Ein Kohlerevier in Deutschland

14.12.2020 | Von:
Stefan Stiletto

Elefanten

Regie: Mark Linfield und Vanessa Berlowitz
USA 2020
Dokumentarische Form, 89 Minuten


Eine Gruppe von Elefanten zieht mit Jungtieren entlang einer Wasserstelle.Irgendwo in der Kalahari zieht eine Elefantenherde gemeinsam mit ihren Jungtieren durch eine Wasserstelle. (© Disney)

Prächtige Bilder und ein atmosphärischer Soundtrack aus afrikanischer Chor- und Instrumentalmusik führen direkt hinein in das Okavangodelta in Botswana. Wir sehen in Zeitlupe grazil springende Antilopen, schweben mit der Drohnenkamera über Flussausläufer, betrachten die durch die Lichtstimmung magisch wirkende Welt aus der Luft. Über einen Voice-Over-Kommentar werden wir über die Region informiert, die sich einmal im Jahr mit Wasser füllt und die dürre Savanne in eine fruchtbare Landschaft verwandelt. "Alle hier heimischen Pflanzen und Tiere tanzen seit jeher zum Rhythmus dieses mächtigen jährlichen Kreislaufs", heißt es poetisch. Und dann taucht der Protagonist dieses Naturdokumentarfilms auf, eingeführt durch eine Nahaufnahme seines sich windenden Rüssels: der Kalahari-Elefant, für den "die Flutsaison Freude und Überfluss" bedeute.

Bereits in den ersten zwei Minuten von "Elefanten" ist alles enthalten, was die mittlerweile 15 Filme umfassende "Disneynature"-Reihe auszeichnet: ungemein eindrucksvolle Naturaufnahmen, eine faszinierende Atmosphäre, die das Publikum zum Staunen bringt – aber auch der Hang zur Vermenschlichung von Natur und Tierwelt, nicht selten in Verbindung mit humoristischen Elementen. Wie "Im Reich der Raubkatzen" (2011) oder "Schimpansen" (2013) ist auch "Elefanten" (2020) keine neutral beobachtende, nüchtern-erklärende Tierdokumentation, sondern ein Film, der aus seinem dokumentarischen Ausgangsmaterial etwas Neues macht: eine hochemotionale, mal spannende und mal herzerwärmende große Erzählung.

Road Movie und Coming-of-Age-Geschichte mit Elefanten

Geradezu als Road Movie kann man den dramaturgischen Aufbau des Films beschreiben, der einer kleinen Elefantenkuhherde auf ihrer langen, beschwerlichen Reise folgt. Die Filmeschaffenden folgen einer der mittlerweile selten gewordenen Elefantenherden, die sich nur zur Zeit der Flut im Okavangodelta aufhält und danach durch die Kalahari in Richtung der Victoriafälle weiterwandert. 1.500 Kilometer legen die Elefanten auf ihrer Rundreise zurück, die bis zu acht Monate dauern kann und sie letztlich wieder ins Delta zurückführt. Wie ein Spielfilm setzt die Handlung dabei an einem Wendepunkt für die tierischen Protagonisten/-innen ein. Wenn die Herde das austrocknende Flussdelta nicht rechtzeitig verlässt, riskiert sie den Tod. Das Motiv könnte nicht existenzieller sein: Es geht ums Überleben. Und der Voice-Over-Kommentar steigert dies sogar noch: "Die Wanderung ist immer herausfordernd. Aber in diesem Jahr wird sie das Leben der Herde völlig verändern."

Eine Bindung zum Publikum wird dabei erreicht, indem einzelne Tiere aus der Herde herausgegriffen werden, Namen und Rollen erhalten. Auf drei Generationen verteilt "Elefanten" seine Protagonisten/-innen: Die Leitkuh Gaia ist die alte, weise Anführerin, ihre jüngere Schwester und spätere Nachfolgerin Shani ist zugleich die Mutter des noch unerfahrenen jungen Bullen Jomo. Gleich in mehrfacher Sicht legt der Film damit auch den Grundstein für eine Geschichte mit Coming-of-Age-Motiven. Im Laufe der Handlung wird Shani die Verantwortung für die Herde übernehmen und Jomo entdeckt die Welt, meistert seine erste lange Reise und findet seinen Platz in der Gemeinschaft der Herde. Beides sind Anknüpfungspunkte an vergleichbare Entwicklungsaufgaben der jungen Zuschauer/-innen.

