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Beleuchteter Reichstag

16.9.2020

3. Grenzübertritt am 10. November

Nicht alle brechen schon am Abend des 9. Novembers zur Grenze auf. Viele sind misstrauisch und glauben die Nachrichten nicht. Erst am 10. November erkunden sie Westberlin und schildern ihre höchst unterschiedlichen Erfahrungen.

Menschen feiern am 09.11.1989 den Mauerfall am Grenzübergang Helmstedt.Menschen feiern am 09.11.1989 den Mauerfall am Grenzübergang Helmstedt. (© picture-alliance/AP)

Christa

Crista (a) geht mit einer Freundin in Pankow über die Grenze. Allein hätte sie es sich eigentlich nicht getraut. Beiden werden glücklicherweise von einem Trabi mitgenommen und entgehen somit dem stundenlangen Warten in der Schlange.
Sie trifft verschiedene Kollegen und Freund/innen aus Ost-Berlin, gemeinsam geniessen sie den ausgelassenen Trubel, die Willkommensgrüße, die Atmosphäre des Sich-gegenseitig-Umarmens und -Beglückwünschens. Sie fühlten sich wie auf einem Fest "und ham da ham da jafeiert uff da straße".

Paula

(40, Hellersdorf, Lehrerin) misstraut, wie viele andere, der Nachricht die Grenze ist offen (" jedenfalls äh war dit erst überhaupt nich zu fassn ick sach dit kann kann nich sein"), obwohl sie rings um sich Feuerwerk sahen und Knallkörper tönen hörten.
Die nächtliche Grenzübertrittslust des Mannes bremst Paula mit "du spinnst" aus. Am nächsten Vormittag schaffen sie es aber, sich durch die unendlichen Massen über die Oberbaumbrücke in den Westteil zu begeben. Wie überrascht waren sie (wie auch manche andere) über den ersen Eindruck: das sieht ja genauso aus wie bei uns. Im weiteren Verlauf des Westbesuchs treffen Paula und Mann Verwandte und Freunde – und feiern! Paula – eine der wenigen unter den Ost-Berlinern – lobt die Willkommensfreundlichkeit der Westberliner: sie und ihre Freunde "bewundern mit welcher ruhe un mit welcher freude sie die ostberliner aufgenomm habn".

Lore

Dass die Nachricht die Grenze ist offen in der Wirklichkeit zutrifft, erschließt sich Lore erst peu à peu, schrittweise: so undenkbar erschien ihr diese Möglichkeit.
Sie ist umso glücklicher, als sie – wegen ihrer offenen kritischen Haltung – unter politischen Druck des Regimes geraten war. Sie lässt uns daran teilhaben, wie zögerlich die Öffnung der Mauer "langsam ins bewußtsein jedrungn is" und wie lange es dauerte bis sie sich gewiss war "die grenze is erst mal weg äh * und dit kann uns keener nehm".

Kira

Kira (36, Kinderärztin aus Hellersdorf) erobert sich den Westteil mit ihren beiden Kindern auf den Armen selbstbewusst und mit Humor. Sie überwindet die Widrigkeiten der Kontrollen und langen Schlangen geschickt, um ihre Tante in der Borussiatraße zu besuchen.
Anstatt ihr auf die Frage nach dem Weg eine Beschreibung zu geben, kontert die gefragte westberliner Ladenangestellte, sie solle sich doch erstmal die 100 DM Begrüssungsgeld abholen. Und diese Direktive wiederholt sie ungerührt und als "Besserwessi" zum "Ossi" heruntersprechend, obwohl Kira klar zu verstehen gibt, dass sie sich nicht für Geld interessiere, sondern für die Tante. Diese Episode illustriert exemplarisch und bilderbuchartig den hegemonialen Alltagshabitus, den viele Westberliner gegenüber den "Ossis" praktizierten. Dahinter wird auch ein verallgemeinerbarer Unterschied deutlich: Westbürger dachten tedenziell materialistisch, die Ostbürger idealistisch.

Maria

Maria schließlich (41, Grundschullehrerin aus Marzahn) scheitert beim ersten Versuch, über die Grenze (Mauer) nach Westberlin zu gelangen.
In drastischer und eindringlicher Form (siehe unten den Kommentar zur sprachlichen Gestaltung) schildert sie ihre diffusen ideologischen Vorstellungen von den Verhältnissen im Westteil: dort lebe ein "pennervolk", man habe "überfälle" zu befürchten, dem sogenannten "Ossi" drehe man den Hals um und stecke ihn / sie ins Gefängnis. Diese (ideologischen in der DDR inszenierten) Ängste sind in ihr so lebendig, dass sie – mehrfach wiederholt sie das, ihre Gefühlslage unterstreichend – ihrem Mann den Grenzübertritt verweigert. Beim zweiten Versuch gelingt dieser dann. Der Westen wird ihr ein Stück vertrauter, auch wenn es noch Wochen dauert, bis sie sich unbedenklich dorthin begeben kann. Auch anderen Ostberlinern mit ähnlichen Schreckbildern vom "Westen" ging es so – sie alle brauchten Zeit, bis sie sorgenlos in den Westteil gehen konnten. Marias Erzählung vom Scheitern ist in diesem Sinne sofern exemplarisch für die ideologisch eingeimpfte Angst vor der westlichen terra incognita.

Alla

Letzteres bestimmt auch das Verhalten von Alla. Im Laufe iher 54 Lebensjahre (Lehrerin, Hellersdorf) hat sie natürlich die Normen des öffentlichen und Alltagslebens voll internalisiert.
Nie werde sie diesen Tag vergessen – einen der "schlimmsten" sagt sie an anderer Stelle im Gespräch. Die Hochglangzreklame der Geschäfte, die materielle Vielfalt der Angebote, der Geschäftsrummel stösst sie so ab, dass sie Kopfschmerzen bekommt, nichts kauft, gleich wieder in den Osten zurückkehrt und sich "schwört", Monate vergehen zu lassen, bis sie wiederkommt.


