Kinder der jüdischen Grundschule in Frankfurt am Main sitzen zusammen an einem Tisch

30.9.2021 | Von:
Doron Kiesel

Zur Gründung der Jüdischen Akademie in Frankfurt am Main

Der Tradition verbunden – In der Moderne leben

Mit ihrem Sitz in der Mainmetropole Frankfurt am Main steht die Jüdische Akademie in der Tradition des Freien Jüdischen Lehrhauses. Sie wirkt als intellektueller Mittel- und Anziehungspunkt sowohl für Juden aus Deutschland und Europa als auch für Mitglieder anderer Religionsgemeinschaften, die an jüdischen, interkulturellen, interreligiösen oder universellen Fragestellungen interessiert sind. Als eigenständige Institution im Rahmen des Zentralrats der Juden in Deutschland ist es ihr Ziel, öffentliche Diskurse aufzugreifen, zu initiieren oder zu problematisieren und somit der jüdischen Stimme in Deutschland ein erkennbares Profil zu verleihen.

An der Senckenberganlage in Frankfurt a.M. wird die neue Jüdische Akademie entstehen. Der Entwurf stammt vom Architekten Zvonko Turkali.An der Senckenberganlage in Frankfurt a.M. wird die neue Jüdische Akademie entstehen. Der Entwurf stammt vom Architekten Zvonko Turkali. (© Zvonko Turkali)

Das Judentum ist eine der geistigen Säulen Europas: Obwohl es Jahrhunderte lang nicht die gleichen Bürgerrechte wie die Mehrheitsgesellschaft besaß und zumeist separat von ihr lebte, prägte es ebenso die kulturelle, politische und ökonomische Geschichte vom Mittelalter bis in die frühe Neuzeit. Für die Aufklärung war die Beteiligung von Juden und die Auseinandersetzung mit dem Judentum von herausragender Bedeutung. Das jüdische Bildungsverständnis sieht sich besonders dem Postulat einer aktiven Toleranz und eines gleichberechtigten Miteinanders von Kulturen verpflichtet. In diesem Geiste will die Jüdische Akademie in Frankfurt am Main wirken.
Farbfoto: Spatenstich zum Baubeginn der Jüdischen AkademieSpatenstich zum Baubeginn der Jüdischen Akademie. (© picture-alliance, dpa | Boris Roessler)
Ihr Bau hat vor Kurzem begonnen, die Fertigstellung ist für Ende 2023 geplant, 2024 soll die Jüdische Akademie dann ihren Betrieb aufnehmen. Gerade im Zeitalter der Globalisierung möchte sie dabei ihren Beitrag dazu leisten, dass kulturelle und religiöse Pluralität als selbstverständlich in der Gesellschaft gelten. Weiterhin sieht die Jüdische Akademie ihre Aufgabe – nach dem in der Shoah erfahrenen Zivilisationsbruch – in der kreativen und kritischen Aneignung des religiösen und kulturellen Erbes des europäischen und besonders des deutschen Judentums. Sie ist bestrebt, dieses Erbe in der Zukunftsdebatte sowohl in den Jüdischen Gemeinden als auch in der deutschen wie der europäischen Gesellschaft einzubringen. Zugleich möchte sie die Traditionen des in der ehemaligen Sowjetunion gewachsenen Judentums, die durch die Zuwanderung der russischsprachigen Juden in den Jüdischen Gemeinden zur Geltung kommen, würdigen und aufnehmen.

Die Jüdische Akademie ist vor dem Hintergrund der kulturellen und religiösen Vielfalt der in Deutschland lebenden jüdischen Gemeinschaft vor die Aufgabe gestellt, unterschiedlichen Bildungsverständnissen und -horizonten gerecht zu werden: so stehen religiös begründete Zugänge zu Bildung und Erziehung neben bildungsbürgerlich, säkular geprägten oder religionsfernen Ansätzen. Ziel ist hier die Vermittlung eines aufgeklärten Judentums, in dem diese unterschiedlichen Traditionen ihren begründeten Platz haben und zugleich darum ringen, Juden unterschiedlicher Altersgruppen überzeugende Orientierungsangebote zu unterbreiten. Im Rahmen ihrer pädagogischen Praxis versucht die Akademie die Herausbildung jüdischer Identitäten in der Moderne zu vertiefen.

