BUNDESTAGSWAHL 2021 Mehr erfahren
kulturelle Bildung

6.5.2003 | Von:
Oliver Scheytt

Kulturelle Bildung als Kraftfeld der Kulturpolitik

V. Standortbestimmung der Kulturpolitik und kulturelle Grundversorgung

Die schwierige Situation der öffentlichen Haushalte führt zu radikalen Sparvorgaben für die Kultur. Den Hintergrund bilden die grundsätzliche Problematik der Verteilung von Kapital in unserer Gesellschaft sowie die Verteilung der Finanzen zwischen den staatlichen Ebenen. Aus der Notwendigkeit zu sparen und dem Kampf um knappe Ressourcen ergeben sich für die Kulturpolitik vor allem zwei Fragen: Wo und wie wird gespart? Und: Wie positioniert sich die Kultur im Verteilungskampf? Dabei helfen Marktgesetze kaum, vielleicht aber die Erkenntnis: Ein nur an ökonomischen Zielen orientiertes Denken und Handeln führt in die geistige Leere. Angesichts knapper öffentlicher Kassen ist ein effektives Bewirtschaften der Ressourcen sicherlich anzustreben. Kultur muss aber ihren Eigen-Sinn und Eigenwert sowie ihre gesellschaftskritische Rolle jenseits ökonomischer Zweckrationalität behaupten. Gerade die ästhetische Erfahrung, die uns die Künste gewähren und die durch kulturelle Bildung vermittelt wird, hat zunächst keine ökonomischen Bezugsgrößen. Vielmehr geht es dabei um freie individuelle und subjektive Entfaltung.

Die staatlichen und kommunalen Institutionen ihrerseits sollten sich der Grundlagen ihres Handelns und damit der politisch verantworteten Definition ihres öffentlichen Auftrages bewusst bleiben. Dieser notwendige Schritt gerät angesichts finanzieller Engpässe und einer nicht immer hinreichend differenzierten Diskussion um Kommunitarismus, Sponsorship und Privatisierung bisweilen aus dem Blickfeld. Entscheidend ist aber das sorgfältige Nachdenken über die Auftragsgrößen, von denen ausgehend das kulturpolitische Handeln zu begründen ist. Speziell für die kommunale Ebene und die Aufgabenfelder Künste und kulturelle Bildung möchte ich als zentrale Leitlinien hervorheben:

  • die Sicherung künstlerischer Entfaltungsmöglichkeiten und eines präzise zu bestimmenden Bestandes kultureller Einrichtungen, Leistungen und Angebote; damit sind Institutionen als Gesamtheit umfasst, nicht nur Teile ihrer Arbeit;
  • die Entfaltung ästhetischer Wahrnehmung und die Förderung der kreativen Selbsttätigkeit möglichst vieler Individuen;
  • die Gewährleistung von Offenheit und Vielfalt in Kunst und kultureller Produktion, und das heißt auch: die Förderung von Innovativem, Irritierendem und Kreativem, das es schwer hat, sich durchzusetzen;
  • die Wahrung des offenen und möglichst chancengleichen Zugangs insbesondere zu den Einrichtungen der kulturellen Bildung.
Diese kulturellen Auftragsgrößen sind einzulösen durch die Diskussion und Festlegung von Zielprojektionen sowie, so schwierig das im Einzelnen sein mag, von Qualitätsstandards. Die Qualitätsmaßstäbe können von Kulturbereich zu Kulturbereich sehr unterschiedlich sein: Die Anforderungen an eine städtische Galerie etwa sind anders zu definieren als die an ein international ausgerichtetes Kunstmuseum. Ohne eine solche Diskussion der Ziele und Qualitätsstandards würde der Staat auch dem Artikel 5 Abs. 3 des Grundgesetzes nicht gerecht, der nicht nur als Abwehrrecht zu interpretieren ist, sondern aus dem sich auch die Verpflichtung für die öffentliche Hand ableitet, die Rahmenbedingungen der künstlerischen Entfaltung zu entwickeln und zu schützen.[18]