(a) Crista BW 08 (Ost)

i

Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Crista (23, Studentin, wohnhaft im Studentenheim Berlin Mitte in der Nähe der Leipziger Str.) präsentiert einen ganz typischen, von vielen Ostberlinern ähnlich erlebten Grenzübertritt. Sie glaubt erstmal der Mauerfallnachricht nicht und wartet den nächsten Morgen ab. Früh holt sie sich ein Visum, gerät in die riesiglangen Schlangen, lässt sich aber von einem Trabi recht schnell in den Westteil mitnehmen und gelangt u.a. auch auf dem Kudamm. Sie beschreibt die euphorische Stimmung Ostberliner, besucht Freunde und erst nachts in den Ostteil zurück. Typisches berlinern: " denn ham wa imma wieda die autofahra * bequatscht * daß die uns nu mitnehm und son paar jungsche typn die ham dann jesagt okee steigt ein",

Ausschnitt des Interviews mit Christa und Transkription

Christa (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

0103 CHRI
? hast du dit/ hast du dit so och so live miterlebt^ oda hast du dit dann erst mh: nächsten tach oda?

0104 OL
nee ick hab dit emd übahaupt nich mitkricht am nächstn tach am nächstn morgn hab ick ebend dit radio anjemacht ((Ausatmen)) * und hab dann jehört daß alle leute nachts * äh rüberjejang sind * äh daß die uff der mauer jetanzt ham und und daß äh da jetzt imma noch welche drübm sind im westteil und so ((Ausatmen)) * und naja da ick 'wat kann ja nich 'wahr sein * und ick hab damals da * ina nähe och vona grenze jewohnt^ * und * ja also ick * wußte eignlich ja nich so richtich dit * dit hieß 'ja jetz muß man sich da früh anstelln bei den polizeidienststelln und mußt dir da irgendwie son 'visa holn^ ((Ausatmen)) * naja und da hab ick ebend och jedacht die visas die gibts bloß noch heute also nüscht wie hin^ * ick hätt ja eignlich 'schule gehabt^ * aber ick hätte an diesem tag erst um zehn anjefangn * ha ick jedacht naja denn schaffst it ja noch bin janz früh uffjestandn und hab mich da um acht anjestellt ((Ausatmen)) da stand dann schon ne 'riesen schlange

0105 CHRI
((lacht))

0106 OL
dit is da * in pankow da jewesn da vorm: ka kollosseum nee * vorm tivoli da^ * und jednfalls stand ick da * bis um neun_ * bis um zehn_ mh: : dann hab ick uff de uhr jekuckt dachte 'ach du 'schande jetz hättest de ja schon 'schule * und dit wa eisekalt an dem tach? ick weiß nich ob de dich noch daran erinnan kannst? * da kam dann noch leute ham tee vateilt und so ((Ausatmen)) * so und jenfalls * äh wa ick dann irgndwann dran hab da: diesen stempel jekricht oda wat dit war ((Ausatmen)) und bin nach hause^ * inne woh:nung und schule hatte sich ja sowieso ale:dicht da ha ick natürlich och irgndwo n schlechtet jewissen jehabt und hab jedacht ach du schande mensch * standn die kinda heut ohne dich da so und nun hatt ick n stempel^ war in meina wohnung und dachte hm wat machstn nun^ jetz könntest de ja 'rübajehn aba ick hab mich nich jetraut^ * ick wußt jenau

0107 CHRI
? mußtest erst ma mußtest erst ma irgndwo hinjehn und jemand anrufn oder so daß e:na mitkommt oda wie?

0108 OL
nee ick wußt nee * ick wußte jenau wo lang dit ja nun lief da die bornholmer lang aba * na und uff eenmal klingelt dit und uff eenmal stand da meine freundin vor da tür_

0109 CHRI
hm_

0110 OL
die sagt 'los komm * 'mach * zieh dich an * wir jehn jetz rüba_ * ja^ * würklich^ meinste^ *? wolln wa würklich^? also ick hab mich da irgndwie übahaupt nich jetraut und da sind wa die bornholmer lang und da standn ebend schon riesn autoschlang^ * die hattn schon schilda inn autos * ((Ausatmen)) da stand dann schon drin wir nehm keinn mit_ * naja dit war dann schon besonders freundlich wieda

0111 CHRI
((lacht))

0112 OL
also sind wa nach * janz vorne * jelaufn * da ham wa jedacht na kuckn wa ma bei den fußgängern und die schlange die ging bestimmt bis zur (0.1) schönhausa allee und da ham wa jedacht 'nee also 'so lange könn wa nich wartn eh wa uns 'da hinten anjestellt ham dit haltn wa 'nich aus_

0113 CHRI
hm_

0114 OL
denn ham wa imma wieda die autofahra * bequatscht * daß die uns nu mitnehm und son paar jungsche typn die ham dann jesagt okee steigt ein ((Ausatmen)) * und vorher hattn wa noch ne flasche 'sekt gekooft ((Ausatmen)) * und ham wa jedacht naja dann * könn wa die ja anstoßn und die ham wa dann gleich im auto uffjemacht_ und sind dann ebend da rüba jefahrn üba die brücke * und dann war dit emd o:ch so daß die leute da uffs auto jeklopft ham und * ((Ausatmen)) äh * 'hurra und 'herzlich willkomm und 'alles gute jeschrien ham und * naja und denn * m: * denn is: da: die freundin von mir ((Ausatmen)) * weil die damals ina apotheke jearbeitet hat erstma * uff da andan seite da * inner * ja_ pankstraße oder wo dit is gleich in die erste apotheke rin und kannte da 'zufällich noch

