Dossierbild Geschichte und Erinnerung

3.6.2008 | Von:
Christoph Kleßmann

Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung

III. Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung

Lassen wir die Streitgeschichte hinter uns: Was kann und soll zeithistorische Forschung als wissenschaftliche Aufklärung heute bedeuten, welche Schwierigkeiten tun sich auf, und wie kann zeitgeschichtliche Wissenschaft ihnen begegnen, ohne sich in der Konkurrenz mit den Massenmedien zu überheben? Drei thesenartige Überlegungen dazu:

1. Objektivität als intersubjektive Überprüfbarkeit und regulative Idee empirischer Forschung und historiographischer Darstellung ist unverzichtbar, auch wenn der Glaube an die Möglichkeit ihrer Realisierung nachhaltig erschüttert ist.

2. Kritische Historisierung bleibt eine ebenso notwendige wie schwierige Aufgabe, insbesondere bei der Beschäftigung mit Diktaturgeschichte, wobei jede Generation neue Fragen stellt.

3. Individuelle und kollektive Erinnerung sollten, so diffus sie in der Regel sind, nicht bloßes Gegenstück zur sog. "objektiven" Geschichte bleiben, sondern sie müssen integraler Bestandteil fachwissenschaftlicher Analyse sein, weil nur so Aufklärung sich ihrem selbstgesetzten Ziel wenigstens annähern kann.

1. Der britische Sozialhistoriker Richard Evans hat in seinem Buch "Fakten und Fiktionen" eingehend die Grundlagen historischer Erkenntnis erörtert, die produktiven Herausforderungen postmoderner Autoren für die Geschichtswissenschaft konzediert und dennoch ein energisches Plädoyer für historische Wahrheit als regulative Idee und den Versuch angemessener Rekonstruktion vergangener Wirklichkeit formuliert. [19] Evans war im Jahr 2000 Gutachter in dem Aufsehen erregenden Prozess gegen den Holocaust-Relativierer David Irving in London. Das Urteil gegen Irving fand in der britischen Presse ein enormes Echo und wurde als Sieg der historischen Wissenschaft über die Gemeinde der europäischen Rechtspopulisten mit revisionistischen Geschichtsbildern gefeiert. [20] Ähnlich hat Ernst Hanisch zwar die weiterführenden Anstöße postmoderner Autoren betont, ihren radikalen Vertretern aber nachdrücklich die Leviten gelesen, weil es dort eine Hierarchie des Relevanten und weniger Relevanten nicht mehr geben, weil jede Deutung ihr Recht haben und keine privilegiert sein soll. [21] Auch Georg G. Iggers hat im Streit mit Hayden White, einem der profilierten Vertreter der Postmoderne in der Historiographie, an einige Maximen erinnert, die nicht zur Disposition stehen können. Historische Forschung hat demnach "trotz aller ideologischen Variationen eine Übereinkunft getroffen über bestimmte Standards der Behandlung von Quellen und der Form der Auseinandersetzung. Ungeachtet der Bedeutung der Vorstellungskraft bei der Konstruktion wissenschaftlicher Darstellungen sind solche Darstellungen nicht vollständig oder vorrangig ausgedacht, sondern verlangen eine intensive Forschung, deren Methoden und Schlussfolgerungen innerhalb einer Gemeinschaft von Forschern der Gegenstand einer genauen Prüfung sind" [22] . Dies ist Teil eines rationalen Diskurses von - im Sinne Kants - mündigen Individuen. Gäbe es nicht abstruse Verirrungen, so müsste an derlei Selbstverständlichkeiten nicht erinnert werden.

