Beleuchteter Reichstag

11.7.2011 | Von:
Kai Reinhart

"Unerkannt durch Freundesland"

DDR-Alpinismus und Transitreisen jenseits staatlicher Strukturen

Der ideologisch-politische Konflikt


Aus Sicht des sozialistischen Bergautors Kurt B. Richter hatte sich schon im 19. Jahrhundert im Bergsteigen ein "hohler Idealismus und Mystizismus" eingeschlichen: "Seit jener Zeit hat sich ein Bild des Bergsteigers erhalten, das romantisch verbrämt einen Abenteurer zeigt, dem die Berge alles sind und der die reale Welt hinter dem Gebirge ignoriert."[11] Gezielt habe die bürgerliche Klasse die Auffassung verbreitet, in den Bergen gebe es keinen Klassenkampf und Politik habe dort nichts zu suchen. Diese Haltung wurde im DDR-Sport vehement bekämpft. "Dem 'Nur-Sportlertum' wurde die Losung 'Jeder Sportler ein Aktivist' entgegengesetzt."[12] Worauf diese Aktivität der Sportler zielen sollte, zeigte sich im Motto des Sportabzeichens der DDR, das – entsprechend dem sowjetischen Vorbild – "Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat" lautete. Das Sportabzeichen galt als "Grundnormativ" der Leistungsfähigkeit sozialistischer Persönlichkeiten. Um diesen zu erfüllen und einen Beitrag zur Gestaltung des Sozialismus zu leisten, forderte Walter Ulbricht seit 1968 von "Jedermann an jedem Ort, jede Woche mehrmals Sport."[13] Dabei ging es nicht nur um die physischen, sondern auch um die psychischen Merkmale der "sozialistischen Persönlichkeit". Durch eine enge Verbindung von Sport und kommunistischer Erziehung könne das Denken und Handeln der Sportler auf die Ziele der SED gelenkt und Organisiertheit, Bewusstheit und Disziplin herausgebildet werden, die "dem Kampf um die Verwirklichung dieser Ziele auch gegen Widerstände und Feinde des Sozialismus Stabilität verleihen", so der Leipziger Sportpsychologe Paul Kunath.[14]

Jahreserste im Gipfelbuch Kampfturm, 24.5.1947.Jahreserste im Gipfelbuch Kampfturm, 24.5.1947. (© Sächsischer Bergsteigerbund)
Ganz in diesem Sinne verfolge auch der DDR-Tourist das "Ziel, seine Heimat kennen und lieben zu lernen [...] und sich für die Lösung gesellschaftlicher Aufgaben im Interesse des Fortschrittes gesund, kräftig und verteidigungsbereit zu halten", schrieb der Präsident der Sektion Touristik der DDR, Heinz Schlosser, im Jahre 1955.[15] In Wirklichkeit sahen die Motive der meisten Bergsteiger ganz anders aus. Durch ihre Erfahrungen mit dem "Dritten Reich" und den neuen kommunistischen Machthabern hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg ihr Misstrauen gegenüber Staat und Politik noch verstärkt: "Nein, den Fehler, an derlei gewalttätige Verbesserungsideologie zu glauben, wollten wir so schnell nicht mehr begehen", so Dietrich Hasse.[16] Im Gegensatz zum argwöhnisch betrachteten Staat erschienen Natur und Freundschaft groß und echt. Karlheinz Gonda, einer der führenden Kletterer dieser Jahre, dichtete über "Bergfreunde":

Jahreserste im Gipfelbuch Fensterturm, 22.1.1977.Jahreserste im Gipfelbuch Fensterturm, 22.1.1977. (© Sächsischer Bergsteigerbund)
"Wenn zwei zusammen streben / in der Berge freier Natur, / folgen durchs ganze Leben / verbunden der Freiheit Spur. // Bergfreunde sind sie dann, / zwei verbunden wie einer, / und stürmen gegen die Welten an. / Auseinander bringt sie keiner."[17]

