Dossierbild Geschichte und Erinnerung

12.8.2010 | Von:
Arne Ruth

Mythen der Neutralität

Wie der Holocaust in Schweden und der Schweiz ausgeblendet wurde

1997 recherchierte die Zeitung Dagens Nyheter, deren Chefredakteur ich damals war, eine Angelegenheit, die bis dahin sehr wenig öffentliche Aufmerksamkeit erregt hatte: die Zwangssterilisation von mehr als 60 000 Schweden - meist von Armut betroffene Frauen - von den 1930er bis in die 1970er Jahre. Eine zu dem Thema existierende Dissertation war bequemerweise unbeachtet geblieben.

Nachdem wir die Geschichte - recherchiert und geschrieben von dem in Polen geborenen Journalisten Maciej Zaremba - erstmals gedruckt hatten, dauerte es eine Woche, bis sie in Schweden wahrgenommen wurde; alle anderen nationalen Medien verhielten sich während der ersten Tage still. In der Zwischenzeit wurde Schweden von Journalisten aus der ganzen Welt heimgesucht, einschließlich einiger prominenter amerikanischer Fernsehmoderatoren. Ein späterer Bericht des schwedischen Außenministeriums stellte fest, dass die internationale Berichterstattung über diese Geschichte zwei Drittel der Berichte über Schweden in diesem Jahr ausmachte. Die massive Wucht dieser grenzüberschreitenden Berichterstattung brach schließlich auch das kollektive Schweigen im Land.

In einer CNN-Nachrichtensendung wurde der verantwortliche schwedische Minister mit der Frage nach Kompensationen für die Opfer konfrontiert. Die schwedischen Medien, einschließlich meiner Zeitung, hatten bis dahin diese Frage nicht gestellt; nun musste sich der Minister angesichts eines internationalen Publikums offiziell entschuldigen.

Ein weiterer aufschlussreicher Fall nationaler medialer Blindheit im Zusammenhang mit zeitgenössischer Geschichte ereignete sich in Norwegen Mitte der 1990er Jahre. Neben all ihren anderen Dimensionen bestand die Vernichtung der Juden auch aus Raub in einem bis dahin nie dagewesenen Ausmaß, mit einem Netzwerk von Hehlern und Profiteuren, das sich über den gesamten Kontinent erstreckte. Die moralischen Dilemmata, die sich durch das Vernichtungsprojekt ergaben, betrafen auch die besetzten Länder. Immobilien, Geschäfte und Wertgegenstände aus jüdischem Besitz wechselten während des Kriegs die Besitzer. Eine Reihe von Regierungen versuchte nach dem Krieg, Überlebende daran zu hindern, die neuen Besitzer damit zu konfrontieren. In Osteuropa gab der Kommunismus den staatlichen Behörden die Möglichkeit, die Nazi-Enteignung von jüdischem Besitz als integralen Bestandteil der Abschaffung des Privatbesitzes zu behandeln.

Der norwegische Fall zeigt, dass Schuld nicht einfach in Kategorien wie Gehorsam, Neutralität und Widerstand eingepasst werden kann. Etwas über ein Drittel der 2100 norwegischen Juden wurde 1942 innerhalb von drei Monaten nach der Beschlagnahme ihres Besitzes getötet. Dank der sehr langen, durch weitgehend unbewohntes Gebiet führenden Grenze mit Schweden, konnte der Großteil der übrigen Juden fliehen.

Diejenigen, die den Holocaust überlebten, fanden bei ihrer Rückkehr Fremde vor, die in ihren Wohnungen und Häusern lebten. Ihre Bankkonten waren leergeräumt, ihre Lebensversicherungen gekündigt und ihre persönliche Habe in alle Winde zerstreut. Die Behörde, die von den Norwegern 1942 eingerichtet worden war, um den Besitz der norwegischen Juden zu bearbeiten, die "Liquidationsbehörde für beschlagnahmtes jüdisches Eigentum", hörte nach der Befreiung nicht auf zu existieren. Stattdessen wurde sie in "Entschädigungsbehörde" umbenannt, und einige ihrer vormaligen Mitarbeiter wurden als Experten für die Ausarbeitung der Entschädigungsbedingungen eingesetzt. Die einzigen Beamten, die wegen Hochverrats verurteilt wurden, waren diejenigen, die Mitglieder der Quisling Partei gewesen waren. So begegneten Juden, die versuchten ihren Besitz zurückzufordern, mitunter denselben Beamten, die drei Jahre zuvor den autorisierten Diebstahl ihres Eigentums überwacht hatten.

Mitte der 1990er Jahre stellten der junge Historiker Bjarte Bruland und der Journalist Björn Westlie die seit Kriegsende verdrängte Frage: Wer war in die Abwicklung des Eigentums involviert, das das Quisling Regime von norwegischen Juden konfisziert hatte? Wie sich herausstellte waren diese Besitztümer sehr begehrt und wurden auf Auktionen und speziellen Märkten verkauft; die Kunden waren ganz normale Norweger, die in vollem Wissen über die Herkunft der Gegenstände handelten. Wer gute Kontakte zu der Behörde hatte, die das Gut verwaltete, konnte spezielle Deals herausschlagen.