In der Zeitgeschichte wird für jedermann besonders unmittelbar erfahrbar, wie die Gegenwart die Geschichte immer wieder einholt und konditioniert. So haben die Revolution von 1989 und das Ende des Kommunismus in Europa die Determinanten unserer Interpretationen und historischen Urteile gravierend verschoben, alte Themen obsolet gemacht und neue in den Vordergrund gerückt. Lexikalische Großunternehmen wie das seit 1966 erschienene mehrbändige "Sowjetsystem und demokratische Gesellschaft", das sich in Lehre und Forschung immer gut als Diskussionseinstieg eignete, sind über Nacht entwertet worden und nur noch von historiographiegeschichtlichem Interesse. Die zeitgebundenen und nicht nur interessegeleiteten Grenzen historischer Erkenntnis und sozialwissenschaftlicher Prognosefähigkeit sind uns 1989 auf drastische Weise vor Augen geführt worden. Das kann zu heilsamer Bescheidenheit mahnen, führt aber nicht die Suche nach Wahrheit als regulativer Maxime ad absurdum. Diese hat zudem methodische Konsequenzen. Denn ohne diese Maxime würden z.B. alle Bemühungen der Gedenkstätten um Dokumentation originaler Ausstellungsstücke statt Inszenierung imaginierter Vergangenheit belanglos. [23]

Aber auch eine andere, in meinen Augen besonders wichtige und unverzichtbare Funktion wissenschaftlicher Zeitgeschichte ginge verloren - nämlich die, auf der Sperrigkeit ihres Gegenstandes zu insistieren, Sand im Getriebe zu sein und statt flinker Formeln und spektakulärer Etikettierungen auf der mühsam zu erschließenden Komplexität vergangener Wirklichkeit zu beharren. Der Zweifel gehört zu den Tugenden der Aufklärung. Dieses Beharren auf Komplexität bedeutet auch eine Portion Skepsis gegenüber der immer wieder und keineswegs zu Unrecht erhobenen Forderung nach sprachlicher Gefälligkeit, plastischer Beschreibung und biographischer Konkretion statt "Präparieren von Strukturen" [24] . Solche Alternativen zu konstruieren führt in die Irre. Übergreifende Determinanten und Strukturen einerseits und individuelle menschliche Handlungsweisen, Wahrnehmungen und Erfahrungen andererseits miteinander zu "verrechnen" ist die Aufgabe der historischen Wissenschaft. Das bleibt eine der schwierigsten Operationen in der Rekonstruktion von Vergangenheit. Der oft zitierte Satz aus Marx' "Achtzehnten Brumaire des Louis Bonaparte" hat von seiner Gültigkeit wenig verloren: "Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbst gewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen." [25] Dass das zeitweilig fast vergessene Genre der Biographie gegenüber puren Strukturanalysen große Vorzüge bietet und zur Erklärung komplexer, schwer verstehbarer Zusammenhänge beitragen kann, hat Ulrich Herberts Best-Biographie als ein markantes Beispiel aus der jüngsten Zeitgeschichte gezeigt. [26]

Gerade angesichts solcher Komplexität ist jedes "Lernen aus der Vergangenheit" schwierig und in einem naiven Sinne ohnehin unmöglich. Wer jemals einen Schulbuchtext verfasst oder am Drehbuch für einen Film beratend mitgearbeitet hat, weiß, wie verzweiflungsvoll der Zwang zur Komplexitätsreduktion oder die Abhängigkeit vom filmischen Material alle hoch gespannten Ambitionen zunichte machen. Dennoch sollten hier keine falschen Gegensätze konstruiert werden. Audiovisuelle Medien sind nicht nur unverzichtbare zeitgeschichtliche Quellen, deren Erschließung und Methodenreflexion allmählich auch die Zunft erreicht hat, [27] sie sind auch - richtig platziert - hervorragende Instrumente historisch-politischer Aufklärung, weil sie einen breiten Rezipientenkreis erreichen können und andere Wirkungsmöglichkeiten besitzen. Filmische Bildsequenzen haben eine eigene Dynamik, die auch der Wissenschaft enorme Chancen bietet. In ihren unterschiedlichen Zugangsweisen und Präsentationsformen können sie ohne falsche Pädagogisierung zumindest dazu beitragen, elementare Einsichten gegen quer liegende eigene Erfahrungen zu fördern und die politische Kultur zu verändern.

