit ne ach so

    0015 GITTA
    nee na ick hab ja nüscht von mir hat ja nur ein

    0016 OL
    (in-a tasche oda so) ach gar nüscht von dir

    0017 GITTA
    nee_ w. hat halt seinn alten noch aber der neue

    0018 OL
    hm

    0019 GITTA
    is ebend auch weg ((Ausatmen)) naja denn warn wa in der botschaft gewesen ((Ausatmen)) * die sich würklich nach und nach würklich füllte_ * und denn ham wa immer schon ausschau gehalten nach den 'andern leuten die wa da jetroffen hatten in prag

    0020 OL
    ja

    0021 GITTA
    die ja nun och reinwollten ((Ausatmen)) und da ham wa denn nachher vom fenster vom 'toilettenfenster aus jesehen daß die ne barrikade jebildet ham kinda vor mit fraun und kinda ja^ ((Ausatmen)) und die männer hinterher weil die würklich

    0022 OL
    hm

    0023 GITTA
    mit waffen auf die jezielt hatten * und die sind einfach den leuten entgegenjegangn_ * und und die polizisten sind denn denn auch ausjewichen ja^

    0024 OL
    hm^

    0025 GITTA
    und denn warn ebend viele drinne die füllte sich so schnell die botschaft erst hatten wa 'ein bett für jedes kind^ * zum schluß lagen fünf kinder^ in eim bett und die mütter standen da rum_ * ja_ mipm essen war o:ch knapp jewesen^

    0026 OL
    hm hm

    0027 GITTA
    det war hieß immer lange anstehn^ * trinken war och wenich aber die de-r-ka schwestern ham würklich * für die klein kinder^ ham die

    0028 OL
    hm

    0029 GITTA
    jemacht und jeta:n wir hatten windeln da? ja? ((Ausatmen)) und babynahrung hat man jekricht

    0030 OL
    hm hm^

    0031 GITTA
    ja_ ((Ausatmen)) * naja_ und denn * denn hießet wir komm 'nich raus aus der botschaft ((unverständlich))/ doch erst hieß es wir sollten raus nach dem zweiten tag ((Ausatmen)) und da sachte honecker aba nee_ * wir komm nich raus * dann kam noch der vogel der anwalt und hat jesacht für die leute die mit rauskomm: die kriegen denn n richtjen ausreiseantrach und keine schwierichkeiten und so ja_ naja und da ham wir 'dem aber nich jeglaubt und einje ham sich och bereit erklärt da mit rauszugehn^ ja^

    0032 OL
    hm^

    0033 GITTA
    ham 'dem jeglaubt und die wurdn würklich 'ausjebuht die leute (0.6) denn kam der botschafter rein in die botschaft^

    0034 OL
    hm hm^

    0035 GITTA
    und sachte paßt uff eure kinder uff die stasileute locken kinder raus mit schokolade und spielsachen

    0036 OL
    (damit se) die eltern (rauskriegn)

    0037 GITTA
    daß die eltern rauskomm ja

    0038 OL
    ach du schande_

    0039 GITTA
    na und so entwickelte sich ne unheimliche solidarität zwischen den 'eltern zwischen den 'müttern

    0040 OL
    ja_ ja

    0041 GITTA
    manche hatten ja mehrere kinder eigntlich die meisten ja und die eine mutter hat 'essen besorgt die andere hat uff die kinda uffjepaßt

    0042 OL
    hm hm^

    0043 GITTA
    und 'babys je'windelt also war doll jewesen

    0044 OL
    hm

    0045 GITTA
    unheimlich solidarität war jewesen_ muß ick sagn *

    0046 OL
    hm_

    0047 GITTA
    ((Ausatmen)) naja und denn hießes ((Ausatmen)) * gorbatschaw sachte * er kommt nich zum siembten oktober wenn die leute aus da prager botschaft nich rauskomm_ da 'ein radio war da inner janzen botschaft gewesen_ hm

    0048 OL
    uh^ hmhm_ *

    0049 GITTA
    ja naja_ und da ham wa uns natürlich halt riesenhoffnung gemacht ((Ausatmen)) was och jeklappt hatte (da) sind wa nachts raus zum bus jelaufen ane amibotschaft vorbei * die dann och jejubelt habm und alles

    0050 OL
    hmhm_

    0051 GITTA
    und dann sind wa zum bahnhof jefahrn wordn^ * aber allet richtich abjeschürmt ja^

    0052 OL
    hmhm

    0053 GITTA
    von den * bürgern da von von prag * ((Ausatmen)) ja und denn sind wa halt in zug rein^ ((Ausatmen)) * die dann von außen verriegelt wurdn mit ketten^