0115 CHRI
((lacht))

0116 OL
ne freundin von der se wußte ach die is rübajejangen und die arbeitet in der apotheke und die hatse da och gleich anjetroffn * 'so und die hat uns nun jesagt 'wo was is und ((Ausatmen)) * wo wa 'langfahrn müssn weil * wir kannten uns* äh wir kannten da ja alles nich * naja und denn: * äh hatte die freundin damals n bekanntn und der is kurz vorher * irgndwie üba ungarn abjehaun und da wußten wa 'ach der is im * aufnahmelager da irgndwo * im wedding und komischaweise obwohl wir dit 'erste mal da warn wir ham da allet jefundn da sind wa den da besuchn gleich jegangn * ((Ausatmen)) und der war auch zufällich 'da und dann ham wa den noch mitjenomm und ham denn och n bekannten ((Ausatmen)) von 'mir noch uffjesucht * ((Ausatmen)) ja und denn sind wa schließlich och zum 'kudamm und * tja und ham da ham da jafeiert uff da straße also

0117 CHRI
hm_ *

0118 OL
so war dit ja * naja und dann bin i sind wa och nachts irgendwann zurück und dann bin ick erst nächsten tach dann wieda arbeiten jejangn

(b) Paula (BW 14 Ost)

i

Individueller und gesellschaftspolitischer Hintergrund

Paula, zur Zeit der Datenaufnahme 42 Jahre alt, wohnt in Hellersdorf. Die spontan-zweifelhaften Mitteilungen Schabowskis nehmen Paula und ihr Mann mir Argwohn auf (nich zu fassn, du spinnst). Trotz sichtbarem Feuerwerk und Geknalle überwiegt das Misstrauen.

Ausschnitt des Interviews mit Paula und Transkription

Paula (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

0004 PAULA
ja jedenfalls äh war dit erst überhaupt nich zu fassn ick sach dit kann kann nich sein wartn wir erstmal ab aber es war ja doch so ringsrum um uns hörten wa dann schon feuerwerk un knaller und die leute mußtn das ooch * eben noch mal frisch mitbekomm ham (2.0) äh jedenfalls mein mann sachte * mensch zieh dich an wir ziehn los ich sachte du spinnst ich geh doch jetz nich in der nacht los nachher is an dem überhaupt nichts dran wir wartn erst mal ab so nächsten tag kam wa dann in die schule und da war natürlich ooch ein/ eine ungeheure stimmung die leute begrüßten sich alle freundlich lachend also ja dit war irgendwie wie weihnachten als ob mann besonderes geschenk bekomm hat ((lacht)) alles strahlte so richtig an unterricht war kaum zu denkn wir mußtn erst mal so mit-n kindern/ das heißt nich wir mußtn/ wir besprachen mit den kindern alles und äh ja es geht mir heute immer noch durch den kopf^ was ich damals ooch nich so richtig verstandn hatte wir hattn immer gelernt die entwicklung geht vorwärts * eine rückentwicklung in der gesellschaft gibts nich ja ick kann mich noch an die worte von dem erich honecker erinnern die mauer wird nie falln ick hätt-s ooch nie geglaubt weil weil man ja auch in dem sinne erzogen war ja^ und dadurch * daß ich eh ja praktisch immer mit der mauer jelebt habe nichts anderes kennengelernt habe * ((Ausatmen)) war das für mich ooch eigntlich/ dis war halt so und damit basta ja damit hatte man sich abgefundn * ((Ausatmen)) jedenfalls * naja dis warn warn großes ereignis * am nächsten tag die kinder wie gesagt in der schule warn auch aufgekratzt die erzähltn ooch das was ihre eltern so erzählt hattn und so und unsere großen schüler warn kaum zu bremsen die mußtn in der großn pause gleich runter zur polizei und sich ein visum holn^ in den ausweis reinstempeln lassn^und mein mann hatte das iner/ inner mittachspause jemacht ((lacht)) jedenfalls nach-m unterricht trafen wa uns * s war ja freitag und zogen los * wir kam * äh warschauer straße^ * an man sah schon leute die alle zur grenze hinströmtn die hielten sich ooch nich an die verkehrsregeln die liefen der straße ich sa das war so eine euphorische stimmung^ ((Ausatmen)) sis eigentlich sis erstaunlich ja (2.0) ja wir kam dann an den übergang äh wie hieß denn der^ baum nee

0005 OL
oberbaum

0006 PAULA
oberbaumbrücke richtich oberbaumbrücke kam wir an den übergang und sahn schon eine rie:senlange^ menschenschlange da mußtn-wa uns ja nun hintn anstelln ((lacht)) ((Ausatmen)) aber man nahm das alles gelassn die leute ringsrum lachtn und erzähltn un phh die zeit verging ganz schnell * ja un eh: man durch diesn kontrollpunkt durch war phh naja so zwei drei stunden ham wa schon jestanden es wa: ja ooch nich der wärmste tag man fror doch schon n bißchen ja^ und durch den kontrollpunkt durch^ ja und auf der brücke^ * zwischen naja de-de-er und und westberlin also ostberlin und westberlin äh ja die brücke war ja praktisch niemandsland * über die spree

