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kulturelle Bildung

28.8.2019

Abschlusspanel: Jun. Prof. Dr. Ulaş Aktaş, Kunstakademie Düsseldorf, im Gespräch mit Dr. Sabine Dengel (Bundeszentrale für politische Bildung/bpb )

Im Gespräch mit Sabine Dengel (bpb) und den Teilnehmenden kommentierte Ulaş Aktaş, Professor für Pädagogik, die Tagungsbeiträge und analysierte sie aus einer migrationspädagogischen Perspektive.

Ulaş Aktaş erörterte das Tagungsthema abschließend aus migrationspädagogischer Perspektive.Ulaş Aktaş erörterte das Tagungsthema abschließend aus migrationspädagogischer Perspektive. (© Ast/Juergens)

Im Abschlusspanel analysierte Ulaş Aktaş, Jun. Professor für Pädagogik an der Kunstakademie in Düsseldorf, das Tagungsthema "Streiten lernen" aus einer migrationspädagogischen Perspektive. Zu Beginn seines Vortrags vertrat Aktaş die auf Pierre Bourdieu zurückgehende These, dass das moderne demokratische Bildungssystem bestehende Ungleichheiten reproduziere. Das deutsche Bildungssystem bilde da keine Ausnahme. Zu beobachten seien sowohl Kompetenzunterschiede zwischen Schüler/-innen mit und ohne Migrationshintergrund, die soziokulturell bedingt seien, als auch die Tatsache, dass Jugendliche mit Migrationserfahrung seltener ein Studium beginnen. So würden in Hamburg 21,9 Prozent der Schüler/-innen mit Migrationshintergrund Abitur machen, während es in Sachsen-Anhalt nur 1 Prozent sei. Aktaş‘ zufolge lasse das darauf schließen, dass ein struktureller Zusammenhang zwischen Migrationserfahrungen und sozialer Ungleichheit bestehe, der sich seit den 1970er Jahren beobachten ließe.

Problem der Reproduktion von kultureller Dominanz

In diesem Zusammenhang sprach Aktaş vom Problem der Reproduktion kultureller Dominanz, das er am Beispiel der Auseinandersetzung mit Gangsta-Rap rekonstruierte. Aktaş vertrat die These, dass durch die bürgerliche Kritik an sexistischen, rassistischen und diskrimi-nierenden Rap-Texten sich die kulturelle Mittelschichtsdominanz reproduziere.

Zwar sei es angemessen und notwendig, verletzende Rede in Rap-Texten zu kritisieren, allerdings versuchte Aktaş dafür zu sensibilisieren, aus welcher Position diese Kritik erfolge. Den Teilnehmenden entgegnete er:
"Spiegelt sich in dieser Kritik nicht eine gewisse Überheblichkeit?" Schließlich sei es ziemlich einfach als weißer akademischer Mitteleuropäer migrantische kulturelle Identitätspraktiken als rassistisch, sexistisch etc. zu verurteilen.

Kulturelle Muster des Scheiterns

Aktaş griff in diesem Zusammenhang Spielhaus‘ These auf, dass in liberalen Demokratien viele migrantische Gruppen bisher gar nicht oder zu wenig eingeladen waren, über kulturelle Praktiken und Identitäten mit zu streiten und dass man daraus ein kulturelles Muster des Scheiterns schlussfolgern könne. Dazu gehöre beispielsweise das Stereotyp des sexistischen aggressiven Schülers mit meist muslimischem Migrationshintergrund, das Aktaş im Folgenden analysierte.

Diese Jugendlichen seien nicht marginalisiert, weil sie aggressiv seien. Vielmehr müsse ihr undiszipliniertes Verhalten in der Schule als Reaktion auf die strukturelle Ungleichheit und Ausgrenzung in der Gesellschaft verstanden werden. Es gehe darum, dieses oppositionelle Verhalten aus einer migrationspädagogischen Perspektive zu untersuchen. In liberalen Gesellschaften gebe es immer einen beträchtlichen Anteil von Abwesenden – also von sozialen Gruppen, deren Stimmen nicht gehört werde. Der äußerst geringe Anteil von Schüler/-innen mit Migrationshintergrund an katholischen Grundschulen in NRW sei hier nur ein Beispiel. Angesichts dieser strukturellen Defizite stehe die Demokratiepädagogik Aktaş zufolge hier vor einer großen Herausforderung.

Pädagogische Verhältnisse sind Machtverhältnisse

Unter Bezugnahme auf Habermas‘ vieldiskutierte deliberative Demokratietheorie bekräftigte Aktaş, dass pädagogische Verhältnisse mehr bräuchten als nur Raum für freie Äußerungen, weil viele marginalisierte Jugendliche gar nicht über die angemessenen Worte verfügten, ihre Positionen klar vor Erwachsenen und Institutionen zu vertreten.

Wer sinnvoll Demokratiepädagogik betreiben wolle, müsse begreifen, dass pädagogische Verhältnisse Machtverhältnisse seien. Aktaş kritisierte, dass demokratische Institutionen wie die Schule eine Verselbständigung von ausgrenzenden Strukturen begünstigen. Solange Institutionen diesem Defizit nicht selbstkritisch begegnen, indem sie beispielsweise die Frage nach institutionellem Rassismus stellen, würden Schüler/-innen mit Migrationshintergrund ihr Scheitern nur vor dem Horizont des eigenen kulturellen Hintergrunds bewerten können. Damit einher gehe die Gefahr, dass die kulturellen Muster hinter diesem Scheitern aus dem pädagogischen Blick und damit aus der gesellschaftlichen Verantwortung gerieten.
Ulaş Aktaş und Sabine Dengel (bpb) erörterten im Abschlussgespräch konstruktive Handlungsoptionen zum gemeinsamen Streiten.Ulaş Aktaş und Sabine Dengel (bpb) erörterten im Abschlussgespräch konstruktive Handlungsoptionen zum gemeinsamen Streiten. (© Ast/Juergens)

Im Gespräch mit Sabine Dengel und den Teilnehmenden bekräftigte Aktaş deshalb, dass es im demokratischen, pädagogischen Streiten nicht darum gehe solle, neue Sprechverbote und Tabus zu installieren. Konstruktiver sei es, die Perspektive, aus der ich oder mein Gegenüber spricht, transparent zu machen. Dabei nahm er einen Gedanken Dörings auf, indem er zeigte, dass man in einer Diskussion über das demokratische Streiten auch die Frage nach zweiten und dritten Interessen stellen müsse, die teilweise unbewusst durch Emotionen evoziert werden.

Mit Blick auf die Sprecherpositionen im demokratischen Streiten forderte ein Teilnehmer zum Abschluss der Fachtagung eine intensive interkulturelle Sensibilisierung in den Schulen: Das Bewusstsein für Differenz und den demokratischen Umgang mit ihr müsse man schließlich gesellschaftlich trainieren, damit ein Streiten, zu dem alle eingeladen sind, nachhaltig gelinge.

von Niko Gäb


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