Dossierbild Geschichte und Erinnerung

3.6.2008 | Von:
Karl-Ernst Jeismann

Geschichtsbilder: Zeitdeutung und Zukunftsperspektive

VII. Das Geschichtsbild "Europa" und die deutsche Nationalgeschichte

In Europa ist das "Projekt der Moderne" entstanden. Können wir es nur durch Repartikularisierung für den westlichen Kulturkreis bewahren, und müssen wir damit seinen universalen Anspruch zurücknehmen? [34] Genau betrachtet geht es nicht um seine Repartikularisierung, sondern um eine Reduzierung des Anspruchs auf Gleichförmigkeit des historischen Prozesses und auf den Mustercharakter des westlichen Weges in die Moderne. Dieser Anspruch ist schon ein Widerspruch in der Idee: Denn nicht durch Zwang oder Mission, sondern kraft eigener Anstrengung und auf der Grundlage eigener kultureller Prägungen kann der geschichtliche Prozess einer Selbstverwirklichung der in der Natur angelegten Gaben und Aufgaben des Menschen stattfinden. Pluralisierung heißt anzuerkennen, dass es kulturelle Eigenwege der Völker und Kulturen in diesem Prozess geben muss, wenn er nicht denaturiert werden soll, wie es im Zeitalter des Imperialismus geschah. [35]

Im Durchgang durch die Epoche der Aufklärung, der Zeit der Entstehung oder Vorbereitung des modernen Nationalstaates, entstand das bei allen Differenzen die Nationen Europas verbindende Geschichtsbild - die Nationalgeschichten sind als Elemente des europäischen Geschichtsbildes nicht wegzudenken und auch nicht auf das "weltbürgerliche" Prinzip der Republik zu reduzieren. Das universal gedachte, europäisch realisierte Konzept braucht die Vielfalt wie die Gemeinsamkeit des Partikularen - als abstrakt-unitarische "Staatsnation" wird sich Europa nur in den Vorstellungen politischer Systematiker realisieren. [36] Diese doppelte Offenheit zu den partikular-nationalen und den universalen Geschichtsbildern enthält die Chance der Akzeptanz in einem so differenzierten Geschichtsraum wie Europa.

Die politische Teilung Deutschlands spaltete auch die deutschen Geschichtsbilder: Die machtgeschützte Doktrin des "Histomat" einerseits, die prononcierte "Westorientierung" im Wertungshorizont geschichtlicher Vorgänge andererseits blockierten - ungeachtet eines intensiven und vielfältigen Forschungsbetriebs - zunehmend eine breitere öffentliche Diskussion um eine Deutung oder gar Wertung der deutschen Geschichte. Die zweite Blockade war Folge des unerhörten Traditionsbruchs der NS-Zeit - in Ost und West unterschiedlich auf die Gegenwart bezogen, aber überall als Verdunkelung oder Abriss der historischen Kontinuität unserer Geschichte wahrgenommen. Das Bild der deutschen Geschichte war zerbrochen: Sie wurde entweder marginalisiert - bis hin zum Zweifel an der Existenz ihres Zusammenhangs - oder stigmatisiert als bloße Vorgeschichte der Barberei des Hitler-Regimes.

Die Entstehung eines Geschichtsbildes mit europäischem Horizont hinter bzw. in der Nationalgeschichte löst diese Blockaden. Der Zusammenhang deutscher Geschichte - sieht man ihre Verflechtung in gesamteuropäische Zustände und Bewegungen - wird wieder formulierbar und macht die deutschen Eigenheiten als Varianten und Beiträge zur europäischen Gemeinsamkeit in Kultur und Wissenschaft, Recht, Politik, Technik und Wirtschaft im vergangenen Jahrtausend sichtbar. Die Geschichtswissenschaft hat in heftigen, die Öffentlichkeit bewegenden Kontroversen - wie im "Historikerstreit" der achtziger Jahre - sowie in einer Anzahl breit angelegter Synthesen der deutschen Geschichte die Komplexität ihres Zusammenhangs dargestellt; und die Lehrbücher für den Unterricht, angestoßen durch diese Entwicklung und durch transnationale Diskussionen, folgen - nicht nur in Deutschland - dieser Tendenz zu einem die jeweilige Nationalgeschichte integrierenden europäischen Geschichtsbild.

So gewinnt das Bild der deutschen Geschichte Substanz im Rahmen europäischer Geschichtsdeutung mit ihren universalen Postulaten. Das könnte den verlorenen Zusammenhang zwischen partikularem und universalem Geschichtsbild wiederherstellen und eine Zeitperspektive vermitteln, die das Verständnis der Möglichkeiten und Forderungen der kommenden Geschichte fördert. In dieser Perspektive ist die Variation der Sprechchöre während der "friedlichen Revolution" im November 1989 von dem Demokratie einfordernden Ruf "Wir sind das Volk" zu dem die Einheit der Nation einfordernden Satz "Wir sind ein Volk!" nicht zu diskreditieren als Rückfall in ein nationalistisches Geschichtsbild und als Widerspruch zum "Konzept der Moderne". Sie ist vielmehr als Bekenntnis zu einer Verantwortungsgemeinschaft zu werten, der es aufgegeben ist, sich gemeinsam der Schuld zu stellen, die sie geerbt hat und gemeinsam die Bestände der Geschichte zu prüfen, die diesem Volk einen Platz in einem europäischen Geschichtsbild geben. [37]

Fußnoten

34.
Zur Auseinandersetzung mit dieser Frage vgl. Joana Breidenbach/Ina Zukrigl, Tanz der Kulturen. Kulturelle Identität in einer globalisierten Welt, München 1998, mit weiterführender Literatur.
35.
Vgl. die skeptische Beurteilung der zivilisatorischen Expansion der westlichen Kultur bei S. P. Huntington (Anm. 30), S. 291 ff.; ferner das Sonderheft zu Huntingtons Thesen: Konvergenz oder Konfrontation? Transformationen kultureller Identität in den Rechtssystemen an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, in: Rechtstheorie, 29 (1998) 3/4.
36.
Vgl. den Beitrag von Dieter Oberndörfer, Deutschland ein Mythos? Von der nationalen zur postnationalen Republik, in: Y. Bizeul (Anm. 5). Dagegen Monika Flacke (Hrsg.), Mythen der Nationen. Ein europäisches Panorama. Begleitband zur Ausstellung des Deutschen Historischen Museums Berlin, Berlin 1998.
37.
Welcher Anspruch damit verbunden und welche geschichtswissenschaftliche Anstrengung verlangt ist, wenn ein solches Geschichtsbild in Öffentlichkeit und Schule vertreten oder gebildet werden soll, dazu Jörn Rüsen, Zerbrechende Zeit. Über den Sinn der Geschichte, Köln - Weimar - Wien 2001.

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