0007 OL
hm

0008 PAULA
drüber weg * die leute standn dicht gedrängt nun bestand ja die schwierichkeit daß äh auf der anderen seite nach westberlin nur ein ganz kleiner durchgang war nur so groß wie hier so-n normaler türdurchgang un so viel leute da ja nich durchkonntn jedenfalls dauerte das relativ lange die leute auf der brücke wurden ungeduldig und fingen an zu rufn macht auf oda laßt uns durch dis klang alles so schön gleichmäßig daß man da drauf wirklich angst bekomm konnte daß durch die schwingungen die dort entstandn irgendwas schlimmes passieren konnte ja^ mein mann sachte bloß oh gott haltet euch fest^ thh ((lacht)) hoffn wa nur daß wa hier heil durchkomm ja naja nach ner ganzen weile warn wa dann endlich auf westberliner gebiet sah genauso aus wie bei uns da war nüscht nüscht anderes ((lacht)) ((Ausatmen)) und na ja mein mein mann hatte äh in westberlin n bruder der besaß dort * ne kneipe^ und wir ham uns auf den weg zu meim schwager jemacht ich kannte den überhaupt nich meine tochter ooch nich mein mann wußte noch nich ma jenau wo der wohnte^ so nur so unjefähr * jednfalls liefn-wa dorthin * kamn in die kneipe rein ja mein schwager war nich da^ aber die bedienung und naja wie dis so is wo is er denn^ un so weiter sie holte ihn un er kam runter^ * stand in der tür * kuckte^ * schloß sein bruder in die arme ihm kam die trän^ ick stand da und hab jeschluckt th mußte mich wegdrehn und die leute bekam dann ja ooch mit daß wir aus-m ostn warn un ick muß janz ehrlich jesacht die die westberliner leute * ja * bewundern mit welcher ruhe un mit welcher freude sie die ostberliner aufgenomm habn ja nich nur am ersten tag sondern so ooch alle folgenden tage ja^ was die dort alles so verteilt ham und so also det war schon n schönes^ erlebnis * wirklich un dieses erlebnis wird man ooch imma im gedächtnis behaltn

i

Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Paula bremst ihren nachtabenteuerlichen Mann (mensch zieh dich an wir ziehn los) ab ( wir wartn erst mal ab). Erst am nächsten Tag (10. Nov) gehen sie über die Grenze nach Westberlin. Allerseits herrschte beste Stimmung (wie weihnachten). Von den Ereignissen dieser euphorischen stimmung zu erzählen, macht nur einen Teil der Narration aus. Der komplementäre ist die (alltagsphilosophische) Bewertung (es geht mir heute immer noch durch den kopf): an die Mauer habe man sich gewöhnt, eine Rückwärtsentwicklung würde es, laut offizieller Ideologie, nicht geben … die gesellschaftliche Entwicklung sei nach vorne ausgerichtet. Auf der Folie dieses Widerspruchs von Zukunftsdenken und gegenwärtigem Kontrollverlust fährt Paula fort, 'den Auszug der Ostberliner nach Westberlin' zu erzählen (viele Details: Visum holen, Wegstrecken, Grenze überqueren, Teil der euphorischen Stimmung sein, Verwandte treffen, sich durch die Massen hindurchwinden etc.). Die Passage steht exemplarisch für die allgemeine euphorische Stimmung der Ostberliner an diesem 10. November: det war schon n schönes^ erlebnis * wirklich un dieses erlebnis wird man ooch imma im gedächtnis behaltn.

Was den interaktiven Austausch der Ostberliner untereinander ausmacht, müssen wir auch mal berücksichtigen, dass sie unter sich als Gesprächspartner viel mehr Respekt gegenüber dem Anderen praktizierten. Man läst den Anderen grundsätzlich ausreden und grundsätzlich ein ruhiges Nacheinandermitteilen walten – anders als die Westsprecher/innen, die oft gegeneinander um den Redebeitrag konkurrieren.

Paula lobt die große Aufmerksamkeit und Hilfsbereitschaft der Westberliner/innen – ein Zeichen dafür, dass zur Zeit des Mauerfalls, als politische Fragen noch nicht dominierten, die wiedergewonnene persönliche Nähe am wichtigsten war.

(c) Lore BW 17 (Ost)

Lore (50 Jahre) kommt aus Treptow und ist Lehrerin (???).

Ausschnitt des Interviews mit Lore und Transkription

Lore (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

0011 LORE
ähm * das kam (3.0) das kam * pö-a-pö immer n stückchen mehr immer n stückchen mehr immer n stückchen mehr * hattn paar tage bestimmt gedauert (3.0) und * als mir das dann klar wurde richtich * eigentlich richtich klar wurde * das war dann am tag danach * am zehntn november * als * ich aus der schule kam und meine straße die wisbyer straße die ja da sone grenzstraße is bornholmer brücke überjang ((Ausatmen)) * als die (2.0) überfüllt war überfüllt die die menschen * die liefn die straße lang die straßenbahn die autos laut hupend * äh manche autos warn anjemalt * äh uff trabis stand * äh drauf hurra frei oder irgendsolche dinge ja oder die mauer is weg die mauer is weg oder solche dinge * ähm * die * die verkäuferin: standn vor der kaufhalle * naja und * dit wa son jefühl * muß ick sagn dit hab ich eigentlich immer noch ja wenn ick mir mir dessen bewußt werde man denkt ja nich immerzu daran aber wenn ich mir dessen bewußt werde und manchmal sinds so kleinichkeiten daß ick nich abhebe von der straße ja^ * daß ich nich irgendwo * äh: mh: schwebe * immer noch

0012 LORE
(2.0) ähm (2.0) da ick äh doch eigentlich in in in der letztn/ in den letztn jahrn durch die: äh eisenschmadt/ schmidt * und die janzen repressalien dort also ziemlich nervlich ziemlich anjegriffen war * ((Ausatmen)) ähm (2.0) konnte dit eigentlich nur zur folje ham daß ich einfach pausenlos jeheult habe * * und wenn ick (3.0) jetz noch dran denke jehts mir immer noch so ute ja^

0013 OL
hm

0014 LORE
furchtbar (3.0) furchtbar * is so tja * und dann jing ich die straße lang * immar (1.0) so verkniffm * krichte dit ooch noch inne reihe (0.5) aber als ick dann eben über die über die grenze da wuselte mit tausenden * äh anderer * wie jesagt schon am zehntn november (2.0) und die westberliner uns da empfangn ham (2.0) % mich hat zum beispiel n junge empfang * vielleicht so elf oder zwölf * und hat jesacht ick soll doch nich heuln is doch allit vorbei ((lacht))