Wozu eine Jüdische Akademie?

Mit der Einwanderung von über zweihunderttausend Juden aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland seit Ende der 1980er Jahre zählt die Jüdische Gemeinschaft in Deutschland mittlerweile zu den zahlenmäßig größten in Europa. Mit der gewaltigen Herausforderung für die jüdischen Zuwanderer, sich in die Gesellschaft und in den Jüdischen Gemeinden zu integrieren, wächst auch deren Bedarf nach politischer, kultureller oder religiöser Orientierung.

Akademien dienen grundsätzlich dem Ziel der öffentlichen Auseinandersetzung mit unterschiedlichen weltanschaulichen oder religiösen Perspektiven – mit Vertretern und Vertreterinnen der Wissenschaft, der Politik, der Kunst und der Kultur.

Dabei haben Akademien zugleich die Aufgabe, Fragen und Probleme, die in Verbänden, Institutionen oder Parteien aufgrund ihrer Brisanz noch nicht entscheidungsreif sind, im Vorfeld zu diskutieren, bzw. einen Raum für kontroverse Debatten zur Verfügung zu stellen.

Die Lage der jüdischen Minderheit in Deutschland ist – auch im Vergleich mit anderen Minderheiten – durch eine Reihe von Besonderheiten gekennzeichnet.
  1. Die in Deutschland lebenden Juden sind auch Jahrzehnte nach der Shoah mit den Folgen der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik konfrontiert. Es gibt kaum eine in Deutschland lebende jüdische Familie, die nicht Opfer des nationalsozialistischen Rassenwahns zu verzeichnen hat.

  2. Im Unterschied zu anderen von den Nationalsozialisten verfolgten Minderheiten weist die jüdische Gemeinschaft – wenn auch in einer erheblichen Spannbreite – ein deutliches religiöses Profil auf: bei aller Betonung eines ethnischen jüdischen Zusammenhangs ist darauf hinzuweisen, dass der wesentliche Aspekt der jüdischen Gemeinschaft die jüdische Religion ist.

  3. Der jüdische Glaube gehört zur Realgeschichte Europas in Mittelalter und früher Neuzeit; die Aufklärung wäre ohne die Beteiligung von Juden und die Auseinandersetzung mit dem Judentum nicht zu verstehen – ganz zu schweigen von der Kultur der Moderne.

  4. Mit anderen in der Migrationsgesellschaft lebenden ethnischen Minderheiten verbindet die jüdische Minderheit die existenzielle Anteilnahme am Schicksal eines "Herkunfts- oder Zukunftslandes" – im Falle der Juden ist dies der Staat Israel. Das Interesse der Juden wiederum unterscheidet sich von anderen Formen ethnischen Engagements der in Deutschland lebenden Minderheiten, insofern als dass der Staat Israel nach wie vor existenziell bedroht ist und zugleich eine Zuflucht vor Judenfeindschaft verheißt.
Aus diesen besonderen Merkmalen der jüdischen Gemeinschaft lassen sich die sowohl an die allgemeine Öffentlichkeit als auch an die jüdische Öffentlichkeit gerichteten Programmangebote entwickeln.

Von den in einigen europäischen Ländern vor allem im konfessionellen Bereich etablierten jüdischen Lernorten wird sich die Jüdische Akademie dadurch unterscheiden, dass in ihren Debatten die Religion zwar eine große, aber nicht die einzige Rolle spielt. Vielmehr soll sie sich gezielt an ein politisch und kulturell interessiertes und engagiertes Publikum wenden. Dass sich das heutzutage ohne Bezug auf das israelische, europäische und nordamerikanische Judentum nicht verantwortungsvoll betreiben lässt, sollte sich von selbst verstehen. Nicht zuletzt wird es darum gehen, auch relevanten Personen aus Politik, Kultur, Ökonomie und Religion die Gelegenheit zu geben, sich aus erster Hand – durch Vorträge von Experten und Treffen mit jüdischen Verantwortungsträgern – über Belange des zeitgenössischen Judentums zu informieren. Die thematischen Angebote sollen in Form von offenen Vorträgen, Seminaren, internen und externen Fortbildungsveranstaltungen, Exkursionen und Kooperationsveranstaltungen unterbreitet werden.

