Beleuchteter Reichstag

7.1.2021 | Von:
Ilko-Sascha Kowalczuk

Betrogen von der Wende?

Der Historiker Siegfried Prokop. Eine Buchkritik von Ilko-Sascha Kowalczuk

Wie selbstkritisch gehen Historiker heute mit ihrer eigenen Vergangenheit um, wenn sie einen Rückblick auf ihre eigenen Biografien werfen? Der in der DDR parteitreue Historiker Siegfried Prokop hat 2020 eine Autobiografie verfasst, die der Historiker llko-Sascha Kowalczuk nun unter die Lupe nimmt. Er kritisiert vor allem Auslassungen, die Prokop vornimmt. Über politisch motivierte Verfolgungen von Studierenden berichte er beispielsweise nichts Bemerkenswertes, und der Historiker bewege sich "im Kern ausschließlich im postkommunistischen Milieu".

Bis Ende 1989 stark von der Ideologie der SED gepägt, die Humboldt-Universität.Bis Ende 1989 stark von der Ideologie der SED gepägt, die Humboldt-Universität. (© bpb / Kulick)

Siegfried Prokop, 1983 zum Professor für DDR-Geschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin ernannt, zählte zu jenen Funktionären, die als SED-Propagandisten im Gewande eines Historikers daherkamen. Daran zweifelten weder Feind noch Freund, weder vor noch nach 1989. Daher ist Prokops Buchtitel, mit dem ich mich nachfolgend beschäftige, für ihn korrekt: „Betrogen von der „Wende“. Mein Leben in Böhmen, der SBZ/DDR und im Beitrittsgebiet. Tagesnotizen 1983 bis 2003“. Das Buch ist 2020 im Berliner Verlag am Park erschienen und zählt 618 Seiten.[1] Allein die Formulierung, von der "Wende" betrogen zu sein, macht deutlich, wie sich der Historiker Prokop positioniert. Nicht „betrogen“ von seiner SED, sondern durch eine Revolution, die ihm und seinem System den Boden unter den Füßen wegzog.

Die Lektüre seiner Erinnerungen lohnt durchaus, weil sie die Innensicht eines „Historikers neuen Typus“ zeigen, die verständlicher machen, warum er sich seit 1990 so ungerecht behandelt fühlt: Er war in seiner Selbstsicht kritisch eingestellt, an Reformen des SED-Sozialismus interessiert, ohne prinzipielle politische Fragen aufwerfen zu müssen. Tatsächlich war er so sehr mit dem System verstrickt, dass seine Reibungspunkte nicht erkennbar waren. Das war durchaus auch so gewollt: Die Parteimitglieder sollten sektenmäßig unter sich bleiben und Konflikte nicht nach außen tragen. Geschah dies dann doch einmal mit einer „wissenschaftlichen Kontroverse“, so war der Kern des Streits für Außenstehende meist nicht zu verstehen.

Seine Publikationen bis 1990 sind aus meiner Sicht wissenschaftlich jedenfalls durchgängig wertlos. Und doch erschien es ihm 1990/91 ungerecht, dass er aus dem Lehrbetrieb der Humboldt-Universität ausscheiden sollte. Das ist nachvollziehbar, er hatte gerade das fünfzigste Lebensjahr vollendet und stand beruflich vor dem Aus. Letztlich ist ihm so dilettantisch gekündigt worden – damals ist vermutet worden, ganz bewusst dilettantisch –, dass er sich einklagen und mit einem Vergleich bis 1996 an der Uni bleiben konnte.

