Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Christian Halbrock

Basisarbeit mit der kirchlichen Jugend und Ausbesserungen am Kirchendach

Die Ost-West-Treffen der evangelischen Kirche in der DDR

"Freiheit und Glaubwürdigkeit
kirchlichen Handelns und Sprechens"


Neben dem Bekenntnis der kirchenleitenden Gremien, an der Gemeinschaft mit den Kirchen in der Bundesrepublik festzuhalten, wurden die Gemeinden dann jene Ebene, auf der dieser Anspruch mit Leben erfüllte werden konnte. Auch nach Ansicht der Bischöfe, Oberkonsistorialräte und Konsistorialpräsidenten und Synoden erfuhr dieser Anspruch hier an der Basis seine tatsächliche Umsetzung.

Daher lohnt durchaus ein Blick, der hinaus aus den Sitzungssälen und Beschlussgremien weist und danach fragt, welche konkreten Erfahrungen von den Handelnden jeweils gemacht wurden. Dies gilt selbst für die Bischöfe: Bekannt ist beispielsweise, dass der Greifswalder Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher nach der Abriegelung West-Berlins ein kirchliches Protesttelegramm an Walter Ulbricht mit unterzeichnete.[7] Zu den konkreten Erfahrungen zählt in diesem Zusammenhang der weniger bekannte Umstand, dass selbst Krummacher sich der Präsenz staatlicher Gewalt nicht entziehen konnte. Mehrere Polizeioffiziere erschienen, nachdem er das Protesttelegramm unterzeichnet hatte, am Urlaubsort des Bischofs, im Pfarrhaus in Wusterhausen, und forderten ihn ultimativ auf, in ihr Auto zu steigen.[8] Ziel der Fahrt, die Krummacher nach anfänglicher Weigerung mit seinem eigenen Auto absolvierte, war Rostock, die nördlichste DDR-Bezirkshauptstadt, in der mit Greifswald auch sein Bischofsitz lag. Nach Rostock zitiert hatte ihn der Bezirksratsvorsitzende Karl Deuscher, vor seiner politischen Karriere im SED-Staat einst Streckenläufer bei der Deutschen Reichsbahn.[9] Die Vorladung geriet zur offenen Konfrontation und entwickelte sich derart heftig, dass Krummacher in der Folge in den kommenden Jahren jeglichen Kontakt zu Deuscher ablehnte.[10]

Der Verwalter des Bischofsamtes für die in der DDR gelegenen Gebiete der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg, Albrecht Schönherr, bei einer Andacht mit dem amerikanischen Bürgerrechtler Rev. Ralph Abernathy in der Marienkirche zu Berlin, 28. September 1971. Rechts der Präsident des Friedensrates der DDR, Günter Drefahl, auf dessen Einladung Abernathy die DDR besuchte.Der Verwalter des Bischofsamtes für die in der DDR gelegenen Gebiete der Ev. Kirche in Berlin-Brandenburg, Albrecht Schönherr, bei einer Andacht mit dem amerikanischen Bürgerrechtler Rev. Ralph Abernathy in der Marienkirche zu Berlin, 28. September 1971. Rechts der Präsident des Friedensrates der DDR, Günter Drefahl, auf dessen Einladung Abernathy die DDR besuchte. (© Bundesarchiv, Bild 183-K0929-321, Foto: Heinz Junge)
Bereits kurz vor dem Mauerbau war Krummachers Wagen, der ihn zu einer Bischofskonferenz nach Berlin bringen sollte, auf der offenen Landstraße gestoppt worden. Dem Bischof war die Weiterfahrt untersagt und der Personalausweis abgenommen worden. Vor diesen Hintergrund liest sich die Erklärung, die Bischof Krummacher 1967 auf der EKD-Synode für den Bereich Ost in Fürstenwalde abgab, noch eindringlicher, als eine Edition es zu vermitteln vermag: Es sei "nicht mehr eine pragmatische Frage", so Krummacher vor den Ost-Synodalen, "sondern eine Frage des Glaubensgehorsams, ob wir an der Einheit und Gemeinschaft der Evangelischen Kirche in Deutschland festhalten. (...) Wenn wir uns trennen würden", so Krummacher weiter, "täten wir das ja lediglich aus säkularen Gründen ... Wir würden damit auf beiden Seiten die Freiheit und Glaubwürdigkeit kirchlichen Handelns und Sprechens gefährden."[11]

Dies mochte zugleich den Leitsatz für die vielfältigen Ost-West-Treffen auf kirchlicher Ebene abgeben. Gut 14 Monate nach der Synode in Fürstenwalde entschieden sich die ostdeutschen Kirchen dann doch anders, als es nach der Rede Krummachers zunächst noch ausgesehen hatte. Im Juni 1969 kam es zur Gründung des Bundes Evangelischer Kirchen in der DDR (BEK). Dieser Schritt wurde als Trennung von der EKD wahrgenommen und war von der SED so auch eingefordert worden, auch wenn es im Gründungspapier noch hieß, der Bund sei eine "besondere Gemeinschaft der ganzen evangelischen Christenheit in Deutschland".[12] Vorstand des Bundes wurde dessen entschiedener Befürworter Albrecht Schönherr; indem dieser sich in einem kirchenrechtlich umstrittenen Verfahren im November 1972 zum Ost-Berliner Bischof wählen ließ, wurde auch die Trennung der Berlin-Brandenburger Kirche in einen Ost- und einen Westteil vollzogen.[13]


Fußnoten

7.
Gerhard Besier, Der SED-Staat und die Kirche. Der Weg in die Anpassung, München 1993, S. 423.
8.
"Gesandt als Boten der Hoffnung". Eine Erinnerung an den Greifswalder Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher, in: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung, 7.8.2011, S. 5.
9.
Andreas Herbst, Karl Deuscher, in: Helmut Müller-Enbergs u.a. (Hg.), Wer war wer in der DDR? Ein Lexikon ostdeutscher Biographien, Berlin 2010, S. 231.
10.
Gesandt als Boten der Hoffnung". Eine Erinnerung an den Greifswalder Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher, in: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung, 7.8.2011, S. 5.
11.
"Gesandt als Boten der Hoffnung". Eine Erinnerung an den Greifswalder Bischof Friedrich-Wilhelm Krummacher, in: Mecklenburgische und Pommersche Kirchenzeitung, 7.8.2011, S. 5.
12.
Gerhard Besier, Der SED-Staat und die Kirche. Der Weg in die Anpassung, München 1993, S. 703.
13.
Rudolf Mau, Der Protestantismus im Osten Deutschlands 1945–1990, Leipzig 2005, S. 105; Reinhard Steinlein, Die gottlosen Jahre, Berlin 1993, S. 92f.

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