Beleuchteter Reichstag

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1.9.2011 | Von:
Bogdan Musial

Der Bildersturm

Aufstieg und Fall der ersten Wehrmachtsausstellung

Die Auseinandersetzung als Generationenkonflikt

Die Ausstellung löste von Anfang an einen heftigen Widerspruch unter ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht aus. Ihre Zahl ging damals noch in die Hunderttausende, ein nicht zu unterschätzendes Wählerpotential. Viele von ihnen waren trotz des fortgeschrittenen Alters in der Politik aktiv, wenngleich nicht mehr in der ersten Reihe, so zum Beispiel Richard von Weizsäcker, Helmut Schmidt oder Alfred Dregger. Vor allem von diesen Reihen gingen die ersten öffentlichen Proteste gegen die Ausstellung aus, und diese Reaktion war vorprogrammiert. Altbundeskanzler Helmut Schmidt warnte noch vor der Eröffnung der Ausstellung am 3. März 1995: Wenn man ehemalige Soldaten als Angehörige einer verbrecherischen Organisation bezeichne, dann treibe man sie in eine Ecke, "wo sie anfangen, sich vehement dagegen zu wehren. Und das halte ich für ganz besonders gefährlich."[44]

In der Tat wurde die Ausstellung bald nach ihrer Eröffnung zum Gegenstand eines hochemotionalen Generationenkonflikts. Die "Badische Zeitung" berichtete am 10. Februar 1996 über eine Veranstaltung zum Abschluss der Ausstellung in Freiburg: "Die Podiumsdiskussion [...] war selber eine Katastrophe. Was als Dialog angekündigt war, geriet zum monologischen Tribunal [...]. Eine Gerichtsverhandlung mit lauter Anklägern und keinem advocatus diaboli, eine Diskussion, in der abweichende Stimmen kaum zu Wort kommen. [...] Ihre [der ehemaligen Angehörigen der Wehrmacht] Erregung wurde mit wissenschaftlicher Kälte und einem aggressiven psychoanalytischen Bekenntniszwang gekontert, ihre Beiträge nicht einmal als Material einer Diskussion ernstgenommen. [...] Ein billiger Sieg, aber der Preis, dass sich selbst die schlimmen Fakten und besseren Argumente nun der Übermacht arroganter Selbstgerechtigkeit zu verdanken scheinen; so werden neue Ressentiments und Legenden geboren."

Der Verlauf dieser Podiumsdiskussion war keine Ausnahme, sondern symptomatisch für die Auseinandersetzung um die Ausstellung – auch in Österreich. Fast alle Kommentatoren waren sich darin einig, dass die Auseinandersetzung um die Ausstellung zu einem Generationenkonflikt wurde.
"Opa war ein Mörder": Junge Demonstranten gegen den Aufmarsch von Neonazis anlässlich der Wehrmachtausstellung in Hamburg, 27. März 2004."Opa war ein Mörder": Junge Demonstranten gegen den Aufmarsch von Neonazis anlässlich der Wehrmachtausstellung in Hamburg, 27. März 2004. (© AP, Foto: Fabian Bimmer)
Selbst Bernd Greiner, ein Mitarbeiter des Hamburger Instituts für Sozialforschung, musste dies einräumen: "Die Hoffnungen auf einen 'Dialog der Generationen' erfüllten sich also nicht – sofern damit eine Überbrückung von Gegensätzen gemeint war. Vielmehr dokumentiert die Ausstellung eine tiefe Kluft zwischen Alt und Jung."[45]

