Beleuchteter Reichstag

9.6.2020 | Von:
Corine Defrance

Die Darstellungen der Berliner Mauer in der französischen Populärkultur

Die Gedenkveranstaltungen zu den Jahrestagen des Mauerfalls bieten auch in Frankreich stets einen Anlass für vielfältige Rückblicke und Bilanzen. Zeitzeugen erinnern sich an die Ereignisse, erklären ihre persönliche Verarbeitung des Erlebten und fragen sich, wie unsere Gesellschaften von dieser historischen Zäsur politisch, gesellschaftlich und kulturell beeinflusst wurden.

Das Foto zeigt ein Mauersegment der East Site Gallery in Berlin, das der aus Frankreich stammende Künstler Thierry Noir mit seinen comichaften, bunten Köpfen bemalte.Der aus Frankreich stammende Künstler Thierry Noir bemalte ein Mauersegment der East Site Gallery in Berlin mit seinen comichaften, bunten Köpfen. (© picture-alliance)

So wurde in den französischen Medien auch über den dreißigsten Jahrestag des 9. November 1989 breit berichtet, vielleicht sogar intensiver als zehn oder 20 Jahre zuvor. Unter anderem gab Elise Delève, Journalistin bei France-Culture, einen Überblick über „von der Mauer inspirierte Kunstwerke“[1] und wählte beispielhaft vier Arbeiten eines Malers, eines Filmemachers, eines Musikers und eines Schriftstellers aus, unter ihnen zwei Deutsche, ein Brite und ein Franzose: David Bowie und sein Song „Heroes“ (bereits 1977 komponiert, zehn Jahre später erfolgreich); Peter Schneider und sein Roman „Der Mauerspringer“ (1982); Thierry Noir und seine an die Mauer gemalten Figuren (seit 1984); Florian Henckel von Donnersmarck und sein preisgekrönter Film „Das Leben der Anderen“ (2006). Diese Werke zeugen von der Spätphase der Mauer oder von der Zeit nach ihrem Fall, sowohl aus deutscher als auch internationaler Perspektive. Es wurden weitere, oft nach künstlerischem Feld geordnete Zusammenstellungen präsentiert, zu denen auch einige französische Werke gehörten. In ihrer Gesamtheit zeigen sie, dass die Künste die Mauer nicht alle mit der gleichen Intensität bearbeitet haben.[2]

Ohne Anspruch auf Vollständigkeit, weder der Werke noch der Gattungen, möchte ich mit Hilfe der am häufigsten zitierten Künstler die Art und Weise aufzeigen, wie sich die französische Populärkultur die Mauer (per se oder als Symbol der Spaltung und Trennung) und ihre Geschichte angeeignet hat. Wie haben sich die Wahrnehmung und der Umgang mit der Mauer zwischen der Anfangsphase in den 1960er Jahren, in der Zeit des Gewöhnens an die Mauer in den 1970er und 1980er Jahren und bei ihrem Fall entwickelt? Welche Interpretationen werden mit der Erinnerung an die Mauer verbunden?

Die 1960er Jahre: die Verurteilung der „Schandmauer“

Von Frankreich aus gesehen ist der Bau der Mauer die zweite große Berlin-Krise der Nachkriegszeit. Die erste ereignete sich 1948/49 mit der Blockade der Stadt durch die Sowjets und der von den Westalliierten eingerichteten Luftbrücke. Dieses Ereignis hinterließ jedoch in der französischen Kultur kaum Spuren, denn zum einen war der französische Beitrag zur Luftbrücke marginal,[3] zum anderen hatten die Franzosen Ende der 1940er Jahre immer noch ambivalente Gefühle gegenüber den Deutschen, waren Krieg und Besatzung noch in ihren Köpfen präsent. Die Schwierigkeit, in dem ehemaligen „Feind“ nun ein „Opfer“ und Verbündeten im Kalten Krieg zu sehen, verlangsamte die kulturelle Verarbeitung des Ereignisses in Frankreich.[4] Auf der anderen Seite beschleunigte diese erste Krise den Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung Deutschlands. Die Zusammenarbeit mit den West-Berliner*innen wurde vor Ort (insbesondere beim Bau des Flughafens Tegel) praktiziert und der von allen Seiten gepflegte Solidaritätsdiskurs der drei Westalliierten mit West-Berlin und die wiederholt ausgedrückte Dankbarkeit der West-Berliner Bevölkerung förderten diese Entwicklungen.