Statt sich durch Bergsport "Bereit zur Arbeit und zur Verteidigung der Heimat" zu machen, konnte die Begeisterung für das Bergsteigen dazu führen, dass das Arbeitsleben zweitrangig wurde: "Wir waren eigentlich vorwiegend welche, die dann in kirchlichen Einrichtungen gearbeitet haben, weil dort wurde man halt auch in Ruhe gelassen. [...] man hatte seine Ruhe, und den Rest hat man in der Sächsischen Schweiz gelebt", so ein Zeitzeuge.[18]

Viele formale Anpassungen an den DDR-Sport, etwa im Bereich der Organisationsstrukturen, bedeuteten lediglich ein DDR-typisches "So tun als ob".[19] Letztlich ließen sich die Bergsteiger nicht umerziehen, wie unter anderem zahlreiche kritische Eintragungen in die Gipfelbücher der Sächsischen Schweiz deutlich machten:

"Mag sich die Menschheit auch in Tyrannenklauen winden / wir werden von den Bergen der Freiheit Recht verkünden!"[20]

"Es gibt vielerlei Grenzen für den Menschen / Gedachte / und / Bewachte!" [drei unleserliche Unterschriften].[21]
"Oh' Alpenland, wie bist Du schön, / wir können dich leider nur als Rentner sehen. / [...] / Die Welt ist schön, so groß und weit, / nur wer sie kennt, der hat viel Freud. / Diese Freude ist hier rar. / Wir sitzen fest in GDR".[22]

Insbesondere in den 1980er-Jahren nutzten viele junge Bergsteiger das Klettern in der Sächsischen Schweiz, um sich innerlich aus dem Arbeiter-und-Bauern-Staat zu verabschieden, wie sich ein Zeitzeuge erinnerte: "Du hast halt wirklich mit einer Rotte von Leuten abends am Feuer gehockt, irgendwo unter so einem riesigen Felsüberhang und warst halt fernab von allem. Also einfach dieses anders sein und nicht in dieser Norm drin, das war für viele ein ganz ernsthafter Gedanke."[23]


Fußnoten

11.
Karin Richter, Der Sächsische Bergsteiger, Berlin (O.) 1962, S. 10.
12.
Wolfgang Eichel u.a. (Hg.), Geschichte der Körperkultur in Deutschland 1945–1961, Berlin (O.) 1967, S. 40.
13.
Dok.: Hajo Bernett (Hg.), Körperkultur und Sport in der DDR. Dokumentation eines geschlossenen Systems, Schorndorf 1994, S. 36.
14.
Paul Kunath, Sport und die Entwicklung sozialistischer Persönlichkeiten, in: Günther Wonneberger u.a. (Hg.), Körperkultur und Sport in der DDR. Gesellschaftswissenschaftliches Lehrmaterial, Berlin (O.) 1982, S. 424–489.
15.
Theorie und Praxis der Körperkultur 4 (1955), S. 481–488.
16.
Dietrich Hasse, Erinnerungen an die Nachkriegszeit im Elbsandsteingebirge, in: Frank Richter, Klettern im Elbsandsteingebirge, München 1993, S. 36–41.
17.
Aus der Sächsischen Bergsteigergeschichte, 9 (2003) 9, S. 19–21.
18.
Falk Schelzel, geb. 1963, aufgewachsen in Sachsen, Spitzenkletterer 1980–1983, 1984 nach Bayern ausgereist, selbst. Dachdeckermeister (Gespräch m. d. Vf., 22.11.2004).
19.
Stefan Wolle, Die heile Welt der Diktatur. Alltag und Herrschaft in der DDR 1971–1989, Berlin 1999, S. 336.
20.
GB Lößnitzturm, 1966, Gipfelbucharchiv d. Sächs. Bergsteigerbundes (SBB).
21.
GB Weberschluchtstein, 1.1.1983, Gipfelbucharchiv d. SBB.
22.
GB Heringshorn, 1987, Gipfelbucharchiv d. SBB.
23.
Uwe "Schöni" Schönfisch, geb. 1967, aufgewachsen in Berlin, Spitzenkletterer, Erschließung des Bouldergebiets Quackenwald bei Ludwigsfelde/Berlin, 1989 Flucht über Ungarn, Dachklempner, Kaufmann, Leiter eines Bergsportgeschäfts (Gespräch m. d. Vf., 30.7.2004).

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