0015 OL
((lacht))

0016 LORE
(2.0) oder uff de schulter jekloppt (2.0) na * ich * weeß nich * dit kann man ebend nich beschreibn * ich ich war eigentlich nich dazu in der lage (1.1) (2.0) ähm * na ebend n kla:ren gedanken zu fassn obwohl äh * dit wie jesagt langsam ins bewußtsein jedrungn is die grenze is erst mal weg äh * und dit kann uns keener nehm * aber welche konsequenzen das alles hatte oder so dit äh war überhaupt noch nich * ähm (2.0) abzusehn dit is also ooch dit spielte sich überhaupt nich ab in mein graun zelln irgendwie so was * was also mit konsequenzen oder so zu tun ham könnte * eben nur nur diesis gefühl es is alles vorbei sis alles vorbei ähm

i

Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Lore geht auf den Prozess ein zwischen "Erfahren vom Mauerfall" (Nacht des 9. November) und sich dessen bewusst werden, was der Mauerfall langfristig bedeutet. "pö-a-pö immer n stückchen mehr immer n stückchen mehr immer n stückchen mehr." Das eingedeutschte "pö"geht auf Französisch peu ("wenig, ein bisschen") zurück. Die dreimalige Wiederholung verdeutlicht, dass die Unabänderlichkeit der Mauer tief im Bewusstsein verankert war – und dieses die neue Situation nur langsam, schrittweise erfassen konnte. Das Darüber-Klarwerden erreicht seinen Kristallisationspunkt, als sie am 10., einen Tag nach dem Mauerfall, aus der Schule kommt, unterwegs zum Grenzübergang und in den Westen. Sie schildert das quirrlige Leben auf der und rundum die Wysbier Str., ihr Überfülltsein, die übermütigen Launen ihrer Landsleute auf dem Weg in den Westen, ob per Strassenbahn oder per Trabi. Getragen von all dieser Aufbruchsmobilität, im Strom dieses so plötzlichen Neuen, wird ihr bwusst, WAS für eine Befreiung dieser Fall der Mauer für sie ist, sie, die im schulischen Alltag nervlich so belastet war in den letzten Jahren wegen kritischer Kommentare. Im Gegensatz dazu ihre Euphorie: sie könnte "schweben" vor Glück, sie muss "pausenlos heulen"- und das geht ihr eigentlich immer noch so, zwei Jahre später. Und sie hätte sich doch mit den Konsequenzen des Mauerfalls mehr auseinandersetzen müssen – das aber gerade war ihr in dieser Situation nicht möglich.

Erzählende und bewertende Passagen halten sich die Waage. Das Erzählen im Umbruch von Bewertungen durchsetzt. Die Folgen der Ereignisse werden mitreflektiert. Nirgendwo sonst werden so detailliert die Veränderungen in der Bewusstseinsbildung beschrieben wie hier. Wiederholungen dienen der emotionalen Intensivierung der Geschehens. Interessant auch, dass besonders positive Werte des Glückszustandes negativ ausgedrück werden müssen (furchtbar (3.0) furchtbar)

Kira (BW12)

Ausschnitt des Interviews mit Kira und Transkription

Kira (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

KIRA
ich hab also der neunte novemba fängt bei mir am 'zehntn novemba an_ *

0013 OL
aha *? warum das? *

0014 KIRA
ja wal-ick am neuntn novemba schon im 'bett war * als herr krenz seine rede jeredit hat_ * ((Ausatmen)) und am zehntn novemba früh äh * zum 'dienst uffkreuzte^ * und mein 'chef he:rr 'sowieso^ *? ne?

0015 OL
hm

0016 KIRA
strahlnd sachte * 'er is heute durch-s brandnburger 'tor zum dienst jefahrn_ und da hab-ick jedacht * der * hiea * spinnt^ * ja: hab-ick jesacht * ick auch^ * mach-ick übrijens 'jeden morgn (2.0) und da kuckte-er mich etwas dumm an und sachte? sie ham wohl noch gar nichts mitjekricht^? * ick sa nee *? wieso? ((lacht))

0017 OL
((lacht)) ((lacht))

0018 KIRA
und da ((Ausatmen)) erzählte er * na * die 'grenze is auf^ * % ick-sa ach so^ (3.0) hmhm * so war dit_

0019 OL
na: dit-is ja herrlich_ (2.0) und *? wie hast-e da reagiert?

0020 KIRA
ja also ick hab-s würklich erst n tach späta naja * ick hab-s nich jeglaubt * ne_ * ick hab jedacht * der vakackat^ mich oda so^ (2.0) hm (2.0) und denn war große uffrejung^ de-janze abteilung stand kopp^ * kee:n patient wurde mehr behandlt^ * alle hingn am 'radio^ (2.0) um zu hörn * wat denn nu los is_ * und denn denn stellte sich so raus^ so we:ß ick * jegn zehn^ * daß-et stimmt_ (2.0) na und wat war-n* det 'muß-n (3.0) freitach jewesn sein *? wa? * der zehnte muß-n freitach jewesn sein * ick hatte mittachs schluß_ * un name hatte spätdienst^ * un dann war also für mich klar^ * wenn ick fertich bin^ * hol-ick meine kinda^ * ((Ausatmen)) un-denn jeht-s ab

0021 OL
((lacht))

0022 KIRA
meine tante besuchn_ (2.0) ((Ausatmen)) ja * und so ham-wa dit denn o:ch jemacht_ (2.0) und * eh * name hatte 'spätdienst wie jesacht * den hatt-ick noch anjerufn^ daß-ick also ((Ausatmen)) 'nich nach hause komme^ * sondern gen westn sausn werde_ * % ahnungslosa engl der ick war * ne * ((Ausatmen))

0023 KIRA
name aus-m 'kindajatn geholt^ (2.0) ((lacht)) ((lacht))

0024 OL
sausn ist jut (3.0) ((lacht)) ((lacht))

0025 KIRA
name aus-m 'kindajatn geholt^ zu hause jetramplt^ * daß die große aus der schule kommt^ * ((Ausatmen)) un-dann hab-ick mein: kindan aklert * wir fahrn jetz tante liese besuchn_ na die sind umjefalln^ wa (2.0) weil name sachte (dit)/ hat ja schon 'ümma jefracht * warum wir nich 'hinfahrn dürfn * wenn sie uns besuchn kann_ * ne * ja * naja^ * und denn sind-wa losjefahrn (3.0) hm