2. "Historisierung" als methodisches und interpretatorisches Problem ist, wenn ich es richtig sehe, erstmals 1983 von Martin Broszat in seinem Aufsatz über die "Spannung zwischen Bewerten und Verstehen der Hitler-Zeit" in die Debatte eingeführt worden [28] , obwohl dahinter eine viel ältere Grundsatzfrage steht. Historisierung meinte für Broszat vor allem, den zwölf Jahren der NS-Zeit nicht länger eine falsche negative Zentralisierung in der gesamten deutschen Geschichte einzuräumen, von der aus sich die vorangegangenen und nachfolgenden Phasen primär als vor- und nachfaschistisch darstellen. Statt dessen sollte die Geschichte der politischen Diktatur in einen größeren zeitlichen Kontext eingeordnet werden, um damit auch Kontinuitäten und Brüche besser sichtbar zu machen. Das bedeutete zugleich, von der lange Zeit vorherrschenden Pädagogisierung der NS-Zeit unter dem Aspekt politischen Lernens Abschied zu nehmen. "Die lautstarke Distanzierung, die so lange erfolgte und noch geschieht, muss verträglich gemacht werden mit einer recht verstandenen historischen Aneignung dieser Zeit, die kritisches und verstehendes Vermögen verbindet." [29] Ziel war die historische Befreiung mancher ereignis- und personengeschichtlicher Perspektiven aus dem Zwangskorsett der Vorstellung einer alles erfassenden Gewaltherrschaft. Analytische Kritik an langfristigen Fehlentwicklungen und ambivalenten Entwicklungspotenzialen wird im Postulat der Historisierung verbunden mit elementarem Bemühen um Verstehen zutiefst widersprüchlicher Konstellationen, d.h. der Gleichzeitigkeit von Verbrechensdimensionen ungeheuren Ausmaßes und trivialer Normalität des Lebens in der Diktatur. Broszats Verstehens-Begriff beruhte auf einer kritischen, aufklärerischen Position und hob sich damit deutlich ab von dem des Historismus. Es ging ihm darum, "die scharfe Spannung zwischen den beiden Elementen des ,Einsehens', dem Verstehen-Wollen und der kritischen Distanzierung" auszuhalten und weder in eine Pauschal-Distanzierung noch in ein relativierendes, amoralisches Nur-Verstehen zu flüchten. [30]

In anderer Weise ist das seinerzeit vielen Missverständnissen ausgesetzte Konzept einer kritischen Historisierung auch zu einem zentralen Element der seit 1990 intensivierten Aufarbeitung kommunistischer Diktaturen geworden. Ihre lange Dauer und die inneren Wandlungsprozesse haben es sicherlich erschwert, sie analog zu den nur zwölf Jahren Nationalsozialismus als quasi überhistorisch aus der Geschichte der Staaten und Gesellschaften auszuklammern und zu stigmatisieren. Die Grenzen des Diktaturvergleichs sind insbesondere im Hinblick auf die DDR deutlich geworden. Eine Historisierung ist hier bereits viel früher als für den Nationalsozialismus gefordert und praktiziert worden. Eine moralische Relativierung des Diktaturcharakters mag angesichts der nicht wirklich vergleichbaren Verbrechensdimensionen zwar nahe liegen, und Beispiele dafür gibt es genügend. Die eigentliche methodische Herausforderung für die historische Forschung liegt jedoch in der Aufgabe, die DDR - und für andere Länder gilt das ebenso - nicht nur von ihrem Ende und auch nicht von ihren vermeintlich guten Anfängen einer in der Tradition der europäischen Aufklärung stehenden sozialistischen Alternative zu interpretieren, sondern sie gewissermaßen aus der Mitte heraus mit einem für die Zeitgenossen noch scheinbar offenen Entwicklungspotenzial zu rekonstruieren und zu verstehen. [31] Strukturanalyse und Erfahrungsgeschichte erweisen sich hier als zwei notwendige und komplementäre Seiten einer Medaille, um zu verstehen, wie es eigentlich gewesen sein könnte, aber auch, um eine solche komplexere Einsicht zu vermitteln. Andernfalls bleibt es bei der Dichotomie plakativer genereller Anklage oder nostalgischer, selektiver Erinnerung und einem Geschichtsbild, das Zeitgenossen kaum wirksam zu vermitteln ist, da es zentralen eigenen Erfahrungen widerspricht.