Während des Höhepunkts der zweiten Berlin-Krise im Sommer 1961 war die französische Gesellschaft hingegen bereit, die westlichen Emotionen und die Empörung über den Bau der Berliner Mauer zu teilen, der auch Spuren in der Populärkultur hinterließ. 1962 erschien ein erster Spionageroman mit dem Titel „Le Mur de la honte“ [Die Schandmauer]. Der Autor, Pierre Nord, war ein ehemaliger Widerstandskämpfer und ein Offizier des französischen Geheimdienstes.[5] Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm er seine schriftstellerische Karriere wieder auf, die in den 1930er Jahren begonnen hatte, und wurde nun zu einem der Pioniere der Spionage-Literatur. Ausgehend von seinen eigenen Erfahrungen trug er dazu bei, ein Genre zu schaffen, das auf realen oder zumindest akribisch dokumentierten historischen Ereignissen beruht. „Die Schandmauer“ präsentiert die Geschichte eines französischen Agenten in Berlin im Sommer 1961, eines ehemaligen Widerstandskämpfers, der beauftragt wird, Kontakt mit antikommunistischen Kämpfern im Osten aufzunehmen. Fehlen darf natürlich nicht die obligatorische Liebesgeschichte. Als die Mauer nun die Stadt in zwei Hälften teilt, rettet der Held die Frau, die er liebt – die Witwe eines ermordeten deutschen Widerstandskämpfers. Der „Held“ ist ein Franzose, die „Bösen“ sind die Kommunisten und die „Opfer“ zwei deutsche Frauen, die im Widerstand aktiv waren. Antinazismus und Antikommunismus bekämpfen gemeinsam den ostdeutschen Anspruch, mit der DDR den Antifaschismus zu verkörpern. Die spektakuläre Rettungsaktion durch den Stacheldraht findet am Wasserturm, am Berliner Gesundbrunnen, an der Grenze zwischen dem sowjetischen und dem französischen Sektor statt. Die ideologische Dimension des Romans im Kontext des Kalten Krieges kann dem aufmerksamen Leser nicht entgehen, geht es hier doch um den Aufbau von Feindbildern in der Systemkonkurrenz.

Beruht das Genre „Spionageroman“ vor allem auf der Spannung der Intrige, spielt der „Mauerschlager“ oder auch das „Mauer-Chanson“ mit Gefühlen und sentimentalen Handlungsschemata.[6] Um die Berliner Mauer werden Liebesgeschichten gestrickt, die den zentralen Platz in diesen Liedern einnehmen. So kann die Trennung der Berliner*innen mit den vielfältigen individuellen Tragödien im klassischen Plot des Kalten Krieges durchdekliniert werden: das politische und gesellschaftliche Thema der Freiheit – das Leitmotiv des Westens wird dem Leitmotiv des Friedens, das der Ostblock für sich reklamierte, gegenübergestellt. Drei heute vergessene französische Lieder nahmen sich dieser Thematik an. Das erste mit dem Titel „Le Mur“ [die Mauer] von 1965, komponiert von Michel Vaucaire und Charles Dumont (Text und Musik), wurde von der jungen Berliner Sängerin Éva gesungen, die damit ihr Debüt im französischen Chanson gab. Mit ihrer tiefen Stimme, in einem unerbittlichen und bedrohlichen Vier-Takt-Rhythmus, arbeitet sich Eva Killutat (1943-2020) an diesem Symbol der Teilung ab: „Un mur de gêne/Un mur de peine/Un mur de haine/Un mur de peur“ [Eine Mauer der Verlegenheit/ Eine Mauer des Schmerzes/ Eine Mauer des Hasses/ Eine Mauer der Angst]. Die Mauer versucht jene zu trennen, die sich lieben, doch antworten diese mit einem siegreichen Liebesschrei: „Ils ont perdu/Ils n’ont pas pu/nous empêcher/de nous aimer“ [Sie haben verloren/konnten uns nicht daran hindern, uns zu lieben]. Das „Wir“ der Liebenden steht dem „Sie“ des Unsagbaren – den Behörden der DDR – gegenüber, und natürlich triumphiert am Ende die Liebe.

Drei Jahre später erzählt Gilbert Bécaud in „La grande Roue“ [Das Riesenrad], das er mit einer schnellen und festlichen Melodie singt, die Geschichte eines jungen Berliners, der auf das Karussell klettert, um einen Blick auf seine Verlobte auf der anderen Seite der Mauer zu erhaschen. Es ist ein Lied der Unerschrockenheit und des Erfindungsgeistes, denn schließlich gelingt es ihm, die Frau zu sehen.