    0054 OL
    ja^

    0055 GITTA
    * worüber wir eigntlich sehr entsetzt warn muß ick sagn_ wenn da wat passiert wär dann wärt reinste chaos jewesen ja^

    0056 OL
    wärst gar nich rausgekomm^

    0057 GITTA
    nee_ überhaupt nich hättste scheiben einschlagn müssn_ naja dann ham wa jesehen halt an den gleisen an den schien

    0058 OL
    ja^

    0059 GITTA
    stanse von den janzen fabriken und so und ham alle jejubelt da war unheimlich die hölle los jewesen ja^

    0060 OL
    hmhm

    61 GITTA
    dann sind wa halt im frankenwald anjekomm_ * und da kam dann schon die ersten mit kakao schokolade und ham uns in-n zug

    i

    Situativer Kontext

    Gittas Familie verlässt die DDR (und die Verwandten) von einem Tag auf den anderen, ohne Hab und Gut. Es gibt offenbar eine resolute Entschlossenheit, "schlechtes" Leben mit einem "besseren" tauschen zu wollen. Für das Ziel, in den Westen zu kommen, opfert Gitta und ihre Familie viel: u.a. den Verlust des Autos ("Trabi") und der gültigen Papiere. Gitta und ihr Mann handeln unter dem Stern der großen Zuversicht: wir wollen in den Westen (=BRD), und wir schaffen das. Die Weggefährten, eine Familie mit Kindern, lässt sich von der tschechischen Polizei nicht von ihrem Ziel, die BRD-Botschaft, abbringen: mutig mit den Kindern vorneweg (als Schutz gegen Gewalt) gehen sie an den Polizisten vorbei hin zur Botschaft. Als der DDR-Anwalt Vogel via Antrag einen "sicheren" Grenzübergang in den Westen verspricht, wird ihm kein Vertrauen geschcnkt. Die DDR-Politik hat für die DDR-Bürger jede Glaubwürdigkeit verloren. Mehrmals hat die Familie grösste Angst – sie hält aber an ihrem Ziel fest; als sie dem Ziel näher kommen, gibt es Tränen des Glücks. "Umbruch" heisst hier: entschlossen sein, ein hohes Risiko für ein besseres Leben einzugehen – und jeder Schritt in Richtung auf die "neue Welt" ist von starken Gefühlen begleitet. Mit der Entschlossenheit, koste es was es wolle in den Westen zu gelangen, teilt die Familie mit vielen anderen große gegenseitige Solidarität.

Quellentext

Sprache und Kotext

Wie fügen sich die Äußerungen zu einer Erzählung zusammen? Einer erzählt – die andern hören zu. Das erzählende Ego vermittelt dem zuhörenden Alter (Anderen) neue, diesem nicht bekannte Erfahrungen. Wie narrative Äußerungen aneinandergereiht werden, regeln Prinzipien (Verfahren) des Kotextes. Typisch für die kommunikative Gattung "Erzählung" ist, dass zunächst situative Umstände (Wer, wo, wann, wie …) angegeben werden, die eine Kette von Ereignissen rahmen, die meist in Vergangenheitsform (Präteritum, Perfekt) aufeinander abfolgen. Schließlich werden die Ereignisse bewertet. Oft geschieht das so, dass solche Bewertungen wieder den Bezug zum hier & jetzt der Erzälsituation herstellen. Erzählen ist eines der wichtigsten sprachlichen Handlungsmuster im Alltag. "Erzählen im Umbruch" handelt meist von extremen Ausnahmesituationen. Eine solche ist die Ausreise der Familie aus der DDR in die BRD über die Prager Botschaft.

Für Bredel (2019, siehe Internet-Link zum Buch Dittmar/Paul im Anhang) nennt das mit Bewertungen eng verwobene Erzählen von Ereignissen im Umbruch "exploratives Erzählen". In den ersten drei Redebeiträgen stellt die Ich-Erzählerin (Gitta) die Ausgangslage dar ("Rahmen"), die Ereignisse und Handlungen finden sich in den Redebeiträgen 4 bis 37, wobei diese oft durch mehr oder weniger lange Bewertungen einzelner Umstände und Geschehnisse unterfüttert werden. In den Redebeiträgen 51 bis 61 wird schließlich das Ergebnis ("Resultat") der Ereignisse präsentiert – wobei auch hier wieder Bewertungen eingeblendet werden. Typisch für das Erzählen im Umbruch ist somit das narrative Wechselspiel von Handlungsfolgen und Bewertungen, die auch durch "andere" Stimmen ergänzt werden und das Erzählen somit "vielstimmig" (polyphon) machen.

