Dossierbild Geschichte und Erinnerung

3.6.2008 | Von:
Christoph Kleßmann

Zeitgeschichte als wissenschaftliche Aufklärung

IV. Europäische Zeitgeschichte als Problem

Eine methodisch und inhaltlich verzweifelt schwierige Herausforderung bleibt eine europäische Erweiterung von Zeitgeschichte, die nicht nur ein Etikettenschwindel ist. Mit dem Ende des sowjetkommunistischen Systems in Europa 1989/91 hat sich ein gravierender, wenn auch in seinen Konsequenzen noch kaum voll überschaubarer Wandel vollzogen. Der Ost-West-Konflikt als globale Systemkonfrontation, die zentrale Determinante der äußeren und inneren Entwicklungen in Europa, ist trotz immer noch erheblicher Nachwirkungen beendet. Seine historisch-politische Prägekraft wird aber erst aus der Rückschau in ihrer Reichweite voll erkennbar.

Was seinerzeit in der plakativen Gegenüberstellung von "Abendland und Bolschewismus" oder aus östlicher Sicht von "Imperialismus und Friedenslager" eine hochgradig ideologisierte politische Dichotomie kennzeichnete, wird heute in seinen Konsequenzen als historisches Problem in ganz anderer Weise wieder aktuell. Denn die von den ostmitteleuropäischen Staaten als Ziel formulierte "Rückkehr nach Europa" knüpft dort an, wo das Unheil begann: 1939 und 1945. Die sukzessive Auflockerung der sowjetischen Herrschaft durch die Entspannungspolitik, durch Glasnost und Perestroika sowie schließlich durch die revolutionäre Selbstbefreiung 1989 hat dem Ruf "Rückkehr nach Europa" jenseits ideologischer Wunschvorstellungen erst eine konkrete Basis verliehen. Dabei geht es primär um handfeste politische und ökonomische Ziele wie die Vorbereitung des Beitritts zur EU. Die vor allem von Politologen. Soziologen und Ökonomen betriebene Transformationsforschung geht den strukturellen Faktoren nach, die den Übergang in eine neue Periode ermöglichen sollen oder ihm auch im Wege stehen. Nur am Rande tauchen dabei die vielfältigen historischen Bedingungen und Ausgangskonstellationen auf, ohne deren genaue Kenntnis der unterschiedliche Verlauf und die nationalen Besonderheiten des Transformationsprozesses - und damit auch der künftigen Chancen und Probleme der Integration - unverständlich bleiben müssen.

Im weiteren Sinne gehört dazu die Rückbesinnung auf lange Zeit mehr oder minder unterdrückte nationale Traditionen. Diese Rückbesinnung präsentiert sich gegenwärtig auf unterschiedlichen Ebenen und ebenso in produktiven wie in fatalen Formen. Die krisenhaften ökonomischen und sozialen Begleiterscheinungen der Transformation verleihen nationalistischen Strömungen im Zeitalter der Globalisierung eine gefährliche Resonanz und Bindekraft als Integrationsideologie. Auf der anderen Seite gibt es überall einen unübersehbaren Prozess der selbstkritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte, ihren "weißen Flecken" und verordneten Interpretationen, mit der vergessenen oder oft geschönten Beziehungsgeschichte zu Nachbarn oder Minderheiten im eigenen Lande. Der Name Jedwabne ist hier symptomatisch. Die beginnende Aufarbeitung des traumatisch belasteten Themas Flucht und Vertreibung in Polen, aber auch der Folgen der sowjetischen Herrschaft in Osteuropa in allen Facetten sind eindrucksvolle Beispiele. Dass die im Kalten Krieg mit formaljuristischen Argumenten zu den Akten gelegte Entschädigung der Zwangsarbeiter in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft nun endlich - wie unbefriedigend auch immer - gelöst ist, ist ebenfalls ein europäisches Thema aus der Nach-Geschichte des NS-Systems.

Eine von engen ideologischen Vorgaben und unreflektierten Prägungen befreite Diskussion zeitgeschichtlicher Themen offenbart die Variationsbreite nationaler Periodisierungen und Zäsurbil- dungen. Sie entsprechen den jeweiligen Erfahrungsgeschichten, müssen aber in der zeithistorischen Reflexion mit generellen, übergeordneten europäischen Determinanten in Beziehung gesetzt werden. Abgesehen von den Problemen einer begrifflichen Bestimmung erweist sich der Periodisierungsrahmen von Zeitgeschichte fast überall extrem unterschiedlich. Die Opfererfahrungen im Zweiten Weltkrieg und die Erinnerung an den Widerstand, also die Formen nachdrücklicher Betroffenheit, sind dagegen am ehesten gemeinsame Bezugspunkte einer europäischen Zeitgeschichte, [41] die auch erklären können, warum die Kritik an Kollaboration und Beteiligung an der Judendeportation sich erst mit großer zeitlicher Verspätung und öffentlicher Resonanz zu Wort melden konnte.

Eine "Rückkehr nach Europa" gibt es in anderer Weise auch für Westdeutschland und Westeuropa. Dabei wird nicht zuletzt eine tief greifende Revision eines Europa-Begriffs nötig sein, der unter dem dominierenden Einfluss des Kalten Krieges und der "Rheinischen Republik" Europa an der Oder, wenn nicht gar an der Elbe enden ließ. Die Bereitschaft, die prekären wirtschaftlichen und politischen Folgen dieser Rückkehr nach Europa zu akzeptieren - auch wenn sie zunächst unbequem sind -, ist bisher nicht sehr ausgeprägt. Die weitgehend abgerissenen historischen Verbindungen lassen sich nicht schnell wiederherstellen, zumal eine offenkundige Renationalisierung dem längst etablierten Trend zum Transnationalen zuwiderläuft. Zeithistoriker sollten hier mit Nachdruck an die eingangs genannten unspektakulären Verdienste der Dissidenten erinnern. Transnationale, vergleichende oder beziehungsgeschichtliche Forschungsprojekte werden oft gefordert. Dieses Postulat einzulösen bleibt ein weites, aber lohnendes Feld.

Fußnoten

41.
Vgl. Wolfgang Schieder, Gibt es eine europäische Zeitgeschichte? Vortrag im ZZF am 6. 6. 2002. Dazu erscheint im Sommer 2003 ein von W. Schieder herausgegebenes Sonderheft von "Geschichte und Gesellschaft" mit dem Titel: "Zeitgeschichte im europäischen Vergleich".

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