Das dritte Lied mit dem Titel „Berlin“ stammt ebenfalls aus dem Jahr 1968. Jean-Jacques Debout sang von der Liebe zweier junger Berliner Teenager, die von der Grenze dazu verurteilt waren, getrennt voneinander aufzuwachsen: „Ils se sont quittés porte de Brandebourg, sans pouvoir espérer se retrouver un jour“ [Sie verließen sich am Brandenburger Tor, ohne hoffen zu können, sich eines Tages wiederzufinden]. Bei Fernsehauftritten von Debout wird die antikommunistische Botschaft des Liedes durch Bilder von der Unmenschlichkeit der Berliner Mauer im Hintergrund unterstützt. Doch findet sich ein seltsamer Satz im Text, der Fragen aufwirft: „Mais s’il faut des murs à Berlin/Pour préparer nos lendemains/Il nous faudra beaucoup d’amour/Si l’on veut se revoir un jour » [Aber wenn wir Mauern in Berlin brauchen/ um unsere Zukunft anzubahnen/ werden wir viel Liebe brauchen/ wenn wir uns eines Tages wiedersehen wollen]. Da es keine weiteren Quellen oder Erklärungen zu der Zeile „s’il faut des murs à Berlin“ gibt und da auf eine Zeichensetzung verzichtet wurde, die Hinweise gegeben hätte, ob sich „préparer nos lendemains“ auf die Mauer oder die Liebe bezieht, wollen wir hier keine politischen Interpretationen anstellen. Nichts erlaubt in diesem Satz, auf eine Rechtfertigung der Berliner Mauer oder eine symbolische Lektüre der hoffnungslosen Liebesgeschichte als Sehnsucht nach der deutschen Einigung zu schließen. Sie erscheint bei Debout und Bécaud eher als ein Vorwand, um das zeitlose Thema von der unmöglichen Liebe und der Trennung zu behandeln. Dafür besitzen die Werke aus den 1960er Jahren, bei denen die Liebesgeschichte im Hintergrund steht (Nord, Éva), einen genuin politischen Charakter. Die Künstler ergreifen prononciert Position für den Westen und weben die allgegenwärtige Liebesgeschichte in eine antikommunistische Erzählung ein, um vom Osten politische, gesellschaftliche und individuelle Freiheit einzufordern. Die (unglückliche) Berliner oder – wie bei Pierre Nord – deutsch-französische Romanze sollen Emotionen auslösen und über diesen Weg den inhumanen Charakter der Mauer dokumentieren.

Die 1970er und 1980er Jahre: eine komplexere Wahrnehmung der Berliner Mauer

In den folgenden zwei Jahrzehnten würzten oftmals die gleichen Zutaten die französischen Lieder von der Mauer: die unmögliche Liebe zwischen zwei Berlinern (Renauds Lied „Greta“, 1975) und die Spionage im Agentenroman (Claude Rank, „Mission en Prusse rouge“ [Auf Mission im roten Preußen], Paris 1979).[7] Die Art und Weise, wie die französische Kultur die Mauer begreift, spiegelt jedoch die Tendenz wider, sich nicht alleine auf die ideologische Konfrontation zu konzentrieren, um die Komplexität und Mehrdeutigkeit der Teilung und des Lebens mit der Mauer zu erfassen. So thematisiert Michel Tournier in seinem Roman „Les Météores“[8] das Zwillingsdasein (Jean und Paul versus Jean-Paul), die geteilte Identität einer siamesischen Stadt, die unentwirrbar und unerträglich ist.