Gitta erzählt rasch und flüssig. Wenn die Situation unterstreicht sie ihre Gefühle (Angst, Tränen) durch stärkeres Berlinern. In den dramatischen Passagen flicht sie – zur Erhöhung der Spannung – direkte Rede ein (Redebeiträge 31, 35). Typisch für das Berlinische sind reduplikative Formen der Vergangenheitsmarkierung wie in

(i) dit war sone angst jewesen (ii) da war'n fernsehteam jewesen

Es handelt sich um typische mündliche Muster. Weitere Hinweise finden sich unter (9) "Doppelte Perfekt- und Präteritummarkierung".


BW 27 Wolf (West) Die Demonstration am 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz

i

Individueller und gesellschaftspolitischer Hintergrund

WOLF (47, als Ingenieur ausgebildet, wohnhaft in Berlin-Mitte, später als Fliesenleger tätig) wohnte in Berlin-Mitte. Er war langjähriger Parteifunktionär (Mitglied der Kreisleitung) und arbeitete auch für das Ministerium für Staatssicherheit (MfS), bekannter unter dem Kurzwort Stasi (in der DDR zugleich Nachrichtendienst und Geheimpolizei). WOLF war am 4. November 1989 angewiesen worden, den Verlauf der Demonstration auf dem Alexanderplatz und die Verhaltensweisen der Demonstranten zu beobachten und auftretende Aufftälligkeiten unverzüglich an das MfS zu melden. WOLFs Erzählung ist eines der (raren) Dokumente für die Innensicht der Kader auf den fortlaufenden Prozess der Korrosion des Staates. Er gibt die Stimmung auf der Demonstration authentisch wieder – etwa so wie die psychologische Gemengelage (,"die DDR muss weg") auf einen teilnehmenden Beobachter wie WOLF gewirkt haben muss. WOLFs lntuition ist glaubwürdig und realistisch. Die Sensibilität, mit der er die Stimmung der Demonstranten an ihrem körperlichen Habitus abliest, ist ein Hinweis auf die umfassenden psychologischen Diagnosefähigkeiten der Stasi-Miarbeiter.

Der Ausschnitt beginnt mit dem Hinweis, dass der "Mauerfall" selber für ihn (Wolf) keine wirkliche Überraschung dargestellt habe. Die Demo vom 4. November sei für ihn ein klarer Hinweis darauf gewesen, dass das DDR-Regime ausgedient habe.

Ausschnitt des Interviews mit Wolf und Transkription

Wolf (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

Ausschnitt WOLF BW 27 Ost "für mich war eigentlich der víerte november der entscheidende tag. nicht der neunte"

21JD
hmhm;

22WOLF
das war eigentlich dann schon wiederum * eh nur noch ein logischer schrítt; was mich vielleicht überrascht hat; das war eher der zéitpunkt, aber nich die tatsache ansich. (0.9) und wíe das nun gewesen is; ist völlig unabhängig jetzt aber * eh für mich hat sich die eh wénde am vierten * vollzogen.

23 JD
aufm alex.

24 WOLF
aufm alex.

25 JD
bei der demo.

26 WOLF
ja da war ich dabéi;

27 JD
hm:

28 WOLF
eh * sozusagen im áuftrag; das wird is auch ne story schon wieder für sich. also wir hattn auftrag bekommen von der kreisleitung oder bezirksleitung kreisleitung. eh an der demo téilzunehmen. * und eh (2.0) einfach mitzubekommen was da so läuft. da trafen wir uns; * in eh in der ehemaligen kreisleitung für bauwesen, da in * kleinoldstraße heißt die (glaub ich xx) und eh * wir sind dann lósgezogen; (1.2) sehr frühzeitig schon; bevor also die víelen hunderttausend menschen (0.1) aufm platz kamen; u:nd zu einem zeitpunkt als * sagen wir vielleicht erstmal * zwei drei vier tausend da warn. * zu einem sehr zu einem séhr eh frühen zéitpunkt eh schon. und eh * ich hab dann so das treiben beobachtet was sich dort so * tat. * eh * die plakate * mir angeguckt (1.3) (2.0) transparente * und die menschen; vor allen dingen in die gesichter geschaut; (0.2) und eh (2.0) ab und zu wieder hingegangen * eh zu unserm treffpunkt um da zu berichten; es war nüscht zu berichten.

29 JD
((lacht)) ((lacht))

30 WOLF
ich bin dann auch ich bin dann auch nich wieder hingegangen,

31 JD
ja,

32 WOLF
eh * weil * ick so ein blóedsinn zu berichten was da passiert; jeder wéiß was da passiert; und warum soll ich da noch noch was berichten.

