Dossierbild zum Spezial Kino in Europa

3.4.2009 | Von:
Peter Bondanella

Das italienische Gegenwartskino

Ein Spagat zwischen Kunst und Kommerz

Der Niedergang Cinecittàs

Profilfoto des italienischen Filmregisseurs Federico Fellini bei Dreharbeiten zu seinem Film "Satyricon" vor den Ruinen des antiken Kolosseum in Rom.Der italienische Filmregisseur Federico Fellini bei Dreharbeiten zu seinem Film "Satyricon" vor den Ruinen des antiken Kolosseum in Rom. (© AP)
Es fällt schwer, das italienische Kino nach den siebziger Jahren als gesunden Wirtschaftszweig zu bezeichnen. Zwar gibt es immer wieder herausragende Persönlichkeiten und Filme, die bei Filmfestivals Preise gewinnen, doch die enorme Vitalität der des italienischen Kinos während der so genannten goldenen Zeiten Cinecittàs um 1954, vom internationalen Siegeszug von Fellinis "La Strada – Das Lied der Straße" bis zum weltweiten Erfolg von Werken wie Fellinis "Amarcord" (1973), Bertoluccis "Der letzte Tango in Paris" (1974) und Leones "Es war einmal in Amerika" (1984), war nie mehr zu spüren. Auch stieg die Zahl italienischer Filmproduktionen nie wieder auf einen Stand, der sich mit der Nachfrage nach Hollywoodfilmen messen konnte.

Zwischen 1985 und 1998 sank die Zahl der Kinos von rund 5000 auf 2600. Mitte der siebziger Jahre hatten in Italien produzierte Filme einen Marktanteil von 60 Prozent gestellt, im Jahr 1993 war der Anteil auf magere 13 Prozent gesunken: Während der neunziger Jahre liefen in Italien jährlich etwa 140 bis 180 Hollywoodfilme gegenüber rund 100 italienischen an, aber die amerikanischen Filme spielten fast 75 Prozent des Gesamterlöses ein.

Trotz der wirtschaftlichen Schwäche des italienischen Kinos brachten seine Regisseure noch immer Werke von guter Qualität in der Autorentradition jener Generation von Cineasten hervor, die während des Neorealismus groß geworden waren. Bertoluccis "Der letzte Kaiser" (1987) gewann neun Oskars für sein Porträt der Revolution in China und stellte damit einen neuen Rekord auf. Giuseppe Tornatores "Cinema Paradiso" (1989), Gabriele Salvatores "Mediterraneo" (1991) und "Ich habe keine Angst" (2003), die Filme "Liebes Tagebuch" (1994) und "Das Zimmer meines Sohnes" (2001) von Nanni Moretti, Roberto Benignis "Das Leben ist schön" (1999) und Marco Tullio Giordanas "Die besten Jahre", waren alle Kassenschlager und bei den Oscars oder den Filmfestspielen in Cannes erfolgreich.

Hoffnungsschimmer

Diese künstlerischen Erfolge unterstreichen, dass die Misere der italienischen Filmindustrie immer wirtschaftlicher, nicht aber künstlerischer Art war. Es gibt zu wenig Geld und zu wenige fähige und risikobereite Produzenten, die italienische Regisseuren bei der Umsetzung ihrer Projekte unterstützen. Außerdem ist das internationale Filmgeschäft heute stromlinienförmiger denn je und wird immer mehr von Riesenproduktionen aus Hollywood dominiert, die mit einer technologischen Überlegenheit protzen, die durch Zugang zu beinahe unbegrenztem Investorenkapital möglich ist und der die Italiener nichts entgegenzusetzen haben. Dennoch gibt es immer wieder Hoffnungsschimmer. Persönlichkeiten wie Marco Bellocchio, Marco Tullio Giordana und Gianni Amelio treten weiterhin mit Porträts der gesellschaftlichen Verhältnisse in Italien in Erscheinung, die sich mit ihren neorealistischen Vorläufern messen können. Einige erfolgreiche Komödienregisseure haben sich daran gemacht, die lange Tradition der commedia all'italiana weiterzuführen, die nach der neorealistischen Ära in Italien entstand. Herausragende Beispiele für Komödien aus jüngerer Zeit sind Silvio Soldinis "Brot und Tulpen" (2000) und Gabriele Muccinos Filme "Ein letzter Kuss (2001) und "Ricordati di me" (2003).

Gegen Ende des zwanzigsten und während des ersten Jahrzehnts des einundzwanzigsten Jahrhunderts gab es positive Anzeichen für eine Zunahme von Filmkooprationen zwischen Italien und anderen Ländern. Dem Regisseur Michael Radford gelang ein internationaler Hit mit Massimo Troisi, "Der Postmann" (1994), ein Film, an dem alles italienisch war außer dem Regisseur. Mit dem in der Türkei geborenen Ferzan Ozpetek hat Italien zumindest einen beachtenswerten ausländischen Regisseur angezogen, der mit "Die Ahnungslosen" (2001) und "Das Fenster gegenüber" (2003) eine levantinische Sicht auf die Sexualität und das gegenwärtige Italien bot, die bei der Kritik große Aufmerksamkeit erntete. Muccinos "Ein letzter Kuss" (2001) wurde von Tony Goldwyn unter dem Titel "Der letzte Kuss" (2006) höchst erfolgreich in Hollywood neu verfilmt, und Muccino selbst durfte dank seiner Verbindungen nach Amerika bei "Das Streben nach Glück" (2006) Regie führen, einem hoch budgetierten Film mit Will Smith, der in Italien beim David di Donatello-Wettbewerb – dem italienischen Äquivalent der Oscars – als bester ausländischer Film ausgezeichnet wurde. Ob der Import ausländischer Talente oder das Ausleihen von Italienern nach Hollywood der ökonomisch angeschlagenen, aber künstlerisch vitalen italienischen Filmindustrie zu neuer Kraft verhelfen wird oder nicht, ist eine Frage, auf die eine Antwort noch aussteht. Da es dem italienischen Kino im zwanzigsten Jahrhundert aber immer wieder gelungen ist, wie der mythische Phönix aus der Asche aufzusteigen, ist es gut möglich, dass dies auch im einundzwanzigsten Jahrhundert geschehen wird.


Literatur

Bertellini, Giorgio. ed. 24 Frames: A Guide to Italian Cinema. London: Wallflower Press, 2004.

Bondanella, Peter. The Cinema of Federico Fellini. Princeton: Princeton University Press, 1992.

Bondanella, Peter. Italian Cinema: From Neorealism to the Present. New York und London: Continuum International, 2001. 3., überarb. Ausg.

Brunetta, Gian Piero. Guida alla storia del cinema italiano 1905-2003. Turin: Einaudi, 2003.

Landy, Marcia. Italian Film: The National Tradition. New York and London: Cambridge University Press, 2000.

Marcus, Millicent. After Fellini: National Cinema in the Postmodern Age. Baltimore: Johns Hopkins University Press, 2002.

Sorlin, Pierre. Italian National Cinema 1896-1996. London: Routledge, 1996.

Wood, Mary P. Italian Cinema. Oxford: Berg, 2005.


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