Weniger philosophisch und eher historisch ist die Behandlung der schmerzlichen Trennung von zwei Brüdern bei Daniel Balavoine, der 1977 sein Konzeptalbum „Les Aventures de Simon et Gunther Stein“ [Die Abenteuer von Simon und Gunther Stein] aufnahm.[9] Der junge Liedermacher erzählt das tragische Schicksal von Simon, der von DDR-Grenzsoldaten erschossen wird, als er versucht, die Mauer zu überqueren, um Gunther in West-Berlin zu treffen. Auch in drei Liedern des Albums kommt er auf die Erinnerung an den Nationalsozialismus und die Judenverfolgung (darunter ein Hinweis auf die Verhaftung des Vaters durch die Gestapo 1942) zu sprechen. Nachdem bereits Willy Brandt als Regierender Bürgermeister von West-Berlin 1961 den Stacheldraht der Berliner Mauer mit dem der Konzentrationslager verglichen hatte,[10] findet sich dieser Bezug implizit auch bei Balavoine, der über die Figur des Vaters die mit den Füßen getretene Freiheit und die Verfolgung während des „Dritten Reiches“ und der DDR thematisiert. Das Album beginnt mit „La porte est close“ [Die Tür ist verschlossen], in dem vom gescheiterten Treffen der beiden Brüder berichtet wird: „C’était le 13 août 1961. J’allais rue Bernauer…‘ [Es war der 13. August 1961. Ich wollte in die Bernauer Straße...]. Das Lied „Lady Marlène“, das berühmteste Lied des Albums, ist der Erschießung von Simon gewidmet: „A Berlin tu sais/rien n’a changé/C’est trop difficile/de s’évader/Les hommes en vert/ont tiré“. [In Berlin, weißt du, hat sich nichts geändert. Es ist zu schwer zu fliehen. Die Männer in Grün haben geschossen]. In einem Interview erzählte Balavoine den Ursprung seines Projekts. Er war noch nie in Berlin gewesen, hielt sich aber 1976 in Polen auf und hatte dort schmerzlich die fehlende Freiheit erlebt: „Ich habe die Berliner Mauer als Vorwand genommen, weil sie das einzige war, was mir damals so konkret erschien, nämlich etwas, das wirklich gegen die individuelle Freiheit gebaut wurde und das man mit dem Finger anfassen kann.“[11] Für Balavoine war das Lied ein Schrei, mit dem er eine Revolte auslösen wollte. Für die jungen Menschen seiner Generation (er war damals 25 Jahre alt), so der Sänger, sei die Berliner Mauer ein universelles Symbol für die Missachtung der Menschenrechte, die es immer wieder einzufordern gelte. „Die Abenteuer von Simon und Gunther Stein“ waren kein kommerzieller Erfolg, doch das Album wurde von der Kritik positiv aufgenommen. Rückblickend wird es als ein wichtiges Werk des französischen Rock angesehen, das unlängst zu einem Theaterstück mit dem Titel „Berlin, de l’autre côté du Mur“ [Berlin, auf der anderen Seite der Mauer] (Sandrine Gauvin, 2010) inspirierte.

Das Biotop West-Berlin als Magnet für Künstlerinnen und Künstler

West-Berlin war Ende der 1970er Jahre eine brodelnde Stadt, eine Brutstätte der Kunst, mit ihrem Nachtleben und dem Aufblühen einer alternativen Kultur. Das „Biotop Westberlin“ war kosmopolitisch[12] und zog sowohl etablierte Künstler wie David Bowie als auch junge Leute an, wie den Franzosen Thierry Noir, der in und durch Berlin zum Künstler wurde. Wie er oft erzählt, kam er im Alter von 24 Jahren ohne Geld und ohne Arbeit am Berliner Bahnhof Zoo an. Er fand ein Zimmer in dem besetzten Georg-von-Rauch-Haus, dem ehemaligen Schwesternwohnheim des Bethanien-Krankenhauses. Von seinem Fenster blickte er täglich auf die „melancholische“ graue Mauer, so dass er zwei Jahre später (1984) gemeinsam mit seinem französischen Freund Christophe Bouchet beschloss, die Mauer auf der Westseite zu bemalen. Für beide war dieser Entschluss ein Akt, um sich dieses Symbol der Unterdrückung durch einfache und farbenfrohe Figuren anzueignen und es zu „zähmen“.

Auf diese Weise wurden beide Freunde zu historischen Figuren der Berliner Street-Art, jedoch nicht ohne Hindernisse, wie Noir berichtet: „Ich wurde von Passanten und Anwohnern beleidigt [...] Es war tabu, niemand malte auf die Mauer.“[13] Es ist kein Zufall, dass beide Künstler keine Deutschen waren, für die die Teilung der Stadt oftmals eine persönliche Geschichte war. Noir und Bouchet lähmte nicht die Angst vor ihr, so dass sie in der Lage waren, als ästhetische Provokateure zu agieren und damit den besonderen Status West-Berlins als Ort des kulturellen und sozialen Experiments zu stärken.