3. Mein drittes Feld "Erinnerung und Zeitgeschichte" ist sicher das komplizierteste und gegenwärtig meist diskutierte. Es ist ein Kernproblem, mit dem sich Zeithistoriker sehr viel intensiver als die Fachleute für andere Epochen auseinander zu setzen haben. Denn sie sind permanent mit der Deutungskonkurrenz zwischen persönlicher Erinnerung und wissenschaftlicher Zeitgeschichtsschreibung konfrontiert. Gerade weil das neue Interesse an Gedächtnis, Erinnerung und Memorialisierung bei bestimmten zeithistorischen Themen schon nahezu inflationäre Züge angenommen hat, sollte eine systematische Problematisierung stattfinden. Es geht um den Konflikt zwischen dem oft stark emotional bzw. moralisch - anklagend oder rechtfertigend - geprägten Duktus der persönlichen Erinnerung und dem rationalen Anspruch der Forschung auf Erklärung. Zeitgeschichte begreift sich hier als Antipode zur unreflektierten Erinnerung. Sie hat die Aufgabe der rationalen Kontrolle der Erinnerung und der Disziplinierung des Gedächtnisses. [32] Die Spannung zwischen den objektivierenden Methoden sowie dem Verstehens- und Aufklärungsimpuls der Fachwissenschaft und dem Wunsch nach klarem Verdammungsurteil auf Seiten der Opfer ist letztlich nicht aufhebbar. Sie ist ein Spezifikum der Zeitgeschichte.

Ein besonderes Element kommt hinzu: Zeithistoriker sind auch Zeitgenossen mit eigenen Erfahrungen, die sich nicht einfach eliminieren lassen. Gerade das macht sie als professionelle Fachleute im Vergleich zu Historikern anderer Epochen viel angreifbarer. Der Umgang mit dem im akademischen Milieu emotional stark aufgeladenen Datum "1968" ließe sich hier als markantes Beispiel anführen. [33]

Dieses generelle Problem der Spannung zwischen persönlicher Erinnerung und wissenschaftlicher Zeitgeschichte nur als Alternative zu verstehen führt jedoch, wie Konrad Jarausch betont hat, in eine Sackgasse, gerade wenn es der Wissenschaft um Aufklärung geht. Denn "eine die lebendige Erinnerung ignorierende Geschichtswissenschaft läuft Gefahr, der Öffentlichkeit durch die Autorität der Wissenschaft ihre Sprachregelung aufzuzwingen, ohne die Bevölkerung wirklich überzeugen zu können", solange das zähe Weiterleben von unreflektierten Erinnerungsbeständen nicht aufzubrechen ist. [34] Wie aber lässt sich dieses Dilemma lösen? Zumindest sind selbst diffuse Erinnerungen von der Forschung ernster zu nehmen und selber zu thematisieren. Die Durchsetzung eines kritischen Geschichtsverständnisses in der Gesellschaft kann nur durch eine Hinterfragung populärer Erinnerungen gelingen. Dazu gehört etwa auch Martin Walsers "Geschichtsgefühl" [35] . Trotz aller Defizite hat Deutschland hier im Hinblick auf das "Dritte Reich" einige Erfolge zu verbuchen. Für die DDR scheint mir der Befund noch keineswegs klar.

