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Beleuchteter Reichstag

16.9.2020

6. Stereotypen

"Wer iss der Ossi un wer iss der Wessi?" Ist der eine sozialer, der andere kaltschnäuziger? Aus gegenseitig wahrgenommenen Unterschieden werden nach dem Mauerfall schnell verallgemeinernde Klischees, die das Zusammenwachsen früh erschweren. Auch die interviewten Ost- und WestberlinerInnen machen das in ihren O-Tönen deutlich.

Eastside-Galery in Berlin: Noch heute ein Klischeebild für die DDR - der Trabbi.Eastside-Galery in Berlin: Noch heute ein Klischeebild für die DDR - der Trabbi. (© bpb/H.Kulick)

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Gesellschaftspolitischer Hintergrund und Sprache

Die Begriffe Ossi bzw. Wessi entstanden erst zu Wendezeiten, sie spiegelten den komplementären Ost-Westdiskurs wider (Dittmar, Bredel 1999, Roth 2005). Das Nachdenken über den Anderen dient ebenso wie Fremdzuschreibungen der Identitätskonstruktion (Paul, Roth in Dittmar /Paul 2019). Stereotype reduzieren Komplexität, auch deshalb ist es nicht verwunderlich, dass Ossis und Wessis übereinander nachdenken und sich voneinander abgrenzen.

Maria BW 15 (Ost) O über W

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Maria - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Maria, 41. Ostberliner Lehrerin, entwirft ein ganz klares, negatives Bild von der westdeutschen Distanziertheit und Fassade und entwirft ein Bild der Kälte und Unnahbarkeit. Maria zeichnet einen komplementären Kontrast: Die Anderen, die Westdeutschen, zeichnen sich durch kaltschnäuzigkeit aus und verschanzen sich hinter einer scheinwelt; die gehn unpersönlich die gehn unpersönlich und unnahbar und erst wenn man n bißchen an der schale rumjeklopft hat^ stellt man fest das da hinten hinter sojar n lebewesen. Das klare Gegenbild stellt die "Wir"-Gruppe der Ostdeutschen da, "weil wir noch zuviel herz in uns drinne ham".

Mitschnitt des Interviews mit Maria und Transkription

xxx (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

Maria:
deswegen bin ick der meinung daß man nich sagen kann ossi und wessi und^ den wessi erkennt man an seiner kaltschnäuzigkeit dit muß ick och sagn * der wessi hat in seiner grundhaltung eh ne jewisse ablehnung in der ausstrahlung und ne kaltschnäuzigkeit die wir ossis noch nich produzieren könn * weil wir noch zuviel herz in uns drinne ham und viel sozialet wat wir empfinden * der wessi der jeht da so als struktur durch die gegend^ * meine persönlichkeit geht keen was an * meine persönlichkeit bin ich * und denn notfalls noch die familie aber außen in hat ihn nich zu intressiern wat ick denke und so gehn die auch die gehn unpersönlich die gehn unpersönlich und unnahbar und erst wenn man n bißchen an der schale rumjeklopft hat^ stellt man fest das da hinten hinter sojar n lebewesen is wat eh reagieren kann antworten kann und sojar * eh richtich schön empfinden kann ob herzlichkeit fröhlichkeit oder traurichkeit ja^ so aber man muß leider erst die schale entblättern und manchmal^ im im dahinleben nebeneinander hat man keene zeit zu entblättern und dann jibt det wiederum die andre seite wessis die sind so so uffdringlich überschwenglich die sind so ehm * so ehm so ich ich möchte gern^ und gebe gern^ * und sind denn so uffdringlich und dit sind denn die lästigen fliegen die wird man denn ni mehr los^ die wolln dann mehr oder wenjer auf andre kosten nur leben die sitzen dann im hause rum und essen dich kahl und dünn * und freun sich daß se n doofen jefunden ham der se über wasser hält ja^ und die machen nach außen hin so n scheinwelt * ja ick habe zum beispiel wie jesacht in der verwandtschaft die obere jesellschaft die mittlere und ick habe och den sozialfall drin ja^ und ick muß sagen * grade die die vo von der sozialhilfe leben^ * die wolln nach außen hin also wunderbar jeschält und jepellt schein^ xx

Egon BW 47 (West)

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Egon - Situativer Kontext und sprachlicher Kotext

Egon, 34,Westberliner Student, beschreibt das Verfahren der Stereotypenbildung, d.h. den Dreierschritt "Zuordnen – Zuschreiben – Bewerten" (Roth in Dittmar/ Paul 2019: 133), wobei er zur Verdeutlichung Stereotype wie die Ostdeutschen seien wehleidig, bittend, ungeschickt und selbtsmittleidig, die Westdeutsche arrogant anführt. Zudem führt er den Begriff besserwessi ein, der durch Ähnlichkeit zum Besserwisser oder auch durch das Kompositum selbst zur Bedeutung führt, der Wessi wisse alles besser. Diese Besserwisserei ergab sich auch grundsätzlich durch die hegemoniale Position Westdeutschlands, indem das gesamte politisch-gesellschaftliche System der DDR als hinfällig erklärt wurde. Stattdessen wurde das System der BRD übernommen; damit war klar, dass das Knowhow im Westen war und der Westn bestimmte, was zu tun war.

Auf der anderen Seite ergab sich das Stereotyp des jammernden Ostdeutschen, der sowohl mit seiner DDR-Vergangenheit als auch mit der totalen Anpassung an ein neues soziales und Staatsgebilde unzufrieden war. Diese Unzufriedenheit rief dann eine gewisse Nostalgie nach der alten DDR hervor. Das wurde von den Westdeutschen kritisiert. So beschreibt auch Nico, westdeutscher Rechtsreferendar, dass er die "denkart" und insbesondere "diese ewije 'rum'jammerei" der Ostdeutschen, auch bei den durchaus verständlichen Schwierigkeiten, nicht nachvollziehen könne.

Mitschnitt des Interviews mit Egon und Transkription

Egon (© FU Berlin / Norbert Dittmar & Christine Paul 2019)

0117 EGON
n westen komm als es gibt genuch leute die ausm westen komm und jetz im osten wohn und es gibt genau auch leute die ausm osten komm und in-nen westen komm also

0118 BL
Ja

0119 EGON
wer iss der ossi un wer iss der wessi und vor allen dingen ((Ausatmen)) denk ich dass so bestimmten worten eh dass den so bestimmte charaktereigenschaften angedichtet

0120 BL
ne wertung

0121 EGON
werden ne wertung

0122 BL
auf jeden fall klar

0123 EGON
nich der ostler der so eh wehleidich und faul na faul vielleicht nich so aba wehleidig und ((Ausatmen)) und eh bittend und eh bitt eh ungeschickt

0124 BL
na ungeschickt son ja

0125 EGON
ja und selbstmitleidich und so weita und so fort ((Ausatmen)) und der westler ebent ehm: ehm: ja weiß ich nich also arrogant und eh

0126 BL
Hm

0127 EGON
besserwessi ebent so-n typisches wort dafür

Nico BW 29 (West) Jammerossi : "ewige Jammerei"


Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

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60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


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NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

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Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

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Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

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30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

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Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

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Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

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Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

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13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

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Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

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Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 25. September 1996
    Arbeitsrechtliches Beschäftigungsförderungsgesetz: Für Betriebe mit bis zu zehn (bisher fünf) Arbeitnehmern gilt kein gesetzlicher Kündigungsschutz; denn viele Kleinunternehmen, vor allem Handwerker, hatten nicht mehr als fünf Mitarbeiter eingestellt, da sie... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

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