Genau wie wir?

Auch wenn die Disneynature-Filme diesbezüglich vergleichsweise zurückhaltend sind, erliegen sie doch immer wieder der Verlockung, die tierischen Hauptfiguren zu vermenschlichen. Durch die Bilder geschieht dies in "Elefanten" selten, durch die sprachlichen Zuschreibungen jedoch sehr oft. Menschliche Eigenschaften wie Selbstbewusstsein, Sehnsüchte und die Möglichkeit, das eigene Verhalten zu reflektieren, werden auf Gaia, Shani und Jomo übertragen. Ob Jomo schon weiß, dass er ein Elefant ist? Sehnt er sich nach Spielkameraden, wenn er Warzenschweine jagt? Selbstverständlich machen diese Formulierungen es dem Publikum leicht, sich mit den Tieren zu identifizieren. Gleichzeitig aber heben sie die Erzählung auch ins Märchenhafte und sehen in den Tieren Spiegelbilder menschlichen Verhaltens.

Eine Achterbahn der Stimmungen und Gefühle

Ein noch sehr junger und kleiner Elefant steht zwischen den Beinen seiner Eltern.Das Plakat zum Film "Elefanten". (© Disney)
Mit größtem Effekt inszeniert "Elefanten" dramatische Momente im Laufe der Reise und baut dadurch Spannung auf: Im Matsch droht ein junges Kalb zu ersticken und muss von der Leitkuh gerettet werden, später wird die Herde von Krokodilen oder Löwen angegriffen. Sowohl in diesen existenziellen Situationen, aber auch in stillen Momenten, wenn die Herde etwa das Skelett eines toten Elefanten findet, eine Herde anderer Elefanten ausgiebig begrüßt oder mit den Rüsseln den leblosen Körper der Leitkuh abtastet, gelingen dem Film im wieder beeindruckende Beobachtungen über das ausgeprägte Sozialverhalten der Elefanten, die auch ohne dramatisierende Musikuntermalung berühren würden.

In dieser Hinsicht aber steht "Elefanten" ganz in der Tradition klassischer Disney-Tierdokumentationen wie etwa der "True-Life Adventures" (deutscher Titel: "Entdeckungsreise im Reiche der Natur") "Die Wüste lebt" (1953) sowie "Wunder der Prärie" (1954). Stets orientiert sich die Musikuntermalung am Rhythmus der Bilder, wodurch bisweilen eine komödiantische Wirkung entsteht, oder färbt diese durch die Wahl der Instrumente und der Tonart emotional hochwirksam ein.

Vom Staunen zur Sensibilisierung für den Umweltschutz

Die Disneynature-Filme erreichen ihre Wirkung, weil sie im Stil des populären US-amerikanischen Kinos inszeniert, montiert und erzählt werden: Sie sind Unterhaltungsfilme auf hohem Niveau mit klaren Botschaften, zielen auf die Emotionen des Publikums und bringen es zum Staunen über die Natur. Auf diese Weise sensibilisieren sie für den Umweltschutz und werben für den Erhalt intakter Ökosysteme. Nichtsdestotrotz ist der manipulative Anteil der emotionalen Erzählung nicht zu unterschätzen. Ist es wirklich notwendig, Tiere zu vermenschlichen, um Respekt vor ihnen entstehen zu lassen? Und verklärt nicht gerade diese Vermenschlichung den Blick auf die Tiere und ihre Lebensweise?

Überaus spannend ist in dieser Hinsicht das Making-of "In den Fußstapfen von Elefanten" (ebenfalls auf Disney+ abrufbar), das die Laufzeit von "Elefanten" sogar noch übertrifft, die Filmschaffenden bei den Dreharbeiten begleitet und transparent macht, wie die Bilder entstanden sind. Das Bemerkenswerte: Die Elefanten werden hier keineswegs vermenschlicht, sondern als faszinierende Tiere gezeigt, die voller Ehrfurcht von den Filmschaffenden beobachtet werden. Und wir lernen: Anders montiert hätte das gedrehte Material auch eine ganz andere Erzählweise zugelassen.

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Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz "CC BY-NC-ND 3.0 DE - Namensnennung - Nicht-kommerziell - Keine Bearbeitung 3.0 Deutschland" veröffentlicht. Autor/-in: Stefan Stiletto für bpb.de

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