kulturelle Bildung

10.3.2011

Sechs Fragen an die Stadtbibliothek Nürnberg

Fast die Hälfte der Bibliotheksnutzer hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Die Bibliothek kann als Brücke zur Gesellschaft dienen, sie ermöglicht Zugänge zu Wissen über die Kulturen der Welt.

Alltag in der Nürnberger Stadtbibliothek. Quelle: Stadtbibliothek NürnbergAlltag in der Nürnberger Stadtbibliothek. (© Stadtbibliothek Nürnberg)

1. Ist Ihr Publikum multikulturell zusammengesetzt? Warum/Warum nicht?

Wir sehen in der täglichen Arbeit, dass Menschen mit eigener Migrationserfahrung oder mit sog. Migrationshintergrund gut und gerne 35 – 40 Prozent der Benutzerschaft ausmachen. Vor allem bei den Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen ist der Migrantenanteil hoch. Wenn Schulklassen oder Deutsch-als-Fremdsprache-Kurse eine unserer Bibliotheken besuchen, sind "automatisch" viele Kinder und Erwachsene mit nicht-deutschen Wurzeln dabei. Diese Menschen bleiben zum Teil der Bibliothek als Entleiher erhalten.

Angebote von Bibliotheken orientieren sich an den Bedürfnissen der Bevölkerung. Und die deutsche Bevölkerung ist multikulturell und multilingual. Wir wollen und können Bürgerinnen und Bürger anderer Familien- und Muttersprache nicht ausschließen. Und: Wer eine Sprache spricht, sollte sie auch pflegen können. Wir bieten muttersprachliche Medien in den großen Einwanderersprachen an. In Nürnberg sind das Russisch und Türkisch, aber auch Arabisch, Polnisch, Griechisch, Persisch, Rumänisch und die Sprachen des ehemaligen Jugoslawiens. Englische, französisch, italienisch und spanische Medien werden auch von vielen Deutschen genutzt. Das ist ein attraktives Angebot für alle, die ihre Erstsprache oder eine Schulsprache pflegen wollen. Neu im Angebot haben wir übrigens Chinesisch.

2. Was bedeutet interkulturelle Bildung für Sie, und wie versuchen Sie diese in Ihrer Institution umzusetzen?

Eine Bibliothek, die der kulturellen Vielfalt Rechnung trägt, macht deutlich, dass die Kulturen aller Mitglieder der Gesellschaft wahrgenommen und geachtet werden. Bibliotheken sind offen für alle. Sie bieten Raum für Begegnung und Austausch. Für persönliche Begegnungen von Menschen ebenso wie über das Medienangebot vermittelte Begegnungen. Wer einen aus dem Thailändischen übersetzten Krimi aus Bangkok liest, erfährt etwas über das Denken und Fühlen der Menschen dort. In einer Bibliothek kann man auch mal einen Thailänder kennenlernen – z.B. vor dem Buchregal, beim Austausch von Leseerfahrungen.

3. Wie sieht die Verbindung von kultureller und interkultureller Bildung bei Ihrem Projekt "Die Bibliothek in der Kiste - BIBKIT" aus? Welche Ziele verfolgen Sie damit?

Interkulturalität ist für uns eine Querschnittsaufgabe: Wenn wir ein neues Angebot konzipieren, denken wir "das Interkulturelle" immer mit. Die neuen "BIBKIT"s, Medienkisten für Kindertageseinrichtungen, sind konsequent mehrsprachig und multikulturell zusammengesetzt. Jede Kiste enthält einige fremd- oder mehrsprachige Titel und Bücher aus/über andere Länder oder Kulturen. Soweit vorhanden, legen wir unseren Bilderbuchkinos auch fremdsprachige Ausgaben des deutschen Titels bei. Die Botschaft ist: jeder ist Willkommen, wir sind für alle Kulturen offen... Bilderbuchkinos sind übrigens Bilderbücher, deren Abbildungen als Dia oder als digitale Abbildung reproduziert wurden. Man kann die Bilder vor größeren Gruppen zeigen und die Texte dazu vorlesen. Aus einem einfachen Bilderbuch wird so ein Gruppenerlebnis, das ruhig auch einmal zwei- oder mehrsprachig gestaltet werden kann.

4. Welche Chancen bietet aus Ihrer Sicht die Arbeit einer Bibliothek für die interkulturelle Bildung?

Kurz gesagt: Bibliotheken sind Brücken in die Gesellschaft und Brücken in die Welt. Bibliotheken spiegeln das Weltwissen und die Kulturen dieser Welt. Sie bieten einen niederschwelligen Zugang zu diesem Wissen und ermöglichen kulturelle Partizipation. Der Gedanke einer "deutschen Leitkultur" ist einer Bibliothek fremd, man stelle sich vor, es würden keine Übersetzungen aus anderen Sprachen und Kulturen mehr ins Regal gestellt!

5. Wo sehen Sie in Ihrer Institution im Hinblick auf die Ansprache eines kulturell heterogenen Publikums noch Verbesserungsbedarf?

Wir müssen uns mit den Communities der Einwanderer vor Ort noch besser vernetzen und wir müssen lernen, das bürgerschaftliche Engagement und das Wissen der Menschen in diesen Gemeinschaften nicht nur theoretisch, sondern auch im bibliothekarischen Alltag wertzuschätzen.

6. Was möchten Sie in diesem Zusammenhang anderen Kulturinstitutionen mit auf den Weg geben?

Schauen Sie über den Tellerrand!

Die Fragen beantwortete Susanne Schneehorst für die Stadtbibliothek im Bildungscampus Nürnberg. Sie ist Mitglied der Fachkommission Interkulturelle Bibliotheksarbeit des Deutschen Bibliotheksverbands.


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