Über das Selbstverständnis und die historische Verankerung der Jüdischen Akademie

  1. Eine zentrale Programmschiene wird sich der deutsch-jüdischen Geschichte sowie der Geschichte der Vernichtung des europäischen Judentums und seiner Renaissance widmen. Nach wie vor wird die deutsch-jüdische Geschichte in der Öffentlichkeit mehr beschworen, als dass sie bekannt ist. Obwohl die Jüdischen Museen mit ihren Ausstellungen hier sicherlich schon viel verändert haben, ist der Öffentlichkeit noch zu wenig bekannt, dass die Geschichte der in "Aschkenas" lebenden Juden ein integraler Teil der deutschen Geschichte ist.

    Das, was gemeinhin als Aufarbeitung der Shoah bezeichnet wird, ist historisch noch bei weitem nicht ausreichend erforscht. Wichtige Fragen – etwa danach, was die Deutschen "wussten", bzw. wie sich der Widerstand zur Judenvernichtung verhielt – sind nach wie vor, gerade ihrer besonderen moralischen Bedeutsamkeit wegen, hoch umstritten und die Frage, ob und was von diesem furchtbaren Geschehen Kindern und Jugendlichen vermittelt werden kann, Gegenstand intensiver fachpädagogischer Diskurse. Außerdem ist noch viel zu wenig bekannt über die Geschichte der Wiedergründung der Jüdischen Gemeinden nach dem Zweiten Weltkrieg: das betrifft sowohl die Geschichte der Displaced Persons, der Rückkehr deutscher Juden als auch der jüdischen Gemeinden in der ehemaligen DDR.

  2. Was für die Geschichte einleuchtet, trifft für die Kenntnis der jüdischen Gemeinschaft in ihrer Gegenwart allemal zu. Die Beziehungen und das Spannungsverhältnis von jüdischem Glauben und seinen verschiedenen Ausformungen, jüdischen Lebensweisen, die Existenz des Staates Israel und staatsbürgerlicher jüdischer Existenzweise in der Diaspora stehen im Mittelpunkt jüdischen Interesses. Dabei spielen normative, glaubensgeleitete Vorstellungen eine ebenso große Rolle wie soziologische und sozialpsychologische Fakten.

  3. Das Judentum in Geschichte und Gegenwart aus sich selbst heraus verständlich zu machen, wird eine der Hauptaufgaben der Jüdischen Akademie sein. Weitgehend unbekannt ist auch die Vielfalt jüdischer Denominationen (Untergruppen innerhalb einer Religion) und Liturgien – von der Reform und der Orthodoxie bis zu den heute existierenden chassidischen Gruppen, die in den jeweiligen Gemeinden das jüdische Leben bestimmen.

  4. Dabei gehört es zu den Realitäten jüdischen Lebens und der politischen Existenz in Deutschland, sich mit der besonderen Rolle Israels auseinanderzusetzen. Es fällt auf, dass die Situation der israelischen Gesellschaft jenseits des Nahostkonflikts in der deutschen Öffentlichkeit nur eine geringe Aufmerksamkeit erfährt. Zwar sind israelische Autoren hierzulande Bestsellerautoren, doch sind die sozialen Verhältnisse in Israel vom Bildungssystem über die Parteienlandschaft bis hin zur politischen Kultur, von Kunst, Musik, Literatur und Film nur wenig bekannt. Die Jüdische Akademie will sich daher darum bemühen, das ganze Spektrum israelischer Politik und Kultur sichtbar zu machen.

  5. Die unmittelbare Aufgabe, vor der die jüdische Gemeinschaft in Deutschland indes steht, ist ihre innere Integration. Die künstlerisch und intellektuell ebenso anspruchsvolle zweite und dritte Generation jüdischer Immigranten aus den Territorien der ehemaligen Sowjetunion wird das künftige Bild eines erneuerten deutschen Judentums prägen; man wird diese Synthese kaum verstehen, ohne sich mit der Jahrhunderte alten Geschichte der russischen Juden bis zum Ende der Sowjetunion intensiver zu befassen. Die Jüdische Akademie wird sich mit der Soziologie, Psychologie und Kultur dieser Immigration befassen und sie in ihren Veranstaltungen einbinden, wodurch auch ein Beitrag zur Entwicklung der jüdischen Gemeinschaft geleistet werden kann.