Die penibel geführten Listen des gestohlenen jüdischen Eigentums, gewissenhaft registriert und eingeordnet, waren im Nationalarchiv in Oslo leicht zugänglich. Aber niemand hatte sich die Mühe gemacht, sich mit ihnen auseinander zu setzen, bis Westlie sie fand. Als Westlies Enthüllungen zum 50. Jubiläum der Befreiung veröffentlicht wurden, war die nationale Reaktion praktisch Null. Allerdings weckten sie das Interesse des World Jewish Congress in New York, der um einen englischsprachigen Bericht bat. Internationale Nachrichtenagenturen nahmen die Geschichte auf, sobald Westlies Bericht in New York erschien. Und plötzlich wurde die Affaire auch in Norwegen zur Schlagzeile. Es brauchte acht Monate und grenzüberschreitende Aufmerksamkeit, bis die Sache ein nationaler Skandal wurde; dann blieb sie für mehrere Monate das dominierende politische Thema. Die Regierung sah sich gezwungen, eine Untersuchungskommission einzusetzen, die in eine Allparteienvereinbarung mündete, die norwegische jüdische Gemeinde ökonomisch zu entschädigen.

Die norwegische Kontroverse veranschaulicht ein umfassenderes Problem: In der Nachkriegszeit basierte die nationale Identität in den meisten besetzten Ländern auf dem Mythos eines allgemeinen Widerstands. Mehr als ein halbes Jahrhundert später wurde Norwegen dazu gezwungen, sich mit der Tatsache auseinander zu setzen, dass seine Definition von Widerstand während des Krieges die Juden weitgehend ausschloss, und dass dieser Ausschluss auf subtile Weise auch nach dem Krieg fortwirkte. In Frankreich, wo die Komplizität der Vichy-Regierung wesentlich weitgehendere Konsequenzen hatte, ist die Diskrepanz zwischen heroischer Mythologie und den realen Fakten noch deutlicher. Dort brauchte es den Einsatz eines Amerikaners, Robert Paxton, um die französischen Historiker dazu zu zwingen, sich mit diesen Fragen auseinander zu setzen.

Ich denke, dass eine europäische Bürgerschaft, die tatsächlich bedeutungsvoll sein soll, das Recht und die Pflicht jedes einzelnen einschließen muss - unabhängig von Nationalität und Herkunft - Menschenrechtsfragen auf transnationaler Ebene zu verhandeln. Grenzüberschreitende Provokationen sind notwendig, um ein Moment wahrhafter Universalität in das europäische Projekt zu integrieren. Lord Acton versuchte einst, in diesem Zusammenhang eine spezifische Geisteshaltung zu definieren: "Unser Waterloo muss so beschaffen sein, dass es Franzosen und Engländer, Deutsche und Niederländer gleichermaßen zufrieden stellt." Ein Kommentar des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg zur Raubgold-Kontroverse trifft das Zentrum der Auseinandersetzung: "Das ist lange her: Heute zahlen wir für die schlaflosen Nächte, die wir wegen Auschwitz nie hatten, jetzt holen uns alle Sorgen ein, die wir uns um den Aufbau Europas nicht gemacht haben, im Schlaf der Selbstgerechten, in dem uns auch die Tränen ausgingen." [8]


[1] US Department of State, US and Allied Efforts to Recover and Restore Gold and Other Assets Stolen or Hidden by Germany during World War II (Washington, DC.: US Department of State, 1997), S. 28.

[2] Ebenda, S. 83.

[3] Lars Gustafsson, Predominant Topics of Modern Swedish Debate (Stockholm: Swedish Institute Pamphlet, 1961, S. 4.

[4] Steven Koblik, "Om vi teg, skulle stenarna ropa" : Sverige och judeproblemet 1933-1945. Stockholm: Norstedts förlag,1987. (Steven Koblik, The stones cry out : Sweden's response to the persecution of Jews 1933-1945. New York : Holocaust Library, 1988).

[5] Maria-Pia Boëthius, Heder och samvete: Sverige och andra världskriget. Stockholm: Ordfront förlag 1991.

[6] Paul A. Levine, From Indifference to Activism; Swedish Diplomacy and the Holocaust, 1938- 1944, Uppsala: Uppsala University 1996 (reprinted in second edition, 1998).

[7] Stig Ekman & Klas Åmark, (eds) Sweden's Relations with Nazism, Nazi Germany and the Holocaust. A Survey of Research. Stockholm: Stockholm Studies in History nr 66, Almqvist & Wicksell International, 2003.

[8] Adolf Muschg, Wenn Auschwitz in der Schweiz liegt. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997, S. 18.


Original in Englisch. Übersetzung von Veronika Leiner. Zuerst veröffentlicht auf Eurozine © Arne Ruth © Eurozine


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