Hans Günter Hockerts hat für diesen Zusammenhang die begriffliche Trias "Primärerfahrung, Erinnerungskultur und Geschichtswissenschaft" als typologisierenden Zugang zur Zeitgeschichte vorgeschlagen. [36] Dabei meint Primärerfahrung die selbst erlebte Vergangenheit, Erinnerungskultur die Gesamtheit eines nicht spezifisch wissenschaftlichen Gebrauchs von Geschichte in der Öffentlichkeit mit unterschiedlichsten Mitteln und zu verschiedenen Zwecken. Dass "Geschichte als Waffe" [37] eingesetzt wird, ist zwar kein Spezifikum von Zeitgeschichte, aber doch ein besonders häufiges und für die politische Kultur aller Länder interessantes Phänomen. Fachwissenschaftliche Interventionen stoßen hier schnell an Grenzen. Konstitutiv für die Wissenschaft ist, dass sie Standards eines "systematischen, regelhaften und nachprüfbaren Wissenserwerbs" entwickelt hat. Sie ist sich auch der Standortgebundenheit historischer Erkenntnis bewusst und legt Prämissen mehr oder minder explizit offen. Zumindest sollte sie das tun. Strittig werden und bleiben dagegen Verknüpfungen, Einordnungen, Gewichtungen - und sie lassen sich selten nur mit fachwissenschaftlichen Kriterien entscheiden. Hier hat nicht nur die Multiperspektivität ihren legitimen Platz. Hier kann es auch nicht die immer wieder erwartete "Objektivität" geben, weil kein Fixpunkt außerhalb der Zeit existiert. Wohl aber muss intersubjektive Überprüfbarkeit im wissenschaftlichen Diskurs als Kontrolle und Korrektur dienen. "Erinnerungsvielfalt heißt nicht, alles für erlaubt zu erklären. Die Fachkompetenz kann dazu beitragen, dass Pluralität nicht zur Beliebigkeit verkommt" und Legenden entschieden entgegen getreten wird. [38]

Gegen die mittlerweile inflationär gewordene Redeweise vom "kollektiven Gedächtnis" oder "kollektiver Erinnerung" hat Reinhard Koselleck bedenkenswerte Skepsis angemeldet. Denn wer kollektive Erinnerung sucht, setzt ein kollektives Handlungssubjekt voraus, das sich auch kollektiv erinnern kann. Damit tauchen jene hypostasierten Handlungsträger auf (Klasse, Volk, Nation, Partei, Verband usf.), welche "die Vielfalt persönlicher Erinnerungen verschlucken und als kollektive Einheit wieder von sich geben". Er plädiert für das "Vetorecht der je persönlichen Erfahrung, die sich gegen jede Vereinnahmung in ein Erinnerungskollektiv sperrt. Und es gehört zur oft beschworenen und ebenso oft vergeblich beschworenen Würde des Menschen, dass er einen Anspruch auf seine eigene Erinnerung hat" [39] . Sekundäre Erinnerungen reichen demgegenüber weiter zurück, sind nicht mehr unmittelbar erfahrungsgesättigt und in besonderem Maße für Deutungen und Nachbesserungen offen. Kosellecks "Vorschlag zur Behutsamkeit" lautet: "Es gibt keine kollektive Erinnerung, wohl aber kollektive Bedingungen möglicher Erinnerungen. So wie es immer überindividuelle Bedingungen und Voraussetzungen der je eigenen Erfahrungen gibt, so gibt es auch soziale, mentale, religiöse, politische, konfessionelle Bedingungen - nationale natürlich - möglicher Erinnerungen. Sie wirken dann als Schleusen, durch die hindurch die persönlichen Erfahrungen gefiltert werden, sodass sich klar unterscheidbare Erinnerungen festsetzen. Die politischen, sozialen, konfessionellen oder sonstigen Voraussetzungen begrenzen also die Erinnerungen und geben sie zugleich frei." [40]

Vielleicht ist dies ein Ansatz, um dem strukturellen Dilemma zwar nicht zu entkommen, aber angemessen mit ihm umzugehen.