Der Fall der Mauer (1989 und die 1990er Jahre): Freude, Hoffnungen und Sorgen

Wie überall war der Fall der Berliner Mauer auch für die Franzosen eine Überraschung. Das Lied eignete sich das Ereignis sofort an, schneller und intensiver, als es 1961 beim Bau der Mauer der Fall gewesen war. Noch 1989 sang der italienisch-belgische Künstler Salvatore Adamo – der schon früh vom französischen Publikum „adoptiert“ worden war – „Berlin, ce jour-là“ [Berlin an diesem Tag].[14] Er kehrte zu traditionellen Themen zurück und sang über wiedergewonnene Freiheit und endlich mögliche Liebe, jonglierte mit „Liberté enfin/Liebe, liebe/Mon impossible amour/Enfin libre“ [Endlich Freiheit/Liebe, liebe/Meine unmögliche Liebe/Endlich Frei]. Wenn er die Vergangenheit heraufbeschwört („ceux qui, au prix de leur vie/ont tracé le chemin“ [diejenigen, die den Weg geebnet haben und dabei ihr Leben verloren], dann, um ein neues Kapitel der Geschichte zu schreiben („il faut oublier cela“ [das müssen wir vergessen]). Es ist gewissermaßen die These vom „Ende der Geschichte“, die mit dem Sieg des westlichen Modells abschließt. Ein Jahr später komponierte und spielte Yves Duteil „L’Autre côté“ [Drüben], in dem er die Geschichte der Mauer bis zu ihrem Fall zurückverfolgt, auch die Erinnerung an ihre Toten, aber er führte ein neues Paradigma ein: „Il reste encore ailleurs au monde, bien d’autres murs à faire tomber“ [Es gibt noch viele andere Mauern in der Welt, die niedergerissen werden müssen]. Hier ist die Berliner Geschichte Ausgangspunkt für einen Marsch zur Freiheit, gegen den Hass und die Angst in den Herzen der Menschen [„les murs qu'ont bâtis la haine et la peur dans le cœur des gens“].

Im Jahre 1990 produzierte der französische Filmemacher Chris Marker auf Wunsch des Fernsehsenders France 2 den Dokumentarfilm „Berliner Ballade“, für den er im gleichen Jahr den Deutsch-Französischen Journalistenpreis erhielt. Als Vertreter eines politisch engagierten Kinos (Le fond de l’air est rouge, 1978) sollte der überzeugte Marxist nun einen Kurzfilm (21 Minuten) über die ostdeutsche Gesellschaft im Frühjahr 1990 drehen. Die Grenzüberquerungen und die Mauer werden schon früh in einen politischen und historischen Kontext gestellt: heute Normalität, gestern eine gefährliche Heldentat und morgen nur noch Erinnerung. Zu Wort kommen in dem Film der Regisseur Jürgen Böttcher, der Sänger Wolf Biermann und der Schriftsteller Stephan Hermlin, die ihre Verbitterung darüber zum Ausdruck bringen, ein weiteres Mal zu den „Besiegten“ der Geschichte zu gehören: schikaniert vom SED-Staat und nun dem verschmähten Kapitalismus ausgeliefert. Die Ergebnisse der ersten und letzten freien Wahl der DDR-Volkskammer von 1990, bei denen auch sie im Vorfeld auf ein Wiederaufleben eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz gehofft hatten, bestärkten sie schließlich in dem Gefühl, zu den ewigen Verlierern zu gehören.

Während Chris Marker Einblicke in die desillusionierte Gefühlswelt ostdeutscher Intellektueller gab, brachte der linke Liedermacher Jean Ferrat seine persönliche Beunruhigung als langjähriger Weggefährte der Kommunistischen Partei zum Ausdruck. Trotz allem wollte er aber seine Hoffnung auf eine humanistische Welt nicht aufgeben, wie in dem Lied „Dans la jungle ou dans le Zoo“ [Im Dschungel oder im Zoo] aus dem Jahre 1991 zum Ausdruck kam. In Anlehnung an eine Metapher des Regisseurs Miloš Forman weigerte er sich, zwischen dem ungezügelten Kapitalismus und der Freiheitsberaubung durch den realexistierenden Sozialismus zu wählen: „Il y aura d’autres choix pour vivre que dans la jungle ou dans le zoo“ [Es wird andere Möglichkeiten zum Leben geben als im Dschungel oder im Zoo].[15] Im Bereich des Chansons blieb Ferrat aber wohl der erste und einzige, der einen „dritten Weg“ für die ehemaligen Ostblockländer einforderte. In dem Film „Allemagne, année 90 neuf zéro“ [Deutschland im Jahre 90 neun null] von 1991 griff Jean-Luc Godard die Figur des Geheimagenten auf, diesmal ein Ostdeutscher, der sich nach dem Fall der Mauer in den Westen begibt.[16] Der Regisseur machte sich Gedanken über die deutsche Geschichte und die Zukunft des Westens, wenn es keinen Osten mehr gibt. Er ist damit einer der ersten in Frankreich, der die Ereignisse als ein doppeltes Verschwinden versteht.

