Dossierbild Geschichte und Erinnerung

26.8.2008 | Von:
Birgit Müller

Erinnerungskultur in der DDR

Gedenkstätten in der DDR

Die Politisierung der Erinnerungskultur wird auch in der Denkmalarchitektur deutlich, die vordergründig der Erinnerung an den antifaschistischen Widerstandskampf gewidmet ist und die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus nachordnete. Bereits in den 1950er Jahren gab es Initiativen zur Errichtung von Gedenkstätten. Zunächst pflegten Angehörige der Opfer und Überlebende der Konzentrationslager die authentischen Orte und errichteten provisorische Gedenkstätten.

Im Juni 1951 erging der Beschluss der Regierung zur Einrichtung einer Gedenkstätte auf dem Ettersberg bei Weimar. Vier Jahre später wurde ein Kuratorium unter Vorsitz von Otto Grotewohl zur Errichtung nationaler Gedenkstätten in Buchenwald, Ravensbrück und Sachsenhausen gegründet.[8] 1958 wurde zunächst die Gedenkstätte Buchenwald, 1959 Ravensbrück und 1961 Sachsenhausen eröffnet. Die doppelte Vergangenheit als Konzentrationslager und sowjetische Speziallager blieb unbeachtet.

Die Ziele der Schaffung der Gedenkstätten wurden in einer Broschüre zum 20-jährigen Bestehen der Gedenkstätte Buchenwald wie folgt formuliert: "Der Aufbau der Mahn- und Gedenkstätte war Ausdruck der wachsenden politischen Reife der Bevölkerung, des Prozesses der demokratischen und antifaschistischen Bewusstseinsbildung und der Bereitschaft der Bevölkerung die Politik der Regierung aktiv zu unterstützen."[9] Hier wird deutlich, dass es primär nicht um die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus ging, sondern um eine politische Instrumentalisierung.

Der Historiker Olaf Groehler resümiert: "Höchst zielstrebig wurde in den zu Nationalen Gedenk- und Mahnstätten erklärten Objekten die Absicht verfolgt, sie von Orten des Leidens und der Verfolgung zu Gedenkstätten der antifaschistischen Kämpfer und Helden umzufunktionieren, letztere damit letztlich auch zu Siegern der Geschichte zu verklären, wobei die wirklichen Toten vergessen wurden."[10] Die Hierarchisierung der Opfergruppen wurde auch in der Denkmalsarchitektur deutlich, so war das Symbol des "Roten Winkel" für die politischen Häftlinge überall präsent. Zudem erinnerten zahlreiche Gedenktafeln, Straßenschilder und Mahnmale vornehmlich an kommunistische Widerstandskämpfer oder generalisierend an die "Opfer des Faschismus".

Ritualisierte kollektive Gedenktage und –veranstaltungen wurden vor allem am 8. Mai (Tag der Befreiung), dem 1. September (Weltfriedenstag), aber auch zur Erinnerung an den Novemberpogrom durchgeführt. Im Vordergrund stand jedoch nicht die Erinnerung, sondern die politische Botschaft, die Aufforderung, sich aktiv am Antifaschismus und am Aufbau des "besseren Deutschlands" zu beteiligen. Ein besonderer Schwerpunkt lag im Bereich der Bildung. Die antifaschistische Erziehung war in den Lehrplänen aller Schulformen als Bildungsziel fest verankert. Auch fanden Aufnahmen von Schülern zu Thälmannpionieren und Vereidigungen von Rekruten z.B. in den Gedenkstätten oder am sowjetischen Ehrenmal in Treptow statt; zudem wurden dorthin Jugendweihefahrten unternommen.

Eine wichtige Form der Vergangenheitsbewältigung bildeten außerdem Kunst, Film und Literatur. Bekannt sind die Werke von Anna Seghers "Das siebte Kreuz", Bruno Apitz "Nackt unter Wölfen", Dieter Noll "Die Abenteuer des Werner Holt", die Filme "Jakob der Lügner", "Die Mörder sind unter uns" oder "Professor Mamlock". Nicht alle Schriftsteller und Autoren folgten der am Antifaschismus ausgerichteten Erinnerungskultur. Kunst und Literatur waren ein Forum, um sich kritisch mit der Vergangenheitsbewältigung und auch mit der eigenen Position im Nationalsozialismus auseinanderzusetzen.

Das Streben der DDR nach internationaler Anerkennung sowie ökonomische Zwänge bewirkten in den 1980er Jahren eine Änderung der Außenpolitik, die auch eine Verbesserung des Verhältnisses zu den USA und zu Israel beinhaltete. Damit einher ging auch eine Veränderung der Erinnerungskultur hin zu einer Wiedereinbeziehung der anderen Opfergruppen, die Bereitschaft Entschädigungen zu zahlen und erste Versuche einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerungspolitik. Grundsätzlich blieb die Vergangenheitsbewältigung in der DDR jedoch bis zuletzt gekennzeichnet von einer Politisierung und Ritualisierung der Erinnerung.

Der staatlich verordnete Antifaschismus spielte eine wichtige Rolle im Selbstverständnis der DDR als das "bessere Deutschland", war identitätsstiftendes Moment und diente so auch der Abgrenzung zum "Klassenfeind" und zur Bundesrepublik Deutschland. Christa Wolf resümierte in einem Interview in der Zeitung "Wochenpost" vom 27. Oktober 1989: "Eine kleine Gruppe von Antifaschisten, die das Land regierte, hat ihr Siegesbewusstsein zu irgendeinem nicht genau zu bestimmenden Zeitpunkt aus pragmatischen Gründen auf die ganze Bevölkerung übertragen."[11]


[8] Vgl. 20 Jahre Mahnmal Buchenwald. Eine Dokumentation hrsg. von der Nationale Mahn- und Gedenkstätte Buchenwald, Erfurt 1978, S. 12.
[9] Ebenda, S. 17.
[10] Groehler, Olaf: Umgang mit der "Reichskristallnacht" in der SBZ und DDR in: Schwieriges Erbe. Der Umgang mit dem Nationalsozialismus und Antisemitismus in Österreich, der DDR und der Bundesrepublik Deutschland hrsg. von Werner Bergmann, Rainer Erb und Albert Lichtblau, Frankfurt am Main / New York 1995, S. 289.
[11] Zit. nach: Mertens, Lothar: Die SED und die NS-Vergangenheit in: Ebenda, S. 195.


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