Die Themen der Akademie

76 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, nach der Befreiung der letzten Überlebenden der Konzentrationslager, gibt es in Deutschland nicht nur Juden, sondern auch ein selbstbewusstes Judentum. Es war der junge Franz Rosenzweig (1886-1929), der in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Hermann Cohen (1842-1918) einen Brief unter dem Titel "Zeit ist’s" schrieb und damit den Impuls zu einer neuen, jüdischen Bildungsbewegung gab. Lässt sich ähnliches für heute formulieren?

Die Jüdische Akademie wird diesem Impuls in vielfältigen Formaten wie Seminaren, Konferenzen, Podiumsdiskussionen, Studientagen, Buchvorstellungen, Filmvorführungen und Vorträgen nachgehen und dabei besonders folgende Schwerpunkte behandeln:
  1. Das Judentum – eine lebendige Religion in Geschichte und Gegenwart
  2. Eine Vielfalt religiöser Strömungen und Liturgien von der Orthodoxie, über das Reformjudentum bis hin zu chassidischen Gruppen formen das jüdische Leben weltweit. Jüdische Bildungsarbeit hat den Anspruch, die innerjüdische Pluralität zum Thema zu machen und eine Plattform anzubieten, die sich mit den Positionen und Traditionen der unterschiedlichen religiösen Strömungen des Judentums auseinandersetzt.

  3. Jüdische Lebenswelten – Pluralisierung und Eigensinn
  4. Die jüdische Gemeinschaft in Deutschland ist in den letzten Jahrzehnten durch die Zuwanderung von Juden nach Deutschland zahlenmäßig enorm gewachsen. Juden aus unterschiedlichen Herkunftsländern und religiöser Traditionen prägen die jüdische Gemeinschaft. Der aktive Beitrag wird darin bestehen, Vertretern jüdischer Gruppen unterschiedlicher Altersgruppen sowie religiöser und kultureller Orientierungen ein Forum der Auseinandersetzung und Klärung der eigenen Identität sowie der kulturellen, politischen oder religiösen Orientierung zu bieten. Hierbei werden Veranstaltungen, in denen die sich verändernde Rolle und Position der Frauen in der jüdischen Lebenswelt thematisiert werden, ihren festen Platz haben.

  5. Das Verhältnis zu Israel
  6. Die Verbindung zum Staat Israel ist für die meisten Juden sowie für die in Deutschland ansässigen jüdischen Institutionen zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Der jüdische Bildungsauftrag wird also nicht umhinkommen, bestehende Beziehungen mit israelischen Organisationen und Institutionen sowohl voranzutreiben als auch zu vertiefen. Dies soll zu einer umfassenden Auseinandersetzung mit den Belangen und Interessen der israelischen Gesellschaft und den dort vertretenen vielfältigen politischen, sozialen, kulturellen oder religiösen Vorstellungen beitragen.

  7. Aufklärung über die Shoah
  8. Die Massenvernichtung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Kollaborateure ist noch nicht in allen wesentlichen Dimensionen erforscht. Eine Aufgabe jüdischer Bildungsarbeit ist es, neue substantielle Ergebnisse historischer Forschung zur Debatte zu stellen.Sie wird auch an der für die politische Bildung Deutschlands entscheidenden Diskussion teilnehmen, wie die Geschichte des Nationalsozialismus und seiner Verbrechen einer in Deutschland lebenden Jugend vermittelt werden kann, die mittlerweile in vielen Fällen einen Migrationshintergrund hat.

  9. Erinnern und Gedenken in der deutschen Gesellschaft
  10. Das Erinnern und Gedenken an die Vernichtung der europäischen Juden während der Shoah hat sich in Deutschland durch den zeitlichen Abstand zum Nationalsozialismus verändert. Sowohl in der deutschen Gesellschaft als auch in der jüdischen Gemeinschaft werden neue Formen der Gedenkkultur entwickelt, die eine mitunter veränderte identitätsstiftende Bedeutung begründen. Aufgabe der Jüdischen Akademie ist es daher, den Prozess der Erinnerungspraxis zu begleiten und zu reflektieren, und somit rechtextremen und populistischen Versuchen, die Geschichte zu leugnen oder umzudeuten, entgegenzuwirken.