Allgemein ist festzustellen, dass die Freude über den Mauerfall nach und nach verflog. Auch die französischen Sänger thematisieren jetzt die realen Probleme des deutsch-deutschen Zusammenwachsens. 1994 sang Patrick Bruel „Combien de murs?“ [Wie viele Mauern?] und beschwor die Mauern in den Köpfen [„les murs qu’on a dans la tête“], um schließlich zu fragen, wie viele Mauern sich hinter einer fallenden Mauer verstecken [„Combien de murs se cachent derrière un mur qui tombe?“]. Dabei lässt er offen, ob er mit seinem Lied die ideologische, geopolitische, soziokulturelle oder mentale Dimension von Mauern meint. In einem Interview bedauerte er 1999, dass Politiker nur wenig Lehren aus dem Berliner Mauerfall und dem Ende des Kalten Krieges gezogen hätten. Als Beispiel nannte er den Jugoslawienkrieg Anfang der 1990er Jahre, bei dem jahrelang aufgestaute Nationalismen zum Ausbruch gekommen seien.[17]

Die meisten französischen Künstler hatten selbst nur wenig direkte Erfahrungen mit der Mauer. Ihre künstlerische Verarbeitung dieses Symbols des Kalten Krieges erfolgte à distance, was jedoch nicht für Thierry Noir galt. Er lebt noch heute in Berlin und arbeitet nicht nur zur Berliner Mauer, sondern an und mit ihrer Materie. Als die Mauer fiel, musste er sein künstlerisches Wirken überdenken. Zusammen mit anderen Künstlern aus dem In- und Ausland beteiligte er sich Anfang 1990 am Projekt der East Side Gallery, die größte Open-Air-Galerie auf mehr als einem Kilometer entlang des Spreeufers. Diese Initiative trug dazu bei, das Wesen der Mauer zu verändern: Einst Teil des ostdeutschen Systems von Unterdrückung und Tod, wird sie zu einem eigenständigen Kunstwerk, das sich die Berliner*innen (verstanden als die internationale Gemeinschaft in Berlin) und wahrscheinlich viele Menschen darüber hinaus aneigneten. Die naiven und farbenfrohen Köpfe von Noir gehören zu den mentalen Repräsentationen Berlins, die in Frankreich weit verbreitet sind (wie in Reiseführern und touristischen Sehenswürdigkeiten gezeigt wird) und für den französischsten unter den Berliner Künstlern einen Bedeutungswandel durchlaufen haben: „Damals habe ich gemalt, um die Mauer verschwinden zu lassen, und jetzt male ich, um sie zu erhalten.“[18]

Fazit

Heute geht es bei der Mauer, in der französischen wie auch in anderen Kulturen, um die Frage nach den Spuren, die sie hinterlassen hat, sowohl in materieller wie in memorieller Hinsicht. Während Thierry Noir 2014 anlässlich großer Gedenkfeiern noch Elemente der alten Mauer malte, thematisierten französische Liedermacher wie Jean-Jacques Goldmann in „Ensemble“ [Zusammen] 2001 bereits die Erinnerung an dieses Symbol des Kalten Krieges und bedauerten, dass das Erleben der Mauer in Vergessenheit geriete: „Etait-ce mai, novembre“. Mit Ironie und Absurdität nähert sich die französische Kultur ihr bisweilen heute: In „Mauer“ (2004) besingt Sébastien Tellier auf Deutsch das Bedauern einer Tennisspielerin, die im Training gegen die Mauer spielte, nun aber ihren „Partner“ verloren hat.

Die Populärkultur thematisierte die „Ostalgie“ hingegen kaum, weniger als einige politische und intellektuelle Persönlichkeiten, die kapitalismuskritisch oder nostalgisch dem verpassten „dritten Weg“ nachtrauern. Es überrascht nicht, dass die Berliner Mauer heute die französische Populärkultur weniger inspiriert, obwohl sie während des Kalten Krieges ein immer wiederkehrendes Thema war, vielleicht, weil es in Frankreich keinen Ort gibt, der einen solchen ideologischen Antagonismus symbolisiert; vielleicht auch, weil Berlin, wo die Franzosen als Verbündete präsent waren, besonders stark bei denjenigen nachhallte, die ihren Militärdienst in der Nähe der Mauer abgeleistet hatten.

Französische Künstler vermieden vor 1990 zumeist die direkte politische Aussage. Sie formulierten ihre Kritik an den Verhältnissen in Berlin eher über das Intime, die unvermeidliche Liebesgeschichte, die Opfer der Teilung wird und unter der Trennung der Liebenden leidet. Für die einen Liebespaare verhindert die Mauer eine glückliche Zukunft, doch triumphiert die Liebe in anderen Fällen über die Politik. Für viele ist die Mauer unüberwindlich, doch erscheint sie bisweilen doch auch als ein fragiles Gebilde, das überwunden werden kann.