Fußnoten

19.
Vgl. R. J. Evans (Anm. 2).
20.
Vgl. ders., Der Geschichtsfälscher. Holocaust und historische Wahrheit im David-Irving-Prozess, Frankfurt/M. 2001.
21.
Vgl. Ernst Hanisch, Die linguistische Wende. Geschichtswissenschaft und Literatur, in: Wolfgang Hartwig/Hans-Ulrich Wehler (Hrsg.), Kulturgeschichte heute, Göttingen 1996, S. 212-230.
22.
Georg G. Iggers, Historiographie zwischen Forschung und Dichtung, in: Geschichte und Gesellschaft, 27 (2001), S. 327-340, hier S. 340.
23.
Ein makabres Beispiel war die Ausstellung im Jüdischen Museum "Mirroring Evil" mit Computermontagen und einem Lego-KZ in New York. Vgl. Hallo Jerusalem, ich entschuldige mich, in: Tagesspiegel vom 17. 3. 2002, S. 25.
24.
Joachim Fest, Literatur ohne Heilsplan. Über den Umgang mit der Geschichte, in: Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. 2. 2000 (Beilage).
25.
Karl Marx, Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, in: MEW Bd. 8, S. 115.
26.
Vgl. Ulrich Herbert, Best. Biographische Studien über Radikalismus, Weltanschauung und Vernunft, 1903 - 1989, Bonn 1996.
27.
Vgl. Jürgen Wilke (Hrsg.), Massenmedien und Zeitgeschichte, Konstanz 1999.
28.
Vgl. Martin Broszat, Eine Insel der Geschichte? Der Historiker in der Spannung zwischen Verstehen und Bewerten der Hitler-Zeit, in: ders., Nach Hitler, München 1988, S. 208-215.
29.
Ebd., S. 215. In seinem einiges Aufsehen erregenden Plädoyer für die Historisierung im "Merkur" 1985 hat Broszat seine Überlegungen weiter ausgeführt und an thematischen Beispielen entwickelt.
30.
Vgl. Martin Broszat/Saul Friedländer, Um die "Historisierung des Nationalsozialismus". Ein Briefwechsel, in: VfZG, 36 (1988), S. 339-372, hier S. 341.
31.
Vgl. Konrad Jarausch, Nachdenken über die DDR, in: Berliner Debatte INITIAL, (1995) 4 - 5, S. 9 - 15, hier S. 11. Anmerkung der Redaktion: vgl. auch den Beitrag von Peter Steinbach in diesem Heft.
32.
Vgl. Konrad Jarausch, Zeitgeschichte und Erinnerung. Deutungskonkurrenz oder Interdependenz?, in: Konrad H. Jarausch/Martin Sabrow, Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt/M.-New York 2002, S. 21.
33.
Vgl. etwa Hermann Lübbes Polemik gegen die "Achtundsechziger": Der Mythos der "kritischen Generation. Ein Rückblick" in: Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20/88, S. 17-25; oder Klaus Hildebrands Darstellung und Wertung in seinem Band der Geschichte der Bundesrepublik: Von Erhard zur Großen Koalition 1963 - 1969, Stuttgart 1984.
34.
K. Jarausch (Anm. 32), S. 32.
35.
Vgl. Martin Walser, Über ein Geschichtsgefühl. Vom 8. Mai 1945 zum 9. November 1989. Die Läuterungsstrecke unserer Nation führt nach Europa, in: Der Tagespiegel vom 10. 5. 2002.
36.
Vgl. Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte: Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: K. Jarausch/M. Sabrow (Anm. 32), S. 41.
37.
Vgl. Edgar Wolfrum, Geschichte als Waffe, Göttingen 2001.
38.
H. G. Hockerts (Anm. 36), S. 30.
39.
Reinhard Koselleck, Gebrochene Erinnerung? Deutsche und polnische Vergangenheiten, in: Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, Jahrbuch 2000, S. 19 - 32, hier S. 21.
40.
Ebd., S. 20.

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