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Skatepark mit springendem Skater im Vordergrund.

25.2.2010 | Von:
Klaus Farin

Neue soziale Bewegungen

Die Frauenbewegung thematisierte auch in progressiven (Männer-)Kreisen ignorierte Probleme der Erziehung, Partnerschaft und Sexualität. Am 6. Juni 1971 erklärten 374 Frauen in einer spektakulären Aktion im Stern: "Wir haben abgetrieben."

Neben den Atomkraftgegnern (hier 1977 in Hameln) entwickeln sich in den siebziger Jahren zahlreiche soziale und ökologische Bewegungen.Neben den Atomkraftgegnern (hier 1977 in Hameln) entwickeln sich in den siebziger Jahren zahlreiche soziale und ökologische Bewegungen. (© AP)

"Geht man davon aus, dass auf jeden Aktivisten vier oder fünf Sympathisanten kommen, so zählt die Bewegung samt Dunstkreis 300000 bis 400000 Menschen" (Huber 1980, S. 29f.). Der Politikwissenschaftler Joseph Huber schätzte, dass es bis Ende der Siebzigerjahre in der Bundesrepublik und Westberlin ca. 11500 Alternativprojekte gab, in denen rund 80000 Menschen an der Verwirklichung anderer Lebens-, Arbeits- und Selbsthilfeformen arbeiteten. Eine eigene Frauenbewegung formierte sich und thematisierte auch in progressiven (Männer-)Kreisen ignorierte Probleme der Erziehung, Partnerschaft und Sexualität. Am 6. Juni 1971 erklärten 374 Frauen in einer spektakulären Aktion im Stern: "Wir haben abgetrieben." Doch die Bedeutung der Frauenbewegung reichte weit über die frauenspezifischen Themen hinaus. Der Ansatz der Frauenbewegung, die eigene Politik nicht mehr aus scheinbar objektiven "Notwendigkeiten" abzuleiten, sondern von den individuellen und kollektiven Bedürfnissen der Aktivisten auszugehen, die durch die Frauenbewegung forcierte Politisierung des "Privaten", der sozialen und Geschlechterbeziehungen und des Verhältnisses zur Umwelt, verbunden mit dem Anspruch, die in diesen Bereichen geäußerte Kritik direkt im Alltag umzusetzen, wurde zum zentralen Motor der gesamten Alternativbewegung.

Für heftige öffentliche Debatten sorgte auch die sich über tradierte Vorstellungen von Erziehung und Schule hinwegsetzende Kinderladen- und Alternativschulbewegung. Kinder und Jugendliche standen häufig im Mittelpunkt angestrebter Reformen und Initiativen, meldeten sich aber auch selbst z.B. in der Jugendzentrumsbewegung lautstark und häufig erfolgreich zu Wort. Nach einer Umfrage der Zeitschrift Deutsche Jugend von 1974 hatten von 240 Initiativen bereits ein Drittel die Einrichtung eines selbst verwalteten Jugendzentrums durchgesetzt (Siebert 2002, S. 77). Das 1973 gegründete "Koordinationsbüro für Initiativgruppen der Jugendzentrumsbewegung" unterhielt Kontakte zu ca. 600 Initiativgruppen (Bacia/Scherer 1981, S. 97).

Die überall aus dem Boden sprießenden Jugend- bzw. "soziokulturellen" Zentren wurden neben sommerlichen Open-Air-Festivals auch wichtige Auftrittsorte für die in den Siebzigerjahren boomende "Politrock"-Szene. Musikalisch gesehen reichte ihr Spektrum weit über die Rockmusik hinaus, Folk und Chanson gehörten ebenso zum Repertoire wie Kabarett und Hardrock. Was sie einte, war der politische Anspruch. Bands und Interpreten wie Lokomotive Kreuzberg (die später zur Nina Hagen Band wurde) und Ton Steine Scherben aus Berlin, Ihre Kinder aus Nürnberg, Floh de Cologne aus Köln oder auch der in der Hamburger Jazz- und Politrockszene engagierte Udo Lindenberg verstanden sich als Sprachrohr der rebellischen Jugend bzw. der linksalternativen Systemkritik. Um verstanden zu werden, nicht nur von Studenten, sondern auch von Schülern und Lehrlingen, benutzten sie die deutsche Sprache.

Schüler- und alternative Jugendmagazine boomten wie nie zuvor, Bürgerinitiativen und Basisgruppen vertrauten nicht mehr auf die etablierte Presse und starteten eigene "Stadtzeitungen" als nicht zensierte Foren für "Gegenöffentlichkeit". Aus diesen zahlreichen Wurzeln sollte sogar eine neue Tageszeitung erblühen, die tageszeitung/taz, die seit dem 22. September 1978 erscheint , mit der die Idee einer von "Kapital" und Parteien unabhängigen Tageszeitung verwirklicht wurde.

Kinderläden, Jugendzentren, die Gleichberechtigung unterschiedlicher Lebensstile usw. sind heute ein unauffälliger Bestandteil unseres Lebensalltags, mussten damals allerdings noch Schritt für Schritt der Mehrheitsgesellschaft abgerungen werden. Denn die Reformtoleranz vieler Deutscher schwand recht schnell, als die Zeiten wirtschaftlich wieder härter wurden. Vor allem die "Ölkrise" des Jahres 1973 wirkte wie eine kalte Dusche. Die Erdöl exportierenden arabischen Länder hatten – als Druckmittel gegen die USA und andere westliche Staaten, die Israel in seinem Krieg gegen seine arabischen Nachbarn (Yom-Kippur-Krieg) unterstützten – den Ölpreis innerhalb kurzer Zeit um das Vierfache erhöht. Tankstellen blieben zum Teil geschlossen, die Bundesregierung verhängt ein vierwöchiges Sonntagsfahrverbot für PKWs. An diesen Tagen werden die Autobahnen zu Fahrradwegen und die Polizei registriert 200 Verkehrstote weniger als üblich. Doch die Bilder verwaister Autobahnen in der Tagesschau schockieren Deutschland. Die Wirtschaft gerät ins Wanken. Von 1973 bis 1975 verdoppelt sich die Zahl der Arbeitslosen jährlich – von 273000 (1973) auf 1,07 Millionen (1975). Kurzarbeit grassiert, über eine Million "Gastarbeiter" werden in ihre Heimatländer zurückgeschickt. Etats, die eigentlich für die Verwirklichung von Reformvorhaben gedacht waren, werden nun für die akute Krisenhilfe benötigt. Der Preis eines auf Wirtschaftswachstum reduzierten "Fortschritt"-Begriffs wird deutlich. Deutschland hat erneut fünf Prozent Arbeitslose. Darunter auch mehr als 280000 Jugendliche unter 25 Jahren. Noch steht die Mehrheit von ihnen der "Leistungsgesellschaft" positiv gegenüber. Doch die optimistische Grundstimmung ist verraucht.



Literatur

Bacia, Jürgen/Scherer, Klaus-Jürgen: Passt bloß auf! Was will die neue Jugend- bewegung? Berlin 1981.

Huber, Joseph: Wer soll das alles ändern? Die Alternativen der Alternativbewegung. Berlin 1980.

Siebert, Daniel: Die Entwicklung der Rockmusik-Kultur in Hanau von den 50er Jahren bis heute – Einblicke für die soziale Kulturarbeit. Diplomarbeit, Frankfurt am Main 2002.


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