Wer verstehen will, warum ein SED-Mann wie Prokop an der Universität nichts mehr zu suchen hatte, sollte in dieses Buch hineinschauen und zuerst die Seiten 463/64 aufschlagen. Er berichtet dort, wie er auf ein Arbeitsamt geht und dass er dort gleich mehrere Historiker trifft. (Prokop erzählt nicht, dass es sich bei den Genannten um Mitarbeiter des abgewickelten Instituts für Marxismus-Leninismus beim ZK der SED handelte.) Und nun kommentiert Prokop das so, dass jeder einigermaßen historisch Bewanderte wohl dreimal liest, ob da wirklich steht, was zu lesen ist: „Wahrlich die ‚Wannsee-Konferenz‘ der neuesten Zeit zur Ausschaltung der DDR-Intelligenz leistete ganze Arbeit.“ Diese Aussage diskreditiert Prokop als Historiker und als politischen Menschen grundlegend. Ist das sogar eine Form der Holocaust-Relativierung, wenn nicht gar Holocaust-Verleugnung?

Methodisch fragwürdig

Dieses Buch zeigt, warum Prokop als Historiker methodisch umstritten ist. Es gibt vor, Tagesnotizen zu enthalten. Begründet wird weder, warum das Buch mit dem Jahr 1983 einsetzt, noch, warum es mit dem Jahr 2003 endet. Zu dem Ego-Dokument wird auch sonst kein Wort verloren. Beim gründlichen Lesen erahnt man, warum Prokop, der gern anderen Historikern Quellenfälschung vorwirft (S. 535), die Ego-Dokumente nicht erläutert: Sie dürften schlichtweg nicht authentisch sein. Wie stark der Unterschied zwischen Original und Abdruck ausfällt, lässt sich allein anhand des Buches nicht bestimmen. Aber dass Prokop mit seinen Quellen nicht sachgerecht umgeht, ist offenkundig. Denn in vielen Tageseinträgen kommen ohne Hervorhebung Bemerkungen, Hinweise oder Aussagen vor, die aus meiner Sicht nicht an dem Tag des Eintrages getätigt werden konnten, weil sie nachträgliche Informationen und Bewertungen enthalten (eine kleine Auswahl wären z.B. S. 174, 177, 189, 201, 206-208, 210, 255, 302, 331, 363, 380, 382, 403, 604).

In anderen Tagesnotizen sollen offenbar Klammern nachträgliche Bemerkungen deutlich machen. Und schließlich gibt es auch noch, wie in wissenschaftlichen Editionen üblich, Anmerkungen, die die Frage nach der Authentizität erst recht virulent werden lässt. Inwiefern Prokop seine „Tagesnotizen“ auch sprachlich oder anderweitig nachbearbeitet hat, lässt sich ohne Quellenabgleich nicht bestimmen.

Nicht nur eine bloße Nebenbemerkung betrifft die Sorgfalt der „Edition“: Ich habe noch nie ein Buch mit derart vielen Orthographie-, Interpunktions- und Grammatikfehlern gelesen. Hinzu kommen für einen Historiker peinliche Schreibfehler, etwa wenn er den Namen von DDR-Innenminister Maron als „Marohn“ angibt (S. 64), seinen Historikerkollegen Ernstgert Kalbe als „Ernst-Gerd“ (S. 88) anführt, die zeitweilige Lebensgefährtin von Walter Ulbricht „Rose“ statt Rosa Michel nennt und auch noch ihr Sterbedatum von 1990 an den Anfang der siebziger Jahre vorverlegt (S. 325). Wolfgang Schnur heißt beim ihm „Rainer“, und selbst den Namen des vielleicht berühmtesten Historikers aus der DDR, Walter Markov, schreibt er falsch mit „w“ (S. 476). Das mag kleinlich sein, charakterisiert aber die „Präzision“ dieser Schrift. Gehört es nicht zum höchsten Gut von Historikern, Quellensorgfalt immer und überall an den Tag zu legen?

Das Buch besteht aus zwei Teilen. Auf den ersten 140 Seiten schreibt Prokop eine Art Autobiographie nieder. Sie liest sich wie ein Rechenschaftsbericht, der so manche Wiederholung enthält, zumal vieles im zweiten Teil erneut auftaucht, oft sogar fast wortwörtlich. Viele Namen werden nicht eingeführt. Ganz viele Personen bleiben nur mit Vornamen erwähnt, ohne dass man erahnen könnte, was die nun für eine Funktion erfüllen.

