Dossierbild Geschichte und Erinnerung

7.10.2008 | Von:
Helga Hirsch

Kollektive Erinnerung im Wandel

Der Verlust der Heimat

Stalingrad bedeutete die Wende: Der Aggressor wurde zum Getriebenen, und die Kriegsschauplätze, bisher vor allem auf den Territorien fremder Staaten, verlagerten sich ins Reichsgebiet. Im Juli 1944 wurden die Bewohner des Memellandes hinter die Memel evakuiert, im Oktober zogen die ersten sowjetischen Truppen in Ostpreußen ein. Entgegen dem ausdrücklichen Verbot von Gauleiter Erich Koch begaben sich die meisten Zivilisten auf eigene Faust auf die Flucht - vor allem nach den Schreckensmeldungen über die Vergewaltigungen und Ermordungen der Frauen von Nemmersdorf, das am 21. Oktober 1944 eingenommen worden war.

Die Fluchtwelle aus Ostpreußen bildete erst den Anfang. Noch weit mehr Menschen setzten sich in Bewegung, als die Rote Armee Mitte Januar 1945 ihre Großoffensive begann und über die Weichsel nach Westen stieß: Vier bis fünf Millionen flüchteten aus Danzig, Masuren, Ober- und Niederschlesien, Ostpommern und Ostbrandenburg. Hunderttausende starben an Entkräftung oder Kälte, ertranken in den Fluten der Ostsee, verbluteten nach sowjetischen und amerikanischen Bombenangriffen oder wurden von der Front überrollt und von Rotarmisten vergewaltigt.[14]

Auch in den deutschen Siedlungsgebieten im südlichen Mitteleuropa kam es von Herbst 1944 an zu massiven Evakuierungen und Fluchtbewegungen. So wurden bis März 1945 100 000 von insgesamt 140 000 Deutschen aus der Slowakei und fast alle 95 000 Deutschen aus Kroatien ins "Protektorat Böhmen und Mähren", ins Sudentenland oder nach Österreich umgesiedelt.[15] Ebenfalls im Herbst 1944 flüchtete ein großer Teil der Deutschen aus Jugoslawien, ein anderer Teil wurde evakuiert. Von insgesamt 540 000 Menschen deutscher Muttersprache in Jugoslawien befanden sich Ende 1944 rund 340 000 bereits außerhalb ihrer Heimat.[16] Von den verbliebenen Volksdeutschen wurden nach der Machtübernahme durch die jugoslawische Volksbefreiungsarmee im "Blutigen Herbst" 1944 viele Opfer von Racheaktionen durch Partisanen. Etwa 67 000 Zivilisten sollen in den Arbeits- und Vernichtungslagern umgekommen sein.[17] Aus Rumänien wurden Ende August und Anfang Oktober 1944 etwa 100 000 Volksdeutsche evakuiert. Der größere Teil der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben blieb zurück. Anfang 1945 wurden rund 75 000 zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion deportiert; viele kehrten nicht mehr nach Rumänien zurück, sondern ließen sich nach Deutschland ausweisen.[18]

Im Frühjahr 1945 kam kaum jemand unter den Flüchtenden auf die Idee, der Verlust der Heimat könnte endgültig sein. Vor allem die Reichsdeutschen aus Schlesien, Westpreußen und Pommern warteten nur das Ende der Kampfhandlungen ab. Allein nach Breslau kehrten mehrere Zehntausende zurück, insgesamt waren es über eine Million. Doch im Juni 1945 wurden die zurückströmenden Menschen schon westlich der Oder von Polen abgefangen. Damals begann die erste Phase der Vertreibung aus Polen. Diese "wilden" Aussiedlungen noch vor der Potsdamer Konferenz setzten am 20. Juni 1945 ein und dauerten ungefähr einen Monat. In diesem Zeitraum sind bis zu 400 000 Deutsche aus dem Grenzgebiet östlich von Oder und Neiße und aus Oberschlesien ausgesiedelt worden. Teilweise in Razzien von einer unvorbereiteten Armee zusammengetrieben, mussten die Menschen den Weg bis zu Oder und Neiße zu Fuß zurücklegen, und selbst für Kranke gab es keinerlei Transportmittel. Aufgrund des Einspruchs der Roten Armee, aber auch von polnischen Behörden, welche die Deutschen als Arbeitskräfte benötigten, wurden die Aussiedlungen Mitte Juli eingestellt.