0026 OL
hm

0027 KIRA
hm * obabaumbrücke hm * also dit-dit war-n schon alebnis^ deshalb vajeß-ick-s nich_ ((Ausatmen)) parkplatz jesucht * also warschaua straße^ bahnhof^ * weil war äh: : schwarz vor menschn_ ne^ * die straße war-ja blockiert_ (2.0) und den/ da standn-se nun an^ und wolltn durch dieset schmale tor da durch_ (3.0) ((Ausatmen)) ha-ick een kind links^ * een kind rechts^ ((Ausatmen)) % mensch? wie alt war-n der name damals? * der war ja noch 'kleen der war der war fünwe wa

0028 OL
hm

0029 KIRA
? viernachzjer baujahr? fünf

0030 OL
hm

0031 KIRA
hm * also und denn ham-wa uns so pchpchpch da: durchjeschummelt^ (0.4) (3.0) hundertdreiunneunzich patienten * die alle wissen wolltn * ob ick o:ch wieda 'zurückkomme

0032 OL
((lacht)) ((lacht))

0033 KIRA
ick sa ja logisch^ * wa^ (2.0) ((Ausatmen)) so_ * und denn ham-wa uns da 'rinjedrängelt^ un ham-uns o:ch relativ jut * ((Ausatmen)) vorjeschobn_ * denn sind-wa da rin^ (2.0) ((Ausatmen)) da: dieset 'häuschen^

0034 OL
hm (hm)

0035 KIRA
und da 'dachtn wa nun * wir ham-s jeschafft ja hm ja würklich äh: hm

0036 OL
hm (hm) (3.0) ((lacht)) ((lacht))

0037 KIRA
((unverständlich)) rauskamn aus dem häuschen^ * ((Ausatmen)) warn-wa denn einjekeilt in einer 'menschnmenge * ick hab den name uff-n 'arm jenommn^ * weil der hat jebrüllt wie am spieß^ * ((Ausatmen)) ick-hab jedacht ick komm da nich lebend raus^ ((Ausatmen)) zu'rück jings nich^ * wa * 'vorwärts jings nich^ (2.0) al-ick we:ß nich * wieviel stundn se uns da plattjematscht hattn * mir fieln die 'arme ab^ weil-ick ümma den zwerg jehaltn hab^ (2.0) ((Ausatmen)) un-denn als-es anfing zu dunkln^ * warn wa denn durch_ (2.0) hm * ja * so 'war dit * und denn obabaumbrücke * da landest-e ja mittn im tiefstn 'kreuzberg (h^)

0038 OL
nja_

0039 KIRA
eh * ick wußte zwar die adresse^ meiner tante aba-ick hatte kein: schümma wo dit is^ (2.0) also ick in den nächstn ladn rinnjerammilt^ war so sanitärkeramik^ * ick-sa jutn tach^

0040 OL
hm

0041 KIRA
* ick-sa ick will in die borussjastraße (2.0)? borussjastraße?*? ham sie * ham sie sich denn schon ihr 'geld abjeholt? * ick-sa? watt-denn für-n jeld * ick-sa ick

0042 OL
((lacht)) ((lacht))

0043 KIRA
brauche kee 'jeld * ick will zu meina 'tante und die wohnt ((Ausatmen)) in-a borussjastraße * ((Ausatmen)) ja-na: *

0044 OL
((lacht))

0045 KIRA
ich weiß 'auch nich * wo dit is ich-sa na * (dit) kann do ni 'sein * wa * ich sa jetz bin-ick hier im 'westn * und keena we:ß wo die 'straße is *

0046 OL
fürsorgliche menschn ((Ausatmen)) ((lacht))

0047 KIRA
hm (2.0) na ick sa * det 'muß ürgntwo beim flughafn tempelhof sein (2.0) aha_ * ja-gut * naja sacht-se * aba 'holn se sich doch erst mal ihr begrüßungsgeld ab_ (2.0) ick-sa * wozu brauch ick begrüßungsjeld wa ick will zu meina tante und da * brauch ick keen geld * nein * sacht-se * sie kriegn doch^ * sie ham doch ihre kinda mit^ * sie kriegn doch für jedn hundat mark^ * name fieln glei die 'augn aus-m kopp wa oh: * hundat richtjer mark^

0048 OL
((lacht)) ((lacht)) ((Ausatmen)) ((lacht))

0049 KIRA
und die schlangn * ick-sa nee * hier stelln wir uns nich an_ wa * na sacht-se * fahrn-se mal da pft ürgntwo hin^ * da is-is nich so voll_ (3.0) naja und da sind wa denn dahinjefahrn^ und ham uns anjestellt^ un ham nach-ner vürtelstunde unsar dreihundat mark jehabt^