Unterschlagene Funktionärsfunktion

Wer eine Autobiographie und eigene Ego-Dokumente publiziert, begibt sich in große Gefahr: Die Texte produzieren Nachfragen, warum das erwähnt ist und jenes unerwähnt bleibt. Bei Prokop fällt auf, dass seine gesamte Tätigkeit und sein Engagement in der SED in seinem autobiographischen Bericht nicht vorkommen, „die Partei“ gab es nicht, ihn als Funktionär auch nicht.

Stattdessen inszeniert er sich als Wissenschaftler, der uns zwar viel über seine Forschungsthemen erzählt, aber fast nichts über die Inhalte seiner Forschungen. Er befasste sich mit der Hochschule in der Bundesrepublik, den Jahren um den Mauerbau in der DDR und mit der Intelligenz in der DDR. Nichts davon hatte nach dem Systemsturz 1989/90 noch irgendeinen wissenschaftlichen Wert – Prokops Arbeiten waren zu anschaulichen Quellen geworden, wie Geschichtswissenschaft in der DDR politisch instrumentalisiert worden war und wie sie sich in den Dienst der Partei gestellt hatte. An einer Stelle zeigt er mal DDR-Realität: Er unterrichtet eine Lehrerfortbildung, alle kennen dort Jürgen Kuczynskis „Dialog mit meinem Urenkel“, aber niemand das Hochschullehrbuch „DDR-Geschichte“ (S. 259), an dem Prokop, wie an anderen Kollektivwerken, mitgearbeitet hatte.

Den weitaus größeren Teil des Buches nehmen die bereits erwähnten „Tagesnotizen“ ein, die im Jahr von Prokops Ernennung zum Hochschulprofessor 1983 einsetzen. Diese Notizen dokumentieren den Bruch in Prokops Autobiographie auch sprachlich. Es ist schon bemerkenswert, dass Prokop erst seit 1990 in einer „abscheulichen Gesellschaft“ (S. 471) lebt: „Dieses System verachtet Menschen.“ (S. 473). Natürlich ist die Bundesrepublik gemeint und nicht der Mauerstaat. Und natürlich spricht Prokop auch erst für die Jahre nach 1990 von den „Drahtziehern der politischen Verfolgung“ (S. 478). Die Unfreiheit begann erst nach 1989/90 (S. 101-105).

Besonders scharf rechnet er mit Hans-Ulrich Wehler ab (S. 139ff., 486, 523). Dieser hatte, ebenso wie Heinrich August Winkler, Ende 1992 ein Gutachten über das wissenschaftliche Œuvre von Prokop verfasst, wobei Winkler auch noch auf die politische Arbeit von Prokop einging. Beide konnten nichts finden, was für Prokops Verbleib an der Universität gesprochen hätte.

Dass ihn das erzürnt, ist nachvollziehbar. Warum er aber nicht erwähnt, dass auch Hermann Weber, die anerkannte Autorität der DDR-Forschung, ein Gutachten über Prokops Arbeiten bis einschließlich 1993 vorlegte, die den Verdikten von Wehler und Winkler in gar nichts nachstand, bleibt sein Geheimnis (allerdings nicht ganz, denn an anderer Stelle suggeriert er, Weber habe ihn geschätzt, S. 428, 430-31, 444 im Ggs. zu 484). Auch er bezeichnete Prokop als einen SED-Geschichtspropagandisten, der lediglich „bewies“, was die SED-Führung vorgab. (Prokop hatte 1985 in der Zeitschrift für Geschichtswissenschaft (ZfG) Webers „Geschichte der DDR“ übrigens als Machwerk verrissen, Honeckers Schriften, Band 11, hingegen an gleicher Stelle 1988 bejubelt).