Danach befanden sich noch etwa 4,5 Millionen Deutsche in Polen. Gemäß einer Anweisung des Ministeriums für öffentliche Verwaltung vom Juni 1945, der zufolge den Deutschen "das Leben derart erschwert werden" solle, dass auch die "hartnäckigsten Feinde des Polentums den Mut verlieren", in Polen zu bleiben, wurden "freiwillige Ausreisen" gefördert: durch Enteignungen, unzureichende Versorgung, Ausschluss von ärztlicher Versorgung, Ausschluss der Kinder von der Schulpflicht, durch massenhafte Beseitigung der "Spuren des Deutschtums" und durch Duldung von Diebstählen und Vergewaltigungen. Bis Ende 1945 verließen bis zu 550 000 Deutsche "freiwillig" Polen. Noch in den Zügen wurden sie ausgeraubt.

Von Februar bis Dezember 1946 erfolgten organisierte Aussiedlungen in Absprache mit den Alliierten. Etwa 1,5 Millionen Menschen kamen in die britische und - bis November 1947 - 1,84 Millionen in die sowjetische Zone. Insgesamt verließen in dieser Zeit fast 3,5 Millionen Deutsche die alten Ostgebiete.[19] Noch bis 1950 kamen vereinzelt Transporte mit Frauen, Kindern und Alten aus Ostpreußen, wo vor allem junge Frauen für die Sowjets hatten Zwangsarbeit leisten müssen, oder aus polnischen Internierungslagern wie Jaworzno und Potulice, in denen Angehörige der deutschen Minderheit zur Zwangsarbeit herangezogen worden waren. Die Deutschen, die nach 1950 in Polen blieben, wurden "polonisiert": Sie mussten polnische Namen annehmen und sich als Polen erklären.

In der Tschechoslowakei kam es vor allem in Prag, aber auch im Sudetenland gleich in den ersten Nachkriegstagen zu massenhaften Racheakten von Militär, "revolutionären Garden" und Zivilisten. Staatspräsident Benes führte am 12. Mai 1945 in Brünn aus: "Wir werden Ordnung machen unter uns, insbesondere auch hier in der Stadt Brünn mit den Deutschen und allen anderen. Mein Programm ist - ich verhehle es nicht -, dass wir die deutsche Frage in der Republik liquidieren müssen. Bei dieser Arbeit werden wir alle eure Kräfte brauchen."[20] Die Sudetendeutschen galten nicht zuletzt aufgrund der Popularität der Henlein-Partei vor dem Krieg pauschal als Verräter am tschechoslowakischen Staat und als NS-Anhänger. Entsprechend pauschal waren die Strafaktionen. Am bekanntesten wurde das Pogrom von Aussig am 31. Juli 1945, als die tschechische Bevölkerung nach einer Explosion in einem Munitionswerk eine Hetzjagd auf Deutsche veranstaltete und wahllos Frauen und Kinder umbrachte. Etwa 2 700 Personen sollen damals umgekommen sein. Auf dem Todesmarsch von Brünn (30. Mai 1945) führten Frustration und Wut von Tschechen zu 1 700 Morden unter den insgesamt 30 000 deutschen Einwohnern der Stadt. Die sog. Benes-Dekrete sahen wie die entsprechenden Erlasse der polnischen Regierung neben der Enteignung auch Zwangsarbeit für Deutsche vor. Die Rolle als Freiwild war so beängstigend und demütigend, dass selbst tschechische Quellen allein für das Jahr 1946 5558 Selbstmorde von Deutschen verzeichneten - manchmal gemeinsam von ganzen Familien in bester Sonntagskleidung verübt.[21] Nur etwa 200 000 von einst über drei Millionen Sudetendeutsche blieben in der Tschechoslowakei.