  11. Gefährdete Demokratie: Antisemitismus und Populismus
  12. Die Zunahme rechtspopulistischer und antisemitischer Parteien und Bewegungen in Deutschland und Europa stellt die antisemitismuskritische Bildungsarbeit vor neue Herausforderungen. Unter komplexen gesellschaftlichen Verhältnissen verbreiten sich häufig Verschwörungsmythen, die sich gegen Errungenschaften der Moderne wie die Aufklärung, den Pluralismus oder die Achtung der Rechte individueller Lebensformen wenden. Angesichts einer damit einhergehenden Zunahme gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit wird eine weitere Aufgabe darin bestehen, die Bedeutung rechtsstaatlich verankerter demokratischer Strukturen und Institutionen und der ihnen zugrundeliegenden politischen Kultur beharrlich hervorzuheben.

  13. Ästhetik, Kunst, Film und Literatur
  14. Die Bandbreite jüdischen kulturellen Schaffens findet ihren Ausdruck in nahezu allen künstlerischen Bereichen der modernen Gesellschaft. Diese tragen dazu bei, einen Einblick in eine von Juden und Jüdinnen geführte ästhetische Auseinandersetzung mit ihrer Lebenswelt in Deutschland, Europa, den USA und Israel zu gewinnen. Ein jüdisches Bildungskonzept sieht daher vor, als Forum entsprechender künstlerischer Werke aus der jüdischen Welt zu fungieren.

  15. Jüdische Philosophie und Ethik
  16. Die Lehren und Ideen des rabbinischen und talmudischen Judentums haben einen wesentlichen Beitrag zum modernen jüdischen Denken und seiner Kultur geleistet. Jüdische Philosophie und Ethik basieren auf diesem Denken und prägen zeitgenössische Diskurse und existenzielle Fragestellungen. Im Rahmen der Begleitung jüdischer Bildungsprozesse wird notwendigen sinn- und identitätsstiftenden Debatten Raum gegeben, um die Grundlagen jüdischen Denkens und Handelns innerhalb der jüdischen Gemeinschaft zu erweitern. Die Jüdische Akademie verspricht sich mit diesen ausdifferenzierten und vielfältigen Orientierungsangeboten für die Mitglieder jüdischer Gemeinden, einen Beitrag zur Stärkung der jüdischen Identität zu leisten, und somit die Bedeutung der jüdischen Stimme innerhalb der pluralen deutschen Gesellschaft festigen zu können.

  17. Interreligiöse (Streit-) Gespräche
  18. Der christlich-jüdische Dialog hat in den letzten Jahrzehnten zu großen Fortschritten beim Abbau von Vorurteilen geführt. Die systematische Erforschung der Verantwortung der christlichen Theologie und der Kirchen für die Judenverfolgung ist Ausdruck eines veränderten Verständnisses christlicher Einstellungen gegenüber dem Judentum, verbunden mit dem Wunsch, in einen stetigen Dialog mit Vertretern des Judentums zu treten. Dennoch wird das Judentum in religiöser Hinsicht vor allem als Religion des ´Alten´ Testaments wahrgenommen. Dass es jedoch vornehmlich die Lehren und Ideen des rabbinischen, des talmudischen Judentums waren und sind, die einen wesentlichen Beitrag zum zeitgenössischen und modernen jüdischen Denken und seiner Kultur geleistet haben, wird weitgehend übersehen. Die Jüdische Akademie wird sich daher sowohl den historischen Wurzeln des christlichen Antijudaismus und des politischen Antisemitismus als auch dem rabbinischen Judentum als Basis moderner Philosophie intensiv widmen.
Mit dem Auf- und Ausbau eines spezifisch "jüdisch-islamischen", theologisch und philosophisch geführten Dialogs wird die Jüdische Akademie einen neuen, eigenen Akzent setzen, um sowohl die historisch gewachsenen Unterschiede als auch die gemeinsamen Interessen als religiöse Minderheiten in Deutschland zu erkunden. Denn ein ebenso intensiver wie hart in der kontroversen Sache geführter, kritischer Dialog zwischen Juden und Muslimen, der sich nicht in Beteuerungen wechselseitiger Toleranz erschöpft, ist für die Zukunft Deutschlands, Europas, der westlichen Welt und des Mittleren Ostens von vitaler Bedeutung.

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