Diese drei Gutachten herausragender Historiker spielten in den einschlägigen Universitätskommissionen sowie in den Gerichtsverfahren eine Rolle. Da ich Mitglied dieser Kommissionen war, kann ich mich nicht nur daran sehr gut erinnern, ich war es auch, der damals das gesamte Œuvre Prokops einschließlich der beiden Graduierungsschriften und sämtlicher von ihm publizierter Rezensionen auswertete und die empirische Grundlage für die drei genannten Gutachten zusammenstellte. Auch wenn Prokop das nicht weiß, kann ich ihm daher nachsehen, dass er mich in seinen „Tagesnotizen“ als den „schmierig agierenden“ Studenten (S. 490) hinstellt. Ich studierte erst seit 1990 und gehörte zu einer kleinen Gruppe, die grundlegende Reformen an der Uni wollten. Das ließ meine Beliebtheit bei den Altkadern ziemlich überschaubar bleiben.

Prokop schreibt aber nicht nur über mich in diesem abwertenden Ton, sondern auch über sehr viele andere (z.B. S. 317, 338). Gewöhnungsbedürftig ist freilich, dass dies auch vor seiner Ehefrau und seinen Töchtern nicht Halt macht. So richtig sympathisch scheint er nur sich selbst zu finden. Der beste Satz dazu lautet über eine seiner Töchter: „Äußerlich hat sie sich positiv verändert. Sie ist mir deutlich ähnlich.“ (S. 283). Ganz nebenbei und völlig unbeabsichtigt stellt uns Prokop sein Frauenbild vor – es ist nicht gerade, um es vornehm auszudrücken, modern (z.B. S. 181, 217, 266). Er dürfte sich nicht beklagen, glaube ich, bezeichnete man ihn nach der Lektüre als „Spanner“, „Macho“ oder schlicht „Sexist“.

Privilegierter Reisekader

In seinen Notizen nimmt die Frage des „West-Reisekaders“ viel Raum ein. Nebenamtlich betätigte sich Prokop als Reiseleiter für Ostblockreisen, ein Job, der Linientreuen vorbehalten war. In den 1960er Jahren fuhr er außerdem im Auftrag von SED und FDJ (er war viele Jahre deren Funktionär) in die Bundesrepublik und betrieb „Westarbeit“. So entstanden auch seine Dissertation und daraus ein Propagandabuch über „1968“.[2]

Ab 1971 ging es für ihn nur noch in den Ostblock, erst ab 1987 war er wieder West-Reisekader, der nun nach Frankreich, England und in die Bundesrepublik reisen durfte. Nach West-Berlin in die Bibliotheken konnte er nun offenbar jederzeit, jedenfalls zeichnen seine Notizen ein Bild der Normalität, das belegt, dass solche Reisekader in einer anderen DDR als der Rest lebten. In seinen Notizen fehlt jeder Hinweis darauf, warum er zwischen 1971 und 1987 nicht fahren durfte. Er suggeriert, so wie auch bei der Herausgabe seiner auf seiner Dissertation basierenden Monographie[3] über die Zeit um den Mauerbau (S. 89, 141, 198, 255), dass es sich um politische Gründe gehandelt habe, die zu Verzögerungen oder fehlender Reiseerlaubnis führten.

Stasi-Vorgang Wöhlert

Tatsächlich war es 1971 zu einer Verhaftung einer Kontaktperson des MfS in Hamburg gekommen. Und da Prokop zu dieser Person auftragsgemäß Kontakt unterhalten hatte, befürchtete das MfS, Prokop könnte bei einer neuerlichen Einreise festgenommen werden. Erst 1987 sah das MfS dafür keine Gefahr mehr. Prokop hat, wie viele andere SED-Historiker, mit dem MfS kooperiert. „Wöhlert“, so der Deckname des Vorgangs, arbeitete seit dem Jahr, als er SED-Mitglied wurde, nach Aktenlage mit dem MfS zusammen: 1963.