Die Vertreibung der Deutschen aus Ungarn begann im Januar 1946 in Ortschaften entlang der Grenze zu Österreich, in denen die donauschwäbische Bevölkerung zusammengedrängt worden war. Ursprünglich war auch hier nach dem Prinzip der Kollektivschuld die Aussiedlung der gesamten, etwa 500 000 Personen zählenden Minderheit geplant; schließlich waren etwa 117 000 von ihnen betroffen. Nach einer Unterbrechung im Juni wurden die Transporte in die amerikanische Zone im November 1946 wieder aufgenommen, im Dezember aber vollständig eingestellt.[22]

Insgesamt sind etwa 14 Millionen Deutsche aus dem Osten vertrieben worden; etwa zwei Millionen von ihnen kamen während Flucht und Vertreibung um. Die SBZ nahm 37,2 Prozent auf (4,5 Millionen), die britische Zone 32,8, die amerikanische 28,2 und die französische 1,4 Prozent - insgesamt 7,9 Millionen Menschen. 1950 stellten die Vertriebenen in der Bundesrepublik 16,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, bis 1961 stieg ihr Anteil aufgrund der Massenflucht aus der DDR sogar auf 21,5 Prozent. Jeder fünfte Bundesbürger war ein Flüchtling oder Vertriebener. Ihre rasche soziale und wirtschaftliche Integration gilt daher manchen noch heute als das eigentliche Nachkriegswunder. Wenn überhaupt, dann fielen Vertriebenenkinder im Wirtschaftswunderland positiv auf. So hielt der Soziologe Helmut Schelsky lobend fest: "(Die Flüchtlingsjugend) ist in ihrer hohen sozialen Mobilität, ihrem Anpassungs- und Durchsetzungswillen, ihrem sozialen und beruflichen Aufstiegsstreben und Leistungswillen von der einheimischen Jugend (. . .) höchstens durch die Schroffheit und das Tempo unterschieden, mit der sie in diese Verhaltensnotwendigkeiten hineingezwungen wurden."[23] Die Flüchtlingsfrage schien gelöst.

Doch heute sind wir uns dessen nicht mehr so sicher.

Die Integration der Flüchtlinge

Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen wurde zur alleinigen Aufgabe der Deutschen erklärt, aber die Alliierten übten beträchtlichen Druck aus. Die Vertriebenen sollten sich auf keinen Fall um Forderungen nach Rückkehr in die alte Heimat scharen, sondern sich möglichst schnell assimilieren. "Die Eingliederung der Flüchtlinge und Vertriebenen soll ihr organisches Aufgehen in der einheimischen Bevölkerung gewährleisten", hieß es etwa im Gesetz Nr. 303 in Baden-Württemberg vom Februar 1947.[24] So wurden die "Neuen" weit verstreut in ländlichen Gebieten angesiedelt, vor allem in Schleswig-Holstein, Niedersachsen und Bayern. Erst später wurden die Belastungen für die einzelnen Bundesländer gerechter verteilt. Bis in den Sommer 1948 hinein galt in den Westzonen ein generelles Koalitionsverbot für Vertriebene.[25]

In den ersten Wochen und Monaten stießen die Flüchtlinge und Vertriebenen bei den Einheimischen auf Mitgefühl: Die einen wie die anderen waren davon überzeugt, die Einquartierungen seien vorübergehend. Als sich dann abzeichnete, dass die Ostdeutschen bleiben würden, gab es vielerorts Ärger, denn die Wohnungsbewirtschaftung führte dazu, dass Alteingesessene Zimmer an Vertriebene abtreten mussten; in den westlichen Zonen lebten nun pro Quadratkilometer weit über 200 Menschen statt wie vor dem Krieg 160. Ferner bewirkte die plötzliche Konkurrenz, dass neben dem ansässigen Apotheker ein zweiter Laden in der Kleinstadt öffnete, dass schlesische Klempnermeister oder sudetendeutsche Gerber billigere Angebote unterbreiteten und sich auf dem Arbeitsmarkt Menschen bewarben, die größere Kompromisse einzugehen bereit waren als die Einheimischen. So wechselten zwei Drittel der vor dem Krieg selbständigen Vertriebenen nach 1945 den Erwerbszweig, unter den Landwirten waren es sogar 87 Prozent.[26]