i

Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

In ihrer zupackenden energischen Art (dann hab-ick mein: kindan aklert * wir fahrn jetz tante liese besuchn) begibt sie sich auf die Reise, ihre Tante Liese in West-Berlin zu besuchen. Die Menschenmassen machen ihrem Fortkommen zu schaffen, das eine Kind heult dauernd, es ist schwierig voranzukommen. Schließlich gelangen sie aber über die Oberbaumbrücke nach Kreuzberg, von wo sie nach Schöenberg weiterkommen müssen, um ihre Tante zu besuchen. Trotz großer Widrigkeiten behält Kira ihren Humor bei. Als sie dann in einem Sanitätsgeschäft fragt, wo die Borussjastr. sei (dort wohnte ihre Tante), antwortet die Sanitätsangestellte herablassend und besserwissend, sie solle sich erstmal die 100 DM Begrüssungsgeld abholen. Kira antwortet, "Geld" interessiere sie nicht, dagegen gehe es ihr darum, möglichst schnell ihre Tante zu besuchen. Das lässt die Angestellte auch ein zweites Mal nicht gelten : "ja-gut * naja sacht-se * aba 'holn se sich doch erst mal ihr begrüßungsgeld ab"; das empört Kira, allerdings kann sie nicht verhindern, dass die beiden Kinder mithören, erfahren, dass auch sie 100 DM bekommen und nun auf die Mutter einwirken, das Geld erstmal zu holen und DANN zur Borussjastr. zur Tante zu gehen..So holen sie sich 300 DM – die Kinder bekommen Süssigkeiten und andere Geschenke. Das Beispiel zeigt, wie arrogant die "Besserwessi" auf die Ostberliner "heruntergeschaut" haben. Eine Frage nach dem Weg mit einer Gegenfrage zu kontern, die erstgestellte Frage kalt unbeangtwortet lässt, , ikann nicht anders als diskriminierendes Heruntersprechen wahrgenommen werden.

Kira präsentiert sich als forsche Ostberlinerin, die selbstbewusst ihr Recht wahrnimmt, den Westteil zu entdecken. Sie hat sich durchjeschummelt, in das Nadelöhr der Schlangestehenden 'rinjedrängelt und ist, um nach dem Weg zu fragen, in einen Laden "Sanitätskeramik rinnjerammilt " (bestes Berlinisch). Ihr ist ein action-Stil eigen. Neben abenteuerlicher Forschheit zeigt Kira aber auch Humor und Lebenslust.

Maria (BW 15)

i

Individueller und gesellschaftspolitischer Hintergrund

Maria, zur Zeit des Gesprächs 41 und Lehrerin an einer Grundschule in Marzahn, war viele Jahre SED-Genossin und teilte im wesentlichen die "großen" Werte der DDR. In ihrer Kindheit war sie umgeben von Freunden und Verwandten, die dem Regime kritisch gegenüberstanden und sich in diesem Geiste oft im Rahmen der christlichen Kirche trafen. Es muss ihr mehrmals passiert sein, dass sich diese Freunde und Verwandten ihr gegenüber – Details haben wir nicht – arrogant verhalten haben. Das gab den Ausschlag, dass sie sich der "staatlichen" Seite zuwandte – symbolisch eindrucksvoll von ihr dargestellt mir dem Bild des "Bürgersteigwechsels": traf sie jemanden von der "anderen" Moral, wechselte sie einfach den Bürgersteig. Sie und ihr Mann hatten die offizielle Ideologie der DDR gegenüber Westberlin voll internalisiert: dort herrsche Raubkapitalismus, als DDR-Bürger käme man gleich ins Gefängnis, es gäbe keine normale Bürgermoral, viele nähmen Drogen … es herrsche Willkür und Ungerechtigkeit.

Ausschnitt des Interviews mit Maria

Maria (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

28 MARIA
und mein mann wollt so jerne mit mir dann rübergehn * als die grenze nun jefalln war^ oder besser jesacht die mauer * jafalln war sagt er mensch komm wir gucken mal und er konnt mich nicht bewegen weil * ick hatte so ne panischen ängste in mir^ ick dachte wenn ick jetzt da rüberjehe^ * erst ma dacht ick * grundsätzlich muß ick dit wort so formulieren ick dachte nur an pennervolk ick dachte jar nich an die jehobene klasse ick dachte nur an überfälle^ dachte nur an * wenn die jetzt mich als ossi sehen drehn die mir den hals rum^ und hatte sorgen^ * eh daß man mich als ostler sofort drüben erkennt^ * weil ja och immer jesagt wird der ossi is zu erkennen^ wat ick nachher als gegenteil beweisen werde^ eh da hab ick jedacht nee da gehste nich rüber * und ick hab och zu meen man gesacht ick kann nich * ick sage es tut mir leid ick kann nich * ick sage du kannst jetzt sagen los und * ick sage ick schaffe et noch nich dit is einfach nich drin und zu meiner freude hat er t eigntlich einjesehn und hat jesagt er kann dit vastehn * denn er war ja nun vor eem jahr drüben und weeßte wie det ihm danach ging^ er war total durchnander und konnte die alebnisse jar nich so jut vaarbeiten er hat bald n halbet jahr jebraucht um die eindrücke da wegzustecken ja^ die er dort arlebt hat und deswegen hat er s eigentlich verstandn wenn ick sage ick bin noch nich so weit * so_ denn kam aber die sache mit den hundert mark die man umtauschen kann * na ja und * man hat ja nischts zu vaschenken sagt n sprichwort ne^

29 Ol
mußt dir och holn

30 MARIA
also hab ick jedacht du mußt dir och die hundert mark holn * und da hat mein mann dit so einjafädelt daß wa durch die kalte küche in den westen jejangen sind * der is nich mit den öffentlichen vakehrsmitteln mit mir rüber jefahrn^ sondern der hat mich hinten * langgeführt * ehm (2.0) wo sind wir da langjegangen * na ja jedenfalls hat er mich hinten durchjeführt so qua so daß ich quasi bloß zwee straßen übaquert habe und da sind wa da an der u-bahn langgelofen^ in richtung neukölln war dit jewesen * und dann sind wir rüberjelaufen und dann mußten wir noch durch so n tunnel jehn und als wir den tunnel überwunden hatten^ war ebend der westen * und meine erste reaktion * na dit is ja n scheißhinterhof * den hast du im osten och

31 OL
((lacht)) ((lacht)) ((lacht))

32 MARIA
und damit war meine angst weg * ick habe dort die alten häuser jesehen die ick als hinterhof k kulisse kenne^ * und dachte mensch * dit sieht ja jenauso aus wie bei mir zu hause * und damit wurd ick mutich und als er dann noch mit mir da in den eenen türken stürzte und dort weintrauben kaufte die wir unterwegs erstmal zu uns nahmen^ ja^ da war also meine hemmschwelle erstmal weg *

