Beleuchteter Reichstag

26.1.2011 | Von:
A. James McAdams

Der "letzte Ostdeutsche"

Wer wird der letzte sein, der sich als Ostdeutscher definiert? Und was wird er uns zu sagen haben? Ein unterhaltsam, nachdenklicher Essay über ostdeutsche Befindlichkeiten, (west-)deutsche Vergesslichkeit und gesamtdeutsche Geschichtsvergessenheit.

"Der Letzte macht das Licht aus!"


"Mein Gott, – ist denn da überhaupt noch jemand da?"
Die Karikatur Walter Hanels spielt auf die Flüchtlingswelle aus der DDR Ende 1989 an."Mein Gott, – ist denn da überhaupt noch jemand da?"
Die Karikatur Walter Hanels spielt auf die Flüchtlingswelle aus der DDR Ende 1989 an. (© Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Bonn)
Ein alter ostdeutscher Witz: Erich Honecker ist auf einer Auslandsreise. Als er nach Ost-Berlin zurückkehrt, findet er die Stadt hell erleuchtet, aber die Straßen sind leer, und kein Mensch ist zu sehen. Voller Panik fährt er umher, bis er schließlich zur Berliner Mauer kommt und ein riesiges Loch entdeckt. Dort steht auf einer handschriftlichen Notiz: "Erich, Du bist der letzte. Mach bitte das Licht aus, wenn Du gehst."

Heute ist Erich Honecker keineswegs mehr der letzte Ostdeutsche, der das Gebiet der DDR verlassen hat. Der Generalsekretär der SED weilt nicht mehr unter uns. Es gibt jedoch durchaus andere, die ihn im Sinne des Witzes ersetzen könnten.

20 Jahre nach dem Fall der Mauer und der Revolution von 1989 hält sich der Ausdruck eines gewissen Ostdeutschentums. Die Ostdeutschen verleihen dem auf unterschiedliche Weise Ausdruck: Wehmut nach den gemütlichen Nischen angesichts von Familie und Freundeskreis; romantische Bindung an die wirtschaftlichen und politischen Sicherheiten eines "real existierenden Sozialismus"; offen geäußerte Frustration und Unmut angesichts der anhaltenden Belastungen der Wiedervereinigung. Angenommen, dass diese Empfindungen im Laufe der Zeit schwinden werden, was wahrscheinlich mit jeder neuen Generation der Fall sein wird: Wer wird der letzte sein, der sich selbst als Ostdeutscher definiert? Wird er oder sie uns etwas zu sagen haben, bevor er oder sie die Region hinter sich lässt?

Aus zwei Gründen ist es angebracht, über diesen letzten Ostdeutschen nachzudenken. Erstens: Individuelles Klagen und Nostalgie machen nicht die Gesamtidentität einer Person aus. Die Sehnsucht nach Elementen der DDR-Vergangenheit ist für die meisten Ostdeutschen eine Realität, aber dieses Gefühl ist vor allem ein Protest gegen die Folgen der Vereinigung, nicht jedoch ein Bedürfnis, die Uhr zurück zu drehen. Zweitens, und mindestens so wichtig: Das noch bevorstehende Phänomen des letzten Ostdeutschen wirft grundsätzliche Fragen auf, wie künftige Generationen die Tatsache interpretieren werden, dass ein Teil Deutschlands für 40 Jahre von einer kommunistischen Diktatur regiert wurde. Ist es möglich, dass in weiteren 40 Jahren, oder sogar in kürzerer Zeit, sich niemand mehr dafür interessieren wird, dass die DDR überhaupt existierte? Wird es für die Nachwelt noch eine Rolle spielen, dass Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg ein geteiltes Land war?

Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1990Demonstration auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November 1990 (© bpb/Deutsche Kinemathek)
Um auf diese Fragen zu antworten, müssen wir uns bewusst machen, dass man von Ostdeutschen nicht als einer einheitlichen Gruppe sprechen kann.[1] Schon bald nach dem Zusammenbruch der DDR wurde klar, dass Wiedervereinigung für verschiedene Menschen Unterschiedliches bedeutet. In meinem Essay will ich diese Frage mit der Unterscheidung von drei vereinfachten Personengruppen angehen: Normalbürger mit wenig Ehrgeiz, politische Macht oder soziale Anerkennung zu erlangen; Anhänger bestimmter Aspekte des alten Regimes mit einem offensichtlichen Interesse, dessen Werte zu bewahren; aktive Dissidenten mit einer langfristigen Absicht, diese Ordnung zu überwinden.

Ich bin davon überzeugt, dass der letzte Ostdeutsche aus den Reihen des letztgenannten Typus, also der Dissidenten, kommen wird. Nach entsprechender Darlegung will ich dann versuchen, die Abschiedsworte dieser Person vorweg zu nehmen. Ich werde behaupten, dass unser(e) Dissident(in) viel zu sagen haben wird über seinen bzw. ihren Anteil an den Ereignissen von 1989. Dabei mindestens ebenso wichtig: Diese Worte werden unsere Aufmerksamkeit auf die Chancen richten, die ein Land wie das moderne Deutschland hat, um vom zu wenig genutzten Erbe des Widerstands gegen eine Diktatur zu profitieren.

Fußnoten

1.
Eine ältere Version dieses Essays erschien unter dem Titel »The Last East German and the Memory of the GDR« in: German Politics and Society 28 (2010) 1.

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