33 JD
da gab es also nichts zu berichten von dem eh

34 WOLF
ich bin dann auch nicht wieder ich bin dann auch nicht wieder hingegangen um irgendwas zu berichten. ich hab mir die leute so angeguckt, * und eh hab mich auch ne zéitlang genau entgegen des * eh stromes bewegt der da zum alex strömte;

35 JD
hmhm;

36 WOLF
vor allen dingen die gesichter zu sehen. * und eh (0.7) was mir damals so aufgefallen war; erstmal diese enorme ruhe; nich wie das sonst so üblich is wa bei demos so marschmusik oder;

37 JD
hmhm;

38 WOLF
oder soetwas. sondern éinfach diese ruhe. * das geräusch des láufens hab ich so (0.2) im ohr. so das die die trítte; ja, oder auch der der wind der so durch die sachen so so fegte. das hab ich noch genau im ohr. * die gespräche; * eh die die sagen wir mal die blicke die sehr intressíert warn; néugierig; spannung eh * auch in den gesíchtern verrieten; * und auch wiederum spannung auslösten. (1.4) eh aber ich ich hab das mit schwerem herzen ges eh eigentlich erlebt. mit schmerzen in der brust; *

39 JD
warum?

40 WOLF
es gab plakate die eh * die störten mich.

41 JD
zum beispiel?

42 WOLF
eh also * man spricht ja hinterher immer oder man hat hinterher gesprochen von * von sehr lústigen plakaten oder sehr intressánten plakaten; aber eh * man mag zu honecker oder krenz oder wem auch stehn wie man will; aber ihn am gálgen zu sehn; (0.8) eh das is das maß der dinge bei weitem überschritten. (0.8) und sólche plakate eh * gab es öfter. und eh das hat mir das hat mir schón angst gemacht, weil ich eigentlich so im hinterkopf och so hatte; * richtig angst gemacht. also honecker und krenz und co und wie auch immer eh hängen is die eine sache; aber das wirda nie bléiben, * es gab schon öfter situationen in der deutschen geschichte; wo ürgendwann mal etwas ángefangen hat; und das ende ganz woanders nachher war. also solche solche dinge ham mir sehr mißfallen. also zu diesem tag eigentlich war mir bewußt; nee die ddr die wird es wahrscheinlich nicht mehr lange geben. die die führung is is óhnmächtig; unfähig * eh die wird die wird hinweggespült werden. wann das sein wird weiß ich nich; aber für mich war eigentlich der víerte november der entscheidende tag. nicht der neunte.

i

Situativer Kontext

Wolf schildert im ersten Teil seiner Erzählung detailliert und situationsgetreu die Stimmung auf der Demo. Der narrative Teil endet mit es war niischt zu berichten. Durch Wiederholen der Konsequenz "ich bin dann auch nich wieder hingegangen" unterstreicht Wolf, dass es nichts gab, was meldepflichtig gewesen wäre. Stattdessen aber zeichnet der stimmungssensible Flaneur ein feinsinniges Porträt der Stimmung der Demonstranten. Stasigeschulter Kenner der Befindlichkeiten Opositioneller sieht er deutlich, dass die DDR am Ende ist. Das steht für ihn fest, er erlebt es mit "schmerzen in der brust". Die kompromisslose Härte, mit der der Staatsapparat abgelehnt wird, findet seinen radikalsten Ausdruck in den Plakaten, auf denen die ,,Genossen" Honecker und Krenz am Galgen gezeigt werden. Solche Plakate haben Wolf "sehr missfallen", andererseits erkennt er an ihrer Radikalität, dass es ,die ddr ...nicht mehr lange geben" wird. Diese Gesamtstimmung führt ihn zu der Schlußfolgerung, dass die DDR reif ist für den Untergang. Manche Plakate findet er stark übertrieben ("das hat mir schon angst gemacht"), den Untergang der DDR erahnt er schon – die Ohnmacht der Führung ist seiner Meinung nach Schuld.

Quellentext

Sprache und Kotext

Wolfs Darstellung ist ein Beispiel für exemplifizierendes Erzählens (siehe Bredel in Dittmar / Paul 2019, ). Am Beispiel der Demomanstration vom 4. November auf dem Alexanderplatz, von deren Beobachtung er erzählt, gelangt er zu dem Schluss, dass es die DDR nicht mehr lange geben wird. Die erzählten Ereignisse dienen vor allem den schlussfolgernden Bewertungen: die DDR wird untergehen. Dies ist eine andere Variante des Erzählens vom Umbruch. Wolfs Darstellung ist eine Art Stimmungsbericht, teilweise historisch-philsophisch. Sie drückt Distanz anm Geschehen aus. Die sprachliche Präsentation ist eher intellektuell gefärbt. Dazu passt, dass Wolf Hochdeutsch spricht. Es fehlt das dialektale Kolorit der Nähe, mit dem Sprecher die emotionale Betroffenheit von bestimmten Ereignissen ausdrücken.


Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen