Dossierbild zum Spezial Kino in Europa

2.2.2009 | Von:
John Hill

Das britische Gegenwartskino

Filmpolitik

Der britische Regisseur Mike Leigh (links) und Schauspielerin Sally Hawkins (rechts), während eins Fototermins zu ihrem Film "Happy-Go-Lucky" auf dem internationalen Film-Festival Berlinale stehend vor blauem Hintergrund.Der britische Regisseur Mike Leigh (links) und Schauspielerin Sally Hawkins (rechts), während eins Fototermins zu ihrem Film "Happy-Go-Lucky" auf dem internationalen Film-Festival Berlinale 2008. (© AP)
Einer der Gründe aus dem das Fernsehen eine so wichtige Rolle in der britischen Filmproduktion eingenommen hat, bestand darin, dass die britische Regierung in den bis weit in die 1990er Jahre hinein der Filmindustrie keine finanzielle Unterstützung bot. Die Konservativen unter Margaret Thatcher kamen 1979 an die Macht und strebten danach, alle Behinderungen des "Freien Handels" (auch wenn diese eindeutig zu einer Auswahlkonzentration auf dem Markt führten) zu beseitigen. Die Thatcher-Regierung schaffte die Quoten für britische Filme ab, beendete die Abgabe Eady Levy (mit der ein kleiner Prozentsatz der Kinoeinnahmen an die Produzenten zurück geführt worden war) und privatisierte die National Film Finance Corporation, die - wie British Screen – in den 1980er und frühen 1990er Jahren praktisch die einzige Quelle öffentlicher Finanzierung der Filmindustrie geblieben war. Sie hatte hervorragende britischen Filme unterstützt wie Neil Jordans "The Crying Game" (1992), Sally Potters "Orlando" (1992), Mike Leighs "Naked" (1993) und Ken Loachs "Land and Freedom" (1995).

Diese Situation änderte sich 1995, als die konservative Regierung von John Major als Reaktion auf zunehmende Kritik an der Vernachlässigung der Filmindustrie durch die Regierung einwilligte, Filmfonds einen Anteil der Einnahmen aus der kurz vorher gegründeten Nationalen Lotteriegesellschaft zukommen zu lassen. Die Fonds werden von den Arts Councils (Kunsträten) in England, Wales, Schottland und Nordirland verwaltet. Da diese Fonds auf der Bevölkerungszahl dieser Regionen basieren, erhielt der Arts Council of England die größten Beträge und unterstützte damit mindestens 95 Spielfilme. Obwohl einige von dieser Filme wie "Billy Elliot" und "An Ideal Husband" sich als kommerzielle Erfolge erwiesen, floppten andere an den Kinokassen. Dies führte zu Kritik von Seiten der Medien über Geldverschwendung, wenngleich die kulturellen Werte bei der Auswahl der Projekte eine größere Rolle gespielt haben als die Rentabilität.

Angesichts der schlechten Presse über lotteriefinanzierte Filme ist es nicht verwunderlich, dass der neue UK Film Council, die Zuteilung der Geldern veränderte, als er im Jahre 2000 die Verantwortlichkeit für die Lotteriefonds übernahm.

Der UK Film Council war als strategische Körperschaft sowohl für eine aufrecht zu erhaltende Filmindustrie im Vereinigten Königreich als auch zur Unterstützung der Filmkultur gegründet worden und lancierte zwei neue Produktionsfonds – den Premiere Production Fund und den New Cinema Fund – deren Zweck in der Unterstützung kommerziell machbarer und kulturell innovativer Filme bestand. Die hitzige Debatte um die Lotterie-Finanzierung ging damit etwas zurück, besonders als die Lotterie erfolgreiche Filme unterstützte wie "Gosford Park" (Robert Altman, 2001), "Kick it like Beckham" (Gurinder Chadha, 2002) und "Die Girls von St. Trinian" (Oliver Parker, 2007), "Bloody Sunday" (Paul Greengrass, 2001), "A Way of Life" (Amma Asante, 2004) und "London to Brighton" (Paul Andrew Williams, 2006).

Es bestehen separate Lotterie-Fonds für Filme in Schottland, Nordirland und Wales, die sehr wichtig für die Entwicklung der Produktionsaktivitäten außerhalb Londons sind, das traditionell das Hauptzentrum der Filmindustrie im Vereinigten Königreich ist. So haben in den letzten Jahren praktisch alle bedeutenden Filme aus diesen Ländern von der Lottorie profitiert: "Orphans" (Peter Mullan,1999) und "Young Adam" (David Mackenzie, 2002) in Schottland; "Divorcing Jack"(David Caffrey, 1998) und "Kings" (Tom Collins, 2007) in Nordirland; "House of America" (Marc Evans, 1996) sowie "Very Annie-Mary" (Sara Sugarman, 2000) in Wales. Einige dieser Filme hatten die gleichen Vertriebsprobleme wie ihre englischen Gegenstücke. Die öffentliche Besorgnis über das Prinzip, Lotteriefonds zur Unterstützung der Filmproduktion anzuwenden, war jedoch geringer. Dies liegt zweifellos an der wichtigen wirtschaftlichen Rolle, die diese Filme dabei gespielt haben, ins Inland gerichtete Investitionen anzulocken, die lokalen Infrastrukturen zu entwickeln und nationalen und lokalen Erlebnissen und Erfahrungen eine Stimme zu geben, die in "britischen" Filmen historisch immer gefehlt hatten.

Britische Kinos?

Die britische Regisseurin Gurinder Chadha jongliert mit Fußball für Fotografen während des traditionellen Fußballspiels zwischen Medien- und Kino-Teams bei den 55. Internationalen Filmfestspielen von Locarno, 2002. Chadhas Film "Kick it like Backham" (Orig.: "Bend it like Beckham") wird auf dem Festival gezeigt.Die britische Regisseurin Gurinder Chadha ("Kick it like Backham"). (© AP)
Es war unvermeidlich, dass diese Veränderungen sich auf die heutige Vorstellung des britischen Kinos auswirken. So wie es vorher eine integrierte britische Filmindustrie gab, so wird jetzt vorausgesetzt, das einst eine nationale Kinowelt existierte, die aus Filmen bestand, welche aus britischen Quellen finanziert wurden und britische Themen behandelten, die sich britische Kinogänger anschauten. Jedoch wenn dies jemals wirklich der Fall war, so entspricht es kaum den heutigen Realitäten. Die Filmfinanzierung ist zunehmend international geworden, und es wurde festgestellt, dass viele der kommerziell erfolgreichsten britischen Filme wie "The Full Monty", "Notting Hill", und "Bridget Jones' Diary" von US-Investitionen und US-Kinobesuchern abhängig waren. Auch kontinentaleuropäische Investitionen waren für viele andere britische Filme (wie die von Ken Loach, die einen großen Teil ihrer Finanzierungen aus Deutschland und Spanien erhielten) ausschlaggebend. Wenngleich die Anzahl der Kinobesucher im Vereinigten Königreich in den vergangenen Jahren zugenommen hat, so ist sie immer noch gering im Vergleich zu den 1940er Jahren und reicht gewiss nicht aus, um eine finanziell existenzfähige britische Filmindustrie aufrecht zu erhalten. Dies hat ausländische Einnahmen zur Fortsetzung britischer Filmproduktion unverzichtbar gemacht.

Infolge dieser Entwicklung hat sich das Verhältnis des Kinos zum Britischsein verändert. Das Paradigma des britischen Nationalen Kinos wird oft für die Zeit des Zweiten Weltkriegs vorbebracht, als Spielfilme wie "In Which We Serve" und "Millions Like Us" darstellten, wie die Gemeinschaft sich aufraffte, den Krieg zu gewinnen. So zugkräftig solche Filme auch gewesen sein mögen, privilegierten ihre Versionen der Nation das Englischsein (und dazu auch noch den Süden Englands) auf Kosten anderer nationaler (schottischer, walisischer und irischer) sowie regionaler Identifikationen innerhalb Großbritanniens. Obwohl solche Filme gesellschaftliche Unterschiede bestätigt haben, lag die Betonung auf den Elementen desnationalen Charakters, von denen man überzeugt war, dass sie die Gemeinschaft zusammenschweißen. Statt den Niedergang der nationalen Filmindustrie zu beklagen, weil sie keine vereinigte nationale Identität oder Kultur mehr widerspiegelt, wäre es besser, die Filme zu betrachten, die die Vielfalt der kulturellen Identitäten innerhalb Großbritanniens wiedergeben.

Es gibt nicht nur eine britische Kinowelt (wenn es sie überhaupt jemals gegeben hat), sondern verschiedene Arten britischen Kinos mit Hinblick auf verschiedene Kinogänger und die sich mit unterschiedlichen Aspekten des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens beschäftigen. Meistens sind es die auf den transatlantischen Markt geworfenen romantischen Komödien und Kostümdramen, die den größten Anklang und größten kommerziellen Erfolg finden. Dazu gehören: das europäische Kino britischer britischer Autoren wie Terence Davies, Mike Leigh und Ken Loach. Genrefilme für ein junges Publikum. Regionale Dramen aus verschiedenen Teilen Großbritanniens und Filme aus der asiatisch-britischen und afro-britischen Filmindustrie. Diese Filme bieten unterschiedliche und manchmal gegensätzliche Versionen des heutigen Britischseins. Während die alten Muster britischer Identität unter dem vereinten Druck von Globalisierung und Anpassung verschwinden, bleibt die Repräsentation von Identität ein wichtiges Zeichen kultureller Vitalität, die in Filmen aus Großbritannien und Nordirland häufig vorkommt.


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