Die teilweise katastrophale Unterbringung in leeren Fabrikhallen, Hotels oder in Baracken ehemaliger Zwangsarbeitslager suchte man seit 1950 durch Wohnungsprogramme abzuschaffen. Zehn Jahre nach Kriegsende existierten in der Bundesrepublik aber noch immer 3000 kriegsbedingte Lager, obwohl vielerorts neue Siedlungen entstanden waren und viele Vertriebene dank günstiger Darlehen eigene Häuser zu bauen begannen. Die Zahlungen durch den Lastenausgleich entschädigten die Betroffenen zwar nur für einen Bruchteil ihres verlorenen Vermögens, gaben ihnen aber das Gefühl einer gewissen Genugtuung. Um die Wachstumspolitik nicht zu gefährden, erfolgten die Hauptentschädigungen allerdings nicht vor 1959. In langwierigen Prozeduren, bei denen die Angaben von speziellen Kommissionen verifiziert wurden, sind bis 1979 etwa 22 Prozent der Vermögensverluste ausgeglichen worden.[27]

Die Vertriebenen in der DDR erhielten nach der Wiedervereinigung eine einmalige Pauschalsumme von 4000 DM. In der SBZ hatte es aufgrund des Befehls Nr. 304 der Sowjetischen Militäradministration (SMAD) von 1946 nur eine einmalige Unterstützung für Arbeitsunfähige und Bedürftige gegeben: 300 RM für Erwachsene, 100 RM für deren Kinder. Bis 1949 waren 400 Millionen Mark für diese Vertriebenensoforthilfe ausgeschüttet worden - fast jeder zweite Vertriebene hatte davon profitiert. Ebenfalls aufgrund eines Befehls der SMAD wurden die Vertriebenen seit 1945 offiziell als "Umsiedler" bezeichnet; die SED sprach auch von "Neubürgern". So spiegelte die Wortwahl wider, dass Kritik an Vertreibung und die Erinnerung an Unrecht in der SBZ/DDR nicht erwünscht waren.

Dabei ist der Verzicht auf die deutschen Ostgebiete den deutschen Kommunisten nicht leicht gefallen.[28] Der SED-Vorsitzende Wilhelm Pieck, ein gebürtiger Gubener, warb bei den Gemeindewahlen im Herbst 1946 mit einer Revision der Oder-Neiße-Grenze: "Wir werden alles tun, damit bei den Alliierten die Grenzfrage nachgeprüft und eine ernste Korrektur an der jetzt bestehenden Verwaltung der Ostgrenze vorgenommen wird."[29] Erst nach einem Besuch der SED-Führung Ende Januar 1947 in Moskau begann sich diese Politik zu verändern - zumindest innerhalb der Parteispitze, denn der später als Konterrevolutionär inhaftierte Wolfgang Harich, ein gebürtiger Ostpreuße, gab noch im Juni 1948 im Nordwestdeutschen Rundfunk seiner Hoffnung auf eine Grenzrevision bei einer Friedenskonferenz Ausdruck. Kurz darauf wurde das Thema zum Tabu. Am 6.Juni 1950 unterzeichneten Ost-Berlin und Warschau die Deklaration über die "Grenzmarkierung an Oder und Neiße". Wer die Grenze fortan in Frage stellte, hatte mit Parteistrafen und juristischer Verfolgung zu rechnen. Landsmannschaftliche Organisationen waren verboten. Eine Organisation für Vertriebene sei, so hieß es, in der DDR überflüssig, da es sich bei den Konflikten zwischen Eingesessenen und "Umsiedlern" um soziale Probleme handele, die angesichts einer raschen "Verschmelzung" der beiden Bevölkerungsgruppen nur vorübergehenden Charakter trügen.[30]

Vielen Vertriebenen in der DDR hat die Tabuisierung ihrer Vergangenheit die Trauerarbeit erschwert. Nicht einmal ihre kulturelle Identität konnten sie in die Aufnahmegesellschaft einbringen. Als 1989 die Mauer fiel, strömten Zehntausende Schlesier, Pommern und Ostpreußen in die Versammlungen der Vertriebenenverbände: Es bestand starker Nachholbedarf, über die verlorene Heimat zu reden und das Unrecht zu benennen. Viele hatten bereits lange vorher die Konsequenzen gezogen: Von den gut vier Millionen Vertriebenen in der DDR hatten sich bis zum Mauerbau 1961 über eine Million in den Westen abgesetzt.