Insgesamt folgt der Umgang mit der Mauer in der französischen Kultur einer Entwicklung, die auch anderswo zu beobachten ist: eine ideologische Konfrontation in den ersten Jahren, gefolgt von einem komplexeren und vielfältigeren Diskurs sowie Freude, Hoffnung und erste Sorgen nach ihrem Fall.[19] Dabei arbeiteten sich die verschiedenen Künste in Frankreich unterschiedlich an der Mauer ab: überraschend viele Lieder thematisieren mit variierenden Genres die Mauer; in der Literatur taucht sie nicht nur in Agententhrillern auf, sondern auch in einem philosophischen Roman von Michel Tournier, doch bleibt sie im französischen Film, anders als in den USA und in Deutschland, überraschenderweise eine Leerstelle.[20]

Allgemein wurde die Mauer in Frankreich zum einen als Teil der deutschen Geschichte, zum anderen als ein symbolischer und universeller Ort des Kalten Krieges wahrgenommen. Doch dank der Kühnheit der französischen Straßenkünstler Christophe Bouchet und Thierry Noir hat die Mauer seit 35 Jahren auch eine deutsch-französische (Nach-)Geschichte.[21]

Zitierweise: Corine Defrance, "Die Darstellungen der Berliner Mauer in der französischen Populärkultur", in: Deutschland Archiv, 09.06.2020, Link: www.bpb.de/311233.

Weitere Beiträge zu den Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich:

Ulrich Pfeil: Die DDR als Zankapfel in Forschung und Politik Französische Blicke auf den zweiten deutschen Staat

Nicole Colin: Utopie eines anderen Deutschlands: Theater- und Literaturtransfer zwischen Frankreich und der DDR >>

Constance Knitter: Kommunalpartnerschaften zwischen Frankreich und der DDR >>

Franziska Flucke: Vom sozialistischen Paradies zum Erinnerungsort? Sechzig Jahre DDR in französischen Deutschbüchern >>

Marie Müller-Zetzsche: Auf den Spuren des ostdeutschen Staates - DDR-Geschichte in französischen Ausstellungen nach 2009