Quellentext

Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Marias Mann wollte mit ihr dann eines Tages über die Grenze gehen. Sie ließ sich aber zu diesem "Ausflug" nicht bewegen, zu stark steckte noch die Angst in ihr, die sie mit der offiziellen DDR-Ideologie internalisiert hatte. ER akezeptiert das, war sein eigener erster Besuch im Westen offenbar nachhaltig negativ. Schließlich schafft er es aber mit einem Trick, sie durch eine U-Bahnunterführung direkt in den Westteil zu führen – ja so, dass sie den Unterschied zwischen den beiden Teilen Berlins gar nicht merkt ("und meine erste reaktion * na dit is ja n scheißhinterhof * den hast du im osten och "). Schließlich war ihre erste "hemmschwelle erstmal weg"

Eine besondere Sequenz stellt der Schulterschluss von narrativen und evaluativen Sätzen in der Form einer konversationellen Liste dar. Sie wird eingeführt durch die Äusserung ick hatte so ne panischen ängste in mir^ . Es folgen parallelisierte syntaktische Muster: ich dachte (nur) an X, Y, Z …., wobei diese Variablen semantisch variieren: {pennervolk}, {an die jehobene klasse}, {überfälle}, {drehn die mir den hals rum^ } (u.a.). Die Liste besteht also aus einer stets identischen syntaktischen Struktur und einer semantisch variierenden Prädikation. In der Gesprächsanalyse gelten solche Muster als rhetorischer Kunstgriff.

Dass sie aufgrund der ideologischen Aufladung ihres Bewusstsein über Partei und "Herrschaft" nicht den Gedanken haben konnte, unversehrt im Westen zu sein und auch problemlos wiederzurückzukommen, wird durch intensivierende Wiederholungen deutlich. Das dialogische Prinzip kommt gestalterisch hinzu: eine Art inneren Monolog führt sie mit sich selbst als auch mit ihrem Mann. Schließlich schafft es der Mann, sie durch einen unauffälligen Nebenweg ("U-Bahn-Unterführung") in den Westen zu führen. Sprachlich in ihren Worten: hat mein mann dit so einjafädelt daß wa durch die kalte küche in den westen jejangen sind...Für den Zeitgenossen der 60iger, 70iger, 80iger Jahre klingt natürlich in der kalten Küche der kalte Krieg an. Zum Land des "kalten Krieges" ging Maria durch die "kalte Küche" … das Bild passt!


(f) Alla BW 25 (Ost) "ich war VÖLLIG fertig an dem tag"

Alla (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

44 ALLA
ich persönlich jetzt? ja ich habs gemacht; ach den tag vergeß ich nie. eh und zwar (0.4) hab ich mich damals mit meiner jüngsten schwester verabredet; wir sind dreizehn jahre auseinander und * habe dann eh mit ihr darüber gesprochen; paß ma uff; eh wir müssen uns mit der ganzen sache ehm identifizíern; und eh in dem beruf und überhaupt als eh bürger eines eh zukünftigen gemeinsamen landes muß man schon einiges wissen; also jedenfalls ham wir uns an einem tag verabredet nach wedding zu fahrn; da wußte ich schon son bißchen wie man da hinkommt; und sie kam und kam nicht und ich bin dann alleine los; ehm der tag war eigentlich einer der schlimmsten für mich; weil * ich war derartig aufgeregt als ich dann über * oder da durch bin; wo w wahrscheinlich früher die pässe oder was kontrolliert worden sind für die leute die die möglichkeit hatten; und # als ich dann die ersten

45 ALLA
(0.6) ansichten sah, und die ersten geschäfte; * ich war also noch nie in westdeutschland und * konnte hab mir das bild eigentlich nur ausm fernsehn gemacht; aber wenn mans nachher selber sieht; also ich war VÖLLIG fertig an dem tag; ich bin also nur die straße hoch und runter gelaufen; hab mir die geschäfte von áußen angeguckt; ich war in keinem geschäft drin; ob da herti oder was da alles kam; und * habe SO SCHLIMME kopfschmerzen dann bekommen; bin dann nach hause gefahrn und hab mir geschworn; du läßt jetzt MONATE darüber eh hinweggehn; eh du nochmal den weg machst;

i

Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Alla nimmt sich vor, mit der jüngeren Schwester in den "Westen" zu gehen. Die Motivation ist wohl eher ethisch denn persönlich (man muss was wissen von dem Land, in dem man künftig zusammenlebt,u.a.). Als die Schwester nicht kommt, geht sie allein in den Wedding. Es wurde ein schlimmer Tag für sie. Sie bekam starke Kopfschmerzen, ging in kein Geschäft rein und fährt gleich wieder nach Hause. Innerlich schwört sie sich, möglichst nicht mehr in den Westen zu fahren. Sie macht keine guten Erfahrungen.

Eigentlich kein narrativer Text … die narrativen Eigenschafttreten hinter den evaluativen, kommentierenden zurück. Alla vermittelt ihre Enttäuschung und ihre Gefühle. Die Geschäfts- und Kaufwelt, die sie in Wedding verbreitet findet, bedeutet ich gar nichts.


Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

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60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

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Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

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Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

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Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

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Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

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Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

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Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

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Der Tag in der Geschichte

  • 19. September 1965
    Wahlen zum 5.Bundestag: Demoskopische Umfragen hatten ein Kopf-an-Kopf-Rennen prognostiziert, doch gewinnt die CDU/CSU die Wahlen erneut deutlich vor der SPD mit ihrem Kanzlerkandidaten Willy Brandt. Die FDP verliert beträchtlich an Stimmen. Weiter
  • 19. September 1989
    Als vierte Mission muss die Botschaft der BRD in Warschau den Publikumsverkehr wegen des Zustroms ausreisewilliger DDR-Bürger vorläufig einstellen. Die nicht kommunistische Regierung Mazowiecki sagt zu, dass die Flüchtlinge nicht in die DDR abgeschoben... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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