In den Westzonen wurde das Koalitionsverbot für Flüchtlinge und Vertriebene Ende der vierziger Jahre aufgeweicht. Zunächst hatten die Alliierten befürchtet, unter den Westpreußen, Pommern oder Sudetendeutschen könnten schnell Nationalismus und Revanchismus erstarken. Im Februar 1946 war der Versuch von Linius Kather, vor 1933 einziger Vertreter der Zentrumspartei im Stadtparlament von Königsberg, eine "Notgemeinschaft einzelner Landsmannschaften" zu gründen, von der Militärregierung untersagt worden. Und im Mai 1946 wurde sein Antrag auf Genehmigung einer "Arbeitsgemeinschaft deutscher Flüchtlinge" abgelehnt. Doch bei der evangelischen Kirche entstanden "Hilfskomitees" für Menschen aus den Vertreibungsgebieten, geleitet von Eugen Gerstenmaier; die katholische Kirche ernannte den früheren Ermländer Bischof Maximilian Kaller zum "Flüchtlingsbischof".

Der einsetzende Kalte Krieg erleichterte jedoch dann die Zulassung von Vertriebenenorganisationen. So durfte sich die "Arbeitsgemeinschaft deutscher Flüchtlinge" unter dem neuen Namen "Aufbaugemeinschaft der Kriegsgeschädigten" im März 1948 als Verein eintragen, und im April 1949 schlossen sich die Landesverbände der Heimatvertriebenen zum "Zentralverband vertriebener Deutscher" (ZvD) zusammen. Gemeinsam mit den Landsmannschaften der Sudetendeutschen und der Schlesier bildete er im November 1951 den Bund der Vertriebenen (BdV).[31]

Die "Charta der Heimatvertriebenen" vom 5. August 1950 ist ein gutes Beispiel für die Mischung aus Radikalität und Mäßigung, mit der die Vertriebenenorganisationen fortan Politik machten. Einerseits verzichtete die Charta "auf Rache und Vergeltung" und forderte die "Schaffung eines geeinten Europas, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können"; andererseits bestand sie auf dem "Recht auf Heimat" als grundlegendem Menschenrecht - als Recht auf Rückkehr verstanden. Bis in die achtziger Jahre hinein, als die schlesische Landsmannschaft ihren "Deutschlandtag" unter die Losung "Schlesien bleibt unser!" stellte, verstanden es die Vertriebenenverbände immer wieder, die Öffentlichkeit, vor allem aber die Nachbarn im Osten, mit radikalen, revanchismusverdächtigen Parolen aufzuschrecken. Dabei war es von den siebziger Jahren an still um sie geworden, seit mit der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition Aussöhnung gefragt war und nicht mehr Konfrontation. Unter den Vertriebenen gehörte schon 1965 nur knapp ein Prozent einer Landsmannschaft an.[32] Die starken Worte, so schien es Beobachtern, sollten von der schwachen Position ablenken: "Symbolische Handlungen, propagandistische Leerformeln und unrealistische Forderungen wurden zum Ersatz einer nicht realisierbaren Politik."[33]

