Beleuchteter Reichstag

18.5.2011 | Von:
Sebastian Lindner

Mauerblümchen Kulturabkommen

Knapp 13 Jahre wurde verhandelt, und am Ende kam es fast zu spät, um Wirkung zu entfalten: das innerdeutsche Kulturabkommen. Ein Blick auf die Verhandlungsgeschichte.

Einleitung


Unterzeichnung des KulturabkommensUnterzeichnung des Kulturabkommens (© Rainer Mittelstädt / Bundesarchiv, Bild 183-1986-0506-026.)
Hans Otto Bräutigam, Ständiger Vertreter der Bundesrepublik in Ost-Berlin (l.), und Kurt Nier, stellvertretender Außenminister der DDR, unterzeichnen am 6.5.1986 im Ost-Berliner Außenministerium das Kulturabkommen zwischen den beiden deutschen Staaten.

In wenigen Augenblicken wurde unterzeichnet, was einen Anlauf von 13 Jahren benötigt hatte. Am 6. Mai 1986 besiegelten Kurt Nier, stellvertretender Außenminister der DDR, und Hans Otto Bräutigam, Leiter der Ständigen Vertretung der Bundesrepublik Deutschland bei der DDR, mit ihrer Unterschrift das Kulturabkommen zwischen den beiden deutschen Staaten.

Seit 1973 hatten Bonn und Ost-Berlin über das Abkommen verhandelt, das im Grundlagenvertrag vereinbart worden war. Immer wieder war es zu längeren Unterbrechungen gekommen, die eines deutlich machten: Kulturaustausch zwischen demokratisch verfassten Staaten und autoritären Regimen scheint oft problematisch zu sein. Das zeigt auch die jüngste Diskussion um die Ausstellung "Kunst der Aufklärung" in Peking. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats, Olaf Zimmermann, zieht denn auch Parallelen zum Kulturaustausch zwischen der Bundesrepublik und der DDR. Der totale Rückzug aus dem Kulturaustausch könne nicht die Antwort auf Diktaturen sein, erklärte Zimmermann: "Die Erfahrung mit der DDR und anderen Ostblockstaaten hat ja die subversive Kraft der Kunst und der Künstler gezeigt." So seien besonders Künstler in der Lage, "ein repressives Regime zu infizieren."[1] Hat Zimmermann recht? Gingen – auf die innerdeutsche Perspektive bezogen – wesentliche Impulse für gesellschaftlich-politischen Wandel maßgeblich von Kunst und Kultur aus, von ihren Akteuren, den Künstlern aus? Anhand der Entstehungsgeschichte des Kulturabkommens lässt sich exemplarisch zeigen, ob und wie kultureller Austausch zu politischem Wandel oder gar Umbruch beigetragen hat.

Aus den veröffentlichten Erinnerungen einiger Protagonisten auf dem innerdeutschen Parkett lässt sich eine hervorgehobene Bedeutung des Kulturabkommens kaum belegen. Hans Otto Bräutigam widmet in seinen Erinnerungen[2] an die Zeit als Ständiger Vertreter dem Kulturabkommen nur eine knappe Seite, immerhin hat der Verlag noch ein Bild der Vertragsunterzeichnung beigestellt. Karl Seidel, 1970–1990 Leiter der Abteilung BRD im Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten der DDR (MfAA), räumt in seiner Veröffentlichung[3] zu den innerdeutschen Beziehungen dem Zustandekommen des Kulturabkommens ebenfalls erstaunlich wenig Raum ein. Erstaunlich jedenfalls, wenn man betrachtet, mit welcher Mühe man auf Seiten der DDR einerseits den Kulturaustausch ideologisch überfrachtete und andererseits versuchte, diesen möglichst einzuschränken oder zumindest zu kontrollieren.

Fußnoten

1.
dpa-Meldung, 15.4.2011.
2.
Hans Otto Bräutigam, Ständige Vertretung: Meine Jahre in Ost-Berlin, Hamburg 2009.
3.
Karl Seidel, Berlin-Bonner Balance, Berlin 2002; ders., Nachtrag, Berlin 2006.

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