Beleuchteter Reichstag

16.11.2011 | Von:
Hermann Wentker

Die Zäsur des Mauerbaus im Kalten Krieg und in der deutsch-deutschen Geschichte

Welchen Stellenwert besaß der Mauerbau für die deutsche-deutsche Geschichte, für die Entwicklung der Bundesrepublik und für die der DDR wirklich? Im Vergleich mit der Kubakrise wird zudem deutlich, welche Bedeutung dem 13. August 1961 für den Verlauf des Kalten Krieges tatsächlich zukommt.

Der Bau der Mauer ...


Der Bau der Berliner Mauer lässt sich in den verschiedensten Kontexten betrachten. Besonders viel Wirbel hat der Versuch der Ko-Vorsitzenden der Linkspartei Gesine Lötzsch verursacht, den Mauerbau in den Gesamtzusammenhang der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts einzuordnen. Im Jahr 2011, so Lötzsch gegenüber der "Saarbrücker Zeitung" am 10. August, gebe es zwei Jahrestage, "die eng miteinander verbunden sind" – der 70. Jahrestag des Überfalls auf die Sowjetunion und der 50. Jahrestag des Mauerbaus. Und sie fuhr fort: "Die Teilung Deutschlands war ein Ergebnis des Zweiten Weltkriegs."[1] Aber auch ein apologetischen Neigungen völlig unverdächtiger Historiker, Klaus-Dietmar Henke, schrieb, "dass es den 13. August 1961 ohne die Machtübergabe an Adolf Hitler in der Reichshauptstadt am 30. Januar 1933 nicht gegeben hätte."[2] Die Kontexte waren zwar grundverschieden: Lötzsch beließ es bei dieser Einordnung, ohne weitere Verantwortlichkeiten zu nennen, während Henke hervorhob, dass die Mauer gebaut wurde, "um den diktatorischen Sozialismus in Europa auf Dauer zu sichern". Dennoch liegt beiden Äußerungen das gleiche Missverständnis zugrunde: Der Kalte Krieg folgte zwar auf den Zweiten Weltkrieg, er war aber nicht dessen zwingendes Ergebnis. Ereignisketten sind nicht notwendigerweise Kausalketten.



Unbestritten ist freilich, dass der Mauerbau in dem dreifachen Kontext des Kalten Krieges und der daraus resultierenden Geschichte des geteilten Deutschland und des geteilten Berlin zu verorten ist. In den folgenden Ausführungen wird nach dem Ort des Mauerbaus nur in den ersten beiden Zusammenhängen gefragt und der engere Berliner Kontext nicht weiter thematisiert. Die Mauer, so heißt es vor allem im Jubiläumsjahr, war das wichtigste Symbol des Kalten Krieges – doch welche Rolle spielte deren Errichtung für den Gesamtverlauf dieser säkularen Auseinandersetzung der beiden Supermächte USA und Sowjetunion? Handelte es sich um einen Wendepunkt oder eine Zäsur innerhalb dieses Kontexts? Und wenn ja, von welcher Qualität war diese Zäsur? Auch für die deutsch-deutsche Geschichte hatte der Mauerbau eine elementare Bedeutung. Doch was hieß das für das deutsch-deutsche Verhältnis, was für den Gang der westdeutschen und was für den Gang der ostdeutschen Geschichte?


Fußnoten

1.
Linken-Parteichefin führt Mauerbau auf 2. Weltkrieg zurück, in: Saarbrücker Zeitung, 10.8.2011.
2.
Klaus-Dietmar Henke, Metapher, Mahnmal, Mythos, in: FAZ, 13.8.2011.

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