Fußnoten

1.
Élise Delève, Ces œuvres d’art inspirées par le mur de Berlin, 7.11.2019, www.franceculture.fr/histoire/ces-oeuvres-dart-inspirees-par-le-mur-de-berlin, letzter Zugriff am 2.5.2020.
2.
Für die Musik und insbesondere für die Chanson siehe Alcyone Wemaëre, Le mur de Berlin n'a pas inspiré que Bowie et les Scorpions, 8.11.2019, slate.fr, www.slate.fr/story/183891/chute-mur-berlin-chanson-francaise-debout-becaud-renaud-balavoine-ferrat, letzter Zugriff am 2.5.2020; Julien Baldacchino, De Scorpions à Sébastien Tellier, la playlist du Mur de Berlin, 2.11.2019, www.franceinter.fr/de-scorpions-a-sebastien-tellier-la-playlist-du-mur-de-berlin, letzter Zugriff am 2.5.2020; Martin Pénet, Tour de chant. Berlin: des chansons d’est en ouest, 10.11.2019, www.francemusique.fr/emissions/tour-de-chant/Berlin%20:%20des%20chansons%20d%E2%80%99est%20en%20ouest%20-77532, letzter Zugriff am 2.5.2020 ; pour le cinéma, Hélène Lacolomberie (Du bist ein Berliner. La capitale allemande en dix films, 07.03.2018, zitiert keinen einzigen französischen Film, www.cinematheque.fr/article/1193.html, letzter Zugriff am 2.5.2020; Mathilde Doiezie auch nicht (25 ans de la chute du mur: le rideau de fer vu par le cinéma, Le Figaro, 09.11.2014. Auf der Liste „Le mur de Berlin et le cinéma“ mit 22 Titeln, die das Kultur- und Webmagazin Sens Critique erstellt hat, wird ein einziger französischer Film genannt - von Jean-Luc Godard, 1991), www.senscritique.com/liste/Le_mur_de_Berlin_et_le_cinema/222197, letzter Zugriff am 2.5.2020.
3.
Vgl. François Pernot, Un succès politique et diplomatique. Le pont aérien de Berlin et la politique internationale de la France, in: Helmut Trotnow/Bernd von Kostka (Hg.), Die Berliner Luftbrücke, Ereignis und Erinnerung, Berlin 2010, S. 63-74.
4.
Vgl. Corine Defrance, Die Berliner Luftbrücke zwischen Geschichte und Erinnerung. Einleitende Überlegungen; Philippe Jian, ‘Sollten wir die Ferien nicht einfach in Berlin verbringen?’. Die Berliner Luftbrücke 1948/49 im Spiegel der französischen Presse, in: Corine Defrance/Bettina Greiner/Ulrich Pfeil (Hg.), Die Berliner Luftbrücke. Erinnerungsort des Kalten Krieges, Berlin 2018, S. 14-32, S. 74-95.
5.
Pierre Nord, Le Mur de la honte, Paris 1962. Über den Autor – dessen wirklicher Name André Brouillard ist – siehe Michel Lebrun, Pierre Nord 1900-1985, in: Encyclopédie Universalis, www.universalis.fr/encyclopedie/pierre-nord/, letzter Zugriff am 2.5.2020.
6.
Vgl. Élise Petit, Chanter le Mur. Entre propagande et résistance, in: Nicole Colin/Corine Defrance/Ulrich Pfeil/Joachim Umlauf (Hg.), Le Mur de Berlin. Histoires, mémoires, représentations, Brüssel 2016, S. 239-260.
7.
Der Autor, dessen wirklicher Name Gaston-Claude Petitjean-Darville (1925-2004) ist, war ein ehemaliger Widerstandskämpfer mit guten Kenntnissen über Deutschland (er war Schüler am französischen Gymnasium in Mainz) und die Geheimdienste, siehe Claude Mesplède (Hg.) Dictionnaire des littératures policières, Bd. 2, Nantes 2007.
8.
Michel Tournier, Les Météores, Paris 1975 (deutsche Übersetzung: Ders., Zwillingssterne, München 1980).
9.
Daniel Balavoine, Les Aventures de Simon et Gunther Stein, Barclay Records 1977.
10.
Erklärung des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Willy Brandt, vor dem Berliner Abgeordnetenhaus am 13.8.1961, in: Pressedienst des Landes Berlin, Nr. 173, 13.8.1961, S. 3–8; Brandt sprach von der „Sperrwand eines Konzentrationslagers“.
11.
Zitiert nach Fabien Lecoeuvre, Balavoine. La véritable histoire, Monaco 2015.
12.
Vgl. Wilfried Rott, Die Insel. Eine Geschichte West-Berlins, 1948-1990, München 2009; Elke Kimmel, West-Berlin. Biografie einer Halbstadt, Berlin 2018.
13.
Vgl. u. a. das Interview von Maik Brüggemeyer mit Thierry Noir, Bemalte die Mauer als erster Künstler. Thierry Noir, der Grenz-Artist. In: Rolling Stone, 2.8.2011, www.rollingstone.de/bemalte-die-mauer-als-erster-kuenstler-thierry-noir-der-grenz-artist-341715, letzter Zugriff am 2.5.2020.
14.
Adamo sang Anfang der 1970er Jahre in der Berliner Philharmonie; vgl. Thierry Coljon, Adamo 50 ans de succès, La Renaissance, Paris 2013.
15.
Robert Belleret, Jean Ferrat. Le chant d’un révolté. Biographie, Paris 2011.
16.
Martin Rass, L’Allemagne de Jean-Luc Godard (épisode 4 : Les mots/maux de l’histoire) Diachritik, 13.7.2017.
17.
Patrick Bruel, J’ai décidé de passer à autre chose, Gespräch mit der Zeitung l’Humanité, 12.11.2019.
18.
Gespräch mit Thierry Noir, in: Delève (Anm. 1).
19.
Vgl. Corine Defrance/Ulrich Pfeil, „Un quart de siècle plus tard… Ce qui reste du Mur de Berlin“, in: Nicole Colin/Corine Defrance/Ulrich Pfeil/Joachim Umlauf (Hg.): Le Mur de Berlin. Histoire, mémoires, représentations, Brüssel 2016, S. 9-21.
20.
Vgl. Diane Barbe, Le Mur fait écran. Discours, projections, mémoire du Mur de Berlin au cinéma, in: Colin et al. (Hg), Le Mur (op. cit.), S. 213-228; siehe auch Matthias Steinle, Die Mauer als filmischer Glücksfall. Mediale Vorbilder und ästhetische Potentiale im Dispositiv des Kalten Kriegs; Diane Barbe, ‘Projecteurs sur le Mur’. La représentation du Mur de Berlin dans le cinéma de fiction est- et ouest-allemand de 1961 à 1990, in: Christin Niemeyer/Ulrich Pfeil (Hg.), Der deutsche Film im Kalten Krieg, mit einem Vorwort von Hans Helmut Prinzler, S. 187-195, S. 197-212.
21.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Jean-Paul Cahn, Emmanuel Droit, Hélène Miard-Delacroix, Caroline Moine und Jérôme Vaillant, deren Hinweise mir sehr geholfen haben.

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Demonstration am 4. November 1989 in Berlin.
Deutschland Archiv 1/2011

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