Wesentlich kurzlebiger als der BdV erwies sich der im Januar 1950 in Schleswig-Holstein vom ehemaligen SS-Sturmbannführer Waldemar Kraft gegründete "Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten" (BHE). Bei der ersten Landtagswahl, an der er teilnahm (Schleswig-Holstein im Juli 1950), erreichte er überraschend 23,4 Prozent. Doch schon bei der Bundestagswahl 1953 erhielt er trotz eines Wählerpotentials von zehn Millionen Bundesbürgern mit Vertriebenen- oder Flüchtlingsstatus nur 5,9 Prozent (1,6 Millionen Stimmen), bei der Wahl 1957 schrumpfte sein Anteil auf 4,6 Prozent. Damit war der BHE, von Adenauer zuvor noch als Koalitionspartner geschätzt, nicht mehr im Parlament vertreten. Als Kommunikationsmittel zwischen den Vertriebenen dienten die Zeitungen der Landsmannschaften. Das "Ostpreußenblatt" erreichte 1959 eine Auflage von 128000, "Die Pommersche Zeitung" 53 000 (1960), "Die Sudetendeutsche Zeitung" 25 000 (1960) und "Unser Oberschlesien" 22 900 (1962). Als Lesemotive standen an erster Stelle: Heimaterinnerungen, landsmannschaftlich-familiäre Nachrichten, Unterhaltung, Lastenausgleich und Soziales.[34] Parteipolitisch hatten sich die meisten Vertriebenen der SPD oder den Unionsparteien zugewandt.

Fußnoten

14.
Für Deutschland in den Grenzen von 1937 wird von mindestens zwei Millionen Vergewaltigungsopfern ausgegangen. Vgl. Franz W. Seidler/Alfred M. de Zayas, Kriegsverbrechen in Europa und im Nahen Osten im 20. Jahrhundert, Hamburg-Berlin-Bonn 2002, S. 122.
15.
Vgl. Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg (Hrsg.), Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen als internationales Problem, Stuttgart 2002, S. 17.
16.
Vgl. Donauschwäbische Kulturstiftung (Hrsg.), Verbrechen an den Deutschen in Jugoslawien 1944 - 1948, München 2000, S. 66.
17.
Vgl. ebd., S. 312.
18.
Vgl. Das Schicksal der Deutschen in Rumänien, in: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, Bd. III, München 1984, S. 64 E ff.
19.
Vgl. W
20.
Dt. Übersetzung in: Der "Brünner Todesmarsch" 1945. Die Vertreibung und Misshandlung der Deutschen aus Brünn, Schwäbisch Gmünd 1998, S. 35.
21.
Vgl. Jaroslaw Kucera, Odsunove ztraty sudetonemeckeho obyvatelstva, Prag 1992, zit. nach N. M.Naimark (Anm. 4), S. 118.
22.
Vgl. Agnes Tóth, Migrationen in Ungarn 1945 - 1948, München 2001, S. 175.
23.
Helmut Schelsky, Die skeptische Generation, Düsseldorf 1963, S. 331.
24.
Zit. nach: Haus der Heimat (Anm. 15), S. 26.
25.
Vgl. Reinhold Schillinger, Der Lastenausgleich, in: W.Benz (Anm. 7), S. 232.
26.
Vgl. Die Flucht der Deutschen, Spiegel-Spezial, 2/2002, S. 125.
27.
Vgl. R. Schillinger (Anm. 25), S. 240.
28.
Vgl. Andreas Malycha, "Wir haben erkannt, dass die Oder-Neiße-Grenze die Friedensgrenze ist". Die SED und die neue Ostgrenze 1945 bis1951, in: Deutschland Archiv, 33 (2000) 2, S. 193 - 207.
29.
Zit. nach: Die Flucht der Deutschen (Anm. 26), S. 120.
30.
Vgl. Michael Schwartz, Vertreibung und Vergangenheitspolitik. Ein Versuch über geteilte deutsche Nachkriegsidentitäten, in: Deutschland Archiv, 30 (1997) 2, S. 177 - 195; ders., Tabu und Erinnerung. Zur Vertriebenen-Problematik in Politik und literarischer Öffentlichkeit der DDR, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft, (2003) 1, S. 89.
31.
Vgl. Hermann Weiß, Die Organisationen der Vertriebenen und ihre Presse, in: W. Benz (Anm. 7), S. 248.
32.
Vgl. Dietrich Strothmann, "Schlesien bleibt unser": Vertriebenenpolitik im Rad der Geschichte, in: W. Benz (Anm. 7), S. 267.
33.
Joseph Foschepoth, Die Westmächte, Adenauer und die Vertriebenen, in: W. Benz (Anm. 7), S. 105.
34.
Vgl. H. Weiß (Anm. 31), S. 260.

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