Wenn man die Schrittfolge "öffentlicher Auftrag/ Qualitätssicherung/Handlungsprogramm der Kulturarbeit" ernst nimmt, ist die kulturpolitische Diskussion damit auf ihre Kernfrage zurückgeführt: Wofür stehen Staat und Kommunen im Handlungsfeld Kultur? Und: Welche Konsequenzen hat das für die Ausgestaltung der Kultureinrichtungen und das Bereitstellen entsprechender Ressourcen durch die öffentliche Hand?

Kulturpolitik wird leer laufen, wenn ihre Ziele nicht reflektiert werden. Leitlinien für die Kulturarbeit sind erforderlich, sonst leidet die Orientierung. Solche Leitlinien umreißen nicht nur, welche der Aufgaben mit Priorität wahrzunehmen sind, sondern klären vor allem auch, welche Rolle die Akteure des Kunst- und Kulturlebens einnehmen können oder sollen. Eine solche Rollenklärung ist konstitutiv für jegliche Form der Kooperation und der Gestaltung von Einrichtungs- und Förderungsstrukturen. Diese Rollenklärung ist auch dringend erforderlich im Hinblick auf das Spannungsfeld zwischen Autonomie und Experimentierfreude der Kunst und Kultur einerseits und betrieblicher Realität und Zweckrationalität andererseits, zwischen nichtwirtschaftlichen und wirtschaftlichen Entscheidungskalkülen, die sich gegenseitig aushalten müssen. Konkret werden diese Fragen etwa bei der Festlegung von Führungsstrukturen der Kultureinrichtungen: Soll es eine "Doppelspitze" aus künstlerischem Leiter und kaufmännischem Geschäftsführer geben? Welche Aufgaben und Ziele, welche Interessenskonflikte und Rollenverständnisse sind bei der Ausgestaltung der Positionen und Kompetenzen zu beachten?

Fest steht: Kulturpolitik kommt ohne ethische, öffentlich konsensfähige Begründung nicht aus.[19] Und Kulturpolitik sollte ästhetische Erfahrungsmöglichkeiten eröffnen helfen. Kunst und Kultur haben die Chance, die wichtigen Fragen nach den Idealen, den Werten, der Wahrheit und der Wahrnehmung von Welt zu stellen und damit Orientierung zu geben.


Fußnoten

18.
Vgl. Friedhelm Hufen, Die Freiheit der Kunst in staatlichen Institutionen, Baden-Baden 1982, S. 97ff., 377ff.
19.
Vgl. D. Kramer (Anm. 5), S. 21ff.

Dossier

Film

Ungeachtet der Bedeutung neuer digitaler Entwicklungen spielt auch der Film als historisch gewachsene und nach wie vor sehr massenwirksame Kunstform eine zentrale Rolle für die Medienbildung. Die Frage nach dem Wie und Warum filmischer Darstellungformen ist dabei wesentlich für eine mündige Rezeption und sachkundige Einordnung der dargebotenen fiktionalen wie auch dokumentarischen Stoffe. Jeder Film spiegelt stets seine sozialen und kulturellen Kontexte wider. Daher ist es wichtig, das Medium nicht nur als mehr oder minder künstlerisch ambitioniertes Unterhaltsprodukt zu betrachten, sondern sich immer auch kritisch mit seinen offenen und verborgenen politisch-ideologischen Botschaften auseinanderzusetzen - und der Art und Weise, wie sie vermittelt werden.

Mehr lesen

Dossier

Autonome Kunst in der DDR

Kaum eine Kunstentwicklung - die offizielle wie die unabhängige Ausstellungskultur - ist so ausführlich und gründlich dokumentiert worden wie die der DDR. Das Dossier widmet sich einigen wichtigen Ausstellungsräumen, Projekten und Initiativen sowie den Vermittlern und Protagonisten.

Mehr lesen