Die Verweigerung der ehemaligen Wehrmachtssoldaten, ihre "Schuld" zu bekennen, sollte allerdings nicht verwundern. Vielmehr war es geradezu grotesk, von ihnen ein "Schuldbekenntnis" zu verlangen, wenn sie auf den Fotos, die ihre Verbrechen zu dokumentieren vorgaben, andere Formationen erkannten, wie zum Beispiel finnische und ungarische Soldaten oder SS-Angehörige (diese Fälle waren spätestens seit 1997 bekannt).[46] Im Gegensatz zu den meisten Besuchern konnten sie die damaligen Uniformen sehr wohl unterscheiden. Dass es sich auf zwei Fotos um finnische Soldaten handelte, hatte sogar eine deutsche Hausfrau, die aus Finnland stammte, erkannt und darauf hingewiesen, dass es sich dabei keineswegs um finnische Verbrechen gehandelt habe, geschweige denn um solche der Wehrmacht.[47] Kein Wunder, dass sie die Ausstellung als Provokation empfanden und recht emotional reagierten, zumal sich die Aussteller in der Regel weigerten, die teilweise grobschlächtigen Fehler und offensichtlichen Manipulationen zu korrigieren. Vielmehr: "von Anfang an musste jeder Mahner damit rechnen, vom Hamburger Institut mit allen juristischen Mitteln 'gnadenlos verfolgt' zu werden, erinnert Rolf-Dieter Müller vom Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam, der schon 1995 vor dem Dilettantismus der Schau gewarnt hatte."[48] Das Ziel war es, die Kritiker der Ausstellung als unglaubwürdig zu diskreditieren und sie einzuschüchtern.

Diese Haltung brachte viele ehemaligen Soldaten geradezu in Rage; sie waren überzeugt, dass es hier nicht um die Wahrheit gehe. Sie schrieben Petitionen, Protest- und Schmähbriefe; 70- und 80-jährige Männer demonstrierten, ein einmaliges Ereignis in der deutschen Nachkriegsgeschichte. Sie sprachen dabei von der Ehre gefallener Kameraden und von Nationalstolz. Ihre emotionalen Proteste erreichten aber genau das Gegenteil, man stempelte sie pauschal zu Ewiggestrigen und Unbelehrbaren ab.

Nun erhoben sich die rechten Blätter und Autoren zu Anwälten der alten Männer, die sich diffamiert und ausgegrenzt fühlten. Die Schau war geradezu ein Geschenk für jene. Am rechten Rand des politischen Spektrums delektierte man sich fortan an den Fehlern in der Ausstellung. Spätestens 1997 berichtete man von Fotos mit finnischen und ungarischen Soldaten in der Ausstellung, über die vom NKWD erpressten Aussagen, die als glaubwürdige Beweise für Verbrechen der Wehrmacht präsentiert wurden. Mit Hinweisen auf zahlreiche und zum Teil leicht erkennbare Fehler der Ausstellung stellten diese Autoren nun die seriöse NS-Forschung in Frage und gewannen neue Kunden und Anhänger. Die sonst zersplitterte rechte Szene wurde mobilisiert. Es entstanden neue Netzwerke, und man knüpfte neue Kontakte. Der Kampf gegen die Ausstellung führte sie zusammen. Mit glänzenden Augen erzählten sie von Demonstrationen in München; dies sei ein einmaliges Ereignis gewesen, berichten sie, man habe dabei Gleichgesinnte aus der ganzen Republik kennengelernt. Rechte Blätter und Autoren fütterten sie mit Informationen über Fälschungen in der Ausstellung und transportierten gleichzeitig ihr rechtsradikales Gedankengut.[49]


Fußnoten

44.
Proteste gegen das "Horrorbild" einer verbrecherischen Wehrmacht, in: Die Welt am Sonntag, 18.2.1996.
45.
Bernd Greiner, Bruch-Stücke. Sechs westdeutsche Beobachtungen nebst unfertigen Deutungen, in: Eine Ausstellung und ihre Folgen. Zur Rezeption der Ausstellung "Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944", Hg. Hamburger Institut für Sozialforschung, Hamburg 1999, S. 15–86, hier 39.
46.
Vgl. u.a. Klaus Sojka (Hg.), Die Wahrheit über die Wehrmacht. Reemtsmas Fälschungen widerlegt, München 1998; Rüdiger Proske, Wider den liederlichen Umgang mit der Wahrheit. Anmerkungen zu einer umstrittenen Ausstellung, Mainz 1999.
47.
Beate von Ow-Wachendorf, Szenen von den Schlachtfeldern Ostkareliens. Leserbrief, in: FAZ, 3.11.1999.
48.
Wehrmachtsausstellung. Demontage der Dilettanten, in: Focus, 8.11.1999.
49.
Bogdan Musial, Die Rechten und Selbstgerechten, in: Süddeutsche Zeitung, 25.11.1999.

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