Die Stasi archivierte den Vorgang ein Jahr vor dem Untergang der DDR. Die Kooperation mit dem MfS ging scheinbar nicht über das hinaus, wozu die meisten SED-Funktionäre und Reisekader ohnehin verpflichtet waren. Historisch ist der Vorgang unspektakulär. Interessant bei einer Betrachtung des Umbruchprozesses wäre zu ergründen, warum dieser Vorgang nicht berücksichtigt worden ist, als die Universität Prokop loswerden wollte. In seinem Buch kommt das MfS fast nicht vor. Kurios ist, wie der Historiker die Entlassung von seinem ehemaligen Doktoranden Matthias Wagner, der viele Jahre sehr intensiv als IM für das MfS im Zentralen Staatsarchiv Potsdam gearbeitet hatte[4], kommentierte: „Eine alte Stasi-Akte sei hervorgekramt worden.“ (S. 554).

Über politisch motivierte Verfolgungen von Studierenden berichtet er nichts, obwohl es diese gab und Heinrich August Winkler sie in seinem Gutachten anführte. Wirklich schäbig geht er mit Percy Stulz um, einem Zeithistoriker an der Humboldt-Universität, der in den 1960er Jahren durch TV-Auftritte als Bergsteiger sehr bekannt war. Stulz war der erste DDR-Mensch, der Anfang der 1970er Jahre einen hochdotierten Direktoren-Posten bei der UNESCO in Paris erhielt. Es entwickelte sich ein Drama sondergleichen. Unter abenteuerlichen Beschuldigungen wurde er in die DDR gelockt, verhaftet und wegen angeblicher Spionage verurteilt.[5] Es kam zu internationalen Verwerfungen. Jeder an der Sektion Geschichte kannte den Fall.

Prokop bringt es fertig, Stulz zu erwähnen, ohne auch nur sein Schicksal anzudeuten (S. 65-66, 75, 77). Und in seinen Notizen, die er sonst frei ergänzt und kommentiert, erfahren wir nur, dass Stulz einen gealterten Eindruck machte, als Prokop ihm zufällig 1983 begegnete und froh war, dass dieser ihn nicht ansprach (S. 156). Und damit nicht genug: Er kolportiert sogar, 2001 wäre Stulz gestorben (S. 603). Es gab sogar eine Todesanzeige, niemand weiß von wem. Tatsächlich ist Stulz aber mit 90 Jahren 2018 verstorben.

Unter Genossen

Noch viele weitere Anmerkungen könnten angebracht werden. So bewegt sich Prokop fast ausschließlich im Kreis seiner früheren SED-Genossen. Stolz ist er auf Auslandseinladungen, verrät aber seiner Leserschaft nicht, dass seine Professorenkollegen aus Paris, die ihm eine Gastprofessur besorgten, Genossen der FKP und enge Freunde der DDR mit hohen Auszeichnungen der SED waren. Bis heute bewegt er sich in diesem Milieu.

Durch ihn erfährt man, wie die SED-Genossen von einst nun heute die Jahrestage der DDR feierlich begehen. Es ist ein eigener Kosmos. Zugleich aber sehnt er sich nach Anerkennung der „bürgerlichen Wissenschaft“ und listet jede Begegnung mit deren „Vertretern“ im Rundfunk oder bei Veranstaltungen penibel auf. Im Kern aber bewegt er sich ausschließlich im postkommunistischen Milieu. Das merkt man bis heute seinen Publikationen an. Diese sind seit 1990 quantitativ enorm angestiegen. Doch wie in der DDR zitiert er überwiegend die politischen Freunde und verschweigt die Arbeiten solcher Autoren, die nicht in seine Konzepte passen.

Am Ende bleibt die Frage, warum so viele ostdeutsche Historiker eigentlich ihre Autobiographien oder ähnliches veröffentlichen? Das ist auffällig, weil es aus der alt-bundesdeutschen Generation der 1925 bis 1940 geborenen Historiker praktisch kaum so etwas gibt. Es gibt Befragungen, Interviews, Forschungsprojekte, aber selten, dass jemand aus dieser Kohorte seine Autobiographie vorgelegt hätte.

Von ostdeutschen Historikern dieser Jahrgänge hingegen gibt es mittlerweile dutzende. Und die meisten sind ganz ähnlich gestrickt wie die von Siegfried Prokop: der nachkriegsbedingte Aufstieg aus einfachen Verhältnissen, die wunderbare Zeit in der DDR mit Schlägen von den eigenen Genossen (und fast immer gemalt ohne das eigene Mittun in Partei, MfS und bei Verfolgungen), sodann die hoffnungsvolle Zeit 1989/90, die alle als ihre Aktionszeit ansehen, und schließlich der tiefe Sturz, an dem der Westen und seine wenigen Handlanger, oft als schmierige Typen oder schlichtweg Verräter gezeichnet, schuld sind, ohne dass auch nur ansatzweise analysiert wird, was der Gegenstand der Revolution war.

In diesem biographischen Bruch scheint der Legitimationsdruck zu liegen, Rechenschaft abzulegen, um aufzuzeigen, wie ungerecht das neue System mit einem umgegangen ist. Die Berichte dienen nicht nur der Rechtfertigung, sie sollen auch künftigen Historikern als wichtige Quellen dienen. Im Prinzip ist das verständlich. Doch wenn ich sehe, dass Siegfried Prokop zu seinem 75. Geburtstag von einem Nachwuchshistoriker, den Prokop zuvor gar nicht kannte (S. 132), eine zweibändige Festschrift zugeneigt bekam, dann bekomme ich so meine Zweifel, ob Prokops Buch – wie die dutzenden anderen – künftig auch jene Quellenkritik, die hier ansatzweise vorgeführt wurde, erfahren wird, die es verdient.

Zitierweise: Ilko-Sascha Kowalczuk, "Siegfried Prokop: Betrogen von der „Wende“. Wir wollten, dass der Tag des Beitritts der Tag null wird“, in: Deutschland Archiv, 07.01.2021, Link: www.bpb.de/324990. Veröffentlichte Texte im Deutschland Archiv sind Meinungsbeiträge der jeweiligen Autorinnen und Autoren, sie stellen keine Meinungsäußerung der Bundeszentrale für politische Bildung dar.

Mehr zum Thema Universitäten in der DDR

Rainer Eckert - Bildung unter MfS-Kontrolle - Die Lähmung der Universitäten

Weitere Buchkritik:

Wolfgang Templin: "Wie ein Staat untergeht", Deutschland Archiv vom 4.12.2020

Fußnoten

1.
Siegfried Prokop; Betrogen von der „Wende“. Mein Leben in Böhmen, der SBZ/DDR und im Beitrittsgebiet. Tagesnotizen 1983 bis 2003. Berlin 2020, 618 S.
2.
Siegfried Prokop; „Studenten im Aufbruch. Zur studentischen Opposition in der BRD“, nl-konkret, Bd. 12, Berlin 1974 („MSB Spartakus“ wird hier als Lichtblick verzeichnet).
3.
Siegfried Prokop; Übergang zum Sozialismus in der DDR. Entwicklungslinien und Probleme der Geschichte der DDR in der Endphase der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus und beim umfassenden sozialistischen Aufbau (1958-1963). Berlin 1986.
4.
Vgl. dazu ausführlich: Rainer Eckert; Archivare als Geheimpolizisten: Das Zentrale Staatsarchiv der DDR in Potsdam und das Ministerium für Staatssicherheit, Leipzig 2019.
5.
Ausführlich, wenn auch anonymisiert, ist der Fall im Prinzip dargestellt in: Ilko-Sascha Kowalczuk; Außenseiter, Aufsteiger, Absteiger. Vom Angehörigen der Funktionselite zum „Funktionshäftling“. Eine biographische Studie, in: Jahrbuch für Historische Kommunismusforschung 2008, S. 183-195.

Deutschland Archiv

Illustration, die Kathrin und Ereignisse rund um den Mauerfall 1989 zeigt.
Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen

Die Mauer. 1961 bis 2021

Bildmontagen und eine VR-Animation

Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus erinnert das Deutschland Archiv der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb mit 46 Bildmontagen und einer Virtual-Reality-Animation an das Bauwerk, das die Stadt über 28 Jahre lang teilte.

Mehr lesen

Themenseite

60 Jahre Mauerbau

Die Berliner Mauer trennte mehr als 28 Jahre lang Ost und West. Sie ist zum Symbol der konfliktreich verkanteten Nachkriegsordnung der Alliierten geworden. Zwischen 1961 und 1989 wurden mindestens 140 Menschen an der Berliner Mauer getötet oder kamen in unmittelbarem Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben. Darüber hinaus verstarben mindestens 251 Reisende aus Ost und West vor, während oder nach Kontrollen an Berliner Grenzübergängen. In diesen Angaben nicht erfasst ist die unbekannte Anzahl von Menschen, die aus Kummer und Verzweiflung über die Auswirkungen des Mauerbaus auf ihre individuellen Lebensverhältnisse starben.


Mehr lesen

NEU: "(Ost)Deutschlands Weg 1989-2021". 80 Studien zur Lage des Landes

Ein Mosaik der (ost)deutschen Transformationsgeschichte von 1989/90 bis in die Gegenwart. Mit Texten von Ilko-Sascha Kowalczuk, Krisztina Slachta, Jens Reich, Marianne Birthler, Hans Modrow, Steffen Mau, Antonie Rietzschel, Andreas Zick, Esther Dischereit, Bernd Wagner, Naika Foroutan, Raj Kollmorgen und 70 weiteren AutorInnen. Der Doppelband mit 1.350 Seiten und zahlreichen Fotos kostet 7 Euro im Angebot der bpb.

Mehr lesen

Videoreportagen

Vom Einläuten der Friedlichen Revolution

Rund um den 7. Oktober 1989 herrschte Ausnahmezustand in mehreren Städten der DDR. Polizei und Stasi gingen gewaltsam gegen Demonstranten vor, die friedlich für Reformen eintraten. Ein filmischer Überblick.

Jetzt ansehen

Chronik der Mauer

Es erwartet Sie eine Fülle von multimedial aufbereiteten Informationen über Mauerbau und Mauerfall - und über die Opfer der Grenze.

Mehr lesen auf chronik-der-mauer.de

Themenseite

30 Jahre Mauerfall

Die Berliner Mauer war über 28 Jahre das Symbol der deutschen Teilung und des Kalten Krieges. Am 9. November 1989 reagierte die DDR-Regierung mit Reiseerleichterungen auf den Ausreisestrom und monatelange Massenproteste – die Mauer war geöffnet. Wir präsentieren ausgewählte Angebote zur Geschichte der Mauer und des Mauerfalls.

Mehr lesen

Deutschlandarchiv bei Twitter

Ausgebombt! Eine Zeitreise ins kriegszerstörte Berlin

31 Bildmontagen des Berliner Fotografen und Designers, Alexander Kupsch, aus historischen Fotos vom zerstörten Berlin und Aufnahmen aus dem Jahr 2015, zeigen, dass bei Kriegsende im Mai 1945 in der Stadt kaum ein Stein mehr auf dem anderen stand. Die Bildmontagen rücken die zerstörerische Kraft des Krieges erneut ins Bewusstsein, indem sie die Ruinen und Schuttberge aus dem Mai 1945 ins Berlin von heute übertragen.

Mehr lesen

Dossier

Stasi

Alles wissen, alles kontrollieren, Menschen manipulieren. Aus der Arbeitsweise der DDR-Geheimpolizei "Stasi" ist auch viel zu lernen über die Mechanismen von Diktaturen der Gegenwart. In der DDR überwanden couragierte Bürgerinnen und Bürger allerdings 1989 ihre Angst vor der "Staatssicherheit". Vor 30 Jahren wurde sie gänzlich entmachtet.

Mehr lesen

Online-Angebot der bpb und der Robert-Havemann-Gesellschaft

jugendopposition.de

Wie haben junge Menschen in der DDR mit Mut und Musik gegen Stasi und SED-Diktatur gekämpft? Zeitzeugen berichten. Mit zahlreichen Texten, Videos, Audios, Fotos und Dokumenten.

Mehr lesen auf jugendopposition.de

Online-Archiv

www.wir-waren-so-frei.de

Fast 7.000 private Filme und Fotos aus der Umbruchzeit 1989/90 sowie über 100 begleitende Erinnerungstexte. Dazu ost- und westdeutsche Medienberichte. Die persönlichen Erfahrungen der Fotografen und Filmemacher bieten zusammen mit der öffentlichen Berichterstattung vielfältige Blicke auf die historischen Ereignisse und deren Auswirkungen auf den Alltag in Ost und West.

Mehr lesen auf wir-waren-so-frei.de

Wird die DDR-Diktatur verharmlost? Und warum begann die intensive Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit erst so spät? Die Deutung von Geschichte ist oft umstritten - und nicht selten ein Politikum.

Mehr lesen

13. August 1961: In den frühen Morgenstunden beginnt der Bau der Mauer, die Deutsche Teilung wird zementiert. Am Abend des 9. November 1989 kommt es zum Mauerfall. Bald 30 Jahre danach ist Deutschland in vielem noch immer ein Land mit zwei Gesellschaften.

Mehr lesen

Zu dem Thema "Children of Transition, Children of War, the Generation of Transformation from a European Perspective" diskutierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf der Deutschlandforschertagung 2016 vom 3. bis 5. November 2016 in der Universität Wien. Die Tagungsdokumentation gibt Einblick in die Themen und Ergebnisse.

Mehr lesen

Gedenkstätten, Museen, Dokumentationszentren, Mahnmale, Online-Angebote - zahlreiche Einrichtungen und Initiativen erinnern an die Opfer des Nationalsozialismus, bieten Bildungsangebote zur Geschichte des Nationalsozialismus und engagieren sich für Überlebende und Jugendbegegnungen. Wo Sie welche Erinnerungsorte mit welchem pädagogischen Angebot finden, erfahren Sie in der Datenbank.

Mehr lesen auf bpb.de

Der Tag in der Geschichte

  • 22. Oktober 1969
    Erstes Kabinett Brandt aus einer SPD /FDP-Koalition. Parlamentarische Staatssekretäre werden eingeführt. Einige Ressorts sind aufgelöst (Vertriebenen-, Schatz-, Bundesratsministerium), zusammengelegt (Verkehrs- und Post-, Familien- und Gesundheitsministerium)... Weiter
  • 22. Oktober 1995
    Die schwarzrote Senatskoalition muss bei den Wahlen zum Berliner Abgeordnetenhaus Stimmenverluste hinnehmen: Die CDU erhält 37,4 Prozent (1990: 40,4 Prozent), die SPD 23,6 Prozent (1990: 30,4 Prozent) der Zweitstimmen. Dramatisch sind die Einbußen der FDP,... Weiter

Messenger-Projekt

Der Mauerfall und ich

Es ist Leipzig im Spätsommer des Jahres 1989. Die Studentin Kathrin und ihre Freundinnen und Freunde erleben eine Zeit des Umbruchs in der DDR. Im November fällt die Mauer und damit die Grenze, die Deutschland und die Deutschen viele Jahrzehnte trennte. Über ihre Erlebnisse hat Kathrin von August bis November 2019 im bpb-Messengerprojekt "Der Mauerfall und ich" berichtet.

Mehr lesen